Sonntag, 21. August 2016

Arbeit und Struktur: Wolfgang Herrndorfs Netzwerk

Viele halten Wolfgang Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur" für sein Hauptwerk. Wer sich noch nicht eingängig mit dem Autor beschäftigt hat, wird mit den Namen Holm, Cornelius und Kathrin zunächst wenig anfangen können. 
Herrndorf hatte aus gutem Grund die meisten der Personen, die er in seinem Blog erwähnte, nicht mit vollem Namen erwähnt.
Da es sich bei den meisten Freunden und Bekannten Wolfgang Herrndorfs allerdings um Persönlichkeiten aus der Berliner Autorenszene, der Digitalen Bohéme und um überwiegend Personen des öffentlichen Lebens handelt, besteht für Leser, die keinen tiefen Einblick in die Szene rund um "Höfliche Paparazzi" und "Zentrale Intelligenz Agentur" hatten ein wachsendes Interesse an dieser faszinierenden Autoren-Gemeinschaft aus deren Mitte immerhin das erfolgreichste Buch der letzten Jahrzehnte entsprungen ist.

Wie nun aber mit dem Dilemma umgehen, dass Herrndorf selbst keine Klarnamen verwendet hat?
Man kann versuchen das Dilemma zu umgehen, indem man sich "Sand", sein letztes zu Lebzeiten erschienenes Romanwerk genauer ansieht:

Auf der "Dank" - Seite führt Herrndorf selbst Dutzende der Personen aus seinem Freundeskreis und literarischen Umfeld an. Und zwar mit vollem Namen. 
Ergänzt man diese Namen mit den Informationen aus Wikipedia und den Webseiten der aufgeführten Persönlichkeiten, ergibt sich ein Panoptikum der Berliner Autorenszene: 
(Hier eine Auswahl:)

Lars Hubrich. Geboren 1974. Lebt als Autor und Filmemacher in Berlin. Er hat das Drehbuch zu "Tschick" verfasst.

Tex Rubinowitz Maler, Cartoonist und Schriftsteller. Hat für die Titanic gearbeitet. Mitbegründer der "Höflichen Paparazzi". 2016 Teilnehmer beim Bachmannpreis


Ulrike Sterblich. (*1970 in Berlin) Politologin, Moderatorin und Schriftstellerin. Arbeitete für die Titanic. Mitglied der "Höflichen Paparazzi" und der "Zentralen Intelligenz Agentur", Supatopcheckerbunny. Webseite: http://www.ulrikesterblich.de

Philipp Albers. Journalist, Autor. Zentrale Intelligenz Agentur. DLR Kultur. Mit Holm Friebe "Mimikry", "Was sie schon immer über 6 wissen wollten"


Holm Friebe. (*1970 in Lüdenscheid) Journalist und Autor. Gründer der "Zentralen Intelligenz Agentur", konzipierte die "Riesenmaschine" und etablierte in seinem Buch "Wir nennen es Arbeit" zusammen mit Sascha Lobo den Begriff "Digitale Bohéme"  Link zur Webseite: http://www.holmfriebe.de/

Jens Friebe. (*1975) Musiker, Bruder von Holm Friebe. War in den Nullerjahren sehr erfolgreich. Homepage: http://www.jens-friebe.de/

Cornelius Reiber. Kulturwissenschaftler. Wissenschaftlicher Mitarbeiter Freie Universität Berlin, Fachbereich Germanistik. 2006-2011 in Princeton. Zentrale Intelligenz Agentur, Gastgeber der Berlin Bunny Lectures. 


Ira Strübel. Jahrgang 1970. Autorin. Schrieb im Blog "Riesenmaschine" und war Mitglied in der "Zentralen Intelligenz Agentur" Sie ist die Partnerin von Kathrin Passig. Gemeinsam mit ihr schrieb sie das Buch "Die Wahl der Qual" Heute schreiben beide Kolumnen für die Neue Züricher Zeitung

Jochen Reinecke. Autor. Schrieb für die "Riesenmaschine". Buch: "Frei erfunden" Hat mit Klaus Caesar Zehrer das Buch "Ist hier noch frei" geschrieben.

Stese Wagner. Werbetexterin. Sie war zusammen mit Ulrike Sterblich eines der Bunnys der Berlin Bunny Lectures. Die Geschichte der Bunny-Years auf Youtube

Michael Lentz. Schrifsteller, Literaturwissenschaftler, Musiker. 2001 Bachmannpreis gewonnen. Herrndorf erwähnt in seinem Blog das jährliche Gartenfest von Lentz am Müggelsee zu dem zahlreiche Prominenz pilgert: Herbert Grönemeyer, Daniel Kehlmann, Karen Duve etc. Lentz auf Wikipedia

Per Leo. (*1972 Erlangen) Autor "Flut und Boden". Schatullenproduzent. Herrndorf begleitete ihn nach Marokko, wo Per Leos Schatullen (aus Zedernholz) hergestellt werden. Link Wikipedia

Jochen Schmidt. Schriftsteller, Mitglied der Deutschen Autorennationalmannschaft. Las in einer Aktion täglich 20 Seiten Proust.

Klaus Caesar Zehrer. (*1969 in Schwabach), Autor. Mitglied der Autorennationalmannschaft . Das beschriebene Buch, das er mit dem Illustrator Fil veröffentlichte, hieß "Der Kackofant"

Sascha Lobo. Blogger und Autor. Experte für Internet und digitale Technologien. Gründer von "Riesenmaschine.de". Mit Holm Friebe in "Wir nennen es Arbeit" die "Digitale Bohéme" ausgerufen. Enge Zusammenarbeit mit Holm Friebe und Kathrin Passig. Zur Homepage

Chris (Kris) Stelzl. (1973-2008) War einer der "höflichen Paparazzi", Teil der Zentralen Intelligenz Agentur. 2006 Diagnose Knochenkrebs. Sein Nachruf hier. Traueranzeige der höflichen Paparazzi (hier ist auch die Traueranzeige für Wolfgang Herrndorf) hier

Carola Wimmer. (*1970 in Berlin) Autorin / Kinderbücher. Hope, Ostwind. Herrndorfs Frau.

Kathrin Passig. (*1970 in Deggendorf) Journalistin und Schriftstellerin. Gewann 2006 den Ingeborg-Bachmannpreis. Veröffentlichte mit Ira Strübel "Die Wahl der Qual". Mitglied der "Zentralen Intelligenz Agentur", betrieb das Blog "Riesenmaschine.de".
Sie war eng am Lektorat aller Bücher Herrndorfs beteiligt und maßgeblich daran beteiligt, dass der damalige Maler Herrndorf Schriftsteller wurde. Das witzige Portrait vom Bachmannpreis auf Youtube

Marcus Gärtner. Lektor beim Rowohlt Verlag. Er wird in Herrndorfs letzten Jahren sein Lektor und wird intensiv mit ihm zusammen arbeiten. Gemeinsam mit Kathrin Passig wird er auch das unvollendete "Bilder Deiner großen Liebe" herausgeben.

Mehr zu Wolfgang Herrndorf: http://lesenszeichen.blogspot.de/2016/08/das-wolfgang-herrndorf-universum.html

Vom Maler zum Schriftsteller: http://lesenszeichen.blogspot.de/2018/03/wolfgang-herrndorf-vom-maler-zum.html

Donnerstag, 11. August 2016

Die digitale Boheme im Chiemgau

Mein 2007er - Ich

Holm Friebe und Sascha Lobo machten im Jahr 2005 mit ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ die digitale Boheme bekannt. Tenor des Buches war, dass mit den neuen Medien jeder es schaffen kann, auch ohne Festanstellung sich gut zu vernetzen, seine Arbeit bekannt zu machen und damit Geld zu verdienen.
Ich habe das Buch erst jetzt, über zehn Jahre später, in die Finger bekommen. Zehn Jahre, das sind in Sachen Internet ein Jahrhundert. Und auch wenn das Buch noch immer unterhaltsam und inspirierend ist, wirkt es aus einem Grund mehr als verstaubt: Facebook. 2005 war das soziale Netzwerk Nummer Eins noch „Xing“. Heute kaum vorstellbar.
Drehen wir die Zeit zurück und werfen einen Blick auf digitale Boheme in Traunstein. Besser gesagt, einem digitalen Boheme:
Warum gibts die Lokalisten nicht mehr?
Während Passig, Friebe, Lobo & Co. nicht nur gut schreiben, sondern auch programmieren konnten, warf ein Nachwuchsautor in Traunstein nach einigen HTML-Versuchen rasch das Handtuch. Internet, das war nix für ihn. Er stellte einen Text auf „e-stories.de“ und sorgte auf Sagen.at mit seinem Bericht über den Finstermann von Kirchanschöring für eine noch heute herumgeisternde Urban Legend... Das wars. 
Erst, als in kurzer Folge zunächst „studi VZ“, „Lokalisten“ und schließlich „Facebook“ wie aus dem Nichts auftauchten, begann er die Marketingmöglichkeiten des Internets wieder für sich auszunutzen. Mit einem Facebookprofil aus dem Jahr 2006 war er einer der ersten in Deutschland – zumindest im Chiemgau.
Auf myspace stellt er seine Kurzgeschichten, auf den Lokalisten bloggte er – als Fortsetzungsroman die Subkultur-Novelle „Glamorous Indie Rock’n Roll Girl“ und anschließend die ersten Kapitel der Kleinstadtrebellen. Er meldet sich mit einem Account als 21-jährige Ursel Obermaier an (Single) und seine Romanfigur bekommt Dutzende Dating-Anfragen.
Als Digitaler Boheme alles richtig gemacht. Oder?
Während in Berlin die „Zentrale Intelligenz Agentur“ entstand und man auf den Foren der „HöflichenPaparazzi“ seit Jahren gebloggt hatte, wirkten diese hilflosen Vernetzungsversuche sowas von 1999.
Wie die "Kleinstadtrebellen" begannen...
Heute, im Jahr 2016 habe sogar ich eine richtige Homepage, und ein Blog aber irgendwie fehlt das Netzwerk, um sich gegenseitig zu verbinden. Irgendwie gibt es in Traunstein keinen Sascha Lobo, nicht einmal einen Joachim Lottmann der sich mit mir verbinden möchte.

Im keine fünfzehn Kilometer entfernten Grassau ist es einer jungen Frau gelungen, die Sache ein wenig schlauer anzugehen: Ronja von Rönnes Blog „Sudelhelft“ war nicht nur wesentlich besser geschrieben, sie hat auch ziemlich rasch den Chiemgau verlassen, um an die literarisch wichtigen Orte zu gehen: Hildesheim, natürlich Berlin. Und wir, die traurige digitale Boheme Chiemgau, zu der neben mir auch noch der Firnwald und einige der Chiemgau-Autoren gehören, sitzen immer noch seufzend vor unseren Rechnern und fragen uns, wann es auch hier endlich 2005 wird.

Das Wolfgang Herrndorf – Universum

Die Rätsel in Wolfgang Herrndorfs Werk


Keine fünf Jahre hat es gedauert bis „Tschick“, wie von Kathrin Passig in einem Interview mit Wolfgang Herrndorf scherzhaft prophezeite, tatsächlich ein Schullektüren-Klassiker in deutschen Klassenzimmern geworden ist. Wolfgang Herrndorf ist nicht nur durch seinen frühen Tod 2013 zu einer legendären Figur der zeitgenössischen deutschen Literatur geworden.
Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die erste Biografie von Wolfgang Herrndorf erscheinen wird, zu bedeutend ist sein (Nach)Wirken auf die Literaturszene, auf die Zigtausenden Schüler, die seitdem gezwungen werden, sich nicht nur mit Autoren beschäftigen, die „hießen Goethe, Schiller, einer hieß Celan und einer Bachmann“ (Tschick- Outtakes), sondern auch mit einem, mit dem Namen „Herrndorf“
Ganz stimmt es nicht, dass es noch keine Biografie gibt: Herrndorf selbst hat mit seinem bewegenden Blog „Arbeit und Struktur“, das es auch als Buch gibt, dafür gesorgt, dass der Nachwelt jene biografischen Daten die er preisgeben wollte, erhalten geblieben ist. Vieles hat er vernichtet, allen voran seine Gemälde, Comics, Tagebücher, die unvollendeten Texte (auch ein begonnener Science Fiction Roman scheint zerstört worden zu sein). Für die nicht wenigen Literaturenthusiasten und Fans dieses Autors ein schmerzhafter Verlust. Für den Autor, der stets verfügt hat, „keine Germanistenscheiße“ in seine Werke hineininterpretieren zu lassen, nur konsequent.
Um den Autor und seine faszinierende Welt ein wenig besser zu verstehen, hat man immerhin das Internet zur Verfügung: Die wenigen Interviews und Texte seiner Freunde Passig, Holm Friebe, die Einträge in „Arbeit und Struktur“, die Sekundärliteratur befreundeter Autoren aus dem Umfeld der „Zentralen Intelligenz Agentur“ und den „Freundlichen Papparazzo“ helfen dabei, Mosaikstein auf Mosaikstein der Berliner Literaturszene der Nuller und beginnenden Zehnerjahre zusammenzusetzen.
In diesem Blog werde ich die kommende Zeit versuchen, alle Fakten und Fiktionen aus „Arbeit und Struktur“, Herrndorfs Bücher zusammenzutragen. Gerne dürft Ihr mir dabei helfen.
Ich beginne mit der Biografie von Wolfgang Herrndorf in die ich einige bisher wenig bekannte Ereignisse eingefügt habe:

Der Lebenslauf von Wolfgang Herrndorf


Geboren am 12. Juni 1965 in Hamburg

Aufgewachsen in Norderstedt

Besuch des Coppernicus-Gymnasiums

Zivildienst in einer Pfarrei

1986 halbes Jahr Praktikum Druckerei Wulf Offset

Achtziger Jahre: Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Hamburg
Karikaturist für Titanic

1995 lernt er Holm Friebe kennen. Auf einer Party von Holm Friebe schließlich Kathrin Passig mit der einige Zeit zusammen ist. Sie übt einen großen Einfluss auf ihn als Autor aus.

Arbeit bei den „Höflichen Paparazzi“, einem Internetforum

2002 erscheint „In Plüschgewittern“

2004 Publikumspreis beim „Bachmannpreis“ in Klagenfurt

2007 "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" 

2010 Im Februar Diagnose: Glioblastom (Gehirntumor) Beginn am Blog "Arbeit und Struktur"

2010 "Tschick"

2011 "Sand"

2013 26. August. Herrndorf kommt seinem Krebstod zuvor und bleibt „Herr im Haus“. Tod am Hohenzollernkanal.

2013 Post mortem: „Arbeit und Struktur“

2014 Post mortem: „Bilder deiner großen Liebe“ – Im Blog auch als „Isa“ betitelt.


Hier geht es weiter zu

Wolfgang Herrndorfs Netzwerk / Freundeskreis

Die Bücher die Herrndorf in Arbeit und Struktur erwähnt

Vom Maler zum Schriftsteller



PS:
Wer mich unterstützen möchte, darf mir gerne weitere Eckdaten nennen. Danke!

Montag, 8. August 2016

Rihanna in München Tage nach dem Terror

Rihanna hätte in Nizza gespielt. Am Tag nach dem Terroranschlag wurde das Konzert abgesagt. Und glaubt man den Münchner Boulevardmedien hat sie nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum auch ihr Zimmer in München abgesagt. Die Zeiten, in denen man ohne mulmiges Gefühl auf Großveranstaltungen geht sind längst vorbei. Was mir beim Rihanna-Konzert allerdings passiert ist, hat mich selber umgehauen.
Bitte fragt nicht, warum man, wenn man schon der Angst vor dem Terror trotzen will, ausgerechnet auf das Rihanna-Konzert geht, wenn es doch so viele andere gute Musiker auch noch gibt. Aber ich war da.
Es beginnt schon damit, dass die Parkplätze am Olympiapark alle besetzt waren. "Fahren sie zum OEZ, dort ist noch was frei." "OEZ" "Olympia-Einkaufszentrum". Aha, da war doch vor zwei Wochen was. Deshalb gibt's da noch so viele freie Plätze.
Olympiastadion München, eine hunderte Meter lange Schlange vor dem Einlass. Klar, es war angekündigt, dass schärfer kontrolliert wird als gewohnt. Aber stundenlang anstehen? Wir spazieren weiter zum Eingang Nord und seltsamerweise steht dort so gut wie niemand an. Eine Frau diskutiert mit dem Ordner, warum sie ihre Tasche nicht mit hinein nehmen darf. Die Tasche ist klein, aber nicht so klein wie das Quadrat auf das der Ordner zeigt. Auf die Größe kommt es diesmal an. Was die Größenauswahlkriterien waren ist nicht klar: Länge einer Kalaschnikow? Volumen von Sprengstoff, der keinen Schaden anrichtet? Jedenfalls fühlt man sich aufgrund der peniblen Kontrollen sicher. 
Und dann sitzt man im Stadion, schaut sich den Rapper Big Sean an, der Olympiaturm im Abendlicht. Und dahinter ein Flugzeug. Ein verdächtig niedrig über München fliegendes Flugzeug. Und auf einmal, ohne es zu wollen, geht das Kopfkino los: Das Flugzeug fliegt über das Olympiastadion, dreht eine Schleife, geht in den Sinkflug. Zehntausend Menschen schreien auf. Deckung! Wo Deckung suchen? Zwecklos. Das Flugzeug senkt sich in quälender Langsamkeit nach unten, panisch kreischende Menschen drängen sich Richtung Notausgänge. Die Securitys sehen machtlos zu. Ich öffne die Augen. Alles gut. Das Flugzeug ist weiter geflogen. Nichts passiert. Krass, was die Angst inzwischen mit einem machen kann.
Zurück zum Konzert: Rihanna kommt eine geschlagene Stunde zu spät. Starker Auftakt. Während alle auf die Bühne starren, steht sie auf einmal mitten in der Arena, spaziert durch den Mittelgang und beginnt mit starker Stimme und der Ballade "Stay". Danach wird es laut, es wird getanzt, die Bässe wummern und es fällt auf, dass Rihanna keinen Bock hat, ihre alten Songs zu spielen. Die neuen, die sie teilweise selbst geschrieben hat, performt sie hochmotiviert. Ihre alten Hits werden entweder gar nicht gespielt, oder als Medley zusammengemanscht. Als wolle sie ein Statement gegen die Hits ihres Karriereanfangs setzen, verweigert sie teils sogar dem Playback die Lippenbewegung. Ja, einige Songs werden Playback abgespielt. Die stärksten Momente sind deshalb die Balladen, die sie natürlich live singt. Höhepunkt "Diamonds in the sky", einem der wenigen intimen Momente als sie München direkt auf das "McDonalds-shooting" anspricht und die Fans bittet, mit ihren Smartphones Licht zu machen.
Und auf einmal ist die Show vorbei und kein einziger Zuschauer - außer ich, schreit "Zugabe". In Windeseile leert sich das Stadion. Was ist denn da los? Hab ich was verpasst? So schlecht war das Rihanna-Konzert dann auch wieder nicht. 
Aha, aus dem Internet erfährt man schließlich, dass Punkt 11 im Olympiastadion der Strom abgedreht wird. Wusste ich nicht. Rihanna wusste es scheinbar. Schade, hätte dann beim letzten Song vielleicht doch ein bisschen lauter geklatscht.

Freitag, 5. August 2016

Projekt Armut

Dispo, Dispo Partizani

Im zweiten Monat lebe ich nun bereits in absoluter Armut. Nein, Ihr braucht euch keine Sorgen um mich machen. Ich bin nicht in der Gosse gelandet oder so. Aber meine Frau hat mir die EC Karte abgenommen - erzieherische Maßnahme und so - ihr kennt das. Und seitdem ist es mir nicht nur einmal passiert, dass ich in der Stadt stand und nicht einmal genug Geld hatte, meinem enttäuschten Sohn eine Kugel Eis zu kaufen.
Es ist nur ein Experiment, aber eines mit ganz realen Konsequenzen. Beim Aldi muss ich die Preise der Waren wieder im Kopf überschlagen, vor dem Tanken muss der Geldbeutel geprüft werden, ob genug Bargeld da ist und einfach schnell wo Essen gehen ist auch nicht mehr drin. 
Hier liegt nun die Krux des Experimentes: Mir steht nur ein minimales Budget Bargeld zur Verfügung mit dem ich mein "Privatvergnügen", also Bücher, Restaurant, Hagebaumarkt zu finanzieren habe. 
Eine Weile hatte ich dennoch genügend Bargeld in der Tasche, weil ich jede Menge Bücher gegen Bargeld verkaufte... und das Geld sofort verjubelte. (Vielleicht ist dies der Grund, warum ich EC-Karten-Verbot erhalten habe)
Als der Bücherverkauf stagnierte überlegte ich, vorm Kaufland Leute anzuquatschen und sie anzuflehen, mir mein Buch abzukaufen, damit ich genügend Geld hätte, meinen Kindern essen zu kaufen. Armer Poet und so. Ich plante, darüber ein Blog zu schreiben und plötzlich berühmt zu werden, weil alle so viel Mitleid mit dem armen Irren vorm Kaufland haben würden, dass RTL und Fokus über mich berichteten. Aber das war mir dann doch zu doof.
Seitdem horte ich Pfandflaschen. Und wenn ich mir etwas gönnen will, bringe ich den Berg Plastikflaschen zum Aldi. Letztens konnte ich eine Kleinigkeit beim Chinesen damit finanzieren und es hat selten so gut geschmeckt.
Denn dies ist ein Nebeneffekt des Projektes: Geld hat wieder einen Wert bekommen. Wenn man kurz davor ist, in den Stadtbrunnen zu springen und die Münzen heraus zu fischen, um dem Kind ein Eis zu kaufen, weiß man, wie unerreichbar ein Euro sein kann. Natürlich, ich hätte ja Passanten anschnorren können. Aber mal ehrlich: Wer macht denn sowas? Dann schon lieber anflehen, sie sollen mein Buch kaufen.
"Selbstversorgergarten" heute
Schon vor zwei Jahren habe ich mich intensiv mit dem Thema Kapitalismus auseinandergesetzt, Thoreaus Walden gelesen und versucht, mich mit einem Balkongarten als Selbstversorger durchzuschlagen. Heute habe ich einen etwas größeren Garten (vielleicht ist ja dies der Grund, warum ich kein Budget mehr habe?) und bin um die Erfahrung reicher, dass Selbstversorgung utopisch ist, wenn man keine hundert Hektar Land besitzt. Und solange das Päckchen Rucola 99 Cent kostet und die gleiche Menge Rucola zum Einpflanzen beim Gartencenter 3,99 EUR, ahnt man die Milchmädchenrechnung.
Noch ein netter Nebeneffekt des Projekt Armuts: Man wertschätzt die günstigen Unterhaltungsmöglichkeiten: Bergsteigen. Radfahren. Sonnenuntergang am Balkon. Und solange ich mehr gute Bücher im Regal stehen habe als manche Dorfbücherei, kann ich mich an so manchen alten Klassiker erfreuen, der ansonsten ungelesen im Regal verstaubt wäre.

Wer den armen Schriftsteller dennoch unterstützen möchte, kauft unbedingt sein Buch:

Dienstag, 2. August 2016

Arbeit und Struktur 2.0

Bis in die Haarspitzen inspiriert. Lese wieder Arbeit und Struktur. Habe Herrndorfs Blog nicht mehr gelesen seit Daniels Tod. 
Einige der Medikamente, Studien und Therapien kenne ich inzwischen aus den Facebook Posts meiner Schwester in und auswendig. 
Es ist unheimlich, wie nah mein Leben dem von Herrndorf kurzzeitig gekommen ist. So vieles verstehe ich inzwischen, was damals nur unbestimmtes Grauen war. 
N. fragt mich, warum ich so besessen bin von Herrndorfs Welt. Ich frage, besessen im Sinne von 
- meinen zweiten Sohn nach Herrndorfs Freund zu benennen? 
Oder besessen im Sinne von 
- eineinhalb Jahre später Emails an Cornelius Reiber zu schreiben. Bin ich auf dem besten Weg dazu, Herrndorfs Freunde auf die Nerven zu gehen? 
Passig hat mich nie gereizt. Ebenso Sascha Lobo. Aber Cornelius. Und Holm. Wie Nebenakteure in einem Roman die man ebenso mochte wie den Held. 
Die Berlinbeschreibungen. Die Clique. Fußball am Abend. Eine Traumwelt. Immer wieder vergisst man das Glioblastom, vergisst man den Horror, weil das Leben so schön ist. 
Frage mich oft, was Daniel gefühlt hat. Ob er je das Gefühl hatte, die letzten zwei Jahre waren die besten. Daniel wusste nichts von Herrndorf. Er war kein Leser. Und ich bezweifle auch, dass er dieses Buch bemerkt hatte, das ich in seinem Wohnzimmer gelesen habe. Daniel war in jeder Hinsicht der Anti-Herrndorf. Gläubig, Familienvater, Handwerker. Es hat ihn, denke ich, noch heftiger erwischt als Herrndorf: Konnte von Anfang an kaum mehr sehen, bald nicht mehr gehen. Ich frage mich wirklich, ob er als Kranker überhaupt noch Glücksmomente hatte. 
Heute weiß ich, dass ich selber die letzten zwei Jahre emotional abgetötet war. Stumpfsinniges Leben in Angst. Habe das erste Jahr meines Sohnes verpasst, habe den Zauber eines neuen Zuhauses als bedrückend empfunden. Habe fast zwei Jahre nicht mehr lachen können, nicht mehr unbeschwert in der Sonne sitzen können. Ich war nur ein Angehöriger, aber es war die Hölle. Mir tut vieles so leid und es ist schrecklich, diese zwei Jahre verloren haben zu müssen. 
Wie muss es dann Daniel erst gegangen sein. Ich meine, er ist tot. Ich darf wieder lebendig sein. 
Herrndorf fragt sich in Arbeit und Struktur, ob er Todkranke ernst genommen hatte. Hatte er nicht. Und ich fürchte, ich auch nicht. Es muss schrecklich sein, von den anderen nur noch als Gespenst wahrgenommen zu werden. 
Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich Arbeit und Struktur wieder zur Hand nehmen konnte. Jetzt kann ich es nicht mehr aus der Hand legen. So viel Leben steckt dort drin. Ich will auch leben! Solange ich noch kann.

Weitere Texte zu Wolfgang Herrndorf:

Arbeit und Struktur - Wolfgang Herrndorfs Netzwerk