Dienstag, 4. Februar 2020

Vom Anfang der Einsamkeit - Ferdinand von Schirach in Stein

So scharf wie die Rhetorik auf der Bühne sind die Fotos vom Huawei P30 nicht.

Ferdinand von Schirach ist der vielleicht hochkarätigste Autor, den das Gymnasium Stein bisher für die Steiner Literaturtage gewinnen konnte. Einer der meistgelesenen international veröffentlichten deutschen Autoren, der zugleich für Intellektualität und literarische Qualität steht. Klar, ganz Stein stand Kopf, die Veranstaltung war restlos ausverkauft und kleine Autoren wie ich wären außen vor geblieben. Auch, weil ich von Ferdinand von Schirach nur zwei Dinge wusste. Dass er der Cousin meines Lieblingsschriftstellers ist. Und er die Klappentextempfehlung von "Panikherz" geschrieben hatte. Mehr hatte ich von ihm nicht gelesen. 
Umso mehr hatte ich von Ralf Enzensberger gelesen, der als Moderator nach Stein geladen wurde. Und er überredet mich schließlich, nicht nur als aktiver Teil der hiesigen Literaturszene zu agieren, sondern endlich einmal auch als passiver.
Vielbeschäftigt wie ich bin, kam ich zum Literaturevent des Jahres eine halbe Stunde zu spät und musste erst mit der Einlassdame diskutieren, ob ich rein durfte. Für 25 Euro durfte ich. Von Schirach ließ sich von meinem Stühleknarzen und Mantelrascheln nicht stören und referierte inbrünstig über Europa, Menschenrechte und Werte. Als alle spontan applaudierten, klatschte ich frenetisch mit, obwohl ich geistig der Argumentationslinie nicht ansatzweise gewachsen war. Aber es war das Stichwort "Europa" gefallen und ich wollte kein Mensch sein, der beim Stichwort Europa nicht begeistert klatscht. Während ich immer überzeugter wurde, dass es sich um eine politische Veranstaltung handelte, verwandelte sich der eindrucksvolle Sermon doch noch in einen literarischen Text. Plötzlich klatschen wieder alle, das Licht ging an und von Schirach verschwand von der Bühne. Ich will meine 25 Euro zurück, skandierte ich und man beruhigte mich, es sei Pause. 
In der Pause gab es, anders als auf den Plakaten angepriesen, keine Zigaretten und Kaffee. Dafür Apfelschorle und Steiner Bier. Vom Who is Who Der hiesigen Literaturszene waren alle Lektorinnen, Netzwerkerinnnen und künftigen First Ladys da, die Rang und Namen hatten.
Die zweite Halbzeit bot den glücklich vom Buffet zurückkehrenden kauenden Kulturliebhabern ein rhetorisches Rededuell mit einer besonders geschärften Sprachklinge. Moderator Ralf Enzensberger bemerkte gleich in der Aufwärmphase des geplanten lockeren Plausches, dass junge Menschen wie er regelmäßig auf Youtube surften. Das geplante lockere Gespräch mit dem älteren Herren war laut Ferdinand von Schirach ab da vorbei – sehr zur Freude des Publikums. Denn das anschließende Wortgefecht zwischen Jung-Moderator und dem vermeintlichen Alt-Literaten verlief auf höchstem Niveau und ich bedauerte sehr, dass ich beim Beobachten mit offenem Mund kein Popcorn zur Hand hatte. Während die einen begeistert auf die nächste Spitze des Großliteraten warteten, hofften die anderen auf den einen Moment, an dem sie etwas wirklich Ergreifendes vom Schriftsteller erfuhren. Es ging beinahe im gegenseitigen Frotzeln unter, dass es Ralf Enzensberger gelang, diesen einen intimen Moment aus ihm heraus zu kitzeln. Er sprach von Schirach mit Bezug auf Eleanor Rigby auf Einsamkeit an. Für einen Moment fiel die Maske des launigen Rhetorik-Großmeisters und von Schirach erzählte leise, fast mit sich selbst sprechend, über die einsamen Momente in den Nächten. Er betonte, dass für ihn Einsamkeit etwas anderes sei, als Alleinsein und in diesem Moment war es bis in die letzte Reihe zu mir zu spüren, dass Ferdinand von Schirach dort oben zwar nicht allein, aber zutiefst einsam war.
Später erzählte er auf leise Weise, traurig reflektierend, dass er als junger Mann das Gefühl hatte, die Zeit sei etwas Zähflüssiges. Nun, mit fortschreitendem Alter werde sie immer schnellflüssiger und inzwischen weiß er, dass die Zähflüssigkeit der Jugend etwas Gutes war.
Zuletzt kam noch das Publikum zu Wort. Die Zuhörer hatten die einmalige Chance, einen der großen Geister unseres Kulturkreises eine einzige Frage zu stellen. Und was fragten sie? Frau 1: „Sie haben zuerst behauptet, dass Montesquieu die Perser-Briefe geschrieben hat. Dann, dass es Voltaire war. Da ist ihnen doch ein Lapsus unterlaufen, oder?“ Die zweite Frage, die das Leben des glücklichen Fragestellers für immer verändern sollte, lautete: „Ich bringe einen Ernährungsratgeber heraus. Möchten sie das Vorwort schreiben?“ Die berührende Antwort des Poeten: „Nein.“
Zum Schluss riet er den Schülerinnen und Schülern des Schloss-Internats Stein noch, dass sie sich von niemanden raten lassen sollten, welchen Beruf sie zu erlernen hätten. Sie sollten genau das erlernen, was sie gerne machen. Den Zuhörern allgemein gab er den Hinweis, sie sollen sich die Welt, die Menschen einfach anschauen, ohne sie zu beurteilen. Und, um noch ein letztes der vielen Bonmots zu nennen, ein Satz der mich sehr berührt hatte: „Literatur ist nie eine Macht. Sie kann nur Trost sein.“ Ich war untröstlich, dass ich nicht mehr genug Geld hatte, um mir „Kaffee und Zigaretten“ zu kaufen. Dafür hatte ich einen Abend erlebt, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Bis hierher gelesen? Dann geht es weiter auf www.chiemgauseiten.de/aktuelles

Donnerstag, 30. Januar 2020

Was Prien am Chiemsee mit Popliteratur zu tun hat


Benjamin von Stuckrad Barre und ich haben eine überraschende Gemeinsamkeit in unserem Lebenslauf. Dabei meine ich nicht, dass ich einige Jahre nur Bücher schreiben wollte, die sich lasen wie "Soloalbum". Oder dass in unseren beiden Romanerstlingen lebendige Hühner auf Sankt Pauli erworben werden. Noch besser, wir haben uns nur knapp verpasst und wären uns mit Sicherheit begegnet. Und zwar in Prien am Chiemsee, wo wir beide mehr oder weniger unfreiwillig einige Monate verbrachten. Ich lebte als Zivildienstleistender in der dortigen Jugendherberge. Benjamin von Stuckrad Barre, wie ich aus seinem "Panikherz" erfuhr, einige Meter weiter im Roseneck in der dortigen Klinik. Ich machte mit dem Rasta Zivi Mista Wicked meine ersten Erfahrungen mit weichen Drogen. Er versuchte zusammen mit Teenager-Mädchen mit Essproblemen von harten Drogen runter zu kommen. Ich schrieb wie ein Besessener und träumte davon, ein Schriftstellerstar zu sein. Er schrieb gar nichts. Er war schon ein Schriftstellerstar. Prien, das war eine seltsame Episode über die ich eines Tages schrieben wollte. Er, so durfte ich nun nachlesen, hat also schon über Prien geschrieben. 
Ich habe mir vorgenommen, nie wieder was von Stuckrad Barre zu lesen. Soloalbum war zu gut, das war genau das, was ich mir unter junger, wilder Literatur vorstellte. Panikherz als Hörbuch lasse ich aber gelten. Großartig gelesen. Großartig erzählt. Einfach großartig. 

Dienstag, 21. Januar 2020

Ende der Einsamkeit: Warum ich dank Benedict Wells wieder Schriftsteller sein will


Benedict Wells ist ein älterer Schriftsteller, der Schnulzenromane schreibt. Dachte ich lange Zeit. Never judge a book by it’s cover. Die Jahre in denen ich darum rang, ein guter Schriftsteller zu sein, orientierte ich mich überwiegend an Wolfgang Herrndorf, Thomas Glavinic und John Green. Herrndorf lebt nicht mehr, Glavinic ist schon lange nicht mehr aufgetaucht und John Green ist weit weg. Benedict Wells, hörte ich immer wieder von geschätzten Autorenkollegen. Warum ich nicht Benedict Wells lesen würde? Ich versuchte es mit „Becks letzter Sommer“. Ich hatte noch immer den älteren Schnulzenautor im Kopf und mochte den Ton des Buches nicht. Nach fünfzehn Seiten weggelegt. Irgendwann stolperte ich über den extrem inspirierenden Blog eines Autors, etwas jünger als ich. Er schrieb über seine Liebe zu John Irving und wie die Lese-Erfahrung eines Irving-Romanes in ihm die Wunsch erweckte, selber Schriftsteller zu werden. Ich erinnerte mich daran, wie ich zu meinem 19. Geburtstag „Garp und wie er die Welt sah“ geschenkt bekommen hatte und wie mich das Buch mit einer Begeisterung für Literatur erfüllte, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hatte. Ich fand diesen jungen Schriftsteller ungemein sympathisch und fand mich in vielen seiner Sätze wieder. Tja, es war tatsächlich Benedict Wells. Dass er ursprünglich sogar aus München stammt und sich bewusst gegen seinen eigentlichen – ungemein berühmten – Nachnamen entschied, machte mir diesen jungen Mann so sympathisch, dass ich noch einmal „Becks letzter Sommer“ in die Hand nahm. Ich brauchte immer noch eine Weile, bis ich mit dem Ton und dem Hauptprotagonisten warm wurde. Aber als ich verstand, wie Benedict Wells arbeitet, begann mich die Geschichte mehr und mehr zu begeistern. Und das sei noch nicht einmal sein bestes Buch, wurde mir versichert. Nun ja, drei Bücher später bin ich endgültig zum Fanboy mutiert und ich fürchte, ich habe ein neues Autorenvorbild. Warum? Wegen Sätzen wie diesen: „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“ Ein Satz wie dieser beschreibt alles, wie und worüber ich schreiben möchte und muss. Ich habe die letzten Jahre am Abgrund geschrieben, vieles vom „Ende der Einsamkeit“ ist mir vertraut. Was ich noch nicht wusste ist, wie kann man diesen Abgrund in einem Buch festhalten? So festhalten, dass man das Buch trotz aller Abgründe abgrundtief liebt. So geht es also. So und nicht anders. Bevor ich den Tod kennenlernte, schrieb ich über Euphorie und verrückte Menschen und gelbe Wunderkerzen, die wie Feuerräder unter den Sternen explodierten. Das Zitat von Jack Kerouac kommt in jedem meiner Bücher bis heute in irgendeiner Form vor. Und auch Benedict Wells hat es in die „Einsamkeit“ eingewebt. Zutiefst glücklich weiß ich nun, dass es dort draußen doch noch einen Schriftsteller der Generation, der ich mich zugehörig fühle gibt, der in mir die absolute, bedingungslose Liebe zur Literatur entfacht. Ich werde weiter schreiben und hoffen, dass ich irgendwann auch nur ansatzweise an der Intensität dieses Romans kratzen darf. Und das einzige, das ich bedaure ist, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der sein Talent erkannt hat. Dass Benedict Wells längst zu groß ist, als dass er seine Email-Adresse ins Netz stellt, damit hoffnungsvolle Nachwuchs-Autoren wie ich ihn um Rat bitten können. Aber man kann ja versuchen, ab sofort so lange über Benedict Wells zu schreiben, bis er es liest – oder jemand, der seine Kontaktdaten hat. Also melde Dich!

Montag, 9. Dezember 2019

Das Knallerjahr – mein Jahresrückblick 2019

Vom Knallerhof über die Buchmesse bis zum Poetry Slam

Obwohl ich mein großes Jahresziel 2019 prokrastiniert habe, kann ich trotzdem voller Dankbarkeit auf ein Schriftstellerjahr voller kleiner Höhepunkte und so manchem Knaller zurückblicken. Leider hat es der Jugendroman heuer nicht mal ansatzweise in die Buchläden geschafft. Immerhin ist er fertig geschrieben und die ersten vor Publikum vorgetragenen Kapitel bekamen wundervolle Resonanz von euch.
Bayerischer Rock'n Roll mit Zwoa Bier und mir
Das Jahr ging gleich super literarisch los. Mit meinem Autorenkollegen Matthias Tonon streifte ich einen Nachmittag lang durch die Cafés Münchens und ich ließ mich zu neuen Texten und Projekten inspirieren. Tags darauf ging es schon wieder zurück nach Kirchanschöring, wo ich mit der Münchner Band „Zwoa Bier“ gemeinsam auf der Bühne stand. Das Prinzip „Rock’n Roll Lesung“ kannte ich bisher noch nicht, aber auf dieser Lesung hat es dank den urgewaltigen Musikern ziemlich gekracht. Im positiven Sinn!
Gutes zur Knallerzeit am Kaffeehof Güßhübel

Schlag auf Schlag ging es im Januar weiter. Erst startete die Premiere der „Gutes zur Kaffeezeit“ – Reihe, die sich Franz Aicher vom Knallerhof und Yvonne Liebl von der Esspedition Waging mit mir ausgedacht hatten. Am selben Tag jettete ich weiter, weil mich Achim Bogdahn in den LadenBergen zur Live-Aufzeichnung seiner Radiosendung im Zündfunk eingeladen hatte. Dort traf sich das Who is Who der Chiemgauer Kulturszene. Neben Gastgeber Andreas Auer waren unter anderem Josef Winkler von der Muh, Manja Wolf-Voigt, Bayerns vegane Almwirtin und Ingemar Maier vom Kleidungsladen.de mit dabei.

Das Highlight im Februar war die Lesung von Takis Würger im Literaturhaus München. Ganz Literatur-Deutschland diskutierte seit Wochen über seinen Bestseller „Stella“ und die Diskussion verlor auch in München nicht an Schärfe. Auf der Lesung war jede Menge Prominenz aus der Buchszene da und ich durfte Hanser-Boss Jo Lendle und Buchbloggerin Lalena Hoffschildt kennenlernen.

Im März beendeten wir die erste Staffel der Knallerhof-Reihe. Bei drei Auftritten wurde ich von verschiedenen regionalen Künstler/innen musikalisch begleitet. Unter anderem waren die Geschwister Hoffmann und Hochzeitssängerin Tina Sorg mit dabei.
Traditionell ging es im März auch wieder nach Leipzig zur Buchmesse. Dieses Jahr begegnete ich dem großartigen Sasa Stanisic und besuchte die Lesungen von Sophie Passmann und Rocko Schamoni. Auch meinem Lehrmeister Arwed Vogel lief ich wieder über den Weg. Wie schön, dass die Buchmesse dann doch nur ein kleines literarisches Dorf sein kann.

Zwei besonders schöne Lesungen aus dem Elterntagebuch hatte ich im Mai. Erst lud mich die Bücherei Trostberg ein. Eine Open Air Lesung gab es schließlich beim Festival der Facebook Gruppe „Chiemgau do bin I dahoam“, wo ich bei traumhaftem Wetter unter anderem mit Christiane Tramitz und Ina May auf der Lesebühne stand.
Sichtlich Spaß hatte ich beim Festival "Chiemgau do bin I dahoam!

Der Juli begann mit dem Sommerempfang derWirtschaftsförderung. Eingeladen war ich diesmal nicht als Mitarbeiter der Arbeitsagentur, sondern tatsächlich als Autor. Ja, auch die wollen gefördert werden. Zusammen mit Franz Aicher ließ ich allerdings irgendwann das Buffet und die ganzen großkopferten Honoratioren links liegen und wir machten uns im Finstern auf die Suche nach dem „Pferd von Ising“. Es dauerte eine Weile, aber auch diese Mission erfüllten wir mit Bravour.
Das geheimnisumwitterte Pferd von Ising

Auf der Truna waren auch dieses Mal wieder die Chiemgau Autoren mit vertreten. Zwei Tage lang warb ich zusammen mit Heidi Merkel am Stand unseres Autorenvereins für die Bücher meiner Autorenkollegen.
Mit Heidi Merkel auf der Truna

Im Herbst startete wieder die Kultur-Reihe am Knallerhof. Mit dabei waren wieder alte Bekannte wie Tina Sorg und Manuela Zeiler, aber auch der bekannte Musiker Hans Breinbauer.
Und dann gab es noch etwas ganz kurioses: Jener Bernhard Straßer, der jahrelang schimpfte, dass Poetry Slams nichts für ihn seien, da Poetry Slams eine andere Sportart und er, der werte Autor, doch ein rein literarischer Schriftsteller sei, stand dann doch auf der Bühne beim Traunsteiner Poetry Slam. Gregor Dorfleitner hatte junge und erfahrene Autoren aus der Region zusammengetrommelt und im Traunsteiner O.R.T. einen kleinen aber feinen Poetry Slam organisiert. Mit dabei waren auch Christine Heimannsberg und Helmut Weber von den Chiemgau Autoren.  
Gregor Dorfleitner und die Crew vom Poetry Slam

Zu guter letzt darf ich noch einen Relaunch verkünden: Längst ein Klassiker der Traunsteiner Popliteratur, habe ich in der 3. Auflage die Kleinstadtrebellen noch einmal überarbeitet. Neues Cover, übersichtlichere Kapitel, schöneres Inlet. Nicht lange warten, sondern gleich bestellen!
Und so sehen sie jetzt aus:

Sonntag, 24. März 2019

Auf der Leipziger Buchmesse. Oder: Sasa Stanisic‘ Herkunft

Im Gelobten Land mit Christine Heimannsberg
Die Leipziger Buchmesse ist für einen kleinen Autoren und Literatur-Enthusiasten wie mich wie ein einziger kurzweiliger Sturm im Wasserglas des Schlaraffenlandes. Viel zu viele Angebote und ein urgewaltiges Tosen und Brausen aus Lesungen, Messeständen und Cosplayer. Wie den einen viel zu kurzen Tag sinnvoll nutzen? Jo Lendle und Takis Würger hatte ich heuer bereits genervt, also mussten neue Opfer her. Doch wo beginnen in diesem verdammten riesigen Süßigkeitenladen der Literatur? Ich startete ganz klein. Also vom Stand her. In Halle 2 hatte sich meine Chiemgau-Autoren Kollegin Chrstine Heimannsberg eingemietet. Ihr kleiner aber feiner Stand hat mich vor Neid erblassen lassen und es war eine wahre Freude zuzuschauen, wie viele Besucher sich während meines kurzen Besuchs für ihre „Gelobtes Land“-Bücher interessierten. Ihr Merchandise ist vorbildlich, meine Kinder stürzten sich begeistert auf die HOP-Tattoos. Ja, von ihr kann ein Autor viel in Sachen Marketing lernen. Und ihre Bücher sind ohnehin eine absolute Empfehlung für Dystopie-Liebhaber.
Rocko Schamoni auf dem blauen Sofa
In der Glashalle wollte ich anschließend Rocko Schamoni sehen. Dass ich etwas zu früh dran war und stattdessen Sophie Passmann zuhörte, war ein purer Zufall. Meine Frau hat sich gleich begeistert das Buch gekauft und schimpft mich wohl bald, ich sei einer der „Alten weißen Männer“. Für den heutigen Tag hatte ich nur zwei Namen auf meiner „To Do“-Liste. Blöderweise waren beide Veranstaltungen zeitgleich. Als ich hörte, dass Sasa Stanisic bereits jetzt bei „DLF Kultur“ auftreten würde, sprintete ich eiligst die Treppe hinauf nach oben. Im Rahmen des „Bücherfrühlings“ stellte er seinen Roman „Herkunft“ vor. Schon die Vorstellung wurde für beide Moderatoren zum Disaster, da sie sich vor lauter Konzentration, die vielen „Itsch“ richtig auszusprechen, wie im schönsten aller Zungenbrecher hoffnungslos verhedderten. Was
Mein Leipzig Highlight: Sasa Stanisic
Franz Müntefering
mich mit Sasa Stanisic verbindet? Leider nichts. Wir haben nie gemailt oder geredet oder uns auch nur im entferntesten irgendwo geliked. Und trotzdem sind wir derselbe Jahrgang und ich schätze seine Bücher sehr. Ihn ein erstes Mal live zu sehen, erstaunte mich. Seine positive Energie, die er mit Betreten der Bühne nur so um sich schmiss. Dann, wie der damals blutjunge Autor seit seinem Debüt gereift und gealtert ist. Als blickte ich in ein Spiegelbild. Und schließlich, wie grandios er aus seinen Büchern vorträgt. Stehend, die Hände zu Hilfe nehmend, mit begeistert leuchtenden Augen, las er aus „Herkunft“ vor. Und, Heilige Scheiße, ich saß alleine ganz hinten im DLR Studio, die Kinder tobten durch Halle 2 und ich hätte beinahe geheult wegen diesem Dr. Heimat und wegen Stanisic‘ Geschichte und gleichzeitig wurde aus ganzem Herzen gelacht. Verdammt, ist das gut. Ich wusste, dass ich meinen Buchmessen-Moment gerade hatte und ich ohne schlechtes Gewissen aufstehen und wieder heimfahren konnte.
Aber zuvor wollte ich noch Vea Kaiser sehen. Vor ihr sprach Franz Müntefering über das Altern und er erhielt mehr Zwischenapplaus als die SPD dieser Tage Prozentpunkte erreicht. Während Vea Kaiser anschließend über Rückwärtswalzer und über die Manen erzählte, fühlte ich mich plötzlich unendlich einsam. Ich war hier, im Epizentrum der literarischen Welt. Aber ich war allein. Meine Instagram-Buddies und Autorenfreunde waren bereits am Freitag dort gewesen. Der Rest hatte keine Lust, sich
Vea Kaiser 
mit mir zu treffen. In einer Branche in der es nicht nur um gutes Schreiben, sondern auch um exzellentes Netzwerken geht, hatte ich niemanden. Im selben Moment rief jemand meinen Namen. Das war mir in meiner Messe-Historie erst einmal passiert, dass ich unter Zehntausenden Besuchern einem Bekannten über dem Weg gelaufen war: Arwed Vogel vom VS Autorenverband Bayern. Und ratet mal, wer mich diesmal gefunden hatte? Richtig: Arwed Vogel. Heute wie damals war mein kurzer Austausch mit ihm der letzte Höhepunkt und Schlusstrich meines Messebesuches. Er gab mir einen Stapel Flyer der Literarischen Sommerakademie Schrobenhausen mit. Danach verabschiedete ich mich von Vea Kaiser, von Halle 3 und von Leipzig. Und wie jedes Jahr schwor ich mir, dass ich nie wieder als Gast hierher zurückkehre. Sondern nur noch als Autor, Buchblogger oder Standbetreiber.

Dienstag, 12. März 2019

Erfüllung eines Kindheitstraumes: Meine Reise nach Rom


Wenn man im Zug zwischen Flughafen und Roma Termini bereits aus dem Zug springen möchte, nur weil vor dem Fenster die Ruine irgendeines Aquäduktes vorbeitauscht, sind das nicht die besten Voraussetzungen für einen Kurztrip in die ewige Stadt. Jedenfalls nicht für meine Frau, die den ganzen Schlamassel ausbaden muss.
Warum jemand, der seit seinem 5. Lebensjahr Römerbücher verschlingt, 7 Jahre Latein ertragen hat und dessen Lieblingslied "Junge Römer" heißt, noch nie in Rom war, bleibt ein ewiges Rätsel.
Zum 40. Geburtstag hat man mich also auf die Reise in meine Traumstadt geschickt.
Erster Eindruck: Extreme Armut, hässlicher Bahnhof, Taschendiebe am Bahnhof und die miefige Metro. An der Metro Station permanentes Knallen wie von Schüssen, ein normaler Tag in Italien, wie ihn sich der Bub vom Land in all seinen Vorurteilen vorstellt.
Nach dem Check In ist es schon fast 6 Uhr abends und trotzdem will ich mir noch möglichst alles anschauen. Ob es mir gelungen ist?

Rom, 1. Tag

Mit der Metro zur Haltestelle Colosseum. Und schon von weitem sehe ich das Wahrzeichen Roms und den Konstantin-Bogen und beginne immer schneller zu laufen. Nicole verdreht die Augen: Das kann ja heiter werden.

Wie ein Kind im Süßigkeitenladen springe ich aufgeregt bin und her und weiß nicht, wohin zuerst.
Dass das ganze Kolloseums Areal eine einzige Touristenfalle ist und mir tausende Typen Selfiesticks und guided Tours anbieten wollen, bemerke ich gar nicht. Noch nicht.
Wir spazieren im Schnellschritt links um das Kolosseum. Inzwischen dämmert es. Auch ihr. Sie ist mit einem Rom-Besessenen unterwegs. 
Die Sehenswürdigkeiten sind wundervoll illuminiert. Das Forum Romanum zieht mich magisch an. Doch es ist bereits geschlossen. Schon immer wollte ich dort hin. Nun komme ich nicht rein. Egal, morgen ist auch noch ein Tag.
Wir spazieren links den Palatin hinauf. Eine milde Frühlingsnacht. Es duftet herrlich, in Rom erwacht die Pflanzenwelt bereits aus dem Winterschlaf. Langsam flanieren wir im neongelben Laternenlicht einen romantischen Weg hinauf. Rechts ein gigantischer Blick auf die Ruinen des Forums. Warum Eintritt zahlen, wenn man von hier ohnehin alles sieht? Selig genieße ich die Nacht und bin endlich angekommen. In Roma.
Der Weg endet in einer kleinen Kirche, die Chiesa di San Bonaventura di Palatino. Es ist ruhig hier oben. So wie das Rom in meinen Träumen. Es ist Donnerstagabend und noch ahne ich nichts vom Romawahnsinn der vor mir liegt. Sie vermutlich schon.
Wir schlendern wieder ins Viertel runter, suchen eine Trattoria. Aber alle sind entweder zu teuer, oder zu schäbig, oder voll. In einer sind alle Römer. In der zweiten sind alle Touristen. Alle, wirklich alle Touristen drängen sich in ein einziges, zugegeben sehr gemütlich wirkendes Ristorante, die Trattoria Luzzi. Wir landen im Binario 4 bei zwei Pakistani, die uns launisch bedienen. Aber das Essen ist okay und der Wein herrlich günstig.
Angeschickert beschließe ich, äh beschließen wir, das nächtliche Rom zu erkunden. Mit unserem 24 Stunden Ticket liegt uns die Stadt zu Füßen. Über Termini mit der Metro A zur Piazza Barberini. 
Hier rührt sich schon deutlich mehr. Junge Römer, schick herausgeputzt, stehen vor irgendwelchen Lokalen Schlange. Wir folgen dem auch Nachts deutlich erkennbaren Menschenstrom. Wo er wohl hin führt?
Vorbei am Coop in das Nachbarviertel.
Schließt man die Augen ist es fast wie in diesem Film, den all die Leute vermutlich nie gesehen haben. Das Rauschen des Wassers. Man steht in einer Seitengasse Roms und hört dieses alle Geräusche durchdringende Rauschen. Noch ein paar Schritte, dann sieht man erst die Menschenmassen. Rechts baut sich dieser gigantische Brunnen auf, der in weißem Marmor in die Fassade eines Hauses eingefasst ist. Der Trevi Brunnen. Ob es irgendeine Nachtstunde gibt, in der man wie Anita Ekberg tatsächlich allein am oder im Brunnen ist? Touristen hin oder her. Der Ort ist magisch. Stundenlang hätte ich dort verweilen können, ohne etwas anderes zu tun, als ins Wasser zu schauen. Oder die Touristen zu beobachten.
Es gibt in Rom eine Regel: Die nächste Sehenswürdigkeit ist immer exakt 15 Gehminuten weg. Also nehmen wir die Spanische Treppe auch noch mit.
Als wir sie endlich erreicht haben, der Satz auf den ich mich schon die ganze Viertelstunde gefreut habe: "Wir gehen jetzt doch nicht etwa die Stufen hinauf?" "Doch!" Wir genießen die Aussicht. Und die Stille.
Gegen zehn sind werktags kaum Menschen hier. Klar, die sind ja alle beim Trevi Brunnen. 
Runter geht es zum Glück mit dem Lift. Dem Horrorlift! Es stimmt muffig und nach Urin. Die Türe schließt sich und gebt nicht mehr auf. Wir drücken verzweifelt alle Tasten, aber nichts rührt sich. Platzangst. Was für ein Alptraum. Nachts im Horrorlift stecken geblieben. Wir suchen verzweifelt den Notschalter. 
Da geht die Tür plötzlich wie durch ein Wunder auf. Und wir sind unten. Der Aufzug war gar nicht kaputt. Er glitt einfach sanft und lautlos nach unten. Wir beenden unseren ersten Tag in Roma trotzdem an dieser Stelle.

To be continued...


Sonntag, 24. Februar 2019

Becks letzter Sommer. Mein erster Benedict Wells

Eigentlich wollte ich Benedict Wells nicht mögen. Und seine Bücher schon gleich gar nicht. Und vor allem wollte ich mich nicht beschäftigen müssen mit diesem Typen und dem seltsam gefaked klingenden Namen. 
So, jetzt ist es also doch passiert. Erst behaupteten alle Autoren die ich schätze, dass sie diesen Benedict Wells ihrerseits sehr schätzen. Dann stellt sich heraus, dass dieser Benedict Wells kein sechzigjähriger Brite ist, sondern ein gebürtiger Münchner. Und in meinem Alter. Sogar jünger. Und zu allem Überfluss beschreibt sich dieser Wells in seinem Blog so sympathisch und spricht mir derart aus dem Herzen, dass ich mich genötigt sah, doch mal eines seiner Bücher zu lesen.
Hey, ich habe zu meinem 20. Geburtstag einen Roman eines John Irving geschenkt bekommen und war seitdem hin und weg und begeistert, dass Romane derart mitreißend geschrieben sein können. Dieser Wells behauptet dasselbe von sich.
Während der eine Zwanzigjährige Fachabi machte, Zeit beim Zivildienst vertändelte und eine Karriere als Beamter einschlug, weil er es sich nicht zutraute, Schriftsteller zu werden, setzte der andere zeitgleich alles auf eine Karte. Schrieb ein, zwei Romane ohne von den Verlagen bemerkt zu werden. Er pokerte hoch und gewann: Diogenes Verlag. Der Irving Verlag. Wow, was für eine Story, was für ein Märchen! Es fehlt nur noch, dass dieser Wells in Wirklichkeit ein verzauberter Prinz oder ein Adeliger ist, der sich gegen seine schreibende Verwandtschaft ohne den Namens-Bonus durchzusetzen versuchte.
Wells, der erste Versuch, also der Roman über diesen Beck. Nach zwanzig Seiten war ich enttäuscht. Beck nervte mich. Die Geschichte fand ich trivial und eher so semi geschrieben. Gott sei gedankt! Benedict Wells ist nur ein Mensch und nur ein mittelprächtiger Autor!
Monate später kramte ich aus reiner Langeweile, und weil der Wells-Hype auf Instagram und unter den Autorenkollegen ungehemmt weiter ging, den Beck noch einmal hervor.
Als ich mich an den Sound gewöhnt und mich auf die Story eingelassen hatte, erwischte  dieser Scheiß Sog, dem alle Wells-Fans so verfallen waren, also doch. Schlimmer noch: Dieses verdammte Buch war genau so geschrieben, wie ich mir immer ein Buch gewünscht hatte. Es wird getrunken, geliebt, die Leute tragen Bayern-Shirts. Yes, that's the real shit! War ich selber nicht einmal angetreten, um so zu schreiben? Und dieser blöde Benedict Wells hatte es einfach getan! Ein deutscher Irving? Ein junger Irving? Von wann war denn das Buch? 2008. Verdammt, gebt mir eine Zeitmaschine und lasst es mich damals lesen!
Auch die Entstehungsgeschichte ist zu verrückt um wahr zu sein: 1500 Seiten das Original. Auf weniger als ein Drittel zusammengestrichen. Fast genial die Einschübe des Erzählers, einen Schriftsteller namens Ben. Wie vermutlich an die hundert Seiten Abenteuer in Istanbul auf eine Seite Email-Erzählung eingedampft werden...
Mit dem Wissen, dass Benedict Wells noch keine 25 Jahre alt war, als er dieses muntere Stück gezimmert hat, habe ich mehrfach aufgejubelt, vor allem in der zweiten Hälfte, der B-Seite des Buches. 
Ich war wahrhaftig ein Spinner, dass ich Benedict Wells so lange ignoriert habe. Mit einem mulmigen Gefühl stellte ich auf der Suche nach dem Buch, das ich als nächstes Lesen wolle fest, dass noch ein Wells in meinem Bücherschrank lag. Anscheinend hatte ich den einst auf Vorrat eingekauft. Ein Buch, das in den USA spielt. War ich nicht selber auch lange dort? Und - tja - schon nach wenigen Seiten ist festzustellen, dass Wells nun nicht mehr zwei Seiten benötigt, um die heftigsten Emotionen darzustellen, sondern nur noch zwei Sätze. Ich fürchte, ich werde nun alle Bücher von ihm lesen müssen.