Mittwoch, 29. Oktober 2014

Warum Kirchanschöring ein ganz besonderes Dorf ist

Nicht erst seit heute befasse ich mit dem Thema, welche Bedeutung Kirchanschöring, neben dem, meine Heimat zu sein, für mich hat. Folgenden Aufsatz habe ich vor exakt 14 Jahren, als ich gerade in Prien lebte, geschrieben. Ob sich seit dahin viel verändert hat?


Warum ist eigentlich Kirchanschöring ein ganz besonderes Dorf?



An einem Samstagvormittag spazierte ich zum Bäcker, zum „Hiasn“. Dort standen an der Kasse mehrere Leute um eine Ausgabe der überregionalen Münchner Zeitung „tz“ herum. Auf Seite vier dieser bayerischen Version der Bild - Zeitung stand ein fast ganzseitiger Artikel mit der Überschrift „Der Bomber von Kirchanschöring.“ Daneben grinste den Leser ein altbekanntes Gesicht entgegen: Günter Wimmer.

Eigentlich kommt der Wimmer Günter ja aus Petting, jenen Ort zu dessen Gemeinde auch dieses legendäre Schönram gehört. Doch seit einigen Jahren ist der Günter ein Wahl - Kirchanschöringer mit Herz und Seele. 

Der Artikel dreht sich vor allem um Günters fußballerisches Können, da er laut einer Internet Statistik der erfolgreichste Stürmer von ganz Bayern sei. Doch zwischen den Zeilen dieses Berichts liest man vor allem eines heraus: Kirchanschöring ist etwas ganz besonderes. Der Verfasser beschreibt das Dorf als ein verschlafenes Kuhkaff, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, die Einwohner in Bauernhäuser leben und weder Heizung noch Türklingeln haben. Die Einwohner tragen Adiletten und Trainingsanzüge und ansonsten geht es hier urgemütlich zu. Ein Zufall, dass ausgerechnet in diesem Ort der erfolgreichste Torjäger Bayerns wohnt? Und dieser Superstürmer sagt dann auch noch ganz beiläufig: „Eigentlich spiele ich ja nur zum Spaß Fußball.“ Weil er eigentlich Musiker ist und als Sänger / Bassist der Band „Die Springer“ deutschlandweit noch bekannter ist als der Fußballstar Wimmer. Und dieses Alroundtalent, das sowohl als Musiker einen Plattenvertrag in der Tasche hat und zwischen Wien und Hamburg hin und her jettet, als auch als Fußballer Angebote bis hinauf von den Sechzigern bekommen hat, sagt ganz locker und kühl: „In einer Dorfgemeinschaft ist es viel lustiger“ Was ist also dran an diesem Dorf? Ist Günter Wimmers Entscheidung, „ja“ zu Anschöring und „nein“ zu München zu sagen ein Einzelfall? 
Nein, ganz und gar nicht. Ein Kirchanschöringer Fußballer hat bereits vor zwanzig Jahren Kirchanschöring über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht: Der Dürnberger Bernhard, wie ihn im Dorf alle nennen, oder der „Bernd Dürnberger“; wie er im Kicker, in der Bild - Zeitung und der Sportschau bekannt war. Der spielte nämlich just in der Zeit für den FC Bayern als der seine größten Tage hatte. Fünf Mal deutscher Meister wurde er, zwei Mal Pokalsieger, gewann drei Mal den Europacup der Landesmeister und sogar den Weltpokal. Dabei kehrte er zu keiner Sekunde seiner Heimat Anschöring den Rücken zu. Zahlreiche Geschichten gibt es, wie der Star nach einem Fußballspiel beispielsweise mit einem angetrunkenen Anschöringer die Autobahn Richtung Heimat düste, die Mitfahrer sahen schon die Schlagzeile in der Bild - Zeitung, falls sie einen Unfall gebaut hätten. Oder die durchzechten Nächte in Eberding mit dem Fußballstar, der sich am nächsten Tag im Training möglichst weit weg vom Trainer halten musste, damit der seine Bierfahne nicht riechen konnte.
Kirchanschöring war schon damals in aller Munde. Was auch daran lieg, dass das kleine Dorf damals in der Landesliga Fußball spielte. „Der Schreck vom Lande“, so wurde der SVK damals in der tz tituliert. Zweitausend Zuschauer waren am Sportplatz, als die Kicker gegen Teams wie Ingolstadt und den FC Augsburg spielten. Genau so viele wie Kirchanschöring damals Einwohner hatte. Zwei Mal gastierte der FC Bayern beim SVK. Kirchanschöring ist seit nunmehr dreißig Jahren eine Fußballhochburg im Landkreis.
Nun gut, dann handelt es sich bei Anschöring also um ein reines Fußballerdorf, oder? Stimmt auch nicht. Zu den sportlichen Größen, die über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt sind, zählen Namen wie Andrea Kühn, Tom Obermayer oder Matthias Reitschuh. Die eine gehört zu den Top Skifahrerinnen im Land, der andere war bayerischer Meister im Badminton, der dritte im Laufen. Alle drei leben in Anschöring.
Nun gut, reduzieren wir Kirchanschöring also auf ein Dorf aus fanatischen Sportlern.
Fast richtig. Würde da nicht ein landesweit bekannter Bildhauer namens Georg Winkler leben. Nicht zu vergessen der große Visionär der Leinwand, Joseph A. Huschka, dessen Bilder gleichwohl wie sein Auftreten überregionale Schlagzeilen gemacht hat. Und selbst eine der ganz großen wie umstrittenen Schriftstellerinnen, Luise Rinser, hat die entscheidenden Jahre Ende des zweiten Weltkriegs in Kirchanschöring, besser gesagt in Voglaich verbracht. Einige ihrer Werke handeln sogar über das Leben in Anschöring. Allerdings kommen die Anschöringer darin nicht so gut weg wie in diesem Artikel.
Aber sonst hat das Dorf nichts besonderes mehr zu bieten, oder?
Nun ja, wenn man die Firma Meindl mal außer Acht lässt. Die ist nämlich bekannt für Trachten in höchster Qualität. Von der Fußballmannschaft des TSV 1860 München über David Hasselhoff, Thomas Gottschalk bis hin zu Arnold Schwarzenegger wurden sie alle mal vom Meindl ausgestattet. Was hat es doch damals für einen Auflauf im Dorf gegeben, als der „Terminator“ Schwarzenegger Kirchanschöring besuchte...
Schlagzeilen gemacht hat ein Kirchanschöringer vor Jahren in der Abendzeitung. „Beim Liebesspiel im Waginger See versunken“
lautete die Schlagzeile damals. Ein nicht näher genannter Anschöringer war damals mit seinem Auto irgendwie vom Pano Parkplatz in den Waginger See gerollt...
Vermutlich gibt es noch zahlreiche andere Anekdoten rund um Anschöring, die zeigen, warum es ein außergewöhnliches Dorf ist. Nirgendwo sonst gibt es so lustige und verrückte Menschen. Egal ob es die „Lackner Buam“ sind, die mit Perücken bekleidet in der Bravo Girl abgedruckt werden, oder der „U - Stammtisch“, der am liebsten im Saaldofer Dorfbrunnen zum Baden geht usw. Kirchanschöring ist einfach etwas ganz Besonderes.

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Samstag, 25. Oktober 2014

Die Einzigen – Norbert Niemanns radikaler Roman über Kunst, Liebe und Musik

Norbert Niemann schaut grimmig in die Kamera. Die Augen zusammengekniffen, entschlossener Blick, Dreitagebart. Das Foto hat seine Frau, Judith Bader gemacht. Bereits das Umschlagsfoto auf Norbert Niemanns neuem Roman lässt etwas von der unbeirrbaren Radikalität der „Einzigen“ erahnen. Der Chiemgauer Autor war nie bekannt dafür, halbe Sachen zu machen. Mit seinem neuen Werk lotet er neue Grenzen des literarisch vermittelbaren aus. Die Einzigen sind, was anderes war auch kaum zu erwarten, keine leichte Literatur und es ist mehr als vermessen, nach dem ersten Lesen das Buch zu beurteilen, aber so viel bleibt haften: Stellenweise ist es in einer dem Blick auf dem Umschlagfoto entsprechenden Radikalität geschrieben. Einer teils schwer verdaulichen Wucht, ähnlich der Kunst die seine Protagonistin Marlene Krahl exzessiv auslebt.
Die Einzigen, so hieß die Band von Harry Bieler, aus dessen Sicht der Roman erzählt wird, der Band von Marlene Krahl und dem Bandleader Sellwerth, dessen Beerdigung der Aufhänger des Wiedersehens der anderen beiden ist. Schon die Namen sind in ihrer gewollten Gewöhnlichkeit so gewöhnungsbedürftig, dass der Standardtrivialwanderhurenleser einen weiten Bogen um das Buch machen wird. Lässt man sich darauf ein, wird man in eine fremdartige, bizarre Welt der Musik eingeführt, Norbert Niemann bringt eine faszinierende Nische der elektronischen Musik näher und ist in seinen Beschreibungen Marlenes Kunst derartig extrem, dass sich der Laie nicht nur einmal die Frage stellt, ob es die beschriebenen Musiksparten, Komponisten und Künstler wirklich gibt, oder ob sie eine grandiose Erfindung des Autors sind. Marlene Krahl betreibt eine bizarre, in ihrer Radikalität kaum zu überbietende Avantgarde-Musik. Gipfelnd in  einer, kreissägenartige Töne hervorrufenden Tanzchoreographie, geht Marlene ohne Rücksicht auf Verluste ihren künstlerischen Weg. Beneidet, geliebt und verachtet zugleich wird sie von Harry Bieler, der sich seinerseits von seinen künstlerischen Ambitionen verabschiedet und sich, auf seine Weise radikal, auf eine Expansion der Seifenfirma seines Vaters, der ihm einst so verhassten Firma, versteift.
Soweit die Grundthemen des Romans, gewürzt natürlich mit jeder Menge Sozialkritik, Norbert Niemann wird nicht umsonst als politischer Autor angekündigt.
Aber etwas schwelt zwischen den Zeilen, das die Geschichte nicht greifbar macht. Marlene Krahl ist es, die nicht greifbar ist. Sie wirkt körperlos wie ein Geist. Oder wie eine Schallwelle. Sie existiert im Buch, aber der Erzähler wirkt wie ein Gehörloser, dem es nicht gelingt, die Person Marlene Krahl, die Liebe, die Harry für sie empfindet, greifbar zu machen. So wenig, wie man Musik greifbar machen kann.
Aber wer Norbert Niemann kennt, der weiß, dass der Autor bis ins kleinste Detail plant und ein Schreibprofi wie er nichts, vor allem nicht den Erzählton, dem Zufall überlässt.
Vielleicht ist genau dies der Zauber des Romans: Denn Marlene Krahl gelingt es, als Musikerin die Musik greifbar zu machen. Und genau so sehr, wie sich der Leser 298 Seiten lang fragt, warum sich Harry Bieler und Marlene Krahl eigentlich lieben, so sehr fragt es sich letztendlich auch Harry selbst, warum Marlene, die ihm in allen Belangen überlegen ist, ihn liebt.
Und die Antwort, die Belohnung sozusagen, sich durch diesen tiefen, schweren Roman gekämpft zu haben, ist ebenso verblüffend wie folgerichtig. Und auf einmal sieht man den ganzen Roman mit anderen Augen.

Norbert Niemann ist ein Autor, dessen Bücher man entweder verstehen muss, oder ein zweites, ein drittes Mal lesen muss. Da ich mir nicht anmaße, zu ersterer Sorte zu gehören, freue ich mich bereits auf den nächsten Durchgang.

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Mittwoch, 22. Oktober 2014

Alois ist erleuchtet - Teil 3: Die List der Wanderhure

Die Lesung des Jahres in Traunstein. Das, so preist es der Veranstalter an, erfolgreichste deutsche Autorenpaar, Iny Lorentz, liest im Kulturzentrum. Zeitglich spielt der FC Bayern gegen Roma und obwohl mich niemand begleiten möchte, gehe ich trotzdem zur Lesung. Iny Lorentz haben, so viel ist bekannt, unter dem Titel "Die Wanderhure" einige historische Romane geschrieben. Eine Romanreihe, die meine Frau scherzhaft "Die Wanderschlampe" nennt. Bisher beinhaltet die Reihe: „Das Vermächtnis der Wanderschlampe“, „Die Tochter der Wanderschlampe“, „Die Rache der Wanderschlampe“ und, brandneu, „Die List der Wanderschlampe“. Ich bin begeistert. Und neben mir halb Deutschland. Mit dem Bestseller haben die beiden natürlich etwas mehr Tantiemen verdient als ich, was  mir zwei Stunden später noch zum Verhängnis werden wird. 
Aber erst muss ich mir einen Platz im Kultursaal suchen. Ich bin vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der befangen auf Vernissagen geht und sich wie ein Korken auf dem Wasser fühlt. Grüße Sie, Herr Angerer, meine Empfehlung, Herr Altbürgermeister. Bussi Bussi, Händeschütteln. Nur mich, den bedeutendsten Popliteraten der Stadt, beachtet niemand. Ich beschließe, drei Gläser Prosecco zu trinken, immerhin sind die gratis. Da entdeckt mich der Gastgeber, Walter Niederberger und begrüßt mich herzlich. Sofort laufe ich rot an und revidiere meinen Eindruck und finde die Veranstaltung super. Er weist mich auf seine Gemälde hin, die heute für einen guten Zweck verkauft werden. Der Kauf einer neuen Orgel soll unterstützt werden. Seine Bilder gefallen mir außerordentlich. Keine blassen Aquarellkleckse, wie ich sie von anderen Vernissagen kannte, sondern farbfreudige impressionistische Ansichten Traunsteins auf Acryl. Der Mann, versteht sich wirklich auf Farben, denke ich mir. Später erklärt mir Altbürgermeister Fritz Stahl, dass Herr Niederberger tatsächlich jahrelang die Firma Murschhauser, also das Farbenfachgeschäft in Traunstein geführt hat. Ein Gemälde meiner Heim-Aussicht, den Blick von Ettendorf auf die Stadt hinunter, finde ich in seiner Lichtstimmung äußerst eindrucksvoll. So bemerkenswert, dass ich nicht mehr aufhören kann, hinzuschauen. 
Währenddessen beginnt der offizielle Teil. Oberbürgermeister Christian Kegel vergleicht die Veranstaltung mit "Ein Kessel Buntes", verspricht aber, dass diese, im Gegensatz zur DDR Sendung, keine seichte Unterhaltung beinhalten wird. Ich bin gespannt.
Es sitzen einige der Chiemgau Autoren im Publikum: Michael Inneberger, natürlich. Auch Ina May, Günter Harras und vor mir ein anderes Autorenpaar, Rike Stine und Dieter G.Hoffmann.
Die sechste unserer Autorengruppe, Nora Berger, wegen der ich eigentlich hier bin, sitzt oben auf der Bühne. Sie liest aus ihrem Roman "Der Fluch der Zuckerinsel". Es geht um die Liebe in Zeiten Napoleons, um Martinique und Sklaverei. Soweit so gut. Als die Handlung auf einmal auf eine drastische Vergewaltigungsszene hinausläuft, bin ich plötzlich hellwach und lausche gebannt. Aber als es am spannendsten ist, bricht sie die Lesung mit dem Hinweis, mehr erfährt man im Buch, jäh ab.
Medienmogul Richard Kerler stellt sein Buch über geheime Orte im Chiemgau vor. Ich bin hochinteressiert, weil ich meinerseits an einer Zusammenstellung geheimer Ortein Traunstein arbeite. Ich kaufe mir sofort sein Buch und stelle erleichtert fest, dass wir soweit keine Überschneidungen haben. 
Schließlich kommen endlich die Stars des Abends auf die Bühne. Von der letzten Reihe, in der ich sitze, kann man zunächst nicht erkennen, wer Iny Klocke und wer ihr Mann Elmar Wohlrath ist. Beide haben einen ähnlichen Modegeschmack, der mich an die wilden Achtziger Jahre erinnert. Mit verschränkten Armen und ernst konzentriertem Literatenblick bin ich gespannt, wie sie mir die Wanderschlampe näherbringen wollen. Aber sie unternehmen bis auf einen Verweis auf Balzac erst gar nicht den Versuch, Hochkultur vorzugaukeln. Mit professionellem Humor umschreiben sie den Inhalt der Lesung mit - Zitat BamS: "Wanderhure reitet Pferd tot". Und so kommt es auch. Beide werfen sich unterhaltsam die Bälle zu, spielen das liebevoll enervierte Ehepaar. Es wird gelacht, ich bin begeistert. So lesen also die Profis. Vielleicht kann ich mir noch was abschauen.
Nach der Lesung begutachte ich noch einmal das Gemälde von Walter Niederberger mit dem außergewöhnlichen Lichtspiel. Neben mir steht Elmar Wohlrath und ich warne ihn scherzhaft, dass das mein Bild ist. 
In Gedanken überschlage ich, wie viele Bücher ich verkaufen muss, um mir das Bild leisten zu können. 150. So viel wie ich bisher in meinem ganzen Leben verkauft habe. Ich will nicht wissen, wie viel der Herr neben mir am Tag verkauft.
Walter Niederberger stellt sich dazu und ich mache ihm Komplimente in der Hoffnung, dass er mir das Bild meinem Geldbeutel entsprechend ein wenig günstiger anbietet. Die ganze Zeit steht Iny Klocke daneben und schaut ihn erwartungsvoll an. Während ich gerade ansetze, das Bild schwärmerisch mit den Werken der Pariser Impressionisten zu vergleichen, unterbricht mich Iny Klocke. Walter Niederberger nickt und mit Entsetzen muss ich dabei zuschauen, wie er mein Bild von der Staffelei nimmt und es feierlich der Erfolgsautorin in die Hand drückt. Iny Klocke lächelt mich siegesgewiss an und verschwindet mit meinem Bild. "Ich hätte es mir eh nicht leisten können!", murmle ich und blicke ihr neidisch nach. Auf einmal begreife ich, dies war zugleich die List und die Rache der Wanderschlampe.

Zuhause reiße ich das Poster von Alexandra Neldel von der Wand und haue mich heulend ins Bett. Im Radio höre ich noch das Tor zum 7:1 für die Bayern.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Borges im Kaufland - oder: Was Hanno Buddenbrook und ich gemeinsam hatten

Ab und an sehe ich ihn noch im Kaufland, wenn er die Rolltreppe runter fährt. Herrn Borges, einer der Lehrer, die mein Leben verändert haben. Es war ein weiter Weg vom Rottmayr Gymnasium 1996 bis ins Kaufland heute. Für uns beide, denke ich. Ich muss, immer wenn ich ihn im Kaufland auf der Rolltreppe sehe, an seinen Namensvetter Jorge Luis denken. Der hat ein Gedicht geschrieben, das ungefähr so geht: Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich…  Nicht mehr so perfekt sein wollen, mehr entspannt sein, mehr barfuß laufen und mehr Sonnenuntergänge anschauen usw. Der Witz von dem Gedicht ist natürlich, dass der Mann schon 85 ist und das alles zu spät begreift. Ja, daran denke ich, wenn ich Herrn Borges im Kaufland sehe. Einmal war ich tatsächlich barfuß, Herr Borges wirkte sehr unentspannt. Außerdem heißt es in dem Gedicht, man solle mehr Fehler machen. Wenn ich dem Herrn Borges meine Matheschulaufgabe von der elften Klasse damals unter die Nase gehalten hätte, hätte der gesagt: „Mehr Fehler kann man aber nicht mehr machen“, und damals haben wir beide noch nicht gewusst, dass die Mathe Sechs im Jahreszeugnis das beste war, was mir jemals passiert ist. Denn es war das letzte Jahreszeugnis, das noch den Stempel vom Rottmayrgymnasium drauf hatte und es war auch das letzte Mal, dass ich Angst vor der Schule hatte und auch das letzte Mal, dass ich keinen Spaß am Lernen hatte, aber das wusste ich damals natürlich noch nicht, dass es anders auch ging. Ich war ja fast mein halbes Leben lang auf dieses Gymnasium in Laufen gegangen. Und es lag auch nicht am Herrn Borges, wir hatten wohl mehr gemein, als ich mir eingestehen wollte. Immerhin haben wir beide inzwischen ein Buch veröffentlicht. Seines soll sogar richtig gut sein.
Nein, an der Mathesechs lag es nicht. Vielleicht an der Lateinfünf?
Von der fünften bis zur sechsten und dann wieder in der elften hatten wir einen humanistischen Lehrer, der viel von der sittlichen Reinheit redete und der es sich zu eigen gemacht hatte, seine Liebe für tote Sprachen seinen Schützlingen anhand enormen Psychodruck näherzubringen. Noch heute ist ein typischer Satz, wenn wir Klassenkameraden uns begegnen: „Hast du auch immer noch Alpträume vom Schorsch?“
Im letzten Kapitel der Buddenbrooks beschreibt Thomas Mann aus der Sicht von Hanno Buddenbrook diese Angst, die uns Lateinschüler so lange verband, recht treffend. Als ich es las, dachte ich lange darüber nach, ob es jetzt gut oder schlecht ist, dass es am Rottmayr Gymnasium 1996 noch Lehrer gab, die einen humanistischen Enthusiasmus aus dem Jahr 1896 an den Tag legten.
Ach ja, Borges Gedicht sagt auch nach: Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich weniger Dinge ernst nehmen. Wie seltsam, dass man so viele Jahre danach noch darüber nachdenkt, wie man seine Schulzeit verbracht hat. „Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten“, heißt es noch reumütig bei Borges, oder bei dem der dieses Gedicht geschrieben hat. Wie alt ist der Schorsch eigentlich heute?

Sonntag, 12. Oktober 2014

Bilder deiner großen Liebe - von dem "Tschick" - Typen

Alle werden „Bilder deiner großen Liebe“ super finden. 
Alle werden sich vor Begeisterung einkacken und jubeln, weil Wolfgang Herrndorf der Allergrößte war und weil er lange sträflich unterschätzt war, aber jetzt ist er ja tot und da kann man schon mal ausflippen, dass er die Stimme, ach was, der Kopf seiner ganzen Schriftstellergeneration war. Und alle werden sie Recht haben, weil Tschick ja schon so ein supadupa abgefahren geiles Teil war, Millionen Leser können ja nicht irren. Und jetzt auch noch "Bilder deiner großen Liebe". Sehr geil, werden sie sagen. Bisschen abgefahren, aber der Herrndorf ist ja nicht fertig geworden damit und, ja genau, noch das mit der Birne, der hat sie ja selber nicht mehr alle beisammen gehabt am Schluss. Man weiß ja. Aber wenn dann endlich Tschick und der Blonde, also die titelgebende große Liebe halt, auftauchen, wird man für manches entschädigt. Ja, das werden sie schreiben und alle werden sich auf die Schulter klopfen, dass sie dieses schräge Büchlein sowas von scheißmichtot obergenial halten werden. 
Ich werde nicht dazu gehören. Ich hab die Kerzen ausgeblasen und das Ding in den Fluss gekickt. Wer hält sowas denn nur aus? Lustig sei es, haben sie geschrieben. Ich hab Rotz und Wasser geheult und konnte keine drei Seiten am Stück lesen. Und nicht, weil‘s so verspult war, wie die Kritiker Sand gerne gehabt hätten
Jedes Mal, wenn wieder so ein Typ in grünem Trainingsanzug aufgetaucht ist, oder wenn ich gelesen hab, wie magische Formeln in Maik Klingenbergs Kopf geflüstert wurden, hat es mir komplett den Stecker gezogen. Was soll der Irrsinn? Wer liest sowas? Und vor allem: Wer schreibt sowas?
Kanakenfreunde? Debilos? Insassen? Dr. Gelberbloom?
Und wer ist der Scheiß Kumpel Robert aus Camden?
Nein, das hält man im Kopf nicht aus. Weiß auch nicht, warum ich da so reagier. Ich tu es trotzdem: Gib ihm generös gerade mal noch drei von fünf, aber nur wegen Globoliblastombonus und so. Weiß doch jeder, dass der das Buch nur deshalb so schnell hingerotzt hat, um nach Tschick nochmal fett Kohle zu machen. Da empfehle ich, lieber mein Tagebuch zu lesen. Aber das liegt ja in Leos Zedernschatulle und ist nur für mich bestimmt.
Ich habe mit offenem Mund zu schreiben begonnen und meinen Gedanken zugeschaut, bis sie immer kleiner und kleiner, fast unsichtbar werden in tiefdunkler blauer Tinte, bevor sie sich aus dem Verschwundensein wieder materialisieren, indem ich sie gleich langsam nachlesen werde, Wort für Wort für Wort.

Isa.

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Alois ist erleuchtet - Teil 2: Der Berater

Teil 2 der Realsatire über die Chiemgauer Kulturszene


Ich feiere meinen Geburtstag im Büro. Mein Chef greift nach dem Marmorkuchen, den meine Frau gebacken hat und sagt, dass er die Brösel am liebsten mag. Die Blätter der Zimmerpflanzen in der Ecke hängen welk herunter, ich schmeiß sie in Gedanken in einen Sack und zum Fenster raus. Öffentlicher Dienst, manchmal kann ich nicht fassen, dass ich an diesem Schreibtisch sitze und mir die Träume von Neuntklässlern anhöre, die Schriftsteller werden wollen. Ich weiß es längst besser und bin ein super Berater, was sie alles in ihrem Leben garantiert nicht werden. 
Früher habe ich meine Geburtstage mit Julia und Susi gefeiert. Julia ist inzwischen Modekünstlerin in Wien und hat sich seit 10 Jahren nicht mehr gemeldet. Und Susi studiert Regie in München. Verstohlen schaue ich mir unter dem Tisch mit dem Handy Facebook Fotos der beiden von der Schmiede Hallein an. Die Kollegen reden darüber, ob man sich als Beamter mit Rückenproblemen schon mit 63 verrenten sollte. Susi ist mit einem Musiker zusammen, der auch schreibt und für den bayerischen Rundfunk arbeitet. Er schreibt mittelmäßig, also nicht schlechter als ich und ich bin gelb vor Neid, dass die Typen vom BR sich alle gegenseitig hochjazzen und jeden Scheiß als hip verkaufen. Dann muss ich an den Typ denken, der einmal mit meiner Schwester ging, im Fasching immer eine Penisnase trug und jetzt für die Süddeutsche schreibt. Was will mir das Leben wohl mitteilen? Penisnase bei der Süddeutschen und ich im Arbeitsamt. Hätten wohl beide was Anständiges lernen sollen. 
Immer mehr Kollegen kommen rein und beglückwünschen mich so übertrieben herzlich, als könnte ich etwas für meine Geburt. Sie wollen Kuchen. 
Unterm Tisch checke ich über Google Analytics, wie viele Leute gestern auf meinem Blog waren. Vier.  Nur zwei davon länger als 20 Sekunden. Tatsache, kein Schwanz interessiert sich für meine Arbeit. "Wie geht's dir eigentlich bei deiner Arbeit?", fragt mein Chef kauend. Ich stecke das Handy wieder in die Hosentasche.

Seit einem Jahr pflege ich eine Homepage, auf der ich anfangs Literatur postete. Erst seit ich ein lustiges Papablog schreibe, habe ich nennenswerte Klickzahlen, da einige Leserinnen von Brigitte MOM auf meine Seite geleitet werden. Das ist natürlich zum Kotzen und nicht das, was ich mir an meinem 22. Geburtstag von meinem Leben erhofft hatte. Das war übrigens der, an dem Julia und Susi dabei waren. Damals dachte ich noch, ich werde Schriftsteller, daran muss ich immer denken, wenn ich die Neuntklässler berate. Dass ich mit 22 noch keinen blassen Schlimmer davon hatte, mit 36 einmal in einem kahlen Büro mit welkenden Topfpflanzen zu sitzen, mit Marmorkuchen und der Gewissheit, dass man alles richtig gemacht hat. Bis auf die Berufswahl: Man ist Berufsberater geworden. 

Zum Teil 1 geht's hier:
http://lesenszeichen.blogspot.de/2014/09/alois-ist-erleuchtet-das-erste-kapitel.html

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Was Selfpublishing Autoren von Dave Eggers "The Circle" lernen können

Dave Eggers Roman "The Circle" ist weniger ein Science Fiction Buch denn ein sehr ausführlicher Ratgeber, was im Social Network möglich bzw. notwendig ist. 
Zumindest, wenn man ein freischaffender Autor ist, der ein Produkt, sein Buch, zu vermarkten hat. 
Ein Self Publishing Autor wird rasch erkennen, dass eine Mae, wie Eggers Romanfigur heißt, in uns allen steckt. 
Der typische Autor denkt, es reicht, in jahrelanger Arbeit ein literarisch meisterliches, spannendes und lehrreiches Werk geschrieben zu haben. Er denkt, damit sei die Arbeit getan, im Nu ist man ein berühmter Schriftsteller und die Bücher verkaufen sich von alleine. 
Mitnichten. Ab jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Eggers chiffriert die Sozialen Netzwerke, aber man kann aus dem "Circle" durchaus eine To Do Liste ableiten, besonders für Autoren, wie man in der heutigen schönen neuen Welt erfolgreich wird. 
Frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. 
Denn was bringt ein brillantes Buch, die Verlage haben es ohnehin ignoriert, wenn die Leser nichts davon wissen?
Also ist es zwingend notwendig, in möglichst allen Social Networks präsent zu sein und über sich und sein Produkt zu schreiben. 
Ausgangspunkt ist die eigene Webseite, oder mindestens ein Blog. Ziel ist es nun, die Massen des Internets dorthin zu locken. 


Also benötigt der Self Publishing Autor ein Profil in folgenden Netzwerken:

1. Facebook (bis heute essentiell)
2. Twitter (Der Coolness halber)
3. Google Plus (wegen der Suchmaschinenoptimierung)
Obligatorisch: Xing, Tumblr, Instagram, LinkedIn, sowie Accounts auf lovelybooks, sowie das notwendige Amazon Konto

Zum Monitoring seiner Erfolge ist es zwingend notwendig, folgende Google Tools mindestens täglich, im Idealfall mehrmals stündlich, zu nutzen:

- Google Analytics
- Google Webmaster Tools


Lernen von "The Circle"

Doch bevor überhaupt irgendein Erfolg gemessen werden kann, und das lehrt uns Dave Eggers, ist es notwendig, mit der Internetgemeinschaft zu partizipieren!
Es gibt eine große Community der Autoren und eine noch größere der Rezensenten und Leser. 
Folge diesen Communities. Like und teile, was dir gefällt. Und vor allem: Teile Ihnen mit, was du zu bieten hast. Und poste nicht nur über das Buch, über deine Arbeit. Teile Ihnen mit, wer du bist, was du denkst und fühlst, lass sie Anteil an deiner Persönlichkeit nehmen. Je mehr die Community über dich weiß, und du bist ein interessanter Charakterkopf, du hast immerhin ein Buch geschrieben, desto mehr Traffic wirst du auf deine Webseite, zu deinem Buch locken. 
Sei offen, sei transparent. Sei unterhaltsam und sei aufmerksam. Teile und du wirst geteilt. In Windeseile wirst du merken, dass die Suchanfragen deines Namens in Google explodieren. Die Besucherzahlen auf deiner Webseite werden steigen und wenn du alles richtig gemacht hast, werden all diese Menschen, deine neuen Freunde, dir dein Buch ebenso abkaufen, wie es deine Eltern, deine Geschwister und Arbeitskollegen bisher auch getan haben.
Bist du beliebt, und das wirst du sein, wird das Buch ein Bestseller.
So wie Dave Eggers Ratgeber "The Circle"

Weitere Tipps findet man auf www.bernhardstrasser.de