Donnerstag, 23. Juli 2015

Harper Lee zerstört die Nachtigall?

Harper Lees "Wer die Nachtigall stört" und die Verfilmung mit Gregory Peck gehören zu den Werken, die in mir sofort eine fast schmerzhafte Sommerwehmut auslösen. Ich höre Grillen zirpen, ich sehe eine Südstaatenveranda, eine Schaukel und das Haus, in dem der geheimnisvolle Boo Radley haust. 
„Wer die Nachtigall stört“ ist ein Gefühl, eine Empfindung. Der Film, Schwarzweiß, wurde in mir der Inbegriff schwüler Hochsommerabende. Die Gewissheit, dass es immer einen Atticus Finch gibt, der dich beschützt, der dir die Welt erklärt, fühlte sich nach Geborgenheit an. „Wer die Nachtigall stört“ war ein Lieblingsfilm meiner Mutter. Seit sie gestorben ist, ist der Film, ist das Buch, eine noch mächtigere Empfindung geworden. Eine wehmütige Erinnerung an eine Zeit, die so nie wieder kommen wird. Eine beschützte Kindheit in der alles gut wird, selbst in schwierigen Zeiten. 
Harper Lee hat mit "Stelle einen Wächter", so das Feuilleton, diese idealistische Wehmut, Atticus Finch als Identifikationsfigur zertrümmert. 
Mag sein. „To kill a mockingbird“ war ein politisches Buch. Es war das amerikanischste aller Bücher. Ein Mythos, den Harper Lee, so scheint es, nun ganz bewusst zerschlug.  
Vielleicht zum richtigen Zeitpunkt, da es Amerika bewusst wird, dass es noch immer ein Rassenproblem hat, dass die Civil Rights Bewegung noch immer nicht überall angekommen ist. 
Ich habe das Buch, selbst während oder gerade wegen meiner Zeit in Amerika nie als politisches Buch gelesen, sondern als eine Kindheitserinnerung. Später Eine Erinnerung an Amerika. Mag Atticus Finch nun entmystifiziert sein. Das Buch selbst, diese Beschreibung einer geborgenen Kindheit in den Südstaaten, wird nichts von seinen Zauber verlieren. Dieses Gefühl des Buches, das jeden, der es gelesen hat, begleitet und an die eigene Kindheit denken lässt. Bis heute taucht das Boo Radley Motiv in der Literatur auf. Zuletzt in Wolfgang Herrndorfs "Bilder deiner großen Liebe"
Ich habe nie wieder Holzverandas gesehen und Grillen zirpen gehört, ohne an Harper Lee zu denken. Und dieses Gefühl kann man nicht zertrümmern. Dieses Gefühl wird bleiben. 

Wenn ich Griechenland wäre - Die Schuldenkrise einfach erklärt

Wenn man Griechenlands Schulden auf einen Privathaushalt herunterrechnet...


Ich hatte mir vorgenommen, einen flammenden Appell für einen Schuldenschnitt in Griechenland zu schreiben und habe mir im Internet mal die Daten und Fakten zum Griechischen Haushalt angeschaut. Natürlich geht es um so viel Geld, dass jedermann weiß, dass die Schulden nie zurückgezahlt werden können. Dann machte ich das Gedankenexperiment und rechnete mal um, wie viel Schulden ich hätte, wenn ich Griechenland wäre… Ich war überrascht, dass ich als Privatperson, prozentual umgerechnet, ähnlich verschuldet bin wie Griechenland… Also nichts wie her mit dem ESF Rettungsschirm!

Angenommen, ich bin Griechenland, oder umgekehrt, Griechenland ist ich. Griechenland verdient also ca. 3000 EUR im Monat und hat sich die letzten Jahre verschuldet, weil es sich ein Haus gekauft hat bzw ich bin überschuldet, weil ich kürzlich die Olympischen Spiele zu Hause veranstaltet habe. Umgerechnet habe ich also (Stand heute) Schulden in Höhe von 142.896 EUR angehäuft.
Peter Zwegat bzw. Wolfgang Schäuble haben mir nun vorgerechnet, dass ich 2014 zwar monatlich 3000 EUR verdient habe, gleichzeitig aber Monat für Monat durchschnittlich 3183,90 EUR ausgegeben habe. Meine Schulden sind also jeden Monat um fast 200 EUR gestiegen. Macht nix, ich bekomme ja Dispo bei der Sparda und der Europäischen Zentralbank. 
Vor sechs Jahren, als 2009 die Sache mit der Schuldnerberatung begann, verdiente ich noch richtig gut: Damals lag mein Monatsgehalt bei 3465 EUR. Ich beschuldige seitdem Wolfgang Schäuble, dass er Schuld ist, dass ich wegen seiner Sparzwänge Monat für Monat weniger verdiene. Der schimpft zurück, dass ich damals Monatsausgaben von 4829 EUR gehabt hätte und es meine verdammte Pflicht gewesen ist, endlich sparsamer mit dem Geld umzugehen. Auch Peter Zwegat nickt und meint, dass meine Neuverschuldung wesentlich weniger sei als damals.
Ich bin trotzdem sauer auf die beiden Sparvögel, weil ich mit meinem stetig sinkenden Einkommen meine, wenn auch langsamer, dennoch stetig wachsenden Schulden nie zurückzahlen kann. Ich fordere lautstark einen Schuldenschnitt. Wolfgang Schäuble schüttelt den Kopf und Peter Zwegat rechnet vor, dass ich dank seiner Sparvorgaben monatlich statt 449 EUR, wie noch vor sechs Jahren, heute nur 263 EUR Zinsen monatlich zahlen muss. 
Ich schmolle trotzdem, beschimpfe beide als Gauner, mache ein Referendum, meine Frau sagt, dass sie auch keinen Bock mehr auf Sparen hat, ich schmeiße meinen Finanzminister raus und sage gegen den Willen meiner Frau dann doch zu, sogar noch mehr zu sparen als Wolfgang Zwegat ursprünglich von mir verlangt hat. 

Natürlich, eine Milchmädchenrechnung, da Griechenland sein Haus nicht für 300 Milliarden verkaufen kann und dann wieder schuldenfrei wäre. Trotzdem: Die Frage bleibt, ob all diese Schulden, die nicht nur Griechenland, sondern auch der Rest der Welt  und ich aufgehäuft haben, jemals zurückgezahlt werden können…

Samstag, 11. Juli 2015

Erst verschwinden die Bayern, dann verschwinden Fans und Erfolg


Der Wechsel von Bastian Schweinsteiger zu Manchester United markiert eine Zäsur. Den Anfang vom Ende einer Ära. Schweinsteiger ist nicht nur Fußballgott, Vereins-identifikationsfigur, sondern er ist ein waschechter Bayer beim FC Bayern. Er ist zusammen mit Philipp Lahm und Thomas Müller das Herz und die Seele einer Mannschaft, die sonst nur eine Ansammlung internationaler Fussballmillionäre wäre. 
Ende der 70er Jahre befand sich der FC Bayern in einer ähnlichen Situation. Die alternden Identifikationsfiguren Beckenbauer, Müller und Maier verließen nach und nach den Verein. Von den waschechten Bayern, die die großen Erfolge mitgemacht hatten, blieb nur Bernd Dürnberger übrig. 
Dass der sportliche Erfolg ausblieb, wäre für echte Fans nicht von Bedeutung gewesen. Aber der Mannschaft fehlten die Identifikationsfiguren. 
Mit dem damals weltbesten bayerischen Fußballer kehrte der Erfolg zurück: Paul Breitner prägte in den Folgejahren den erfolgreichen Fußball der 80er Jahre. 
Natürlich muss die Identifikationsfigur nicht zwingend ein gebürtiger Bayer sein. Karl Heinz Rummenigge wuchs damals in diese Rolle. Mehmet Scholl war der Held der Fans beim Champions League Sieg 2001. 
Auch einen Franck Ribéry lässt man inzwischen augenzwinkernd als echten Bayern oder als Identifikationsfigur des FC Bayern München durchgehen. 
Hat man aber diese außergewöhnliche Situation, dass es beim FC Bayern einen Spieler gibt, der seit seiner Jugendzeit für den Verein spielt und weiterhin das Potential hat, auf höchstem Niveau Fußball zu performen, dann muss man alles daran setzen, ihn im Verein zu halten. Und keinen gleichaltrigen Spanier als Ersatz verpflichten 
Für viele Fans ist dies ein schwarzer Tag heute. Die Hater reiben sich die Hände und diskutieren mit vergifteten Vergnügen darüber, ob Schweinsteiger nun ein Verräter ist, der nur dem Ruf des Geldes folgt. Was für ein Quatsch. Der FC Bayern wollte ihm keine Perspektive bieten. Manchester United ist ein Traditionsverein, ein Arbeiterverein, Louis van Gaal, der die bayerischen Bayern sehr schätzt, ist der Trainer. Sorry, aber echt eine sehr gute Wahl

Donnerstag, 2. Juli 2015

Wer zum Teufel ist Ronja von Rönne?

Flucht aus dem Chiemgau, zu viel gefeiert, die richtigen
Leute kennengelernt. Wie man als Autor berühmt wird.
Und wie nicht.
Ich weiß nichts über Ronja von Rönne. Außer das, was diese Woche im Spiegel stand. Ich habe sie nicht gegoogelt. Noch nicht. Ich habe nie zuvor etwas von ihr gehört. Jetzt völlig unverständlich. Dann dieser Artikel. Das Foto, das Wort Schriftsteller. Das Alter. Deswegen wurde ich auf diese Doppelseite aufmerksam. Klar, gutes Aussehen und junge Schriftstellerin, das zieht bei mir immer. Obwohl die Hegemann ja nur zweiteres bediente. Schmollmund hat schon was. Trotzdem interessiere ich mich nur für das, was sie schreibt und bin neidisch. Und dann lese ich Chiemgau und flippe völlig aus. Pfeffere die Zeitung in die Ecke, bin froh, nicht die Onlineausgabe gelesen zu haben.
Diese scheißinteressante Literaturhypefrau ist gar keine Berlin-Mitterin, sondern kommt aus dem verfickten Chiemgau. So wie ich. Ist 23 Jahre jung. So wie ich. Vor zehn Jahren.
Und ich schreie und beschimpfe sämtliche Leute, die mir in die Quere kommen, dass es diese blöde Ronja von Rönne gibt, und dass ich nicht sie bin und, noch schlimmer, dass ich ihr nie begegnet bin. Nichts von ihr und ihrem "windschiefen Haus im Chiemgau" wusste.
Ich weiß nichts über sie. Und trotzdem will ich sie sein, will ich, dass sie mich kennt. War ich nicht auch einmal der gefühlt aufregendste Jungautor im Chiemgau? Da es diese Kategorie nie gab und nie geben wird: Definitiv NEIN!
Ich lese den Artikel und bereue. Ich hätte mit 23 auch nach Berlin gehen sollen, auf einer Party zu viel trinken, mit den richtigen Leuten reden und einer Lektorin um den Hals fallen sollen. Dann hätte ich ein paar Wochen später einen Buchvertrag und eine Redakteursstelle gehabt, gut, wohl eher nicht bei der Welt, aber mindestens bei der Zeit oder so.
Ich weiß nichts über diese Ronja von Rönne. Meine Kampfklasse war eher Ronja Schratzenstaller, aber auch mit Montessori-Hintergrund. Wer, zum Teufel, ist Ronja von Rönne und warum macht es mich so irre, dass es sie gibt? Vielleicht, weil junge Schriftsteller mit einem einzigartigen Schreibsound in mir seit jeher eine unbändige Sehnsucht und eine niederschmetternde Reflexion meiner selbst auslösen. Besonders, wenn sie aus dem Chiemgau sind. Man sollte sie zum Stammtisch der Chiemgau-Autoren einladen. Meiner neuen Welt.
Einer Welt, die ich mit 23 noch in Grund und Boden verrissen hätte. Eine Welt, die sowas von weit entfernt ist von der, die ich mit 23 erobern wollte.

Zu spät. Ich bleibe ein nicht mehr ganz so junger Chiemgau-Autor. Sie macht halb Berlin-Mitte verrückt. Machs gut, Ronja von Rönne. Machs besser als ich!

Mittwoch, 1. Juli 2015

Kasperl Superstar live in Traunstein

Er ist unbestritten der Star unter den freiberuflichen Kasperl: Der Kasperl von Dr. Döblingers geschmackvollem Kasperltheater. Der Hype um den Megastar: Riesig. Seit den alten ORF - Kennwort Kasperlpost, 1136 Wien - Tagen hat kein Kasperl im alpenländischen Raum mehr so eine Popularität erreicht. 
Am Sonntag freuten sich hunderte Kinder und Erwachsene auf den Auftritt des kasperlnden Superstars in Traunstein. Schon Stunden zuvor picknickten wartende Fans im Stadtpark, um sich einen guten Platz vor dem Kasperltheater zu sichern. 
Doch wie es sich für einen echten Star gehört, ließ der Kasperl auf sich warten. Frau Hagemann von der Stadtbücherei, der es gelungen war, den vielbeschäftigten Kasper in die Provinz nach Traunstein zu locken, verlas die offizielle Mitteilung: Die Mitarbeiter von Dr. Döblingers geschmackvollem Kasperltheater hätten eine Autopanne gehabt. 
Schnell machte aber die Runde, dass der Kasperl womöglich in der letzten Nacht wieder arg über die Stränge geschlagen habe, gar ein Hotelzimmer zertrümmert habe und noch seinen Rausch ausschlafe. Wer kann, der kann. Die Popularität dieses Kasperls rührt ja nicht daher, da er so ein braver 08-15 Suppenkasper ist. Nein, dieser Kasperl wird für seine derbe, teils zynische Sicht auf die Welt geliebt. Ein Superkasperl wider Willen, der selbstironisch mit seiner Popularität umgeht. 
Jedenfalls kann der Kasperl nichts dafür, dass die Kasperl der Stadtbücherei die Maße der Bühne nicht berücksichtigt hatten und die gesamte Bestuhlung noch einmal umgebaut werden musste. 
Sprich: Alle, die sich vordere Plätze reserviert hatten, saßen nun ganz hinten. Eindeutig eine klassisch-typische Kasperei. 
Den Kindern war es Wurst, sie dürften alle ganz vorne sitzen, als es mit einer halben Stunde Verspätung losging. 
Und wie. Wachtmeister Wirsing und danach der Kasperl wurden mit schrillem Kreischen begrüßt, es ging zu wie auf einem Tokyo Hotel Konzert. 
Trotz Aufbaustress zeigte sich der Kasperl, Profi wie er ist, in Galaform und performte ein großartiges Theater bei dem Kinder wie Erwachsene gleichsam düpiert wurden und sich jeweils vor Lachen wegschmissen.  Ab und an wunderte sich der Kasperl, wie leicht die "Kinder vom Land" zum Lachen zu bringen waren, freute sich dann aber, wenn ihn selbiges auch beim kritischen Traunsteiner Hochkulturpublikum in den hinteren Reihen gelang. 
Kasperl und die Brotzeit hieß übrigens das dargestellte Stück. Und es ist, soviel sei schon mal verraten, gut ausgegangen.