Freitag, 30. Dezember 2016

Literatur- und Bücherblogs die ich WIRKLICH gut finde:

An Bloggern rund um Bücher und Literatur gib es bekanntlich keinen Mangel. Die meisten von ihnen betiteln sich allerdings als "Lesejunkies", "Buchsüchtig" oder Ähnlichem. Was meines Erachtens darauf hindeutet, dass eher Masse denn Klasse bevorzugt wird. Auf der Suche nach Bloggern, die entweder junge spannende Literatur präsentieren, oder Bücher besprechen die nicht nur der Unterhaltungsbelletristik zuzuordnen sind, wird es etwas schwieriger. 
Ich habe dennoch einige Blogs entdeckt die ich seit einiger Zeit verfolge und trotz meiner hohen Ansprüche uneingeschränkt weiterempfehlen möchte:


Buzzaldrins Bücher


Linus Giese hat es geschafft, inzwischen zu den einflussreichsten Buchbloggern zu gehören. Selbst mich hat er überzeugt, da er eine recht breite Auswahl interessanter Belletristik in seinem Blog bespricht und auch vor literarisch schwereren Brocken nicht zurückschreckt. Seine Leidenschaft für Literatur und Bücher ist ansteckend! http://buzzaldrins.de/

Sudelheft


Ronja von Rönne braucht man nicht mehr groß vorstellen. Auch abseits ihrer Kolumnen für die Welt, Glamour etc. ist weiterhin ihr Blog, mit dem sie einst erste Aufmerksamkeit erlangte, sehr lesenswert. Ronja von Rönne postet spärlich. Aber wenn sie etwas zu berichten hat, ist dies stets humorvoll und gleichzeitig geistreich.  http://sudelheft.blogspot.de/

Schreibader


Fabian Bader ist einer der hoffnungsvollen Jung-Autoren aus Süddeutschland. Auf seinem Blog findet sich teils Literatur, teils Kommentare und Kolumnen. Aktuell betreibt er das Projekt "Literatur statt Knoppers", in dem er täglich in Deutschland um Halb Zehn literarisches postet. https://fabianbader.de/

Das Bücherwurmloch


Mareike Fallwickl aus dem Salzburger Land inszeniert sich gern als das freche Mädel unter den Buchbloggern und irgendwie ist sie es auch. Ob man sie mag oder nicht, ihr Blog ist interessant. Sie präsentiert Belletristik abseits der Bestsellerlisten. Und wenn ihr eine Lektüre mehr Zeiträuber denn Lesevergnügen war, dann sagt sie das auch. Grandios zu lesen sind auch ihre Twitter-Kurzzeiler die sie als entnervte Mutter gerne abzusetzen pflegt...  http://www.buecherwurmloch.at/

Schreibbohéme


Eine Mischung aus den bisher genannten Blogs ist die Schreibbohéme. Einige jüngere Auforen haben sich zusammengetan, um über das Schreiben und Texte zu bloggen. Darunter einige hochtalentierte Jung-Autoren von denen man künftig sicher noch mehr hören bzw. lesen wird! Noch ist das Projekt in den Kinderschuhen, aber das bisher gebotene lässt Potential erahnen.  http://schreibboheme.blogspot.de/

Dienstag, 27. Dezember 2016

Unterwegs mit den Promis

Ronja von Rönne macht Drogenaufklärung und Lukas Wagner Scherze

Clueso im Republic in Salzburg und Lukas Wagner hat keine Karten. Wie bitte? Mr. Poetry Slam "Einfach Lukas" Wagner steht nicht auf der Gästeliste? "Habs verpennt", gibt der Salzburger Jungstar zu. Kein Problem, der Traunsteiner Altnichtstar hat ein Ticket übrig.
Es ist jede Menge los, eine endlos lange Schlange reicht aus dem Republic heraus. Vorsichtshalber mal hinten anstellen. Nach einer Weile erfahren wir, dass die überwiegend weiblichen Schlangensteherinnen die Wartetortur auf sich nehmen, um ihre Wintermäntel abzugeben. Haben wir zwar nicht nötig, aber was solls. Wir haben längst ein Bier in der Hand und warten mal. Als wir drankommen, strecken wir einem streng dreinblickenden Herrn unsere Mäntel entgegen. Wir wundern uns nur kurz, da offensichtlich die einzigen abgegebenen Kleidungsstücke Clueso-Fanshirts sind. Ach so, das ist der Merch-Stand. Wir machen einen superlustigen Scherz. Der Herr verzieht ein wenig die Augenbrauen. Er hat den Scherz bereits trölfzehn Mal gehört. 
Wir warten und erfahren, dass drinnen Sara Hartmann die Halle rockt. Und dass sie unglaublich lange Haare hat. "Sara B. Hartmann", murmelt Lukas Wagner. Ich starre ihn kurz entgeistert an. Dann kippe ich aus den Latschen vor Lachen. Witzig ist er also auch noch, der Lukas.
Als wir endlich an der Garderobe dran sind, werden wir gleich weg geschickt: Garderobe voll. 
Zusammen mit den wartenden Fans brüllen wir nach Clueso. Lukas nach "Cluedo!" "Du weißt schon, das..." "Jaja, ich hab doch gelacht!"
Clueso, der mit bürgerlichem Namen Thomas Clueso heißt, ist nicht weniger witzig. Er parodiert Udo Lindenberg und spielt heute Wunschkonzert. Wer am lautesten schreit, darf sich das nächste Lied wünschen. Lukas ist zwar laut, aber längst bei seinen Kumpels vom Rockhouse, den nächsten Slam aushecken. Clueso steht nach gefühlten dreißig Zugaben immer noch auf der Bühne und jammt mit Tim Neuhaus. Als wir irgendwann gehen, es sieht nicht so aus, als ob Clueso jemals die Bühne räumen wird, steht die restliche Band schon grinsend an der Bar. 
Doch das war gar nicht das Interessanteste, was mir in dieser Woche passiert ist: 
Ronja von Rönne liest in der Wirtschaftsschule Kalscheuer in Traunstein. Besser gesagt, sie plaudert über das Schreiben, über ihre alte Schule, recherchiert über die TV-Gewohnheiten der Schüler und nutzt die Lesung gleich für praktischen Drogenaufklärungsunterricht. "...ich war damals zu jung für LSD" referiert sie. Herr Kalscheuer, Gastgeber der Veranstaltung, hebt zaghaft die Hand: "Entschuldigen Sie, Frau von Rönne - was meinen Sie mit zu jung?" Und irgendwie kriegt die Jung-Autorin vor den mit offenen Mund staunenden Lehrern noch die Kurve, klärt die Schüler über die negativen Wirkungen halluzinogener Drogen auf und beantwortet auch die Frage, ob sie ein Junkie sei mit dem Hinweis: "Dann wäre ich jetzt am Hauptbahnhof in Berlin und nicht hier vor einer Schulklasse."
Erstaunt ist sie darüber, dass sie unter den Schülern der vier Schulklassen gerademal eine Handvoll Leser von Büchern ausmacht. Während so gut wie alle Serien schauen: Scrubs, Game of Thrones. "Und welche Bücher lest ihr dann?" "Die Bücher zu Game of Thrones!"
Sie versucht auch noch das Geheimnis der megaerfolgreichen Youtube-Stars zu knacken. Doch auch hier gibt zwar jeder zu, dass er die Youtuber schaut, gleichzeitig beteuert jeder, deren Programm Scheiße zu finden. Außer die Lochis natürlich. 
Was wir ebenfalls noch erfahren ist die nette Anekdote, wie Ronja von Rönne von ihrer alten Schule, die sie erst zur Lesung eingeladen und schließlich rasch wieder ausgeladen hatte. Das Deutschlehrer-Kolloquium war mit den literarischen Qualitäten seiner ehemaligen Schülerin nicht einverstanden. So war die Einladung der Kalscheuer-Schule ihr erster offizieller Auftritt vor einer Schule. 
Und auch wenn es augenscheinlich wurde, dass immer weniger Schüler noch lesen, kann sie, wenn es als Autorin mal nicht mehr so laufen sollte, immer noch als Drogenberaterin vor den Schülern referieren.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Der große Jahresrückblick: Das war 2016 in den Lesenszeichen

Begegnung mit dem
Hochrisiko-Autor
Natürlich war das Jahr 2016 das beschissenste Jahr aller Zeiten, da herrscht Konsens. Weggestorbene Musik-Idole, Brexit, Trump und dann auch noch die Lombardis - frage nicht nach Sonnenschein! 
Auch mein persönliches 2016 war, vor allem in der ersten Hälfte, unterirdisch. Und dennoch, verkürze ich 2016 nur auf meine Arbeit als Autor, war es eines der besten. Ach was, es war DAS beste Jahr!
Während ich den Winter mit der Überarbeitung der "Sterne" verbrachte, begann der Frühling gleich mit einem Kracher. Auf der Buchmesse in Leipzig sah ich Juli Zeh und Bov Bjerg, ratschte mit Thomas Glavinic und Abbas Khider und durfte Ronja von Rönne kennenlernen. Von den Verlagen biss keiner an. Auch nicht der Aufbauverlag. Schönen Gruß an dieser Stelle an Tom Müller. 
Also machte ich es selber.  "Sterne sieht man nur bei Nacht" erschien im Mai. 
Die Kleinstadtrebellen an der Kalscheuer-Schule
Davor machten aber völlig überraschend die Kleinstadtrebellen nochmal Radau: Als offizielle Schullektüre in der Fachschule für Hotel und Tourismus der Kalscheuer-Schule in Traunstein musste sich eine gesamte bemitleidenswerte Klasse mit dem Träumerle Peter Schäfer und seinen wilden Rebellen auseinandersetzen. Die Klasse lud mich sogar in die Schule ein, wo wir lange darüber diskutierten, ob Elfriede das Huhn wirklich ihren Tod auf der Reeperbahn fand. 
Die Sterne im LadenBergen
Die offizielle Buchpräsentation von "Sterne sieht man nur bei Nacht" fand im LadenBergen statt. Mehrere Zeitungen und das Magazin "Hallo Nachbar" berichteten über das Buch
Dazwischen waren meine Familie und ich wieder mit Arwed und den Wildschweinen in Barliano wo gemeinsam geschrieben und diskutiert wurde. 
Ronja von Rönnes Gartenlesung
Als nächstes Highlight lud Familie von Rönne zur Gartenlesung ihrer Tochter nach Grassau ein. Bei Lagerfeuer und Wein gab es "Wir kommen" und einige Auszüge aus dem Sudelheft in familiärer Atmosphäre. Ganz klar meine Lieblingslesung 2016!
Im Juni war ich auch während der Chiemgauer Kulturtage engagiert wie nie: Ich durfte beim 1. Chiemgauer Literaturfestival mitlesen. Und wenige Tage später war ich mit Bürgermeister Kegel, Silke Aichhorn, Andi Auer und Helmut Mühlbacher einer der Diskutanten über die Kulturszene Traunstein. 
Nach Lesungen im Kunstatelier und in der Arbeitsagentur folgte die wunderbare Schreibwerkstatt auf der Rabenmoosalm. Trotz der vielen Highlights drei der schönsten Tage. 
Literaturfestival mit Anna-Sophie Schneider
Danach wurde es wieder ruhig, da ich aus familiären Gründen einige Ämter und Verpflichtungen beenden musste. Erst im Herbst ging es wieder Schlag auf Schlag: Die große "Lesung Dahoam" in Kirchanschöring. Volles Haus und eine Laudatio von Bürgermeister. Was will man mehr? Auch der Kindergarten Lauter machte kräftig Werbung für mein Buch und organisierte eine superlustige Lesung, auf der natürlich auch das Elterntagebuch nicht zu kurz kam. 
Parallel wurde der Samen zu einem kleinen Pflänzlein gesät, das vielleicht im kommenden Jahr aufgehen könnte: Die Gründung der Schreibbohéme. Ein Blog einiger interessanter Jung-Autoren, die mit
Die Lesung in der Bücherei Kirchanschöring
mir die Begeisterung für Literatur teilen. 
Das beste kommt zum Schluss: Seit Jahren träumte ich davon, einmal für das wunderbare Muh-Magazin schreiben zu dürfen. In der Winterausgabe 2016 war es soweit: Unter einem Artikel über den LadenBergen stand mein Name. 
Da aber 2016 ein hinterfotziges Jahr ist - und noch immer nicht vorbei - halte ich mich mit einem Fazit zurück. Vielleicht entdecken die Lovelybooks-Rezensenten noch die Sterne und 2016 wäre dann auch literarisch ein Disaster. Hoffen wir das beste!
Und zum Schluss noch ein Bild der witzigsten Lesung
im Kindergarten Lauter

Wie eine Stadt ein weiteres Stück Idylle auffrisst


Der Wohnungsdruck in Traunstein ist groß. Niemanden überrascht es, dass nun auch jene unbebauten Flecken des ausfransenden Stadtrandes nach und nach zu Baugrund erklärt werden.

Nun hat es meinen aktuellen absoluten Lieblings-Inspirations-Ort in Traunsteins Westen erwischt.

Der Umzug vom idyllischen Ettendorf in den westlichen Stadtrand Traunsteins hatte mich die Nähe zu gleich mehreren inspirierenden Orten gekostet: Ettendorfer Kircherl, Weinleite, Kriegsgräberfriedhof - alles in fünf Minuten zu erreichen. Selber schuld, warum zieht man auch weg aus Ettendorf... Aber ich fand ein Trostpflasterl: Die Pferdekoppel und die grünen Hügel des Stadtrandes wurden vor allem Abends zu einem neuen Lieblingsplatz in Traunstein. Eine Oase zwischen Traunsdorf und dem Stadtgebiet. Grasende Kühe, Pferde, schließlich die Rehe und die berühmten Schweinchen vom Traunsdorfer Bauern. Zudem einer der schönsten Spaziergänge. 

Seit heute ist bekannt, dass dieser schöne Flecken Stadtrand-Idylle bebaut wird. Es war erwartbar. Aber dennoch blutet das Herz wenn man bedenkt, dass dieses Postkarten-Idyll bald nur noch eine Erinnerung unserer Kinder sein wird. 
Neue Kinder werden hier bald in einer Siedlung aufwachsen und andere Häuser sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen. Immerhin soll die nicht ungefährliche Traunsdorfer Straße umgeleitet werden. 
Und man kann nur hoffen, dass wenigstens ein Spielplatz im Neubaugebiet mit eingeplant wird. Denn ein Spielplatz fehlt zwischen Chiemseestraße und Krankenhaus an allen Ecken und Enden. 
Bevor die Bagger kommen, hier zur Erinnerung noch einige nostalgische Bilder:








Donnerstag, 10. November 2016

Die Herrschaft des Pöbels in der postfaktischen Zeit

Foto: Gage Skidmore / Wikipedia
Donald Trump ist neuer US-Präsident. Was vor Jahren noch wie ein gelungener Witz klang, ist inzwischen Realität geworden. Ähnlich wie beim Brexit, bei dem selbst die Befürworter nicht wirklich daran glaubten, dass sie gewinnen könnten, hat erneut die Mehrheit demokratischer Wähler eine objektiv unvernünftige Entscheidung getroffen. 
Demokratie ist nichts anderes als die Herrschaft des Volkes. Wie durch ein Wunder hat sie im letzten Jahrhundert sehr gut funktioniert. Was aber geschieht, wenn die Mehrheit der Wähler keine Demokratie will?
Zwei gefährliche Trends zeichnen sich für die kommenden Jahre ab: Ein immer größer werdender Teil der Wähler lehnt Politik, Politiker und das System ab. Und: Dieser Teil der Bevölkerung hat kein Vertrauen mehr in die Presse, in die Institutionen, in die Informationen die in den Haupt-Medien verbreitet werden. Sie glauben dem, was sie im Internet, in den Sozialen Medien in denen sie verkehren, lesen. Es gibt bereits einen Begriff dafür: Die "postfaktische" Zeit. Auch Trump und die Brexit-Befürworter haben dies für sich genutzt. Trump brüstete sich damit, dass ihm seine Wähler auch offenkundige Lügen glauben würden. Zum Brexit kursierten Zahlen und Daten die nichts mit den Tatsachen zu tun hatten, aber die Argumente der Brexit-Befürworter zementierten. 
Wie kann derartiges geschehen? Eine Erklärung könnte sein, dass man im Internet zum Großteil mit Ansichten konfrontiert wird, die den eigenen ähneln: "Das könnte Sie interessieren:..." Als Konsequenz wird das eigene Weltbild - so sehr es auch Fakten widerspricht - wieder und wieder bestätigt. So kann es einem durchaus so vorkommen, dass Sachsen von kriminellen und islamistischen Flüchtlingen überrannt wird, Merkel an allem schuld ist und jeder so denkt - nur in der offiziellen Presse ist davon nichts zu lesen. Die sogenannten "Bots" - maschinengesteuerte Meinungsmacher, die Diskussionen in Sozialen Netzwerken in bestimmte Richtungen lenken, leisten dazu ebenfalls ihren Anteil.
Natürlich hat niemand in Deutschland das Recht, mit den Fingern auf die Amerikaner und die Briten zu zeigen und diese als das jeweils dümmste Volk des Jahres zu bezeichnen. In Deutschland wird erst 2017 gewählt und nichts spricht momentan dafür, dass die Deutschen recht viel intelligenter wählen werden.
Vieles erinnert an die 20er, 30er Jahre. Zu meiner Schulzeit in den 90er Jahren erschien es nicht nachvollziehbar, wie ein offensichtlich irrer Kasperl wie Hitler Wahlen gewinnen konnte. Obwohl wir heute, 20 Jahre später in einem Zeitalter der totalen Information leben, feiert eine Partei mit ähnlich abstrusen Führerfiguren Wahlerfolg um Wahlerfolg. Die NSDAP hatte übrigens nie eine Mehrheit erreicht. Auch heute würden 30 Prozent der Stimmen bereits reichen, um eine Kanzlerin Storch zu stellen. Noch sind wir noch weit weg davon. Aber das dachte man vor 90 Jahren auch über die NSDAP.
Einzig die stabile Wirtschaftslage hat bisher noch schlimmeres verhindert. Denn unterm Strich geht es auch den Armen in diesem Land verhältnismäßig gut. Es ist eine gefühlte Armut. Ein abgehängt-werden von den Reichen. Ein Schmelzen der Mittelschicht, das auf der ganzen Welt einen Rechtsruck ausgelöst hat. 
Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr Fragen tun sich auf. Einfache Lösungen gibt es nicht mehr. Wichtig erscheint mir dennoch, die Fakten wieder herzustellen, indem man mit den Menschen redet, redet, redet. Ansonsten schlittern wir tatsächlich in ein Zeitalter der Olchokratie - der Herrschaft des Pöbels, wenn sich die Bevölkerung nicht mehr kritisch mit Fakten auseinandersetzen will und nur noch glaubt, was ihr in den Kram passt.

Donnerstag, 3. November 2016

Zeitreise in die Bücherei meiner Kindheit

Oder: Kirchanschöring hat wieder eine Literatin!


Gut besucht war die Bücherausstellung im Pfarrsaal
(in den Achtziger Jahren)
Ein Ausflug in meine Kindheit. Der Pfarrsaal, in dem schon meine Mama vor 30 Jahren die Bücherausstellung der Bücherei Kirchanschöring veranstaltet hat. Natürlich nicht mehr derselbe. Er wurde vor vielen Jahren abgerissen. Und an gleicher Stelle neu aufgebaut. Aber manche der katholischen Wandverzierungen (siehe Bild rechts) sind dieselben wie damals. Es riecht auch wie damals nach Kaffee und Kuchen. Und die Bücher bieten über Spiegel-Bestseller bis zu Franz Josef Strauß-Memoiren dieselbe Bandbreite wie 1986. Die Kinder tollen zwischen den Büchertischen herum. Eines sieht fast so aus wie ich als Kind. Gleich müssen sie leise sein, weil die Erwachsenen irgendeinem Schriftsteller zuhören wollen. Nämlich mir! 
Luise Rinser, Walburga Gierlinger und jetzt also ich. Das sind die Literaten die in Anschöring leben oder lebten und ins Dorf geladen wurden, um aus ihrem Werk zu lesen. 
Im Hintergrund: Die Reste vom Eine-Welt-Laden
Ich habe eine lustig-freche, über die Maßen ironische Ansprache vorbereitet, um dieser Ehre gerecht zu werden. Außerdem rechne ich eh nicht, dass außer meiner Schwester noch jemand kommt. Aber es kommen sehr, sehr viele Leute. Und scheinbar tatsächlich wegen mir - und nicht wegen der hervorragenden Kuchen. Die Lässigkeit schwindet von Minute zu Minute und ich muss mir eingestehen, dass ich immer aufgeregter werde. Als die Lesung beginnt, hält auch noch der Bürgermeister eine Rede und lobt meine Geschichten. Ich höre erstaunt zu. Wenn einem sowas nicht den Stecker zieht, was dann?
Ich scherze trotzdem, dass ich meinen ersten Roman ja mit 17 geschrieben hätte und es ganze 20 Jahre dauerte, bis ich endlich mal in die Bücherei eingeladen wurde. Das lag sicher an der Büchereileiterin damals. Achso, das war ja meine Mutter. 
Erstaunt bin ich, als ich im Publikum Frau Scharbert entdecke. Meine Lehrerin in der ersten Klasse. Die Frau, die mir das Schreiben beigebracht hat. Sie ist nun 78, fast blind, kauft mir trotzdem mein Buch ab. Sie war die netteste Lehrerin die man sich nur vorstellen konnte. Und sie weiß noch genau, wo ich gesessen war. Hinten links. Neben Hubert Brudl. "Halb Mensch, halb Nudel", schießt es mir durch den Kopf und beiße mir auf die Lippen. "Herbert", korrigiere ich sie. Sie fragt mich, ob ich immer noch alle Namen der Dinosaurier weiß. Also war ich damals schon ein Nerd. Das erklärt manches.

Nächstes Mal lese ich wohl die "Kleinstadtrebellen"
Ich lese zwei Kapitel aus „Sterne sieht man nur bei Nacht“ und ein erstes Mal begreife ich, was ich Menschen, die meine Mama kannten, mit dem Buch eigentlich zumute. Wieder blicke ich nach einem emotionalen Kapitel in aufgerissene, feuchte Augen. Aber ich bin diesmal vorbereitet und beende die Lesung mit einem der lustigsten Einträge aus dem Elterntagebuch: Der Geschichte mit Wacken und dem Flüsterfuchs. Sofort springen meine Kinder daher und hüpfen auf meinen Schoss. Das Publikum lacht herzlich und später sagt jemand, dass meine Mama wohl sehr stolz auf mich gewesen wäre. Aber was hätte ich wohl vorgelesen, wenn sie nicht gestorben wäre?
Aus dem Publikum werde ich gefragt, ob ich nicht Geschichten erfinden könnte. Doch, kann ich! Behaupte ich. Aber lange fällt mir keine ein. Denn selbst der Finstermann war ja irgendwie Tatsache. Schließlich fällt mir noch der Rosenheim- Krimi mit der explodierten Prostituierten ein. Alle starren mich an, als glaubten sie mir nicht, dass die Geschichte ebenfalls erfunden ist. Vielleicht hätte ich ja vor zehn Jahren diese Geschichte vorgelesen. Und darauf wäre Mama mit Sicherheit nicht stolz gewesen. 
Zuletzt bekomme ich noch einen Korb von der Büchereileiterin. Einen voller Gemüse vom Bio-Michi. Meine Kinder jubeln. 
Zwei Tage später begegne ich am Friedhof der Gierlinger Burgi. "Kirchanschöring hat wieder eine Literatin", murmle ich. Das war damals die Schlagzeile nach ihrer gefeierten Lesung. Vielleicht habe ich mich deshalb mit dem Roman so ins Zeug gelegt, um sie als Anschöringer Literatin abzulösen. Aber noch ist es nicht so weit. "Ich habe noch den ganzen Rechner voller Geschichten!" flüstert die Literatin und zwinkert mir kämpferisch zu. 

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Verdammt, ist die Literaturszene alt!

Letztens "Immer Drama um Tamara" gesehen:
In dem Film wird eine Gruppe Autoren, die auf einem englischen Anwesen schreibt, ebenso herrlich persifliert wie deren Leser, die sie auf Lesungen begleiten. Was allen gemeinsam ist: Sie sind alt. Sie sind verspult. Sie haben keine Sozialkompetenz. Ich habe mich weggeschmissen vor Lachen.
Zum einen, weil ich die Schreibszene und deren Werkstätten ebenso kennengelernt habe. Und vor allem deren Teilnehmer. 
Müssen Autoren eigentlich alt und schrullig sein? Bin ich etwa auch so?
In den über zehn Jahren in denen ich als Autor auf der Suche nach Kollegen war, habe ich ganze vier kennengelernt die gut und gleichzeitig jünger waren als ich: Ronja von Rönne, Fabian Bader, Matthias Tonon und Ralf Enzensberger. Dem einen oder anderen aus der Liste kann man nicht einmal das Attribut "cool" absprechen. 
Der Optimist zuckt die Schultern und sagt: "Immerhin." Trotzdem denke ich mir, das kann doch nicht sein. No offence, lieber Arwed, lieber Norbert, liebe Ursula. Ich verehre Eure Schreibkunst sehr. Aber die "junge, wilde Literatur" habe ich auch in euren Kursen nicht gefunden.
Denn auch dort war der Großteil der "Nachwuchsschreiber" die ich kennenlernen durfte, 60+. Was macht denn die Jugend? Gründen die lieber Musikbands, werden Youtuber oder hängen die nur noch auf Poetry Slams ab? Gibt es denn keine jungen Literaten mehr? Und nein, Herr Glavinic, 45 ist nicht mehr jung. 
Gibt es denn noch Internetnetzwerke wie früher die "Höflichen Paparazzi?" Kann man sowas auch auf dem Land starten?
Also liebe Münchner und bayerische Provinzliteraten: Meldet Euch! Wo seid ihr? Ich glaube ganz fest an Eure Existenz! 
Und bevor ihr beide jetzt mahnend den Finger hebt: Ja, liebe Meike, lieber Michi. Ich habe euch nicht vergessen und ich bin ja froh, dass ich Euch hab : )

Sonntag, 2. Oktober 2016

Arwed und Kultur - Eine Literaturutopie

Am Abend in Empfing Fußball gespielt. Arwed, Fabian, Matthias und Ralf dabei. Tolles Kopfballtor, Blutgrätschen von Ralf. Fuchs steht aber schnell wieder auf. Kennengelernt haben wir uns alle über das Schreiben. Aber gemeinsam Fußball spielen: Auch schön! 
Anschließend, wie immer, in die Festung. Norbert und Ronja sind auch da. Norbert diskutiert jeden in der Festung an die Wand. Ronja grinst und raucht. Sie gehört zu denjenigen bei denen es mich am meisten wundert, dass sie immer wieder hier ist. Ich meine, Matthias ist Arzt in Ulm, Fabian studiert in Regensburg, Arwed lehrt in München, wie man einen Roman schreibt. Aber sie hat es doch eigentlich ganz schön in Berlin, möchte man meinen. Und Norbert ist hier sowieso zu Hause. Trinkt sein Bier, überrollt die Ahnungslosen mit seinen Literaturtheorien. Gemeinsam haben Matthias und Fabian übrigens, dass sie den Puls Schreibwettbewerb gewonnen haben. Norbert den Bachmann, Ronja hat immerhin mal mitgemacht. 
Gegenüber am Tisch sitzen die Truchtlachinger Musiker. Tobi von Mundwerk, Stefan Dettl und ein Typ der aussieht als habe er mal bei Franz Ferdinand gespielt. Man sieht ihnen an, dass sie über unsere seltsame Runde grinsen und nur Augen für Ronja haben. Sicher wollen sie, dass sie in ihrem nächsten Musikvideo mitspielt. Aber das macht sie nicht. Nein, sowas macht Ronja nicht. Dann kann sie ja gleich zum Fernsehen gehen. Fabian faselt was von Wittgenstein oder Kierkegaard oder so und Arwed und Norbert springen gleich drauf an. Ralf und Matthias zucken die Achseln. Beide schreiben seit Monaten nicht mehr, weil sie so viel um die Ohren haben. Unfassbar. Die einen schreiben, weil sie nicht anders können. Die anderen, die es wirklich können, schreiben nicht, weil sie keine Zeit mehr haben. 
Wir schmieden Pläne, eine bayerische Zentrale Intelligenz Agentur zu gründen, im Tüttensee baden zu gehen und den Leuten von den Chiemgau Autoren einen Streich zu spielen. Ralf möchte auch den Leuten vom Nuts einen Streich spielen, aber alle sind dagegen.
Nachts laufen wir angetrunken durch die Stadt und malen dem Papst einen Schnurrbart. Dann planen wir, das Viadukt zu sprengen, aber das hat Thomas Bernhard schon nicht geschafft. Wir laufen dennoch nach Ettendorf hoch und beschimpfen, auf der Bank unter den Sternen sitzend, den Abschaum, der unterhalb Ettendorfs wohnt. Es ist die schönste Nacht des Jahres und jeder schwört, er wird sie in sein aktuelles Romanprojekt einbauen. 
Über die Weinleite wieder zurück in die Stadt. Nur die Villa hat noch offen. An der Bar diskutiert Norbert lange mit Foti über Proust. Ronja tanzt ironisch, Fabian trinkt Gin. 
Arwed verwandelt sich irgendwann in ein Wildschwein oder einen Frosch und springt quakend durch den Park vor der Villa. Matthias ist mit einer Frau abgehauen, aber das ist inzwischen auch schon egal.
Die Entscheidung, nach Traunstein zu gehen, war die richtige. Weder in Berlin, noch in Wien hätte ich mich als Autor besser entfalten können. Ich habe alles richtig gemacht. Die letzten Jahre waren die schönsten. Ich wache auf.

Mittwoch, 28. September 2016

Ein Roman in dem viel Kirchanschöring steckt

Warum ich "Sterne sieht man nur bei Nacht" meiner Mutter und Daniel Roider gewidmet habe


Ein Beitrag aus der Kirchanschöringer Gemeindezeitung


Zehn Jahre ist es her, seit meine Mama, Lilli Straßer, nach ihrer Krebserkrankung gestorben ist. Sie
Die Bücherei Kirchanschöring in den 80er Jahren als ich quasi hier
aufgewachsen bin
war meine gesamte Kindheit über die Leiterin der Bücherei in Kirchanschöring. Und ob ein Zusammenhang darin besteht, seine Kindheit in einer Bücherei zu verbringen und später Schriftsteller werden zu wollen, liegt irgendwie auf der Hand.
Das Jahr, in dem sie den Kampf mit dem Krebs aufnahm und sie sich später, genau wie die Familie, mit dem Sterben auseinandersetzen musste, war gleichzeitig eines der schönsten und lebenswertesten in meinem Leben. Wie passte denn das zusammen?
Dieses Paradoxon hatte mich lange beschäftigt. Und als die Zeit reif war, habe ich begonnen, das Grundgerüst einer literarischen Geschichte aufzuschreiben, die sich grob an den damaligen Ereignissen orientierte und sich mit der Frage auseinandersetzte:
Besteht ein Zusammenhang zwischen Tod, Leben, Liebe, Verdrängung und Lebenslust?
Was ist nach sechs Jahren Arbeit daraus geworden? Ein Buch über Hans, einen jungen Mann Mitte Zwanzig, der sich ins Leben stürzt, um das mögliche Sterben seiner Mutter zu verdrängen. Er wird sich verlieben und zwischen zwei Frauen entscheiden müssen, wird nach Paris reisen, die Stadt der Liebe in der seit jeher das Leben als Fest gefeiert wird. Das Festival im Grünen wird für Freunde des Lokalkolorits ebenso wiederzuerkennen sein wie die Chiemgauer Kleinstadt in der Hans lebt.
Als literarisches Vorbild habe ich mir das Buch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ genommen. John Green gelang es mit diesem Roman, ein heiteres, nicht nur trauriges Buch über das Sterben zu schreiben und eine spannende Geschichte in viele literarische Elemente zu verpacken. Ich hoffe, dass mir ähnliches gelungen ist.
Um zu vermeiden, dass ein rein autobiographisches Buch entsteht, habe ich einen fiktiven Mittelteil ins Buch eingefügt, der in Paris spielt. Inspiriert von einer wunderbaren Geschichte die ein junger Anschöringer als Akkordeon spielender Straßenmusiker in Paris erlebt hatte, entstand eine fast eigenständige "Geschichte in der Geschichte", die ganz neue Konflikte in den Roman hinein wob.
Eine Herausforderung war das Schreiben über das Sterben. Meine Arbeit wurde leider zwei Mal von der Realität eingeholt. Als mein Vater überraschend starb, musste ich mich noch einmal intensiv mit dem Tod auseinandersetzen. Da ich damals die Paris-Kapitel schrieb, beeinflusste es den Schreibprozess glücklicherweise nur am Rande. Während der Überarbeitung der letzten Kapitel erkrankte allerdings Daniel Roider, der Mann meiner Schwester, an einem Gehirntumor. Da viele der traumatischen Erlebnisse mit einem Mal wieder Gegenwart wurden, musste das Romanprojekt viele Monate ruhen. Als Daniel kurz vor Fertigstellung des Buches verstarb, beschloss ich, das Buch nicht nur meiner Mama, sondern auch ihm zu widmen. 
Wer mehr über das Buch nachlesen will, findet ausführliche Informationen auf www.chiemgauseiten.de

Übrigens ist gerade eine Lesung in der Bücherei Kirchanschöring geplant: Voraussichtlich am 30. Oktober, eine knappe Woche nach dem zehnten Todestag meiner Mutter.

Sonntag, 25. September 2016

Dies ist kein Liebeslied - Karen Duve



Nach zehn Jahren im Bücherschrank endlich gelesen


Karen Duves Buch hat drei Umzüge und mehrere Ausmistaktionen überlebt, obwohl es vom Titel her nach Trivialliteratur klang. Ein Buch der Bücherei Kirchanschöring, es ist also mehr oder weniger geklaut: meine Mutter hatte es vor über zehn Jahren meiner Freundin in die Hand gedrückt und seitdem lag es zwischen "Tribute von Panem" und Stephen King.
Zehn Jahre später heißt der Autor, der mich am meisten geprägt hat Wolfgang Herrndorf. Und dieser Herrndorf schreibt von einem Buch, das ihn in verschiedenen Lebensphasen geprägt hat. Es heißt "Dies ist kein Liebeslied"...
Herrndorf ist seit drei Jahren tot, meine Mutter seit zehn. Zeit, das Buch endlich zu lesen.
Der Goldmann Verlag wirbt im Klappentext, dieses Buch sei hochkomisch und es gäbe viel zu Lachen. Quatsch. Dieses Buch ist vielleicht hochkomisch geschrieben, aber gleichzeitig ein so entsetzliches Psychogramm einer verkorksten Frau, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ich habe es dennoch gelesen. Weil es in der Tat hervorragend geschrieben ist.
Das Buch spielt Mitte der Neunziger Jahre. Der Poproman war damals das große Ding. Ein Hauch von Nick Hornby weht und natürlich beginnt es gleich mit Fußball, dem 96er EM Halbfinale Deutschland gegen England. Aber das ist alles unwichtig.
Karen Duve schreibt unfassbar dicht. Sie führt innerhalb einer halben Seite einen neuen Charakter ein, zeichnet in kurzen, prägnanten Sätze eine lebendige Figur die man sofort so sehr ins Herz schließt, man wünschte ihr eine eigene Trilogie. Und noch bevor man umblättert versenkt Duve die Figur mit einem knappen "Und das wurde aus ihr..." Und man liest nie wieder etwas von ihr. Das ist mehr als verschwenderisch. Das ist großartig. 
Die Versuche, ein erstes Mal mit einem Mann zu schlafen. Die deprimierenden Küsse. Das Suchen und Nicht - Finden der Liebe. Das Hassen des eigenen Körpers: Dieses Buch ist aufwühlend und wer will, kann sich von den Pointen verleiten lassen und lachen. Wer einen kleinen Funken Empathie hat, wird mit Anne leiden und wer ein Mann ist, wird vielleicht ein klein wenig mehr Verständnis für die Nöte einer Frau haben. 
Man ahnt in diesem Buch auch, woher Wolfgang Herrndorf das Tempo von "Tschick" vielleicht abgeschaut hat. Herrndorf selbst beschreibt in seinem Blog eine Prüfungsszene, in der Goethes "Werther" analysiert werden muss: Zunächst wird dem Buch sämtliche Glaubwürdigkeit entzogen, da Goethe so ein stolzer Gockel war, im nächsten Satz aber ist der Werther das einzige Buch, das wahre Liebe lesbar macht.
Herrndorf selbst sagte, man solle "Dies ist kein Liebeslied" mindestens alle fünf Jahre einmal lesen. Ich schau in fünf Jahren noch einmal rein.


Sonntag, 18. September 2016

Tschick - Auf der Suche nach dem Zauber der Literatur

Die Kühe, Tschick und ich (v.l.)
Nicht erst seit Fatih Akins Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" im Kino läuft, wird über den Zauber in Herrndorfs Jugendroman diskutiert. Mit Tschick ist Herrndorf noch zu Lebzeiten ein Klassiker der heutigen deutschen Literatur gelungen, der nicht nur von Lehrern in die Stundenpläne eingebrannt wurde, sondern auch vom Nullachtfünfzehn Leser geliebt wird wie kein zweites Buch. 
Dennoch, oder gerade deswegen fragen sich inzwischen manche: Warum eigentlich?
Da es mir beim ersten Lesen von Tschick ähnlich ging, habe ich Tschick noch ein zweites, drittes Mal gelesen. Ein Blick  zurück:
Tschick war das Sensationsbuch 2010. Ein flott geschriebenes Jugendbuch, Roadmovie von einem Berliner Autor, der seit langem als Geheimtipp galt. 
Womöglich mag Wolfgang Herrndorfs tragische tödliche Erkrankung ein wenig zum Erfolg beigetragen haben. Der Hype der sich innerhalb weniger Jahre über Theaterinszenierungen, die aktuelle Verfilmung und die Etablierung als Schullektüre in nahezu jeder Schule der Republik ausgebreitet hat, der lässt sich durch das Schicksal des Autors allein nicht erklären. 
Tschick ist zunächst ein durch und durch unterhaltsames Buch. Schneller Plot, zum Schreien komisch geschrieben, gleichzeitig ernst und durch und durch positiv durcherzählt. Wer Tschick ein erstes Mal liest, fühlt sich bestens unterhalten. Ob man gerade eines der besten Bücher der letzten Jahre gelesen hat, diese Frage hätten allerdings die wenigsten positiv beantwortet. Denn anders als vielleicht Sand, ist Tschick nicht durchgängig sprachlich genialistisch durchgestylt und auch die Story erlaubt sich manche Länge. 
Die Magie des Buches zieht sich zunächst aus einem Gefühl. Alle Menschen denen Maik und Tschick begegnen, sind nett. Dieses Berliner Umland wird als durch und durch schönes Land voller herzensguter Menschen gezeichnet. Aber nicht in einem naiven weltfremden Sinne. Oder wenigstens nur ein bisschen. 
Was Wolfgang Herrndorf, ähnlich wie John Green in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" macht ist, dass er im Buch zahllose Zitate und Verweise auf die Weltliteratur einstreut. Herrndorf hat die Literatur zeitlebens geliebt und aufgesaugt, das spürt man in seinen Büchern. Zwei Beispiele aus Tschick: Maik erzählt, dass er Nachts oft am Indianerturm des Spielplatzes sitzt und auf Tatjanas Haus blickt. Wenn in einem der Zimmer ein grünes Licht schimmerte, stellte er sich sehnsüchtig vor, dass dies Tatjanas Zimmer sei. Unwillkürlich muss man an das berühmte Thema des grünen Lichts in Fitzgeralds "Great Gatsby" denken. 
Von Horst Fricke erhalten die beiden Jungs ein braunes Fläschchen. Etwas wunderbares muss sich darin befinden. Etwas, das ihnen "das Leben retten" würde. Ein Symbol aus der Romantik, ähnlich der blauen Blume. Doch Herrndorf wäre nicht Herrndorf, wenn er die beiden Suchenden nun das Ziel ihrer Reise hätte erreichen lassen. Sie werfen die Flasche mit dem magischen Inhalt kurzerhand aus dem Fenster des fahrenden Autos.
Wie verstrickt Tschick in das Gesamtwerk des Autors ist, wird übrigens nicht nur durch den unvollendeten Fortsetzungsroman "Bilder deiner großen Liebe" offenkundig: 
Bereits in der vor Tschick veröffentlichten Erzählung "Im Oderbruch" wird mehrmals ein "Maik Tschichatschow" erwähnt. Und ein Typ, dem sein Auto geklaut wurde (Ein Lada?) lernt ein seltsames, verschrobenes Mädchen namens "Ina" kennen. Ina, die nicht nur ähnlich heißt wie "Isa", sondern auch charakterlich der Isa aus Tschick, mehr noch aber der Isa aus "Bilder deiner großen Liebe" ähnelt. Bedenkt man, dass Herrndorf die Erzählungen und Tschick teils parallel geschrieben hat, beginnt man zu ahnen, dass die Texte als "Gesamtwerk" voller Querverweise und voller augenzwinkernder Überschneidungen gelesen werden muss. 
Und spätestens jetzt ist Tschick viel mehr als eine unterhaltsame Schullektüre. Es ist ein Gesamtkunstwerk.

Sonntag, 4. September 2016

Von Prominenz und Berühmtheiten: Der Star nebenan

Wer träumt nicht davon, mit einem waschechten Star bekannt zu sein? Oder wenigstens jemanden zu kennen, der einen Prominenten kennt. Wenn schon der Traum, selbst berühmt zu sein, für uns Normalsterbliche unerreichbar ist, so wäre es doch super, wenigstens durch die Bekanntschaft eines Stars sich ein wenig in dessen Glanz Sonnen zu können. 
Rein mathematisch dürfte es nicht so schwer sein, jemanden zu haben, der jemanden kennt, der einen Prominenten kennt. Die bekannte "Small World Theorie" besagt, dass es nur 5-6 Personen braucht, um zwischen jedem Menschen eine Verbindung herzustellen. Wenn einer davon ein Prominenter ist, dürfte die Kette sogar noch kürzer sein, da dieser, wie es der Name bereits sagt, viele kennt und von noch mehr gekannt wird. 

Beispiel: 1996 war ich als großer Grunge - Fan in Amerika und es gelang mir, über zwei Verbindungen einen Bezug zu Kurt Cobain herzustellen: Ich hatte eine Nachbarin. 
Sie behauptete, ihr Neffe, Dylan Carlson, sei ein guter Freund von Kurt Cobain gewesen. 
Ich blieb skeptisch, aber in einer Autobiographie über Kurt Cobain entdeckte ich ein Foto von Kurt Cobain und - Dylan Carlson - die beide mit einer Schrotflinte hantierten. Dylan Carlson, so hieß es, war jener Freund des Rockidols der die Schrotflinte kaufte, mit der sich Kurt Cobain erschoss.
Meine Nachbarin gab meinem Drängen nach und versprach mir, ein Autogramm von ihrem Neffen zu beschaffen. Es wäre die großartigste Nirvana-Reliquie gewesen, die ich nach Deutschland hätte heimbringen können. 
Kurz vor Ende meines USA-Aufenthaltes erklärte sie traurig, dass ihr Neffe verschollen sei, sie sagte etwas von Drogen und, dass niemand wisse, wo Dylan sei. 
Es blieb also nichts bis auf diese Episode und meiner Small-World Verbindung zu Kurt Cobain über nur zwei Personen.

Gestern, über 17 Jahre später, höre ich im DLF einen Bericht über den Film "Gold" von Thomas Arslan. Der Film wird verrissen. Aber: Es wird die Musik des Amerikaners Dylan Carlson erwähnt. Ich reiße die Augen auf. Dylan Carlson! Er lebt also noch! Und die Erinnerung an Seattle, Holzfällerhemden, Ziegenbärten und diese schrammelige Popmusik, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe wurde für einen Moment wieder wach...

Zurück zu den Promis. Mir ist zu diesem Thema aufgefallen, dass ich zwar ein Nullachtfuffzehn Bub vom Dorf bin, dennoch aber mit einigen waschechten Stars bekannt bin. 
Beginnend bei meinem Fußballtrainer aus Kindheitstagen, den in den 70er und 80er jeder Fußballfan in Deutschland kannte. Wir Kinder wussten zwar alle, dass BernhardDürnberger "bei den Bayern gespielt hat", ein sehr abstrakter Begriff, besonders weil der Ex Fußballer immer bodenständig und bescheiden geblieben ist und nur wenig von seiner Zeit mit Beckenbauer, Rummenigge und Matthäus erzählte. Was das aber bedeutet, erahnt man aber, wenn er noch heute in der Sportschau zu sehen ist, wie er grinsend Pep Guardiola die Hand schüttelt.
Dann gibt es noch die zweite Kategorie der Bekannten, die sich in die Welt der Promis einschleimen. Unvergesslich jener Aufschrei, als während des EM Finales 2008 plötzlich unser altbekannter Oli Griß neben Schweinsteigers damaliger Freundin Sarah Brandner stehend, auf der Videowand erschien. 
Dann gibt es noch die Leute von früher, die man von der Schule, oder vom Furtgehen her kannte, die plötzlich selbst berühmt wurden. Stefan Dettl und der Keller Steff gehören dazu. Vielleicht aus unserem Bekanntenkreis auch noch die Steinmaßl Susi und der Kreier Flo, die ja mit halb München bekannt sind. 
Ach ja, mit Mista Wicked, dem Reggaestar lebte ich mal eine Jahr lang in einer WG am Chiemsee. Damals hieß er noch "Poldi" und war Maurer...
Desweiteren gibt es noch die Regionalstars, die im Landkreis jeder kennt, wirklich und tatsächlich jeder! Im Rest von Deutschland hat man allerdings noch nie von deren Berühmtheit gehört. Günter Wimmer, Superstar im Chiemgau seit jeher, ist so ein Beispiel. 

Und schließlich noch die Nerd-Berühmtheiten, die keine Sau kennt, außer die, die mit dem jeweiligen Spezialgebiet vertraut sind. Wenn ich denen sage, dass ich mit Norbert Niemann Biertrinken war und ich eine Woche intensiven Arbeitens mit Ursula Krechel verbracht habe, zucken alle die Achseln. Bis auf die anderen Nerds, die sich mit zeitgenössischer Literatur befassen. 

Sonntag, 21. August 2016

Arbeit und Struktur: Wolfgang Herrndorfs Netzwerk

Viele halten Wolfgang Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur" für sein Hauptwerk. Wer sich noch nicht eingängig mit dem Autor beschäftigt hat, wird mit den Namen Holm, Cornelius und Kathrin zunächst wenig anfangen können. 
Herrndorf hatte aus gutem Grund die meisten der Personen, die er in seinem Blog erwähnte, nicht mit vollem Namen erwähnt.
Da es sich bei den meisten Freunden und Bekannten Wolfgang Herrndorfs allerdings um Persönlichkeiten aus der Berliner Autorenszene, der Digitalen Bohéme und um überwiegend Personen des öffentlichen Lebens handelt, besteht für Leser, die keinen tiefen Einblick in die Szene rund um "Höfliche Paparazzi" und "Zentrale Intelligenz Agentur" hatten ein wachsendes Interesse an dieser faszinierenden Autoren-Gemeinschaft aus deren Mitte immerhin das erfolgreichste Buch der letzten Jahrzehnte entsprungen ist.

Wie nun aber mit dem Dilemma umgehen, dass Herrndorf selbst keine Klarnamen verwendet hat?
Man kann versuchen das Dilemma zu umgehen, indem man sich "Sand", sein letztes zu Lebzeiten erschienenes Romanwerk genauer ansieht:

Auf der "Dank" - Seite führt Herrndorf selbst Dutzende der Personen aus seinem Freundeskreis und literarischen Umfeld an. Und zwar mit vollem Namen. 
Ergänzt man diese Namen mit den Informationen aus Wikipedia und den Webseiten der aufgeführten Persönlichkeiten, ergibt sich ein Panoptikum der Berliner Autorenszene: 
(Hier eine Auswahl:)

Lars Hubrich. Geboren 1974. Lebt als Autor und Filmemacher in Berlin. Er hat das Drehbuch zu "Tschick" verfasst.

Tex Rubinowitz Maler, Cartoonist und Schriftsteller. Hat für die Titanic gearbeitet. Mitbegründer der "Höflichen Paparazzi". 2016 Teilnehmer beim Bachmannpreis


Ulrike Sterblich. (*1970 in Berlin) Politologin, Moderatorin und Schriftstellerin. Arbeitete für die Titanic. Mitglied der "Höflichen Paparazzi" und der "Zentralen Intelligenz Agentur", Supatopcheckerbunny. Webseite: http://www.ulrikesterblich.de

Philipp Albers. Journalist, Autor. Zentrale Intelligenz Agentur. DLR Kultur. Mit Holm Friebe "Mimikry", "Was sie schon immer über 6 wissen wollten"


Holm Friebe. (*1970 in Lüdenscheid) Journalist und Autor. Gründer der "Zentralen Intelligenz Agentur", konzipierte die "Riesenmaschine" und etablierte in seinem Buch "Wir nennen es Arbeit" zusammen mit Sascha Lobo den Begriff "Digitale Bohéme"  Link zur Webseite: http://www.holmfriebe.de/

Jens Friebe. (*1975) Musiker, Bruder von Holm Friebe. War in den Nullerjahren sehr erfolgreich. Homepage: http://www.jens-friebe.de/

Cornelius Reiber. Kulturwissenschaftler. Wissenschaftlicher Mitarbeiter Freie Universität Berlin, Fachbereich Germanistik. 2006-2011 in Princeton. Zentrale Intelligenz Agentur, Gastgeber der Berlin Bunny Lectures. 


Ira Strübel. Jahrgang 1970. Autorin. Schrieb im Blog "Riesenmaschine" und war Mitglied in der "Zentralen Intelligenz Agentur" Sie ist die Partnerin von Kathrin Passig. Gemeinsam mit ihr schrieb sie das Buch "Die Wahl der Qual" Heute schreiben beide Kolumnen für die Neue Züricher Zeitung

Jochen Reinecke. Autor. Schrieb für die "Riesenmaschine". Buch: "Frei erfunden" Hat mit Klaus Caesar Zehrer das Buch "Ist hier noch frei" geschrieben.

Stese Wagner. Werbetexterin. Sie war zusammen mit Ulrike Sterblich eines der Bunnys der Berlin Bunny Lectures. Die Geschichte der Bunny-Years auf Youtube

Michael Lentz. Schrifsteller, Literaturwissenschaftler, Musiker. 2001 Bachmannpreis gewonnen. Herrndorf erwähnt in seinem Blog das jährliche Gartenfest von Lentz am Müggelsee zu dem zahlreiche Prominenz pilgert: Herbert Grönemeyer, Daniel Kehlmann, Karen Duve etc. Lentz auf Wikipedia

Per Leo. (*1972 Erlangen) Autor "Flut und Boden". Schatullenproduzent. Herrndorf begleitete ihn nach Marokko, wo Per Leos Schatullen (aus Zedernholz) hergestellt werden. Link Wikipedia

Jochen Schmidt. Schriftsteller, Mitglied der Deutschen Autorennationalmannschaft. Las in einer Aktion täglich 20 Seiten Proust.

Klaus Caesar Zehrer. (*1969 in Schwabach), Autor. Mitglied der Autorennationalmannschaft . Das beschriebene Buch, das er mit dem Illustrator Fil veröffentlichte, hieß "Der Kackofant"

Sascha Lobo. Blogger und Autor. Experte für Internet und digitale Technologien. Gründer von "Riesenmaschine.de". Mit Holm Friebe in "Wir nennen es Arbeit" die "Digitale Bohéme" ausgerufen. Enge Zusammenarbeit mit Holm Friebe und Kathrin Passig. Zur Homepage

Chris (Kris) Stelzl. (1973-2008) War einer der "höflichen Paparazzi", Teil der Zentralen Intelligenz Agentur. 2006 Diagnose Knochenkrebs. Sein Nachruf hier. Traueranzeige der höflichen Paparazzi (hier ist auch die Traueranzeige für Wolfgang Herrndorf) hier

Carola Wimmer. (*1970 in Berlin) Autorin / Kinderbücher. Hope, Ostwind. Herrndorfs Frau.

Kathrin Passig. (*1970 in Deggendorf) Journalistin und Schriftstellerin. Gewann 2006 den Ingeborg-Bachmannpreis. Veröffentlichte mit Ira Strübel "Die Wahl der Qual". Mitglied der "Zentralen Intelligenz Agentur", betrieb das Blog "Riesenmaschine.de".
Sie war eng am Lektorat aller Bücher Herrndorfs beteiligt und maßgeblich daran beteiligt, dass der damalige Maler Herrndorf Schriftsteller wurde. Das witzige Portrait vom Bachmannpreis auf Youtube

Marcus Gärtner. Lektor beim Rowohlt Verlag. Er wird in Herrndorfs letzten Jahren sein Lektor und wird intensiv mit ihm zusammen arbeiten. Gemeinsam mit Kathrin Passig wird er auch das unvollendete "Bilder Deiner großen Liebe" herausgeben.

Mehr zu Wolfgang Herrndorf: http://lesenszeichen.blogspot.de/2016/08/das-wolfgang-herrndorf-universum.html

Vom Maler zum Schriftsteller: http://lesenszeichen.blogspot.de/2018/03/wolfgang-herrndorf-vom-maler-zum.html

Donnerstag, 11. August 2016

Die digitale Boheme im Chiemgau

Mein 2007er - Ich

Holm Friebe und Sascha Lobo machten im Jahr 2005 mit ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ die digitale Boheme bekannt. Tenor des Buches war, dass mit den neuen Medien jeder es schaffen kann, auch ohne Festanstellung sich gut zu vernetzen, seine Arbeit bekannt zu machen und damit Geld zu verdienen.
Ich habe das Buch erst jetzt, über zehn Jahre später, in die Finger bekommen. Zehn Jahre, das sind in Sachen Internet ein Jahrhundert. Und auch wenn das Buch noch immer unterhaltsam und inspirierend ist, wirkt es aus einem Grund mehr als verstaubt: Facebook. 2005 war das soziale Netzwerk Nummer Eins noch „Xing“. Heute kaum vorstellbar.
Drehen wir die Zeit zurück und werfen einen Blick auf digitale Boheme in Traunstein. Besser gesagt, einem digitalen Boheme:
Warum gibts die Lokalisten nicht mehr?
Während Passig, Friebe, Lobo & Co. nicht nur gut schreiben, sondern auch programmieren konnten, warf ein Nachwuchsautor in Traunstein nach einigen HTML-Versuchen rasch das Handtuch. Internet, das war nix für ihn. Er stellte einen Text auf „e-stories.de“ und sorgte auf Sagen.at mit seinem Bericht über den Finstermann von Kirchanschöring für eine noch heute herumgeisternde Urban Legend... Das wars. 
Erst, als in kurzer Folge zunächst „studi VZ“, „Lokalisten“ und schließlich „Facebook“ wie aus dem Nichts auftauchten, begann er die Marketingmöglichkeiten des Internets wieder für sich auszunutzen. Mit einem Facebookprofil aus dem Jahr 2006 war er einer der ersten in Deutschland – zumindest im Chiemgau.
Auf myspace stellt er seine Kurzgeschichten, auf den Lokalisten bloggte er – als Fortsetzungsroman die Subkultur-Novelle „Glamorous Indie Rock’n Roll Girl“ und anschließend die ersten Kapitel der Kleinstadtrebellen. Er meldet sich mit einem Account als 21-jährige Ursel Obermaier an (Single) und seine Romanfigur bekommt Dutzende Dating-Anfragen.
Als Digitaler Boheme alles richtig gemacht. Oder?
Während in Berlin die „Zentrale Intelligenz Agentur“ entstand und man auf den Foren der „HöflichenPaparazzi“ seit Jahren gebloggt hatte, wirkten diese hilflosen Vernetzungsversuche sowas von 1999.
Wie die "Kleinstadtrebellen" begannen...
Heute, im Jahr 2016 habe sogar ich eine richtige Homepage, und ein Blog aber irgendwie fehlt das Netzwerk, um sich gegenseitig zu verbinden. Irgendwie gibt es in Traunstein keinen Sascha Lobo, nicht einmal einen Joachim Lottmann der sich mit mir verbinden möchte.

Im keine fünfzehn Kilometer entfernten Grassau ist es einer jungen Frau gelungen, die Sache ein wenig schlauer anzugehen: Ronja von Rönnes Blog „Sudelhelft“ war nicht nur wesentlich besser geschrieben, sie hat auch ziemlich rasch den Chiemgau verlassen, um an die literarisch wichtigen Orte zu gehen: Hildesheim, natürlich Berlin. Und wir, die traurige digitale Boheme Chiemgau, zu der neben mir auch noch der Firnwald und einige der Chiemgau-Autoren gehören, sitzen immer noch seufzend vor unseren Rechnern und fragen uns, wann es auch hier endlich 2005 wird.