Sonntag, 15. April 2018

Spurensuche Thomas-Mann-Villa in München

Eine Exkursion zu Thomas Manns Häusern in München

Die Thomas-Mann-Villa an der Poschinger Straße
Der mit Abstand bedeutendste bayerische Schriftsteller ist... Nein, es ist weder Ludwig Thoma noch Oskar Maria Graf. Es ist... Thomas Mann!
Wos??? Der Saupreiss soll a Bayer sein? 
Bis heute tut sich München schwer, das Andenken an seinen berühmtesten literarischen Bürger würdig zu begehen. Auch aus diesem Grund war selbst mir, als literarisch interessierten Bürger und Thomas-Mann-Leser lange Zeit nicht bewusst, dass Thomas Mann nicht nur ein, zwei Jahre eine Zweitwohnung in München hatte, sondern die Hälfte seines Lebens ein echter Münchener war. 
Thomas-Mann-Haus mit Gedenktafel
Natürlich, Thomas Mann verbindet man zunächst mit Lübeck. Thomas Mann hat so rein gar nichts mit bayerischer Volkstümelei, Weißwurst und Oktoberfest am Hut und vom Dialekt brauchen wir gar nicht erst reden. 
Trotzdem hat dieser Preusse fast 40 Jahre seines Lebens in der Landeshauptstadt des Freistaates gelebt. Vermutlich wären es wohl nochmal ein paar Jahrzehnte geworden, wenn ihn nicht der Nationalsozialismus ins Exil getrieben hätte. 
Für einen bayerischen Thomas-Mann-Fan ist der Gedanke zu schön, um wahr zu sein: Möchte man auf den Spuren des Zauberers wandeln, muss man nicht bis nach Pacific Island oder Lübeck fahren, sondern es reicht ein Ausflug nach München. 
Doch wo befinden sich die verschiedenen Häuser in denen Thomas Mann gelebt hat? So prominent beworben wie ein Weimarer Goethe-Haus wird die Thomas-Mann-Villa nicht. Man muss beinahe mit der Lupe suchen, um die Wohnhäuser der Familie Mann zu entdecken. Eine Radltour entlang der Isar bringt Gewissheit:
20 Jahre lang residierte die Familie Mann in exquisiter Lage in der Poschingerstraße. Wer die Serie "Die Manns" gesehen hat weiß, dass von der Original Villa nichts mehr übrig ist. Sie wurde im Krieg zerbombt und verwahrloste in den Nachkriegsjahren. Der spätere Bungalowbau hatte nichts mehr mit der originären Thomas-Mann-Villa gemein. 
Um so überraschter, geradezu begeisterter war ich, als ich auf meiner Radltour nach Bogenhausen in der ehemaligen Poschingerstraße, die heute immerhin "Thomas-Mann-Allee" heißt, eine hochaufragende Villa entdeckte, mit der aus Film und Fotos bekannten Fassade. Tatsächlich, die Thomas-Mann-Villa ist wiederauferstanden! Eine Gedenktafel erklärte, dass der alte Bungalow abgerissen wurde und ab 2005 das alte Thomas-Mann-Haus zumindest in der Fassade nach den Originalplänen wiederaufgebaut wurde. 
Der Neubau lässt erahnen, wie eindrucksvoll die Villa des Literaturgrossmeisters damals auf Passanten gewirkt haben muss. Prominent gelegen direkt am Isarufer. Auch heute beobachtete ich zahllose Jogger und Radfahrer, die sich nach der Villa umdrehen. Vielleicht weil sie wussten, dass die Mann Familie dort residiert hat. Vielleicht weil sie wussten, dass es Münchens teuerstes Wohnhaus ist. 
Denn leider hat nicht die Stadt München das Haus erworben. Bisher wurde es wieder und wieder versäumt, aus diesem historischen Ort eine literarische Gedenk- oder Begegnungsstätte zu machen. Stattdessen hat eine Privatperson die Luxusvilla für 30 Millionen Euro erworben. Das Kuriosum: Sein Name ist Thomas Manns. 
So stand ich lange mit zwiespältigen Gefühlen vor dem Haus. Ich hatte einen hässlichen Bungalow erwartet und war ergriffen davon, dass die bekannte Originalfassade wiederhergestellt wurde. Gleichzeitig bedauerte ich den Gedanken, dass es auf viele Jahrzehnte hin wohl unmöglich bleibt, dieses Grundstück, diese Stätte auch von innen zu besuchen. Der neue Besitzer Thomas Manns wird wohl wenig Interesse haben, dass Literaturfans durch sein Haus latschen und die Pools begutachten. 

Die weiteren Thomas-Mann-Häuser

Thomas-Mann-Haus in der Feilitschstraße 5. Heute Wirtshaus Seerose
Auf der Webseite des Thomas-Mann-Forums enteckte ich die beiden weiteren Wohnhäuser Thomas Manns. Beginnend mit dem Haus in der Feilitzschstraße 5. Heute in einem etwas ruhigeren Fleckerl Schwabings gelegen, befindet sich im Gebäude inzwischen die Wirtschaft "Seerose". Auch hier berichtet eine Gedenktafel, dass hier Thomas Mann einige Jahre gelebt und dort auch den zweiten Teil der "Buddenbrooks" fertiggestellt hat.
Eine Enttäuschung ist allerdings die Weiterfahrt in die Franz-Joseph-Straße 2. Hier hatte Thomas Mann mit seiner Frau Katja Pringsheim eine Familie gegründet und hier waren die ersten vier Kinder zur Welt gekommen. Das Haus wird derzeit renoviert. Die Gedenktafel ist folglich entfernt, wird aber lt. dem Thomas-Mann-Forum München auch nicht wieder dort angebracht.
Eine kleine Entdeckung hatte ich aber doch noch gemacht:
Thomas-Mann-Villa in den Bavaria Filmstudios. Heute der "Fürstenhof"
Es gibt noch ein viertes Thomas-Mann-Haus in München. Und zwar genau dort, wo ich am Nachmittag meine Frau abholen musste: In den Bavaria Filmstudios.
Für die Dreharbeiten zu "Die Manns" wurde dort die Thomas-Mann-Villa beinahe originalgetreu nachgebaut. Lange Zeit musste man also zum Geiselgasteig fahren, um sich einen Eindruck von der Villa zu machen. 
Inzwischen hat sich die Thomas-Mann-Villa allerdings ein wenig verändert. Sie steht am Waldrand und hat - beinahe ähnlich des Original Thomas-Mann-Hauses einen neuen Besitzer: Und dieser hat es umfunktioniert zu einem Hotel. Die Thomas-Mann-Villa heißt inzwischen "Fürstenhof" und ist Kulisse für die Serie "Sturm der Liebe". So hätte man die Serie über die Familie Mann übrigens auch nennen können...
So gelang es mir, wie es der Zufall so wollte, an einem einzigen Tag alle vier Thomas-Mann-Häuser in München zu besuchen.

Donnerstag, 12. April 2018

Dunkelgrün fast schwarz: Aufwühlend und vielschichtig

Passend zum Teppich: Dunkelgrün fast schwarz
Mareike Fallwickl, mehr zufällig war ich vor Jahren über diesen Namen gestolpert und sofort landete sie in jener meiner Schubladen von Schriftstellerinnen aus meiner erweiterten Heimat die in etwa meiner oder wenigstens einer jüngeren Generation angehörten und in die ich, ohne je etwas von ihr gelesen zu haben, gigantische Hoffnungen auf sie projizierte, das nächste große Ding der Literatur entdeckt zu haben. (Siehe Fräulein von Rönne aus Grassau...) 
Frau Fallwickl aus dem Salzburger Umland hatte mit mir nicht nur gemein, dass wir (aus verschiedenen Richtungen) auf dieselben Berge blicken, sondern auch noch, dass sie ihrerseits Mutter zweier Kinder ist. Schnell merkte ich, dass sowohl ihre (wirklich lustige) Twitter Präsenz ebenso wie ihr (wirklich erfolgreicher) Literaturblog "Bücherwurmloch" in einer ganz anderen Liga wie ich selber spielen. Umso überraschter war ich, dass das bis damals einzige Buch das ich von ihr entdeckt hatte, "Auf Touren", vorsichtig ausgedrückt, so ganz anders war als ich mir das junge Literaturtalent vorgestellt hatte. Überspitzt gesagt, meine Frau fragte mich stirnrunzelnd, seit wann ich Frauenpornos lese. Die Hoffnung blieb, dass da doch noch mehr sein müsste bei dieser jungen Frau aus dem Nachbarland.
Der Rest ist schon beinahe Geschichte: Sie hat ihren ersten großen Roman also tatsächlich geschrieben. Er heißt "Dunkelgrün fast schwarz", ist ein aufwühlender, unterhaltsamer und äußerst vielschichtiger Roman. 
Die Geschichte der Sandkastenfreunde Moritz (Motz) und Raffael (Raff) wird auf mehreren Zeitebenen aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Jede davon hat ihren Reiz. Wobei mir die realistischen Schilderungen der Verzweiflung junger Eltern am meisten zugesagt haben, da sie jene schlaflosen Nächte und das phasenweise Gefühl, ein Gefangener seiner Kinder zu sein, aus meiner momentanen Lebenssituation sehr gut nachempfinden kann.
Das Herzstück des Romans ist allerdings jenes dunkle, fast schwarze Etwas das Hauptfigur Raffael, "Raff" umgibt. Während der Erwachsene Raff teilweise zu sehr shades of greyig üerzeichnet ist, fand ich das Portrait eines schlicht bösartigen Kleinkindes und später des Teenagers der Spaß daran hat, Grenzen zu überschreiten und die Mitmenschen zu terrorisieren, sehr gelungen. Aufgeladen von der stets mitschwingenden Erotik tun sich schwarze Abgründe der Seele auf wo auch immer Raf oder sein ihm nicht unähnlicher Vater auftauchen. 
Das Buch ist zeitweise nichts für sensible Gemüter und wirkt auf sehr aufwühlende Weise, wie es gute Literatur an sich immer tun sollte.
Auch sprachlich ist die Geschichte wunderschön erzählt. Wer die Österreichische Sprache liebt, wird in zahllosen Bildern und Ausdrücken ganz auf seine Kosten kommen. 
Am stärksten fand ich das Buch stets wenn es in der Provinz, also Hallein, Dürrnberg und Salzburg spielte. Was vielleicht am Lokalpatriotismus liegt. Die Szenen in Italien und Las Vegas empfand ich als zu gewollt, zu aufgesetzt.
Dennoch empfehle ich dieses Buch vor allem allen Müttern kleiner und größerer Kinder Shades of Grey super fanden und dennoch mal Bock haben, "richtige" Literatur zu lesen. Die werden voll auf ihre Kosten kommen!
Ob sie eines Tages in einer Liga mit meinem österreichischen Lieblingsautor, dem Großmeister Thomas Glavinic spielen wird, wird sich zeigen. Bereits heute ist sie als Buchbloggerin fantastisch vernetzt und hat mit Dunkelgrün fast schwarz bewiesen, dass sie auch literarisch derbe (gut) dreinhauen kann.