Samstag, 29. September 2018

Stimmen aus dem Jenseits

Die Neuveröffentlichung von Wolfgang Herrndorf ist überraschend lesenswert

Wolfgang Herrndorfs "Stimmen"
Bald ist es soweit, dass Wolfgang Herrndorf, tragisch verstorben 2013, posthum mehr Bücher veröffentlicht hat, als zu Lebzeiten. Als ich hörte, dass ein neues Buch namens "Stimmen" publiziert werden würde, freute ich mich nur so semi darauf. Hatte Herrndorf selbst nicht alles lesenswerte zerstört oder löschen lassen? Beginnt nun auch bei Wolfgang Herrndorf die posthume Verwurstungs-Maschinerie sämtlicher irgendwo im Netz auffindbaren Textfragmente?
Marcus Gärtner und Cornelius Reiber, die Herausgeber, sind glücklicherweise langjährige Weggefährten Herrndorfs, die den "Tschick"-Autor wie wenige kannten und auch großes Interesse daran haben, dessen Erbe in seinem Sinne zu verwalten. 
Sie haben es geschafft: "Stimmen" ist - ähnlich wie "Bilder deiner großen Liebe" ein bewegendes, dicht geschriebenes Stück Literatur ohne das unsere Bücherschränke ein Stück ärmer wären.
Um was es eigentlich geht? Herrndorf-Kenner wissen, dass er selbst in seinem Blog "Arbeit und Struktur" angedeutet hat, dass er an einem "Stimmen"-Roman gearbeitet hatte. Der Roman ist vermutlich vernichtet. Die "Stimmen"-Texte jedoch nicht. 
Stimmen - so hieß Herrndorf im Internet-Forum der "Höflichen Paparazzi", in dem sich Anfang der 2000er das Who is Who der jungen Literaturszene tummelte. 
Wer nun, wie ich, befürchtete, dass das Buch aus gut geschriebenen, aber heute nicht mehr relevanten Anekdoten von Begegnungen mit Prominenten  bestünde, der wird positiv überrascht: Gärtner und Reiber haben Prosa ausgewählt, im typischen-Herrndorf-Sound erzählt, extrem dicht, immer wieder ergreifend und voller liebenswerten Humor. Erzählungen die sich perfekt in die bereits bekannte Herrndorf-Welt fügen. Texte, die auf der schmalen Linie zwischen Autobiographie und Fiktion tänzeln. 
Da wird das Auto, ein Wartburg, von Joachim Lottmann geklaut oder über die ersten großen Lieben reflektiert. 
Die Herrndorf Kritiker, die sich bis heute wundern, warum "Tschick" so gehyped wurde, dürften spätestens mit dieser Veröffentlichung anerkennen, dass Herrndorf ein Autor war, der - so unterschiedlich seine Bücher auch geschrieben waren - einen einzigartigen, unverkennbaren Ton entwickelt hatte. Viele der Texte sind - vermutlich auch aufgrund ihrer Veröffentlichung im Internet - so dicht geschrieben, dass mit wenigen Sätzen und großen Lücken zwischen den Zeilen - ganze Lebensentwürfe beschrieben werden. Das ist große Kunst. Dass die Texte gleichzeitig berührend und unterhaltsam sind, sowieso.
Am spannendsten dürfte für Fans wie mich allerdings das Nachwort von Cornelius Reiber und Marcus Gärtner sein: Darin gestehen sie ein wenig kleinlaut, dass sie also doch den Rechner Herrndorfs nach Juwelen durchforstet haben. Sie argumentieren, dass Wolfgang Herrndorf klar vorgegeben hätte, welche Texte zu löschen seien. Im Umkehrschluss, so argumentieren sie zu unserer großen Erleichterung, könne man alle Texte veröffentlichen, die er nicht explizit zur Löschung freigegeben hat. Und das ist gut so. 
"Stimmen" ist weder Leichenfledderei noch kommerzielle Ausschlachtung. Es ist ein weiteres fehlendes Puzzlestück im Gesamtwerk von Wolfgang Herrndorf und ich bin sehr dankbar, dass ich auch diesen Herbst noch einmal mit Texten von ihm verbringen darf!

Mehr zu Wolfgang Herrndorf:

Das Wolfgang-Herrndorf-Universum:

Vom Maler zum Schriftsteller:

Montag, 24. September 2018

Auf dem Güßhübel



Hinter Voglaich, am Stausee vorbei den Berg hoch, liegt Güßhübel. Es gibt hunderte Güßhübel im bayerisch-österreichischen Land. Heißt wohl etwas wie "Quelle auf einem Hügel" oder so. 
Mein Papa ist mit uns Kindern den Berg hinauf geradelt, am Schladei und Schmetzei vorbei zum Knaller. Dort wuchsen in der Wiese riesige Parasol-Schwammerl.
Ich selber konnte mich an diese Episode nicht mehr erinnern, aber meine Schwester hat sie an meinem 40. Geburtstag erzählt, als wir in der Scheune vom Knallerhof frühstückten.
Für Güßhübel hatte ich mich dreißig Jahre lang nicht interessiert. Gut, wir waren als Kinder bei der wilden Hilde auf dem Heuboden und eine anarchistische Wanderung bei strömenden Regen mit Martin endete in Güßhübel im Wald, wo wir Brotzeit machten. 
Später, als die Ahnenforschung begann, traf ich auf dem Weg zum Schladerer, wo mein Urgroßvater aufgewachsen war, zwei Amerikaner. Sie berichteten aufgeregt, dass es oben in Güßhübel eine Kapelle gäbe, die ich unbedingt anschauen müsste. 
Tatsächlich, hinter einem Bauernhof stand am höchsten Punkt des Hügels mitten auf dem Feld eine Kapelle. Sie war dem Heiligen Sebastian geweiht und eine Votivtafel erinnerte an eine spektakuläre Pest-Geschichte, als in ganz Watzing nur der Schwab die Pest überlebte und fortan Bauer aller vier Höfe war. Ich schrieb ergriffen einige Zeilen in das Gästebuch und wanderte weiter.
Jahre später stolperte ich im Internet über eine Bücherhütte in Kirchanschöring. Das Ehepaar Aicher, das bereits die Kapelle so liebevoll erbaut hatte, hatte neben der Kapelle eine Hütte voller Bücher eingerichtet. Der Wanderweg zwischen Kirchanschöring und Güßhübel, den die Gemeinde in Erinnerung an die einst in Voglaich lebende Schriftstellerin "Luise Rinser Wanderweg" nannte, führte ebenso an dieser Bücherhütte vorbei.
Jahre später war der Knallerhof ein beliebter Ort für große Festlichkeiten. Auch mein Cousin Hansi feierte dort seinen Geburtstag. 
Es war eine dunkle Zeit. Der Krebs war wieder in meine Familie zurückgekehrt. Diesmal hatte er ein erstes Mal die junge Generation erwischt. Ich erinnere mich, dass ich in düsterer Stimmung anreiste und selbst meine Todesfurcht inmitten dieses magischen Kraftortes gelindert wurde. Wir saßen bei Kerzenlicht unter einem Apfelbaum und aßen zu Abend. Ein kurzer Regen hinderte uns nicht daran, weiter zu speisen. Kurz darauf kehrten die Sterne wieder zurück. In der selben Nacht standen wir in der Sebastians-Kapelle und beteten und hofften. Zwanzig Monate später waren wir auf der Beerdigung, aber das Glas mit unseren
Wünschen steht noch heute in der Kapelle.
Dass ich selbst meinen 40. Geburtstag einst hier feiern würde, war dann doch eine der Überraschungen des Lebens. Erst hatte man mich als Schriftsteller für eine Lesung am Knallerhof gebucht. Und es war rückblickend tatsächlich die entspannteste und schönste Lesung die ich je gegeben habe. Im selben Monat fand also dort meine Geburtstagsfeier statt. Und wenn man an einem schönen Ort feiern darf, reicht es nicht, nur einen Abend dort Gast zu sein.
Es wurde ein Wochenende auf dem Güßhübel: Am Freitag sollte ich mit den Kindern aufbauen. Im Endeffekt lag ich auf der Holzliege neben der Bücherhütte in der Sonne und war seit Monaten nicht mehr so entspannt. Die Kinder plantschten oder verzehrten die saftigen Äpfel die hier überall herumliegen. Zwischendurch wurde mit Franz über Kultur und Schriftstellerei diskutiert und nichts deutete darauf hin, dass ich mich im kalten Traunstein seit Wochen wegen dieser Geburtstagsfeier an den Rand des Wahnsinns gestresst hatte.
Auch die Schönwetter-Garantie, die mir die Aichers gegeben hatten, hielt allen entgegengesetzten Wetterberichten stand: Als meine Feier begann blieb es sonnig und warm und fast dreißig Kinder tobten über das Gelände des Knallerhofes. 
Irgendwann, kurz bevor meine letzte Stunde als End-Dreißiger schlug, spazierte ich im Dunkeln über den Güßhübel und ließ die Stille und die Sterne und den Geruch, der so anders ist, als in der Stadt, auf mich wirken. Wie seltsam, dass man weg von zu Hause gehen muss, um zu begreifen, wo man "dahoam" ist. 
In derselben Nacht wurde ich statt vierzig noch einmal zwanzig. Zusammen mit meinen Studien-Freunden übernachteten wir in Zelten und Wohnmobilen und taten so, als ob wir nach dem Aufwachen keine Rückenschmerzen hatten. 
Am nächsten Morgen konnte man den wolkenverhangenen Bergen dabei zusehen, wie sie nach und nach aufklarten. Die auswärtigen Gäste fotografierten die Szenerie und fragten uns mehrmals ob wir wüssten, wie schön es bei uns ist.
Wissen wir es?
Als wir uns vom Knallerhof verabschiedeten, ratterten auf der Rückfahrt die Ideen, welche Geschichten man auf dem Güßhübel spielen lassen könnte. 
Dies ist die erste. Ich bin gespannt, ob weitere folgen werden...


Sonntag, 9. September 2018

Lesung am Knallerhof in Güßhübel

Meine erste Lesung in Tracht.
Danke an Sonja Rathgeb für das Foto!
Es gibt nichts schöneres, als wenn man vom Büro der Wirtschaftsförderung auf dem Privathandy angerufen und gefragt wird, ob man nicht in Kirchanschöring (seinem Heimatort) in Güßhübel (wo seine Vorfahren herkommen) am Knallerhof (dem magischsten Ort der Gegend) lesen möchte.
Ja! Ja! Ja! Schreit man in den Hörer. Nein! Nein! Nein!, schreit die Frau, an dem Tag sind wir doch auf eine Hochzeit eingeladen. Scheiß egal! Wenn sogar die Wirtschaftsförderung erkannt hat, wer der zweitbeste Schriftsteller Traunsteins ist und mich als Freiberufler fördern will, dann gibt es keine andere Antwort als JA!
Fesch gekämmt, in Tracht und mit einem hölzernen Herzerl am Revers fuhr ich direkt von der Trauung quer durch den gesamten Landkreis nach Güßhübel. Schon ab Voglaich fuhr ich mit meinem schnieken Hybrid-Auto an den bergauf pilgernden Fans vorbei. „Das ist ja der Bernhard!“, jubelten sie. Ich winkte jovial. Ich war spät dran. Hoffentlich wurden die Veranstalter nicht nervös, dass der Künstler noch nicht zugegen war.
„Wieder einmal steigt der talentierte Jungautor voller Hoffnung auf den endgültigen großen Durchbruch, aus seinem Auto und trägt eine Kiste voller Bücher, die er alle zu verkaufen gedenkt, zum Veranstaltungsort“, skizzierte ich, immer bei der Arbeit, gedanklich für meine Autobiographie.
Dann stand ich, mit meinem Bücherkarton unterm Arm, eine Weile verloren auf der Wiese des Knallerhofes herum und schaute zu, wie sich die Guten A-Band auf ihren Auftritt vorbereitete, Yvonne Liebl ihre vorzüglichen Speisen ihrer Esspedition kredenzte und Evi Dettl von Radio Buh mit ihrer Retro Kamera alle interessanten Leute fotografierte.
Als ich in meiner viel zu warmen Trachtenkluft zu Schwitzen begann und mein Magen knurrte, weil ich gerade das feudale Mittagessen auf der Hochzeit verpasste, setzte ich mich irgendwo in den Schatten und wartete auf Hinweise, wo die Lesung des Jahres stattfinden würde.
Inzwischen hatte ich erfahren, dass man eigentlich Franz Xaver Kroetz für den kulturellen Teil der Veranstaltung gebucht hatte, der aber keine Zeit hatte. Jemand in der Wirtschaftsförderung erinnerte sich, dass im selben Gebäude ein schräger Berufsberater arbeitete, der sich selber als Schriftsteller bezeichnete. Den könnte man doch mal fragen.
Als der offizielle Teil schließlich begann, wurde ich auch exakt so vorgestellt: Der Arbeitskollege aus den unteren Stockwerken, der aber nicht für die Wirtschaftsförderung arbeitet, sondern für die Agentur für Arbeit, hat zwei Bücher geschrieben, aus denen er jetzt vorlesen wird.
Der Arbeitskollege stand, immer heftiger schwitzend, daneben und murmelte kleinlaut ins Mikrofon, dass er doch heute ganz etwas anderes vorbereitet hätte. Beinahe hätte ich um Erlaubnis gefragt, ob ich den vorbereiteten Text auch wirklich vorlesen dürfe.
Aber da hatte ich längst das Mikrofon in der Hand und erinnerte mich daran, dass ich nicht nur der zweitbeste stellvertretende Teamleiter der Berufsberatung war, sondern auch Schriftsteller. Also wischte ich Schweiß und Zweifel beiseite und plärrte meinen Text von der Maria Bruckmüller so laut ins Mikrofon, dass ihn ebenjene auch noch zwei Häuser weiter, am Schladerer Hof, wo die 90-jährige Bruckmüller Maria damals lebte, sehr gut gehört hätte.
Hundert Zuhörer, die keine Chance auf Entkommen hatten – so eine große Lesung hatte ich seit Jahren nicht mehr. Genau genommen seit jener Veranstaltung, an der ich das letzte Mal den Text von der Bruckmüller Maria gelesen hatte: Der historische Verein Surberg hatte mich geladen und ich las im brechend vollen Wirtshaus Lauter die tragische Geschichte der Bruckmüller Maria, die das Fährunglück vom Waginger See überlebt hatte, vor. Der Auftritt war ein riesen Erfolg: Hunderte Menschen sahen mich gleichzeitig gerührt und bestürzt an. Blöderweise hatte es sich um eine Faschingsveranstaltung gehandelt und das maskierte Publikum war froh, als nach mir wieder Karl-Valentin Sketche aufgeführt wurden.
Nun las ich also für gut hundert Radlfahrer der Regio-Radltour 2018. Nach der Lesung diskutierte ich mit der stellvertretenden Leiterin des Ressorts Raumordnung, Kreisentwicklung und ÖPNV über die Tenglinger Verbindungen der Maria Bruckmüller. Und mit meiner Verwandtschaft über den Wahrheitsgehalt der Geschichte. Und mit einigen der Zuhörer, zu wem ich denn gehöre, was mein Hausname war und auf welchen Namen meine Eltern getauft waren.
Ich zögerte meine Rückreise zur Hochzeit noch etwas hinaus, weil ich darauf wartete, dass ich vom Regionalfernsehen und Radio Buh interviewed wurde. Irgendwann waren weder der Bernauer Toni , noch die Guten A-Band, noch Radio Buh mehr da und jemand nickte mir mitleidig zu: „Jetzt geh schon auf deine Hochzeit!“ Also nahm ich meinen Karton voller Bücher und trottete zum Auto zurück. „Nächstes Mal!“, sagte ich mir voller Vorfreude. „Nächstes Mal wird mein großes Durchbruch! Dann klappt es ganz bestimmt!“

Mehr zum Knallerhof: https://www.chiemgauseiten.de/chiemgau/buecherhuette-guesshuebel/
Der Text über die Maria Bruckmüller: https://www.chiemgauseiten.de/chiemgau/heimatgeschichte/das-faszinierende-leben-der-maria-bruckm%C3%BCller/

Freitag, 7. September 2018

Life Changing Books: John Irvings "Garp und wie er die Welt sah"


John Irving im Bücherschrank
Meine halbe Kindheit habe ich in einer Bücherei verbracht. Bücher waren immer ein Teil meines Lebens. So viel ich auch gelesen habe, ein "life changing book" war nicht darunter. Das bekam ich erst zu meinem 20. Geburtstag geschenkt. 
Meine Mama hat mir jede Menge Literatur in die Hand gedrückt. Selbst "Die Wand" hatte ich versucht zu lesen. Aber die große Literatur langweilte mich, weder Schiller noch Max Frisch hauten mich vom Hocker. Und für "Die drei ???" war ich zu alt. Damals las ich begeistert Stephen King und Michael Crichton, dachte, dies sei hochwertige Literatur. 
Während meines Auslandjahres in den USA mühte ich mich mit Henry David Thoreau und Arthur Miller ab, ohne aber ein wirkliches Gefühl für sie zu entwickeln. Literatur blieb etwas, das Mühe machte und bei dem man keinen Funken Freude empfinden durfte. 
So blieb ausgerechnet mir, der schon früh den Wunsch aussprach, ein Schriftsteller sein zu wollen, ausgerechnet die Türe Literatur lange verschlossen. 
Bis zu diesem 20. Geburtstag, als mir Uli Fuchs ein Buch von John Irving in die Hand drückte. Ich weiß heute nicht mehr, wie sie auf meine Geburtstagsfeier geraten war, noch was aus ihr wurde. Aber ihr Geschenk hat mein Leben nachhaltig verändert. 
"Garp und wie er die Welt sah", hieß der Roman. Sie sagte, es ginge um einen jungen Mann, der Schriftsteller werden wolle. Und sie hätte an mich gedacht, als sie es gelesen hat. 
Also begann ich es ebenfalls zu lesen. Das Buch war, anders als erwartet, leicht zu lesen. Es war nicht langweilig. Es war sogar spannend und skurril. Und gleichzeitig öffnete es mir eine Welt, die mir gleichzeitig bekannt und unbekannt war. Und sie beantwortete Fragen, die ich mir nie hätte zu stellen wagen. Es ging um Sex, um Liebe, um Leidenschaft. Ein erstes Mal befand ich mich im Leben eines Erwachsenen, das auch mein Leben hätte sein können. Es wurden große Fragen behandelt, die mir allerdings nicht so fremd waren wie die in John Steinbecks Romanen. Ich konnte Garp nachempfinden. Und in seinen Gedanken bereitete er mich auf das vor, was noch kommen würde. Ich war gerade zwanzig geworden, hatte keine Ahnung vom Leben und Angst vor der Zukunft. "Garp und wie er die Welt sah", ließ auch mich die Welt anders sehen. Und sie löste eine Lust auf Literatur in mir aus, wie ich sie nie für möglich gehalten hatte: Man konnte Bücher schreiben, die gleichzeitig literarisch UND unterhaltsam waren!
An diesem einen Buch mussten sich alle Romane die ich fortan las, messen. 
Und, zugegeben, es dauerte wieder viele Jahre, bis ich diese bedingungslose Liebe für ein Buch, für das Werk eines Autors, erneut spürte. Es waren später Wolfgang Herrndorf und Thomas Glavinic, deren Bücher ich begeistert und verwundert las, als hätte ich nie zuvor ein Buch in der Hand gehabt. Später waren es Haruki Murakami und zuletzt John Green, die mich mit jedem ihrer Bücher verzauberten. 
Zwischendurch hatte ich es immer wieder mit Thomas Mann versucht (erst in späteren Jahren erfolgreich) oder mit Hermann Hesse, der großteils ungelesen im Bücherschrank verstaubt. 
Heute weiß ich, dass Literatur anstrengend sein kann. Zu manchen Büchern wird man womöglich nie Zugang finden. Zu anderen in der richtigen Lebensphase.  Die der Deutschen sind von Natur aus eher spröde und schwerfällig geschrieben, während die Amerikaner die Meister der Leichtigkeit und Spannung in ihren Romanen sind. 
Ich habe John Irving Jahre später noch das eine oder andere Mal versucht, anzulesen. Er blieb mein Türöffner, ich blieb ihm nicht treu. Dankbar bin ich dennoch für "Garp" und dafür, wie John Irving die Welt sah. Und ich bin gespannt, wann ich das nächste Mal zufällig über einen Autor stolpert, dem es erneut gelingt, meine Welt so im Mark zu erschüttern, wie es John Irving damals gelungen ist.