Sonntag, 24. Februar 2019

Becks letzter Sommer. Mein erster Benedict Wells

Eigentlich wollte ich Benedict Wells nicht mögen. Und seine Bücher schon gleich gar nicht. Und vor allem wollte ich mich nicht beschäftigen müssen mit diesem Typen und dem seltsam gefaked klingenden Namen. 
So, jetzt ist es also doch passiert. Erst behaupteten alle Autoren die ich schätze, dass sie diesen Benedict Wells ihrerseits sehr schätzen. Dann stellt sich heraus, dass dieser Benedict Wells kein sechzigjähriger Brite ist, sondern ein gebürtiger Münchner. Und in meinem Alter. Sogar jünger. Und zu allem Überfluss beschreibt sich dieser Wells in seinem Blog so sympathisch und spricht mir derart aus dem Herzen, dass ich mich genötigt sah, doch mal eines seiner Bücher zu lesen.
Hey, ich habe zu meinem 20. Geburtstag einen Roman eines John Irving geschenkt bekommen und war seitdem hin und weg und begeistert, dass Romane derart mitreißend geschrieben sein können. Dieser Wells behauptet dasselbe von sich.
Während der eine Zwanzigjährige Fachabi machte, Zeit beim Zivildienst vertändelte und eine Karriere als Beamter einschlug, weil er es sich nicht zutraute, Schriftsteller zu werden, setzte der andere zeitgleich alles auf eine Karte. Schrieb ein, zwei Romane ohne von den Verlagen bemerkt zu werden. Er pokerte hoch und gewann: Diogenes Verlag. Der Irving Verlag. Wow, was für eine Story, was für ein Märchen! Es fehlt nur noch, dass dieser Wells in Wirklichkeit ein verzauberter Prinz oder ein Adeliger ist, der sich gegen seine schreibende Verwandtschaft ohne den Namens-Bonus durchzusetzen versuchte.
Wells, der erste Versuch, also der Roman über diesen Beck. Nach zwanzig Seiten war ich enttäuscht. Beck nervte mich. Die Geschichte fand ich trivial und eher so semi geschrieben. Gott sei gedankt! Benedict Wells ist nur ein Mensch und nur ein mittelprächtiger Autor!
Monate später kramte ich aus reiner Langeweile, und weil der Wells-Hype auf Instagram und unter den Autorenkollegen ungehemmt weiter ging, den Beck noch einmal hervor.
Als ich mich an den Sound gewöhnt und mich auf die Story eingelassen hatte, erwischte  dieser Scheiß Sog, dem alle Wells-Fans so verfallen waren, also doch. Schlimmer noch: Dieses verdammte Buch war genau so geschrieben, wie ich mir immer ein Buch gewünscht hatte. Es wird getrunken, geliebt, die Leute tragen Bayern-Shirts. Yes, that's the real shit! War ich selber nicht einmal angetreten, um so zu schreiben? Und dieser blöde Benedict Wells hatte es einfach getan! Ein deutscher Irving? Ein junger Irving? Von wann war denn das Buch? 2008. Verdammt, gebt mir eine Zeitmaschine und lasst es mich damals lesen!
Auch die Entstehungsgeschichte ist zu verrückt um wahr zu sein: 1500 Seiten das Original. Auf weniger als ein Drittel zusammengestrichen. Fast genial die Einschübe des Erzählers, einen Schriftsteller namens Ben. Wie vermutlich an die hundert Seiten Abenteuer in Istanbul auf eine Seite Email-Erzählung eingedampft werden...
Mit dem Wissen, dass Benedict Wells noch keine 25 Jahre alt war, als er dieses muntere Stück gezimmert hat, habe ich mehrfach aufgejubelt, vor allem in der zweiten Hälfte, der B-Seite des Buches. 
Ich war wahrhaftig ein Spinner, dass ich Benedict Wells so lange ignoriert habe. Mit einem mulmigen Gefühl stellte ich auf der Suche nach dem Buch, das ich als nächstes Lesen wolle fest, dass noch ein Wells in meinem Bücherschrank lag. Anscheinend hatte ich den einst auf Vorrat eingekauft. Ein Buch, das in den USA spielt. War ich nicht selber auch lange dort? Und - tja - schon nach wenigen Seiten ist festzustellen, dass Wells nun nicht mehr zwei Seiten benötigt, um die heftigsten Emotionen darzustellen, sondern nur noch zwei Sätze. Ich fürchte, ich werde nun alle Bücher von ihm lesen müssen.