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Samstag, 29. September 2018

Stimmen aus dem Jenseits

"Stimmen" von Wolfgang Herrndorf ist überraschend lesenswert

Wolfgang Herrndorfs "Stimmen"
Bald ist es soweit, dass Wolfgang Herrndorf, tragisch verstorben 2013, posthum mehr Bücher veröffentlicht hat, als zu Lebzeiten. Als ich hörte, dass ein neues Buch namens "Stimmen" publiziert werden würde, freute ich mich nur so semi darauf. Hatte Herrndorf selbst nicht alles lesenswerte zerstört oder löschen lassen? Beginnt nun auch bei Wolfgang Herrndorf die posthume Verwurstungs-Maschinerie sämtlicher irgendwo im Netz auffindbaren Textfragmente?
Marcus Gärtner und Cornelius Reiber, die Herausgeber, sind glücklicherweise langjährige Weggefährten Herrndorfs, die den "Tschick"-Autor wie wenige kannten und auch großes Interesse daran haben, dessen Erbe in seinem Sinne zu verwalten. 
Sie haben es geschafft: "Stimmen" ist - ähnlich wie "Bilder deiner großen Liebe" ein bewegendes, dicht geschriebenes Stück Literatur ohne das unsere Bücherschränke ein Stück ärmer wären.
Um was es eigentlich geht? Herrndorf-Kenner wissen, dass er selbst in seinem Blog "Arbeit und Struktur" angedeutet hat, dass er an einem "Stimmen"-Roman gearbeitet hatte. Der Roman ist vermutlich vernichtet. Die "Stimmen"-Texte jedoch nicht. 
Stimmen - so hieß Herrndorf im Internet-Forum der "Höflichen Paparazzi", in dem sich Anfang der 2000er das Who is Who der jungen Literaturszene tummelte. 
Wer nun, wie ich, befürchtete, dass das Buch aus gut geschriebenen, aber heute nicht mehr relevanten Anekdoten von Begegnungen mit Prominenten  bestünde, der wird positiv überrascht: Gärtner und Reiber haben Prosa ausgewählt, im typischen-Herrndorf-Sound erzählt, extrem dicht, immer wieder ergreifend und voller liebenswerten Humor. Erzählungen die sich perfekt in die bereits bekannte Herrndorf-Welt fügen. Texte, die auf der schmalen Linie zwischen Autobiographie und Fiktion tänzeln. 
Da wird das Auto, ein Wartburg, von Joachim Lottmann geklaut oder über die ersten großen Lieben reflektiert. 
Die Herrndorf Kritiker, die sich bis heute wundern, warum "Tschick" so gehyped wurde, dürften spätestens mit dieser Veröffentlichung anerkennen, dass Herrndorf ein Autor war, der - so unterschiedlich seine Bücher auch geschrieben waren - einen einzigartigen, unverkennbaren Ton entwickelt hatte. Viele der Texte sind - vermutlich auch aufgrund ihrer Veröffentlichung im Internet - so dicht geschrieben, dass mit wenigen Sätzen und großen Lücken zwischen den Zeilen - ganze Lebensentwürfe beschrieben werden. Das ist große Kunst. Dass die Texte gleichzeitig berührend und unterhaltsam sind, sowieso.
Am spannendsten dürfte für Fans wie mich allerdings das Nachwort von Cornelius Reiber und Marcus Gärtner sein: Darin gestehen sie ein wenig kleinlaut, dass sie also doch den Rechner Herrndorfs nach Juwelen durchforstet haben. Sie argumentieren, dass Wolfgang Herrndorf klar vorgegeben hätte, welche Texte zu löschen seien. Im Umkehrschluss, so argumentieren sie zu unserer großen Erleichterung, könne man alle Texte veröffentlichen, die er nicht explizit zur Löschung freigegeben hat. Und das ist gut so. 
"Stimmen" ist weder Leichenfledderei noch kommerzielle Ausschlachtung. Es ist ein weiteres fehlendes Puzzlestück im Gesamtwerk von Wolfgang Herrndorf und ich bin sehr dankbar, dass ich auch diesen Herbst noch einmal mit Texten von ihm verbringen darf!

Mehr zu Wolfgang Herrndorf:

Das Wolfgang-Herrndorf-Universum:

Vom Maler zum Schriftsteller:

Montag, 3. Juli 2017

Wolfgang Herrndorf, die ZIA und der Bachmannpreis

Die Zentrale Intelligenz Agentur in Klagenfurt

Wolfgang Herrndorf, die ZIA und der Bachmannpreis

Wolfgang Herrndorf, 2013 verstorbener Autor des modernen Literaturklassikers "Tschick", gewann 2004 in Klagenfurt beim Bachmannpreis den Publikumspreis. Aufmerksamen Lesern seines Blogs "Arbeit und Struktur" ist bekannt, dass ihn seine Niederlage - den Hauptpreis gewann Uwe Tellkamp - noch fast zehn Jahre später wurmte. Liest man die Nachberichte zum damaligen Wettkampf durch, stößt man noch auf einige witzige Anekdoten: Unter anderem, dass es sich bei Herrndorfs Auftritt um eine konzertierte Aktion, gar den Versuch einer feindlichen Übernahme des Bachmannpreises durch die "ZIA" handelte. Herrndorf trug nämlich, als er seinen Text "Diesseits des van Allen Gürtels" vortrug, ein T-Shirt auf dem ein Computer mit einer Tastatur und exakt drei Buchstaben abgebildet war: ZIA. Was die ZIA vorhatte und wann es ihr gelang, erfuhr man erst zwei Jahre später.
2004 war Herrndorf ein dem großen Publikum gänzlich unbekannte Autor eines Romans namens "In Plüschgewittern". In Klagenfurt setzte er sich am ersten Tag klar gegen die anderen Schriftsteller durch, unter anderem gegen Juli Zeh, deren Text die Jury spaltete.
Am Tag Zwei kam also Uwe Tellkamp dran: Er las "Der Schlaf der Uhren" aus seinem später berühmten Roman "Der Turm". Die Jury war begeistert. Herrndorf wurde bis zuletzt nicht müde, den Turm literarisch auseinander zu nehmen.
Quelle: http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreisv2/static2.orf.at/
vietnam2/images/site/bachmannpreis/200426/herrndorf_jung.jpg
Die Konkurrenz am letzten Wettbewerbstag hatte es ebenfalls in sich: Arno Geiger, der heute einer der bekanntesten österreichischen Autoren ist. Und der Philosoph Richard David Precht, der heute vor allem für sein Buch "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" bekannt ist.
Den triumphalen Sieg trug bekanntlich Uwe Tellkamp davon. Über den Publikumspreis entschied wiederum keine Jury sondern das Publikum - per Internet. Jetzt muss man wissen, dass Anfang der 2000er Jahre der Bachmannpreis von einer Autorengruppe, die im Internet als "Höfliche Paparazzi" bloggte, intensiv verfolgt und kommentiert wurde. Mit dem Support der geheimnisvollen Hintergrundorganisation "ZIA", zu der einige der Höflichen Paparazzi gehörten, wurde Jahr für Jahr ein Autor mit dem Ziel, den Wettbewerb zu untergraben und letztendlich zu gewinnen, in Klagenfurt eingeschleust.
2004 gelang nur der Publikumspreis - Herrndorf setzte sich logischerweise durch, weil vermutlich halb Berlin sich einloggte, um für ihren Autor abzustimmen.
Im Jahr darauf scheiterte auch Natalie Balkow (immerhin gewann sie den Ernst-Willner-Preis). 
Für den endgültigen Coup sorgte erst Kathrin Passig 2006 mit dem Sieg des Ingeborg-Bachmann-Preises. Passig, die die ZIA 2001 zusammen mit Holm Friebe und anderen gegründet hatte - begeisterte mit dem Text "Sie befinden sich hier" die Jury. Da auch wieder die Höflichen Paparazzi höflich mitvoteten, gewann Passig zusätzlich auch den Publikumspreis. 
Im Jahresrückblick der ZIA kann man in einigen sehr witzigen Videos die Planung des Coups noch einmal nachhören:

Nachdem es gelang, den Wettbewerb zu kapern und somit obsolet zu machen, begann man die folgenden Jahre, den Gewinner gleich anhand eines Computeralgorithmus auszurechnen: Der "Automatische Literaturkritik Preis" ging 2008 beispielsweise an Tilman Ramstedt. Der Computer errechnete den späteren Sieger des Bachmannpreises einige Stunden vor der Jury in Klagenfurt, die etwas länger brauchte. 

Mehr zum Thema:



Montag, 6. März 2017

Die Bücher in Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur

Buchtipps von Wolfgang Herrndorf

Die Bücher in "Arbeit und Struktur"


Bücher, die nicht in der Liste auftauchen - Die hat
er nämlich selbst geschrieben...
Wolfgang Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur", das nach seinem Tod auch als Buch erschienen ist, gehört zu einem der vielschichtigsten, ergreifendsten aber auch informativsten Büchern der jüngeren Literaturgeschichte. 
Auch wenn Wolfgang Herrndorf vermutlich kein Freund von Kanonisierung gewesen ist, gibt sein Blog interessante Hinweise, welche Bücher Herrndorf selbst inspirierten, welche Autoren er bewunderte. In seinem Blog nennt er zahllose dieser Bücher, da er seine letzten Jahre noch einmal nutzte, um viele der Romane, die ihm zeit seines Lebens etwas bedeuteten, noch einmal zu lesen. 
Zudem erwähnt er in Arbeit und Struktur, dass er keine Zeit mehr habe, etwas zu lesen, das ihm vermutlich interessieren könnte. 
Diese - unvollständige - Liste ist eine Übersicht der Bücher, Romane und Werke, die Wolfgang Herrndorf in Arbeit und  Struktur erwähnt. Natürlich kein Kanon, aber sie könnten für literaturinteressierte Menschen ein Einstieg in die Literatur sein - Herrndorf selbst schreibt, dass er aus einer Familie kam, in der kaum gelesen wurde. Auf gute Literatur stieß er stets zufällig. Die Bücherliste kann aber auch ein kleiner Einblick sein in die Welt Wolfgang Herrndorfs aus der letztendlich unvergessliche Romane wie "Tschick" und "Sand", letztendlich auch "Arbeit und Struktur" entstanden sind:

Fjodor Dostojewski - Der Spieler
Thomas Mann - Buddenbrooks
Thomas Mann - Der Zauberberg
JD Salinger - Nine Stories
Friedrich Wilhelm Wackenroder - Phantasien über die Kunst
Felix Graf von Luckner - Der Seeteufel
Theodor Storm - Aquis submersus
Charlotte Bronte - Jane Eyre
Edgar Allen Poe - Arthur Gordon Pym
Magdalene Pauli - Sommer in Lesmona
Marcel Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte
Knut Hamsun - Hunger
Fjodor Dostojewski - Schuld und Sühne
Truman Capote - In Cold Blood
Karen Duve - Dies ist kein Liebeslied
Johann Wolfgang von Goethe - Kommentierter Briefwechsel
Mark Twain - Huckleberry Finn
Hermann Hesse - Unterm Rad
Don DeLillo - Libra
Franz Werner Schmidt - Pik reist nach Amerika
William Golding - Herr der Fliegen
JD Salinger - Der Fänger im Roggen
Vladimir Nabokov - Lolita
Gustave Flaubert - Madame Bovary
Erich Kästner - Das fliegende Klassenzimmer
Stendhal - Rot und Schwarz
Rainald Goetz - Abfall für alle
Vladimir Nabokov - Verzweiflung
Johann Wolfgang von Goethe - Die Italienische Reise
Vladimir Nabokov - Lushins Verteidigung
Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt
Don DeLillo - Weißes Rauschen
Rainald Goetz - Klage
Jeffrey Eugenides - Middlesex
Rainald Goetz - Johann Holtrop
Jack Kerouac - Unterwegs
Christian Kracht - Faserland
Anne Frank - Das Tagebuch der Anne Frank
Elke Naters - Königinnen
Johann Wolfgang von Goethe - Die Leiden des jungen Werther
Agota Kristof - Das große Heft / Der Beweis / Die dritte Lüge
André Breton - Nadja


Mehr über Wolfgang Herrndorf:


Sonntag, 18. September 2016

Tschick - Auf der Suche nach dem Zauber der Literatur

Wolfgang Herrndorf - Tschick

Auf der Suche nach dem Zauber der Literatur


Die Kühe, Tschick und ich (v.l.)
Nicht erst seit Fatih Akins Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" im Kino läuft, wird über den Zauber in Herrndorfs Jugendroman diskutiert. Mit Tschick ist Herrndorf noch zu Lebzeiten ein Klassiker der heutigen deutschen Literatur gelungen, der nicht nur von Lehrern in die Stundenpläne eingebrannt wurde, sondern auch vom Nullachtfünfzehn Leser geliebt wird wie kein zweites Buch. 
Dennoch, oder gerade deswegen fragen sich inzwischen manche: Warum eigentlich?
Da es mir beim ersten Lesen von Tschick ähnlich ging, habe ich Tschick noch ein zweites, drittes Mal gelesen. Ein Blick  zurück:
Tschick war das Sensationsbuch 2010. Ein flott geschriebenes Jugendbuch, Roadmovie von einem Berliner Autor, der seit langem als Geheimtipp galt. 
Womöglich mag Wolfgang Herrndorfs tragische tödliche Erkrankung ein wenig zum Erfolg beigetragen haben. Der Hype der sich innerhalb weniger Jahre über Theaterinszenierungen, die aktuelle Verfilmung und die Etablierung als Schullektüre in nahezu jeder Schule der Republik ausgebreitet hat, der lässt sich durch das Schicksal des Autors allein nicht erklären. 
Tschick ist zunächst ein durch und durch unterhaltsames Buch. Schneller Plot, zum Schreien komisch geschrieben, gleichzeitig ernst und durch und durch positiv durcherzählt. Wer Tschick ein erstes Mal liest, fühlt sich bestens unterhalten. Ob man gerade eines der besten Bücher der letzten Jahre gelesen hat, diese Frage hätten allerdings die wenigsten positiv beantwortet. Denn anders als vielleicht Sand, ist Tschick nicht durchgängig sprachlich genialistisch durchgestylt und auch die Story erlaubt sich manche Länge. 
Die Magie des Buches zieht sich zunächst aus einem Gefühl. Alle Menschen denen Maik und Tschick begegnen, sind nett. Dieses Berliner Umland wird als durch und durch schönes Land voller herzensguter Menschen gezeichnet. Aber nicht in einem naiven weltfremden Sinne. Oder wenigstens nur ein bisschen. 
Was Wolfgang Herrndorf, ähnlich wie John Green in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" macht ist, dass er im Buch zahllose Zitate und Verweise auf die Weltliteratur einstreut. Herrndorf hat die Literatur zeitlebens geliebt und aufgesaugt, das spürt man in seinen Büchern. Zwei Beispiele aus Tschick: Maik erzählt, dass er Nachts oft am Indianerturm des Spielplatzes sitzt und auf Tatjanas Haus blickt. Wenn in einem der Zimmer ein grünes Licht schimmerte, stellte er sich sehnsüchtig vor, dass dies Tatjanas Zimmer sei. Unwillkürlich muss man an das berühmte Thema des grünen Lichts in Fitzgeralds "Great Gatsby" denken. 
Von Horst Fricke erhalten die beiden Jungs ein braunes Fläschchen. Etwas wunderbares muss sich darin befinden. Etwas, das ihnen "das Leben retten" würde. Ein Symbol aus der Romantik, ähnlich der blauen Blume. Doch Herrndorf wäre nicht Herrndorf, wenn er die beiden Suchenden nun das Ziel ihrer Reise hätte erreichen lassen. Sie werfen die Flasche mit dem magischen Inhalt kurzerhand aus dem Fenster des fahrenden Autos.
Wie verstrickt Tschick in das Gesamtwerk des Autors ist, wird übrigens nicht nur durch den unvollendeten Fortsetzungsroman "Bilder deiner großen Liebe" offenkundig: 
Bereits in der vor Tschick veröffentlichten Erzählung "Im Oderbruch" wird mehrmals ein "Maik Tschichatschow" erwähnt. Und ein Typ, dem sein Auto geklaut wurde (Ein Lada?) lernt ein seltsames, verschrobenes Mädchen namens "Ina" kennen. Ina, die nicht nur ähnlich heißt wie "Isa", sondern auch charakterlich der Isa aus Tschick, mehr noch aber der Isa aus "Bilder deiner großen Liebe" ähnelt. Bedenkt man, dass Herrndorf die Erzählungen und Tschick teils parallel geschrieben hat, beginnt man zu ahnen, dass die Texte als "Gesamtwerk" voller Querverweise und voller augenzwinkernder Überschneidungen gelesen werden muss. 
Und spätestens jetzt ist Tschick viel mehr als eine unterhaltsame Schullektüre. Es ist ein Gesamtkunstwerk.

Donnerstag, 11. August 2016

Das Wolfgang Herrndorf – Universum

Wolfgang Herrndorfs Werdegang


Keine fünf Jahre hat es gedauert bis „Tschick“, wie von Kathrin Passig in einem Interview mit Wolfgang Herrndorf scherzhaft prophezeite, tatsächlich ein Schullektüren-Klassiker in deutschen Klassenzimmern geworden ist. Wolfgang Herrndorf ist nicht nur durch seinen frühen Tod 2013 zu einer legendären Figur der zeitgenössischen deutschen Literatur geworden.
Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die erste Biografie von Wolfgang Herrndorf erscheinen wird, zu bedeutend ist sein (Nach)Wirken auf die Literaturszene, auf die Zigtausenden Schüler, die seitdem gezwungen werden, sich nicht nur mit Autoren beschäftigen, die „hießen Goethe, Schiller, einer hieß Celan und einer Bachmann“ (Tschick- Outtakes), sondern auch mit einem, mit dem Namen „Herrndorf“
Ganz stimmt es nicht, dass es noch keine Biografie gibt: Herrndorf selbst hat mit seinem bewegenden Blog „Arbeit und Struktur“, das es auch als Buch gibt, dafür gesorgt, dass der Nachwelt jene biografischen Daten die er preisgeben wollte, erhalten geblieben ist. Vieles hat er vernichtet, allen voran seine Gemälde, Comics, Tagebücher, die unvollendeten Texte (auch ein begonnener Science Fiction Roman scheint zerstört worden zu sein). Für die nicht wenigen Literaturenthusiasten und Fans dieses Autors ein schmerzhafter Verlust. Für den Autor, der stets verfügt hat, „keine Germanistenscheiße“ in seine Werke hineininterpretieren zu lassen, nur konsequent.
Um den Autor und seine faszinierende Welt ein wenig besser zu verstehen, hat man immerhin das Internet zur Verfügung: Die wenigen Interviews und Texte seiner Freunde Passig, Holm Friebe, die Einträge in „Arbeit und Struktur“, die Sekundärliteratur befreundeter Autoren aus dem Umfeld der „Zentralen Intelligenz Agentur“ und den „Freundlichen Papparazzo“ helfen dabei, Mosaikstein auf Mosaikstein der Berliner Literaturszene der Nuller und beginnenden Zehnerjahre zusammenzusetzen.
In diesem Blog werde ich die kommende Zeit versuchen, alle Fakten und Fiktionen aus „Arbeit und Struktur“, Herrndorfs Bücher zusammenzutragen. Gerne dürft Ihr mir dabei helfen.
Ich beginne mit der Biografie von Wolfgang Herrndorf in die ich einige bisher wenig bekannte Ereignisse eingefügt habe:

Der Lebenslauf von Wolfgang Herrndorf


Geboren am 12. Juni 1965 in Hamburg

Aufgewachsen in Norderstedt

Besuch des Coppernicus-Gymnasiums

Zivildienst in einer Pfarrei

1986 halbes Jahr Praktikum Druckerei Wulf Offset

Achtziger Jahre: Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Hamburg
Karikaturist für Titanic

1995 lernt er Holm Friebe kennen. Auf einer Party von Holm Friebe schließlich Kathrin Passig mit der einige Zeit zusammen ist. Sie übt einen großen Einfluss auf ihn als Autor aus.

Arbeit bei den „Höflichen Paparazzi“, einem Internetforum

2002 erscheint „In Plüschgewittern“

2004 Publikumspreis beim „Bachmannpreis“ in Klagenfurt

2007 "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" 

2010 Im Februar Diagnose: Glioblastom (Gehirntumor) Beginn am Blog "Arbeit und Struktur"

2010 "Tschick"

2011 "Sand"

2013 26. August. Herrndorf kommt seinem Krebstod zuvor und bleibt „Herr im Haus“. Tod am Hohenzollernkanal.

2013 Post mortem: „Arbeit und Struktur“

2014 Post mortem: „Bilder deiner großen Liebe“ – Im Blog auch als „Isa“ betitelt.


Hier geht es weiter zu

Wolfgang Herrndorfs Netzwerk / Freundeskreis

Die Bücher die Herrndorf in Arbeit und Struktur erwähnt

Vom Maler zum Schriftsteller



PS:
Wer mich unterstützen möchte, darf mir gerne weitere Eckdaten nennen. Danke!

Dienstag, 2. August 2016

Arbeit und Struktur 2.0

Bis in die Haarspitzen inspiriert. Lese wieder Arbeit und Struktur. Habe Herrndorfs Blog nicht mehr gelesen seit Daniels Tod. 
Einige der Medikamente, Studien und Therapien kenne ich inzwischen aus den Facebook Posts meiner Schwester in und auswendig. 
Es ist unheimlich, wie nah mein Leben dem von Herrndorf kurzzeitig gekommen ist. So vieles verstehe ich inzwischen, was damals nur unbestimmtes Grauen war. 
N. fragt mich, warum ich so besessen bin von Herrndorfs Welt. Ich frage, besessen im Sinne von 
- meinen zweiten Sohn nach Herrndorfs Freund zu benennen? 
Oder besessen im Sinne von 
- eineinhalb Jahre später Emails an Cornelius Reiber zu schreiben. Bin ich auf dem besten Weg dazu, Herrndorfs Freunde auf die Nerven zu gehen? 
Passig hat mich nie gereizt. Ebenso Sascha Lobo. Aber Cornelius. Und Holm. Wie Nebenakteure in einem Roman die man ebenso mochte wie den Held. 
Die Berlinbeschreibungen. Die Clique. Fußball am Abend. Eine Traumwelt. Immer wieder vergisst man das Glioblastom, vergisst man den Horror, weil das Leben so schön ist. 
Frage mich oft, was Daniel gefühlt hat. Ob er je das Gefühl hatte, die letzten zwei Jahre waren die besten. Daniel wusste nichts von Herrndorf. Er war kein Leser. Und ich bezweifle auch, dass er dieses Buch bemerkt hatte, das ich in seinem Wohnzimmer gelesen habe. Daniel war in jeder Hinsicht der Anti-Herrndorf. Gläubig, Familienvater, Handwerker. Es hat ihn, denke ich, noch heftiger erwischt als Herrndorf: Konnte von Anfang an kaum mehr sehen, bald nicht mehr gehen. Ich frage mich wirklich, ob er als Kranker überhaupt noch Glücksmomente hatte. 
Heute weiß ich, dass ich selber die letzten zwei Jahre emotional abgetötet war. Stumpfsinniges Leben in Angst. Habe das erste Jahr meines Sohnes verpasst, habe den Zauber eines neuen Zuhauses als bedrückend empfunden. Habe fast zwei Jahre nicht mehr lachen können, nicht mehr unbeschwert in der Sonne sitzen können. Ich war nur ein Angehöriger, aber es war die Hölle. Mir tut vieles so leid und es ist schrecklich, diese zwei Jahre verloren haben zu müssen. 
Wie muss es dann Daniel erst gegangen sein. Ich meine, er ist tot. Ich darf wieder lebendig sein. 
Herrndorf fragt sich in Arbeit und Struktur, ob er Todkranke ernst genommen hatte. Hatte er nicht. Und ich fürchte, ich auch nicht. Es muss schrecklich sein, von den anderen nur noch als Gespenst wahrgenommen zu werden. 
Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich Arbeit und Struktur wieder zur Hand nehmen konnte. Jetzt kann ich es nicht mehr aus der Hand legen. So viel Leben steckt dort drin. Ich will auch leben! Solange ich noch kann.

Weitere Texte zu Wolfgang Herrndorf:

Arbeit und Struktur - Wolfgang Herrndorfs Netzwerk




Sonntag, 12. Oktober 2014

Bilder deiner großen Liebe - von dem "Tschick" - Typen

Alle werden „Bilder deiner großen Liebe“ super finden. 
Alle werden sich vor Begeisterung einkacken und jubeln, weil Wolfgang Herrndorf der Allergrößte war und weil er lange sträflich unterschätzt war, aber jetzt ist er ja tot und da kann man schon mal ausflippen, dass er die Stimme, ach was, der Kopf seiner ganzen Schriftstellergeneration war. Und alle werden sie Recht haben, weil Tschick ja schon so ein supadupa abgefahren geiles Teil war, Millionen Leser können ja nicht irren. Und jetzt auch noch "Bilder deiner großen Liebe". Sehr geil, werden sie sagen. Bisschen abgefahren, aber der Herrndorf ist ja nicht fertig geworden damit und, ja genau, noch das mit der Birne, der hat sie ja selber nicht mehr alle beisammen gehabt am Schluss. Man weiß ja. Aber wenn dann endlich Tschick und der Blonde, also die titelgebende große Liebe halt, auftauchen, wird man für manches entschädigt. Ja, das werden sie schreiben und alle werden sich auf die Schulter klopfen, dass sie dieses schräge Büchlein sowas von scheißmichtot obergenial halten werden. 
Ich werde nicht dazu gehören. Ich hab die Kerzen ausgeblasen und das Ding in den Fluss gekickt. Wer hält sowas denn nur aus? Lustig sei es, haben sie geschrieben. Ich hab Rotz und Wasser geheult und konnte keine drei Seiten am Stück lesen. Und nicht, weil‘s so verspult war, wie die Kritiker Sand gerne gehabt hätten. 
Jedes Mal, wenn wieder so ein Typ in grünem Trainingsanzug aufgetaucht ist, oder wenn ich gelesen hab, wie magische Formeln in Maik Klingenbergs Kopf geflüstert wurden, hat es mir komplett den Stecker gezogen. Was soll der Irrsinn? Wer liest sowas? Und vor allem: Wer schreibt sowas?
Kanakenfreunde? Debilos? Insassen? Dr. Gelberbloom?
Und wer ist der Scheiß Kumpel Robert aus Camden?
Nein, das hält man im Kopf nicht aus. Weiß auch nicht, warum ich da so reagier. Ich tu es trotzdem: Gib ihm generös gerade mal noch drei von fünf, aber nur wegen Globoliblastombonus und so. Weiß doch jeder, dass der das Buch nur deshalb so schnell hingerotzt hat, um nach Tschick nochmal fett Kohle zu machen. Da empfehle ich, lieber mein Tagebuch zu lesen. Aber das liegt ja in Leos Zedernschatulle und ist nur für mich bestimmt.
Ich habe mit offenem Mund zu schreiben begonnen und meinen Gedanken zugeschaut, bis sie immer kleiner und kleiner, fast unsichtbar werden in tiefdunkler blauer Tinte, bevor sie sich aus dem Verschwundensein wieder materialisieren, indem ich sie gleich langsam nachlesen werde, Wort für Wort für Wort.

Isa.

Freitag, 19. September 2014

Die Rätsel in Wolfgang Herrndorfs Geniestreich Sand

Wolfgang Herrndorfs Geniestreich "Sand"


Ein unterschätztes, ein magisches Buch: Sand von
Wolfgang Herrndorf
Die Wolfgang Herrndorf Festwochen sind eröffnet! Demnächst erscheint "Bilder deiner großen Liebe", die Geschichte jener Isa, die man aus Herrndorfs Bestseller Tschick bereits kennt. Eine gute Gelegenheit, sich nochmal mit dem Werk des vor einem Jahr verstorbenen Schriftstellers zu befassen. 
Aus gegebenem Anlass musste ich persönlich leider seinen Glioblastom-Blog Arbeit und Struktur noch einmal zur Hand nehmen und habe mit diesen Hintergrundinformationen auch Sand noch einmal gelesen. 
Lange habe ich gezögert, den Roman, der seit einem Jahr in meinem Schrank stand, wirklich zu lesen. Das Buch gilt als verspult, kaum verständlich, zwar wundervoll geschrieben, aber  wirr und ohne Handlung.
Bullshit! Allen Kritikern sei ein herzliches "Ihr Idioten!" entgegen geschmettert. 
Sand ist laut eigenen Angaben Herrndorfs Trottelroman und man benötigt glücklicherweise etwas Hirnschmalz, um das Buch zu entschlüsseln. Und tatsächlich, die Handlung erschließt sich einem nicht nach dem ersten Lesen. Wer hin und her blättert, sich Verweise macht, findet letztendlich dennoch eine klar, lückenlos durcherzählte Handlung vor. Die vielen Rätsel werden sich dem aufmerksamen Leser nach und nach erschließen, genau das macht den genialen Reiz dieses Buches aus.
Und wer Herrndorfs Schicksal kennt, dem wird die Erkenntnis, wer Carl ist und warum er alles vergessen hat, schlicht den Stecker ziehen.
Sand ist ein ungewöhnlicher Geniestreich, und ein Writers Book. Also ein Buch, das allen, die selbst schreiben, oder verstehen wollen, wie man gut schreibt, wärmstens zu empfehlen ist. 
Bevor ich mit wüstem Spoilern beginne, noch ein paar Hinweise:
Sand ist mit sämtlichen literarischen Wassern gewaschen. Ein Feuerwerk inspiriert von den großen Autoren, die Herrndorf gelesen und verinnerlicht hat. Als Thriller ist Sand vielleicht verspult. Als literarischer Schmöker, seltsames Setting hin oder her, ein Quell ewig sprudelnden Genusses.
Ein Beispiel: Herrndorf beschreibt in Arbeit und Struktur Thomas Manns Chauchat Effekt im Zauberberg: Hunderte Seiten lang sehnt man sich mit Hans Castorp nach Madame Chauchat und auf einmal taucht ihr Name nicht mehr auf und die Sehnsucht setzt sich nur noch im Kopf des Lesers fort.
(Ab jetzt wird gespoilert, was das Zeug hält!)
Herrndorf lässt Carl, mit dem sich der Leser am meisten identifiziert, gleich mehrere Kapitel wieder und wieder dem sicheren Tod entkommen. Man leidet und leidet und hofft und bangt. Und kaum ist Carl in Sicherheit, macht Herrndorf ihn mit einem Nebensatz zur Leiche. Peng. Selten haben es Buchstaben im Kopf des Lesers derart knallen lassen. 
Das ist die Kunst. Herrndorf liebte die Russen (Literaten) und unzuverlässige Erzähler. Dem Erzähler ist auch in Sand nicht zu trauen. Ständig widerspricht er sich und auf einmal taucht auch noch ein Ich-Erzähler auf, der in Herrndorfs Alter ist und sich am Schluss genötigt sieht, auch den langsameren Lesern noch einige Zusammenhängen so zu erklären, bis auch der letzte Trottel die Handlung kapiert hat. (Nicht so mancher Rezensent). Man stellt sich vor, wie viel biestigen Spaß Herrndorf gehabt hat, das Hirn seiner Leser zu manipulieren. Jenes Denkorgan, von dem er selbst terrorisiert wurde. 
Die Rätsel lösen sich auf, aber bis ins Dankeswort hinein streut Herrndorf neue. Unter zig Namen, die man teils aus Arbeit und Struktur kennt, taucht auch Heather Gliese auf. So heißt im Buch Helens Tochter, mit der der Ich-Erzähler brieflich kommuniziert. Herrndorf spielt mit dem verwischen  von Fiktion und Realität. 
Spätestens hier merkt man aber, dass der Name Gliese etwas bedeutet. Helen wohnt in Appartement  381d  und Astronomen unter und werden nun aufjubeln, dass Gliese 381d einer der erdähnlichen Planeten ist, der unserem Sonnensystem am nächsten ist. Zufall?
Sand wird als Nihilistenroman bezeichnet. Gliese 381d steht aber für Hoffnung, dass es irgendwo da draußen noch eine zweite Erde gibt, auf der es besser ist. Spekulation.
Endgültig perplex war ich allerdings, als mir folgendes passierte: Bekanntlich war Herrndorf jemand, der viel über Google und Wikipedia recherchierte.
Tippt man also „Gliese“ in Google ein, tauchen gleich nach dem ersten Buchstaben Vorschläge von Google auf. Tippt man die ersten drei Buchstaben ein, meint man allerdings, seinen Augen nicht zu trauen: Als erster Vorschlag taucht auf: "Glioblastom"
Spielt einem nun das Gehirn schon wieder einen Streich oder hat da jemand Spaß daran, die Leute noch Jahre nach seinem Tod zu narren?

Wer ist Carl?


Und zu guter Letzt noch die Lösung des Rätsels, wer Carl ist und warum er zu Carl wurde. 
Carl ist Cetrois, das ahnt er selbst bald. Doch wer ist Cetrois?
Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, dass der nette Polizist Polidorio, den wir am Anfang des Romans kennenlernen, mehrere gefälschte Ausweise hat und sich, wie sich herausstellt, als Tugendwächter im Bordell gerne als Cetrois ausgibt. Polidorio ist Cetrois. Ist Carl. 
Und wieso die Amnesie?
Herrndorf hat einmal erwähnt, dass man mit der Diagnose Glioblastom, der Königsklasse unter den Tumoren, sich so einiges leisten darf. 
Zum Beispiel darf man seiner Romanfigur starke Kopfschmerzen verpassen und eine unerklärliche Amnesie bekommen lassen. 
Peng, beim zweiten Mal Lesen also der nächste Hammer. Dabei weist Herrndorf schon auf den ersten Seiten so deutlich auf die Kopfschmerzen hin, dass man sich über jeden Kritiker, der die Logik des Buches überlesen hat, nur wundern kann. 
Unbegreiflich auch, wie der Kopf, der sich diesen wüsten Thriller ausgedacht hat, die Übersicht bewahren konnte und tatsächlich bis zum Schluss alle Handlungsfäden so in der Hand hielt, dass Sand kein unzusammenhängendes Mosaik wurde, sondern der Leser, wie Carl, bis zum Schluss nach dessen Identität forschte.

Isa erschien am 26. September. 2014. Die Frage ist auch, ob es ein pessimistischer Roman wie Sand oder ein „Die Welt ist schön, trotz allem“ Buch wie Tschick wird…


Weitere Texte zu Wolfgang Herrndorf:


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