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Mittwoch, 3. Oktober 2018

100 Jahre Bücherei Kirchanschöring

Von einem Jungen der in einer Bücherei groß wurde und Schriftsteller werden wollte


Das alte Pfarrgebäude, in dem sich die Bücherei Kirchanschöring die meiste Zeit ihres Bestehens befand, gibt es längst nicht mehr. Ein alter, stets modrig muffelnder Bau, im Keller finster und im ersten Stock wackelte der Boden, wenn man darauf lief. Und es wurde viel gelaufen, denn oben befand sich der Kindergarten. Im Erdgeschoss waren der ausladende Pfarrsaal und einer der magischsten Orte, die sich ein Kind nur wünschen kann: Die Bücherei!
Mitte der Achtziger Jahre wurde dieser Ort zu meinem zweiten Kinderzimmer. Meine Mama bekam das Amt der Büchereileiterin und da sie meistens keine Kinderbetreuerin hatte - das war sie ja selbst - verbrachten wir Kinder jeden Dienstagnachmittag und Sonntagvormittag in der "Katholischen Pfarrbücherei Kirchanschöring", wie sie damals hieß. Telefonnummer 1474. Eine der Zahlen die sich tief eingebrannt haben.
Während meine Mama entweder am Tisch neben dem Eingang zur Ausleihe saß, oder im provisorischen Bücherei-Büro rechts hinten auf ihrer topmodernen elektronischen Schreibmaschine tippte, saß ich im immerselben Sessel und schmökerte.
Vor den Bücherregalen, die die Wände entlang aufgestellt waren, standen zwei Kästen mit Kinderbüchern: Bilderbücher und Comics. Es gab wohl kein einziges Buch aus diesem Bereich, das ich nicht von Anfang bis zum Schluss durchgeblättert hatte. Bald aber gab ich mich mit den Kinderbüchern nicht mehr zufrieden und ich arbeitete das Bücherregal mit den Sachbüchern, das in den Raum hinein ragte. Lieblingsbuch dort: "Harry Valerien - WM Mexico '86"
Auffällig waren in den anderen Bücherregalen eine ellenlange Reihe roter Bücher mit dem Titel "Edgar Wallace". Auch auf der anderen Seite gab es einige Reihen mit identischen Buchrücken: Die Karl May - Bücher mit den Abenteuern von Winnetou und Old Shatterhand. Und die Reihe "Die drei ???", die ich zu verschlingen begann, sobald ich halbwegs sicher lesen konnte.
Doch bis dahin dauerte es noch eine Weile und ich begnügte mich mit den Asterix-Comics, den Was ist Was - Büchern und mit Hörspielcassetten. Die Bücherei verfügte nämlich auch über eine große Wand voller Cassetten. Am aufregendsten darunter waren Hörspiele wie "Die Nibelungen" mit Siegfried dem Drachentöter oder "Die Odyssee", bei der mich aber nur der Kampf mit dem Zyklopen interessierte.
Meine Mama machte sich ihrerseits gleich daran, die Bücherei zu modernisieren: Als erstes führte sie ein, dass man auch Spiele ausleihen konnte. Das war für uns superpraktisch. Wann immer wir ein neues Spiel entdeckten, baten wir unsere Mama, es für die Bücherei zu besorgen. Dann konnten wir es uns dort ausleihen und spielen, wann immer wir wollten.
An einer weitere Innovation war ich nicht ganz unbeteiligt: Mitte der Neunziger konnte ich meine Mama davon überzeugen, dass das Zeitalter der Cassetten sich dem Ende neigte und die Bücherei ab sofort CDs anschaffen müsste. Da meine Mama meinem Musikgeschmack vertraute, war die erste in der Pfarrbücherei auszuleihende CD ein Album von "Clawfinger". Eine Band, dessen Hip-Hop-Crossover-Metalklänge beim Pfarrer mindestens einen Herzkasperl verursacht haben dürften.
Meine Mama nahm mich auch öfter mit, wenn sie nach München zum Sankt-Michaelsbund zum Bücher-Shopping fuhr. Dort beluden wir einen riesigen Einkaufswagen mit sämtlichen Büchern die uns zusagten. Ich will nicht verneinen, dass meine Buch-Sucht damals ein wenig angefacht wurde und ich noch heute von ähnlichen Buchshopping-Exzessen träume.
Die Bücher mussten in mühevoller Kleinarbeit an unzähligen Abenden von den fleißigen Helfern in Folieneinband eingebunden werden. Auch ich half ab und zu mit, war aber schon damals mit zwei linken Händen gesegnet.
Die neuen Bücher wurden einmal im Jahr auf einer großen Buchausstellung präsentiert.
Ein weiteres Highlight im Bücherei-Jahr war für meine Mama der Büchereifasching. Für uns Kinder eher nicht. Meine Mama war nämlich eine überzeugte Pazifistin und fand, dass Pistolen und Gewehre auf einem Kinderfasching nichts zu suchen hatten. So war der Bücherei-Fasching der einzige Fasching weit und breit, auf dem nicht geschossen werden durfte. Die vielen Cowboys und Polizisten sahen, genau wie ich, in die Röhre. Ein wenig schämten wir uns für unsere Mama, dass sie so einen uncoolen Fasching veranstaltete, machten dann aber ihr zuliebe doch mit, wenn der Geierstanger auf seiner Ziach zum Ententanz aufspielte.
Es hatte aber auch Vorteile, das Kind der Büchereileiterin zu sein. So war ich bei der Rückgabe der Bücher eher schludrig und verlor bald den Überblick, wann ich welches Buch hätte zurückgeben sollen. Jedenfalls war meine Karteikarte nach einigen Jahren voll mit überfälligen Bücher und ich hatte ein mächtig schlechtes Gewissen. Wie meine Mama das mit den verschlampten Büchern noch geregelt hat, weiß ich bis heute nicht. Das eine oder andere befindet sich wohl auch nach vier Umzügen noch in meinem Bücherschrank. Lohnt es sich noch, dieses zurückzugeben?
Als Teenager fand ich die Bücherei von Jahr  zu Jahr uncooler und meine Besuche dort nahmen stetig ab. Gleichzeitig wuchs die Liebe zu den Büchern. Doch weil ich inzwischen gelernt hatte, dass ich mit geliehenen Büchern nicht umgehen kann, begann ich, mir die Bücher selbst zu kaufen.
Vielleicht kann man es auch psychologisch erklären, dass ein Junge, der sein halbes Leben zwischen Büchern saß, die ihm nicht gehörten, irgendwann das Bedürfnis entwickelt, eine eigene Bücherei zu besitzen. So sieht man Haus nämlich inzwischen aus. Wenn ich so weiter mache, habe ich bald genau so viele Bücherregale wie die Bücherei Kirchanschöring Anno 84.
100 Jahre Bücherei Kirchanschöring! Ich freue mich sehr, dass auch ich ein Teil der Feierlichkeiten sein darf. Aus dem kleinen Bücherwurm von damals ist ein kleiner Schriftsteller geworden, der zur 100-Jahr-Feier einige Anekdoten aus seinem "Elterntagebuch" vortragen darf.
Würde mich freuen, wenn Ihr am 13. Oktober bei den Feierlichkeiten vorbeischaut!

Mehr über mich: www.chiemgauseiten.de

Donnerstag, 3. November 2016

Zeitreise in die Bücherei meiner Kindheit

Oder: Kirchanschöring hat wieder eine Literatin!


Gut besucht war die Bücherausstellung im Pfarrsaal
(in den Achtziger Jahren)
Ein Ausflug in meine Kindheit. Der Pfarrsaal, in dem schon meine Mama vor 30 Jahren die Bücherausstellung der Bücherei Kirchanschöring veranstaltet hat. Natürlich nicht mehr derselbe. Er wurde vor vielen Jahren abgerissen. Und an gleicher Stelle neu aufgebaut. Aber manche der katholischen Wandverzierungen (siehe Bild rechts) sind dieselben wie damals. Es riecht auch wie damals nach Kaffee und Kuchen. Und die Bücher bieten über Spiegel-Bestseller bis zu Franz Josef Strauß-Memoiren dieselbe Bandbreite wie 1986. Die Kinder tollen zwischen den Büchertischen herum. Eines sieht fast so aus wie ich als Kind. Gleich müssen sie leise sein, weil die Erwachsenen irgendeinem Schriftsteller zuhören wollen. Nämlich mir! 
Luise Rinser, Walburga Gierlinger und jetzt also ich. Das sind die Literaten die in Anschöring leben oder lebten und ins Dorf geladen wurden, um aus ihrem Werk zu lesen. 
Im Hintergrund: Die Reste vom Eine-Welt-Laden
Ich habe eine lustig-freche, über die Maßen ironische Ansprache vorbereitet, um dieser Ehre gerecht zu werden. Außerdem rechne ich eh nicht, dass außer meiner Schwester noch jemand kommt. Aber es kommen sehr, sehr viele Leute. Und scheinbar tatsächlich wegen mir - und nicht wegen der hervorragenden Kuchen. Die Lässigkeit schwindet von Minute zu Minute und ich muss mir eingestehen, dass ich immer aufgeregter werde. Als die Lesung beginnt, hält auch noch der Bürgermeister eine Rede und lobt meine Geschichten. Ich höre erstaunt zu. Wenn einem sowas nicht den Stecker zieht, was dann?
Ich scherze trotzdem, dass ich meinen ersten Roman ja mit 17 geschrieben hätte und es ganze 20 Jahre dauerte, bis ich endlich mal in die Bücherei eingeladen wurde. Das lag sicher an der Büchereileiterin damals. Achso, das war ja meine Mutter. 
Erstaunt bin ich, als ich im Publikum Frau Scharbert entdecke. Meine Lehrerin in der ersten Klasse. Die Frau, die mir das Schreiben beigebracht hat. Sie ist nun 78, fast blind, kauft mir trotzdem mein Buch ab. Sie war die netteste Lehrerin die man sich nur vorstellen konnte. Und sie weiß noch genau, wo ich gesessen war. Hinten links. Neben Hubert Brudl. "Halb Mensch, halb Nudel", schießt es mir durch den Kopf und beiße mir auf die Lippen. "Herbert", korrigiere ich sie. Sie fragt mich, ob ich immer noch alle Namen der Dinosaurier weiß. Also war ich damals schon ein Nerd. Das erklärt manches.

Nächstes Mal lese ich wohl die "Kleinstadtrebellen"
Ich lese zwei Kapitel aus „Sterne sieht man nur bei Nacht“ und ein erstes Mal begreife ich, was ich Menschen, die meine Mama kannten, mit dem Buch eigentlich zumute. Wieder blicke ich nach einem emotionalen Kapitel in aufgerissene, feuchte Augen. Aber ich bin diesmal vorbereitet und beende die Lesung mit einem der lustigsten Einträge aus dem Elterntagebuch: Der Geschichte mit Wacken und dem Flüsterfuchs. Sofort springen meine Kinder daher und hüpfen auf meinen Schoss. Das Publikum lacht herzlich und später sagt jemand, dass meine Mama wohl sehr stolz auf mich gewesen wäre. Aber was hätte ich wohl vorgelesen, wenn sie nicht gestorben wäre?
Aus dem Publikum werde ich gefragt, ob ich nicht Geschichten erfinden könnte. Doch, kann ich! Behaupte ich. Aber lange fällt mir keine ein. Denn selbst der Finstermann war ja irgendwie Tatsache. Schließlich fällt mir noch der Rosenheim- Krimi mit der explodierten Prostituierten ein. Alle starren mich an, als glaubten sie mir nicht, dass die Geschichte ebenfalls erfunden ist. Vielleicht hätte ich ja vor zehn Jahren diese Geschichte vorgelesen. Und darauf wäre Mama mit Sicherheit nicht stolz gewesen. 
Zuletzt bekomme ich noch einen Korb von der Büchereileiterin. Einen voller Gemüse vom Bio-Michi. Meine Kinder jubeln. 
Zwei Tage später begegne ich am Friedhof der Gierlinger Burgi. "Kirchanschöring hat wieder eine Literatin", murmle ich. Das war damals die Schlagzeile nach ihrer gefeierten Lesung. Vielleicht habe ich mich deshalb mit dem Roman so ins Zeug gelegt, um sie als Anschöringer Literatin abzulösen. Aber noch ist es nicht so weit. "Ich habe noch den ganzen Rechner voller Geschichten!" flüstert die Literatin und zwinkert mir kämpferisch zu. 

Mittwoch, 28. September 2016

Ein Roman in dem viel Kirchanschöring steckt

Sterne sieht man nur bei Nacht

Warum ich "Sterne sieht man nur bei Nacht" meiner Mutter und Daniel Roider gewidmet habe

Ein Beitrag aus der Kirchanschöringer Gemeindezeitung


Die Bücherei Kirchanschöring in den 80er Jahren als ich quasi hier
aufgewachsen bin
Zehn Jahre ist es her, seit meine Mama, Lilli Straßer, nach ihrer Krebserkrankung gestorben ist. Sie
war meine gesamte Kindheit über die Leiterin der Bücherei in Kirchanschöring. Und ob ein Zusammenhang darin besteht, seine Kindheit in einer Bücherei zu verbringen und später Schriftsteller werden zu wollen, liegt irgendwie auf der Hand.
Das Jahr, in dem sie den Kampf mit dem Krebs aufnahm und sie sich später, genau wie die Familie, mit dem Sterben auseinandersetzen musste, war gleichzeitig eines der schönsten und lebenswertesten in meinem Leben. Wie passte denn das zusammen?
Dieses Paradoxon hatte mich lange beschäftigt. Und als die Zeit reif war, habe ich begonnen, das Grundgerüst einer literarischen Geschichte aufzuschreiben, die sich grob an den damaligen Ereignissen orientierte und sich mit der Frage auseinandersetzte:
Besteht ein Zusammenhang zwischen Tod, Leben, Liebe, Verdrängung und Lebenslust?
Was ist nach sechs Jahren Arbeit daraus geworden? Ein Buch über Hans, einen jungen Mann Mitte Zwanzig, der sich ins Leben stürzt, um das mögliche Sterben seiner Mutter zu verdrängen. Er wird sich verlieben und zwischen zwei Frauen entscheiden müssen, wird nach Paris reisen, die Stadt der Liebe in der seit jeher das Leben als Fest gefeiert wird. Das Festival im Grünen wird für Freunde des Lokalkolorits ebenso wiederzuerkennen sein wie die Chiemgauer Kleinstadt in der Hans lebt.
Als literarisches Vorbild habe ich mir das Buch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ genommen. John Green gelang es mit diesem Roman, ein heiteres, nicht nur trauriges Buch über das Sterben zu schreiben und eine spannende Geschichte in viele literarische Elemente zu verpacken. Ich hoffe, dass mir ähnliches gelungen ist.
Um zu vermeiden, dass ein rein autobiographisches Buch entsteht, habe ich einen fiktiven Mittelteil ins Buch eingefügt, der in Paris spielt. Inspiriert von einer wunderbaren Geschichte die ein junger Anschöringer als Akkordeon spielender Straßenmusiker in Paris erlebt hatte, entstand eine fast eigenständige "Geschichte in der Geschichte", die ganz neue Konflikte in den Roman hinein wob.
Eine Herausforderung war das Schreiben über das Sterben. Meine Arbeit wurde leider zwei Mal von der Realität eingeholt. Als mein Vater überraschend starb, musste ich mich noch einmal intensiv mit dem Tod auseinandersetzen. Da ich damals die Paris-Kapitel schrieb, beeinflusste es den Schreibprozess glücklicherweise nur am Rande. Während der Überarbeitung der letzten Kapitel erkrankte allerdings Daniel Roider, der Mann meiner Schwester, an einem Gehirntumor. Da viele der traumatischen Erlebnisse mit einem Mal wieder Gegenwart wurden, musste das Romanprojekt viele Monate ruhen. Als Daniel kurz vor Fertigstellung des Buches verstarb, beschloss ich, das Buch nicht nur meiner Mama, sondern auch ihm zu widmen. 
Wer mehr über das Buch nachlesen will, findet ausführliche Informationen auf www.chiemgauseiten.de

Übrigens ist gerade eine Lesung in der Bücherei Kirchanschöring geplant: Voraussichtlich am 30. Oktober, eine knappe Woche nach dem zehnten Todestag meiner Mutter.