Samstag, 28. März 2020

Kritische, literaturerfahrene Testleser gesucht!

Testleser für meinen neuen Roman gesucht!

Kurz bevor dieser ganze Corona-Wahnsinn über uns hereinbrach, hatte ich noch einen goldenen Schriftsteller-Moment:
Benedict Wells missachtete die 1,5 Meter Infektionsschutz-Abstandsregel und antwortete auf meine Frage, wie ich als Autor besser werden kann:
Lass Dein Manuskript von jemanden lesen, der dir eine ehrliche, kritische, konstruktive Rückmeldung gibt.
Ich kenne kaum Top-Autoren, die freiwillig mein Manuskript lesen könnten, antwortete ich in der Hoffnung, dass er sich gleich freiwillig meldet.
Benedict Wells lächelte und meinte: Er selbst lasse seine Manuskripte beispielsweise von seinem ehemaligen Deutschlehrer durchgehen.
Ich solle überlegen, wer in meinem Umfeld viel liest, viel schreibt und so ehrlich ist, dass er die Mängel eines Manuskriptes exakt benennen kann.

Also mein Aufruf an Euch:
Ihr habt Germanistik studiert oder seid Deutschlehrer? Ihr habt den Zauberberg gleich zwei Mal gelesen, weil er so genial ist? Ihr schreibt selbst literarische Belletristik?
Und ihr habt so richtig Bock, mir aufzuzeigen, wo meine Schwachstellen als Autor sind? äh, ich meine, ihr habt Lust, mir mit einer konstruktiven Kritik am Perfektionieren meines Manuskriptes zu helfen?

Dann meldet Euch bei mir!

Warum es  im Roman eigentlich geht?


„Falko“ ist ein literarischer Jugendroman über zwei Jugendliche die, jeder auf seine Art, vor ihr maximal mögliches Worst Case Szenario gestellt werden und trotzdem versuchen, das beste darauf zu machen. Während der zurückhaltende Wolfgang überzeugt ist, dass seine Welt untergeht, weil er auch im zweiten Anlauf die Elfte Klasse nicht schafft, relativiert sich seine Angst, als bei seinem besten Freund ein Gehirntumor diagnostiziert wird. Falko heißt eigentlich Hansi Holzner und träumt seit längerem davon, ein geheimes, in Falcos Wiener Wohnung verstecktes Song-Manuskript zu finden. Nach der tödlichen Diagnose wird es zur fixen Idee, nach Wien zu reisen, um in die Wohnung einzubrechen. Doch bevor es soweit kommt, wird die Freundschaft der beiden auf eine harte Probe gestellt. In Heidelberg verlieben sich beide in die angehende Krankenschwester Ines.

Donnerstag, 12. März 2020

Werkstattgespräch mit Benedict Wells in Regensburg

Benedict Wells bei "Regensburg liest ein Buch"


Benedict Wells sprach über sein Schreiben
Benedict Wells ist ein großartiger Schriftsteller, klar. Dass er auch noch ein feiner Kerl ist, ein wunderbar bodenständig gebliebener, supersympathischer junger Mann ist, durfte ich beim Werkstattgespräch von "Regensburg liest ein Buch" im Akademietheater erfahren. Benedict Wells zu treffen war einer meiner Neujahrs-Vorsätze für 2020. Dass es tatsächlich geklappt hat, grenzt ein klein wenig an ein Wunder. Denn wer fährt schon unter der Woche einfach mal so von Traunstein nach Regensburg. Und das auch noch in Zeiten der Corona. Wäre es nach der Bayerischen Staatsregierung gegangen, hätte die Veranstaltung gar nicht stattfinden dürfen, alle anderen Theater sind bereits geschlossen. Irgendwie gelang es Organisatorin Carola Kupfer, diese eine, letzte Veranstaltung vor dem Corona-
Studierende des Akademietheaters Regensburg performten einige der Szenen
Shutdown durchzusetzen. Benedict Wells hatte seinerseits die Lacher auf seiner Seite, als er gleich zu Beginn gestand, dass er die letzten Tage wegen einer Erkältung überwiegend im Bett verbracht hatte. Neben mir saß mein Autorenkollegen Fabian Bader und ich glaube, wir beiden waren diejenigen, die am eifrigsten Benedict Wells Tipps bezüglich Schreiben und Verlagssuche mitschrieben und aufsogen. Da außer uns kein Mensch auf eine trockene Werkstattveranstaltung gekommen wäre, wurde das Gespräch mit Benedict Wells mit szenischen Darstellungen abgerundet: Studierende der Schauspielakademie spielten einige Schlüsselszenen aus "Vom Ende der Einsamkeit" nach. Wie tickt Benedict Wells als Autor? Er befand, dass das Schreiben eines Buches schon eine seltsame Existenz
Mit Fabian Bader in Regensburg
sei, weil man dabei in zwei völlig verschiedenen Welten gleichzeitig lebte. Er beschrieb, wie seine aktuellen Romanfiguren ihn überall hin begleiteten und deutete in die Ecke des Akademietheaters: Dort sitzt gerade einer von ihnen. Auf die Frage, ob man über eine gewisses Alter, einen Reifegrad erreicht haben muss, um über gewisse Dinge schreiben zu können, meinte Benedict Wells, er erfinde durch sein Schreiben ja eine neue Realität - deren Wahrheit er nur durch schlechtes Schreiben als falsch beweisen kann. "Außerdem", so fügte er lächelnd an, "ist Alter doch Tagesform abhängig."
Benedict Wells ist ein gegeisterter Überarbeiter seiner Texte. Legendär die Geschichte, dass "Becks letzter Sommer" ursprünglich 1500 Seiten stark war. Auch scheut er sich nicht, den gesamten Text von der ersten Person in die dritte Person zuzuschreiben. Und - wenn es nicht funktioniert - dies wieder rückgängig zu machen. Er bezeichnet sich selbst als langsamen Autor und so dauert es manchmal 7 Jahre, wie "Das Ende der Einsamkeit", bis es fertig ist. Wobei - merkt er an - ist ein Buch jemals fertig? Uns Autoren am Anfang riet er aus seiner eigenen Erfahrung heraus, sich auf das zu konzentrieren, was wir beeinflussen können: Nie aufzugeben und am Buch weiter arbeiten. Alles andere wird sich
ergeben. Das Leben könne man nicht kontrollieren. Das Schreiben eines Buches schon.

Natürlich stand am Ende die Frage im Raum, was man von ihm als nächstes zu lesen bekäme. Sein aktuelles Projekt, ein coming of age Roman über den Sommer 1985 in Missouri, scheint in der Schlussphase zu sein. Danach wäre vielleicht ein zweiter Teil von Becks Sommer mit Fokus auf Rauli möglich. Oder - und da war ich dann extrem elektrisiert - eine Genre Mischung aus Krabat und Stranger Things...

Der Tag als die Kultur starb:

Folgende Kurzgeschichte ist über diese legendäre Nacht entstanden. Diese stellte ich 2 Jahre später beim Regensburger Kultursommer vor: https://www.chiemgauseiten.de/der-tag-als-die-kultur-starb/
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Samstag, 7. März 2020

A bissel was geht immer - Helmut Dietl, sein Leben, sein München

Warum mich Helmut Dietls Biographie berührt hat


Ich wollte unbedingt Helmut Dietls Biographie lesen. Als ich entdeckte, dass es sogar eine Autobiographie aus seiner eigenen Feder gibt, war ich erst begeistert. Nach Durchlesen des Vorworts extrem enttäuscht. Alles, wofür ich mich interessierte, die wilden Bussi Bussi Achtziger in der Münchner Schickeria, die Entstehung vom Monaco Franze, die Zeit mit Barbara Valentin – nichts von alledem würde in der Autobiographie vorkommen. Warum? Leider ist Helmut Dietl während des Schreibens des Buches verstorben, ehe er – wie er es selbst ausdrückte – überhaupt bei seiner ersten Ehe angelangt war. Wollte ich ein Buch über eine Kindheit im München der Fünfziger lesen? Eigentlich nicht. Aber nach einigen Seiten bezauberte mich die liebevolle, literarische Erzählstimme von Helmut Dietl so sehr, dass ich nicht mehr aufhören konnte. Und spätestens mit Beginn der Sechziger Jahre und Dietls Erwachen als junger Mann, der sich ganz wahnsinnig für Frauen interessiert, wurde das Buch doch noch zum erhofften Inspirationsquell. Die Schwabinger Kneipen, die Reichen, Schönen und Kreativen an der Bar. Wer sich, wie ich fragte, wie ein junger Münchner aus der unteren Schwabinger Mittelschicht so eine grandiose Karriere als Regisseur und Produzent machen konnte, der bekommt einige zarten Antworten. Einerseits, weil Dietls Großvater einst ein gefeierter Stummfilm-Star war. Auch wenn das Buch leise andeutet, dass die leibliche Verwandtschaft nicht ganz gesichert ist. So oder so, der junge Dietl war bereits jemand, der sich etwas traute, der andere für sich und sich für andere begeistern konnte. Er fiel wohl schon als Teenager in den Schwabinger Szenekneipen den Kulturschaffenden auf und spätestens, als ihn seine ersten amourösen Abenteuer in die Film- und Regieszene verschlug, war sein Weg wohl vorgezeichnet. Leider gibt es im Buch diesen Missing Link, wie aus dem 20-jährigen Dietl der Regisseur der Münchner Geschichten wird. Im Anhang finden sich noch einige Schnipsel aus der Zeit, als er längst mit dem Monaco Franze bundesweit für Furore gesorgt hatte. Er beschreibt die turbulente Suche nach der Besetzung des Baby Schimmerlos und wie schwer es war, Franz Xaver Kroetz als Idealbesetzung durchzubringen. Klar, genau von diesen Geschichten hätte ich mir noch weitere 300 Seiten gewünscht. Was bleibt, sind seine Filme. Dort hat er doch eh bereits alles erzählt, sagt Dietl. Und wenn man sich einmal mehr „Rossini“ anschaut, glaubt man ihm sofort. Mein kleiner Trost bleibt, dass Benjamin von Stuckrad-Barre dem späten Helmut Dietl einige wunderschöne Kapitel in seinem „Panikherz“ gewidmet hat. Und dass inzwischen genug Zeit vergangen ist, um sogar „Zettl“ gar nicht mal sooo schlecht zu finden. Helmut Dietl bleibt für mich der Künstler, mit dem ich mich zwar lange Zeit gar nicht beschäftigt habe, dessen Arbeit mich trotzdem seit meiner Kindheit immer wieder intensivst inspiriert und begleitet hat. Monaco Franze, Schtonk, Vom Suchen und Finden der Liebe. Und jetzt also er selbst als Kunstfigur, die er ja auch irgendwie immer war. Ja, das Buch war eine Überraschung. Eine Empfehlung für alle, die München, Schwabing und die frühen Sechziger Jahre lieben.

Samstag, 29. Februar 2020

Der Riesenwirbel um die anonyme Spende im Traunsteiner Stadtrat

Ein Exklusivinterview des Kasbladls mit einem anonymen Spender

Was ist nur in Traunstein los? Wo kommen die ganzen anonymen Spender her? Wird der Historische Verein den Bürgermeister stellen? Fragen über Fragen - das schreit förmlich nach einer Rückkehr des Südostbayerischen Kasbladls, des zweitbesten Satireblattes im gesamten Chiemgau!
Unserem investigativen Reporter Karl-Heinz Kasbladl ist es gelungen, nach 90 Sekunden Facebook-Recherche, den beliebtesten anonymen Spender Traunsteins ausfindig zu machen. Da K.H. Kasbladl selbst Mitglied im Historischen Verein werden will, war er aus rein journalistischen Gründen der ideale Gesprächspartner.

Der Stadtrat hat - mit Ausnahme der SPD - in einer streng geheimen Sitzung beschlossen, sich erst genauer über die Bedingungen Ihrer Spende zu informieren und die Entscheidung vertagt. Was sagen Sie dazu?
Der Beschluss kam für mich sehr überraschend. Ich hatte erwartet, dass meine Millionenspende so kurz vor der Wahl freudig angenommen wird. Ich habe doch alles im Vorfeld juristisch so geregelt, dass es für den Bürgermeister keinen Grund zur Ablehnung gibt. 
Und wie beurteilen Sie die Reaktionen der "normalen Traunsteiner"?
Reaktionen der normalen Traunsteiner dürfte es eigentlich gar nicht geben - wegen der Geheimhaltung. Nachdem einige Parteifreunde von Herrn Dr. Hümmer unter dem Facebook-Post des Historischen Vereins bezüglich der Spende ebendiese diskutierten, ist für mich offensichtlich, dass sich das Leck einzig und allein beim Umfeld von Dr. Hümmer befindet. Gehören sie eigentlich auch zum Umfeld vom Dr. Hümmer, Herr Kasbladl?
Natürlich nicht, ich gehöre zum Umfeld vom Historischen Verein. Außerdem stelle ich hier die Fragen!
Was muss passieren, damit Sie ihre generöse Spende nicht doch wieder zurückziehen?
Haben Sie schon geschrieben, dass ich jederzeit die Spende zurückziehen kann? Schreiben Sie das auf! Ich ziehe die Spende natürlich nicht zurück, wenn diese Angriffe auf den amtierenden Oberbürgermeister aufhören. Sowas gehört sich im Wahlkampf nicht.
Was muss der Stadtrat unternehmen, damit die Millionen doch noch fließen?
Der Stadtrat hätte halt nicht darüber nachdenken sollen, sondern mir und dem Bürgermeister einfach vertrauen sollen! Außerdem sollten Sie als Kasbladl-Reporter wissen, dass man Anträge im Stadtrat, die an einem Unsinnigen Donnerstag gestellt werden, immer blind durchwinken muss!
Würden Sie Ihre Millionen auch einem Satireblatt wie dem Kasbladl spenden?
Das Gespräch ist hiermit beendet.
Das Kasbladl bedankt sich. Der Salinenpark ist übrigens super geworden! 


Dienstag, 4. Februar 2020

Vom Anfang der Einsamkeit - Ferdinand von Schirach in Stein

Ferdinand von Schirach liest beim "Leseglück" in Stein an der Traun


Ferdinand von Schirach ist der vielleicht hochkarätigste Autor, den das Gymnasium Stein bisher für die Steiner Literaturtage gewinnen konnte. Einer der meistgelesenen international veröffentlichten deutschen Autoren, der zugleich für Intellektualität und literarische Qualität steht. Klar, ganz Stein stand Kopf, die Veranstaltung war restlos ausverkauft und kleine Autoren wie ich wären außen vor geblieben. Auch, weil ich von Ferdinand von Schirach nur zwei Dinge wusste. Dass er der Cousin meines Lieblingsschriftstellers ist. Und er die Klappentextempfehlung von "Panikherz" geschrieben hatte. Mehr hatte ich von ihm nicht gelesen. 
So scharf wie die Rhetorik auf der Bühne sind die Fotos vom Huawei P30 nicht.
Umso mehr hatte ich von Ralf Enzensberger gelesen, der als Moderator nach Stein geladen wurde. Und er überredet mich schließlich, nicht nur als aktiver Teil der hiesigen Literaturszene zu agieren, sondern endlich einmal auch als passiver.
Vielbeschäftigt wie ich bin, kam ich zum Literaturevent des Jahres eine halbe Stunde zu spät und musste erst mit der Einlassdame diskutieren, ob ich rein durfte. Für 25 Euro durfte ich. Von Schirach ließ sich von meinem Stühleknarzen und Mantelrascheln nicht stören und referierte inbrünstig über Europa, Menschenrechte und Werte. Als alle spontan applaudierten, klatschte ich frenetisch mit, obwohl ich geistig der Argumentationslinie nicht ansatzweise gewachsen war. Aber es war das Stichwort "Europa" gefallen und ich wollte kein Mensch sein, der beim Stichwort Europa nicht begeistert klatscht. Während ich immer überzeugter wurde, dass es sich um eine politische Veranstaltung handelte, verwandelte sich der eindrucksvolle Sermon doch noch in einen literarischen Text. Plötzlich klatschen wieder alle, das Licht ging an und von Schirach verschwand von der Bühne. Ich will meine 25 Euro zurück, skandierte ich und man beruhigte mich, es sei Pause. 
In der Pause gab es, anders als auf den Plakaten angepriesen, keine Zigaretten und Kaffee. Dafür Apfelschorle und Steiner Bier. Vom Who is Who Der hiesigen Literaturszene waren alle Lektorinnen, Netzwerkerinnnen und künftigen First Ladys da, die Rang und Namen hatten.
Die zweite Halbzeit bot den glücklich vom Buffet zurückkehrenden kauenden Kulturliebhabern ein rhetorisches Rededuell mit einer besonders geschärften Sprachklinge. Moderator Ralf Enzensberger bemerkte gleich in der Aufwärmphase des geplanten lockeren Plausches, dass junge Menschen wie er regelmäßig auf Youtube surften. Das geplante lockere Gespräch mit dem älteren Herren war laut Ferdinand von Schirach ab da vorbei – sehr zur Freude des Publikums. Denn das anschließende Wortgefecht zwischen Jung-Moderator und dem vermeintlichen Alt-Literaten verlief auf höchstem Niveau und ich bedauerte sehr, dass ich beim Beobachten mit offenem Mund kein Popcorn zur Hand hatte. Während die einen begeistert auf die nächste Spitze des Großliteraten warteten, hofften die anderen auf den einen Moment, an dem sie etwas wirklich Ergreifendes vom Schriftsteller erfuhren. Es ging beinahe im gegenseitigen Frotzeln unter, dass es Ralf Enzensberger gelang, diesen einen intimen Moment aus ihm heraus zu kitzeln. Er sprach von Schirach mit Bezug auf Eleanor Rigby auf Einsamkeit an. Für einen Moment fiel die Maske des launigen Rhetorik-Großmeisters und von Schirach erzählte leise, fast mit sich selbst sprechend, über die einsamen Momente in den Nächten. Er betonte, dass für ihn Einsamkeit etwas anderes sei, als Alleinsein und in diesem Moment war es bis in die letzte Reihe zu mir zu spüren, dass Ferdinand von Schirach dort oben zwar nicht allein, aber zutiefst einsam war.
Später erzählte er auf leise Weise, traurig reflektierend, dass er als junger Mann das Gefühl hatte, die Zeit sei etwas Zähflüssiges. Nun, mit fortschreitendem Alter werde sie immer schnellflüssiger und inzwischen weiß er, dass die Zähflüssigkeit der Jugend etwas Gutes war.
Zuletzt kam noch das Publikum zu Wort. Die Zuhörer hatten die einmalige Chance, einen der großen Geister unseres Kulturkreises eine einzige Frage zu stellen. Und was fragten sie? Frau 1: „Sie haben zuerst behauptet, dass Montesquieu die Perser-Briefe geschrieben hat. Dann, dass es Voltaire war. Da ist ihnen doch ein Lapsus unterlaufen, oder?“ Die zweite Frage, die das Leben des glücklichen Fragestellers für immer verändern sollte, lautete: „Ich bringe einen Ernährungsratgeber heraus. Möchten sie das Vorwort schreiben?“ Die berührende Antwort des Poeten: „Nein.“
Zum Schluss riet er den Schülerinnen und Schülern des Schloss-Internats Stein noch, dass sie sich von niemanden raten lassen sollten, welchen Beruf sie zu erlernen hätten. Sie sollten genau das erlernen, was sie gerne machen. Den Zuhörern allgemein gab er den Hinweis, sie sollen sich die Welt, die Menschen einfach anschauen, ohne sie zu beurteilen. Und, um noch ein letztes der vielen Bonmots zu nennen, ein Satz der mich sehr berührt hatte: „Literatur ist nie eine Macht. Sie kann nur Trost sein.“ Ich war untröstlich, dass ich nicht mehr genug Geld hatte, um mir „Kaffee und Zigaretten“ zu kaufen. Dafür hatte ich einen Abend erlebt, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Bis hierher gelesen? Dann geht es weiter auf www.chiemgauseiten.de/aktuelles

Donnerstag, 30. Januar 2020

Was Prien am Chiemsee mit Popliteratur zu tun hat

Benjamin von Stuckrad-Barre in Prien am Chiemsee


Benjamin von Stuckrad Barre und ich haben eine überraschende Gemeinsamkeit in unserem Lebenslauf. Dabei meine ich nicht, dass ich einige Jahre nur Bücher schreiben wollte, die sich lasen wie "Soloalbum". Oder dass in unseren beiden Romanerstlingen lebendige Hühner auf Sankt Pauli erworben werden. Noch besser, wir haben uns nur knapp verpasst und wären uns mit Sicherheit begegnet. Und zwar in Prien am Chiemsee, wo wir beide mehr oder weniger unfreiwillig einige Monate verbrachten. Ich lebte als Zivildienstleistender in der dortigen Jugendherberge. Benjamin von Stuckrad Barre, wie ich aus seinem "Panikherz" erfuhr, einige Meter weiter im Roseneck in der dortigen Klinik. Ich machte mit dem Rasta Zivi Mista Wicked meine ersten Erfahrungen mit weichen Drogen. Er versuchte zusammen mit Teenager-Mädchen mit Essproblemen von harten Drogen runter zu kommen. Ich schrieb wie ein Besessener und träumte davon, ein Schriftstellerstar zu sein. Er schrieb gar nichts. Er war schon ein Schriftstellerstar. Prien, das war eine seltsame Episode über die ich eines Tages schrieben wollte. Er, so durfte ich nun nachlesen, hat also schon über Prien geschrieben. 
Ich habe mir vorgenommen, nie wieder was von Stuckrad Barre zu lesen. Soloalbum war zu gut, das war genau das, was ich mir unter junger, wilder Literatur vorstellte. Panikherz als Hörbuch lasse ich aber gelten. Großartig gelesen. Großartig erzählt. Einfach großartig. 

Dienstag, 21. Januar 2020

Ende der Einsamkeit: Warum ich dank Benedict Wells wieder Schriftsteller sein will

Benedict Wells großartigster Roman


Benedict Wells ist ein älterer Schriftsteller, der Schnulzenromane schreibt. Dachte ich lange Zeit. Never judge a book by it’s cover. Die Jahre in denen ich darum rang, ein guter Schriftsteller zu sein, orientierte ich mich überwiegend an Wolfgang Herrndorf, Thomas Glavinic und John Green. Herrndorf lebt nicht mehr, Glavinic ist schon lange nicht mehr aufgetaucht und John Green ist weit weg. Benedict Wells, hörte ich immer wieder von geschätzten Autorenkollegen. Warum ich nicht Benedict Wells lesen würde? Ich versuchte es mit „Becks letzter Sommer“. Ich hatte noch immer den älteren Schnulzenautor im Kopf und mochte den Ton des Buches nicht. Nach fünfzehn Seiten weggelegt. Irgendwann stolperte ich über den extrem inspirierenden Blog eines Autors, etwas jünger als ich. Er schrieb über seine Liebe zu John Irving und wie die Lese-Erfahrung eines Irving-Romanes in ihm die Wunsch erweckte, selber Schriftsteller zu werden. Ich erinnerte mich daran, wie ich zu meinem 19. Geburtstag „Garp und wie er die Welt sah“ geschenkt bekommen hatte und wie mich das Buch mit einer Begeisterung für Literatur erfüllte, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hatte. Ich fand diesen jungen Schriftsteller ungemein sympathisch und fand mich in vielen seiner Sätze wieder. Tja, es war tatsächlich Benedict Wells. Dass er ursprünglich sogar aus München stammt und sich bewusst gegen seinen eigentlichen – ungemein berühmten – Nachnamen entschied, machte mir diesen jungen Mann so sympathisch, dass ich noch einmal „Becks letzter Sommer“ in die Hand nahm. Ich brauchte immer noch eine Weile, bis ich mit dem Ton und dem Hauptprotagonisten warm wurde. Aber als ich verstand, wie Benedict Wells arbeitet, begann mich die Geschichte mehr und mehr zu begeistern. Und das sei noch nicht einmal sein bestes Buch, wurde mir versichert. Nun ja, drei Bücher später bin ich endgültig zum Fanboy mutiert und ich fürchte, ich habe ein neues Autorenvorbild. Warum? Wegen Sätzen wie diesen: „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“ Ein Satz wie dieser beschreibt alles, wie und worüber ich schreiben möchte und muss. Ich habe die letzten Jahre am Abgrund geschrieben, vieles vom „Ende der Einsamkeit“ ist mir vertraut. Was ich noch nicht wusste ist, wie kann man diesen Abgrund in einem Buch festhalten? So festhalten, dass man das Buch trotz aller Abgründe abgrundtief liebt. So geht es also. So und nicht anders. Bevor ich den Tod kennenlernte, schrieb ich über Euphorie und verrückte Menschen und gelbe Wunderkerzen, die wie Feuerräder unter den Sternen explodierten. Das Zitat von Jack Kerouac kommt in jedem meiner Bücher bis heute in irgendeiner Form vor. Und auch Benedict Wells hat es in die „Einsamkeit“ eingewebt. Zutiefst glücklich weiß ich nun, dass es dort draußen doch noch einen Schriftsteller der Generation, der ich mich zugehörig fühle gibt, der in mir die absolute, bedingungslose Liebe zur Literatur entfacht. Ich werde weiter schreiben und hoffen, dass ich irgendwann auch nur ansatzweise an der Intensität dieses Romans kratzen darf. Und das einzige, das ich bedaure ist, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der sein Talent erkannt hat. Dass Benedict Wells längst zu groß ist, als dass er seine Email-Adresse ins Netz stellt, damit hoffnungsvolle Nachwuchs-Autoren wie ich ihn um Rat bitten können. Aber man kann ja versuchen, ab sofort so lange über Benedict Wells zu schreiben, bis er es liest – oder jemand, der seine Kontaktdaten hat. Also melde Dich!