Freitag, 28. Januar 2022
Papst, Ludwig Thoma & Co. - Traunstein hat ein Erinnerungs-Problem
Dienstag, 16. März 2021
Benedict Wells - Hard Land
Buchbesprechung "Hardland" von Benedict Wells
Werde ich während der Lektüre ebenso ernst dreinschauen wie Benedict Wells, dachte ich mir, als diese Postkarte aus seinem Buch Hard Land fiel. Anfangs dachte ich sogar mehr darüber nach, warum Benedict Wells so traurig in die Kamera schaute. Aber vermutlich lag es auch daran, dass das Foto inmitten einer weltweiten Pandemie geschossen wurde. 1985 ahnte man noch nicht, wie diese unsere ferne Zukunft einmal aussehen wird. Und in genau diesem Jahr spielt der Roman. Warum ausgerechnet 1985? Mein erster Impuls war, dass Benedict Wells 1985 geboren ist. Ein Blick auf den Buchumschlag verriet aber: Geburtsjahr 1984. Wäre auch ein fast genialer Buchtitel gewesen!Ebenso außergewöhnlich für einen in der Schweiz lebenden Schriftsteller
ist die Lokation, in der der Roman spielt: Eine Kleinstadt namens Brady im US
Staat Missouri. Ein Jugendroman, der in Missouri spielt – man denkt reflexhaft
an Huckleberry Finn, aber das wäre zu naheliegend. Es wird eines der 49
Geheimnisse dieses Buches bleiben, warum Benedict Wells dieses Setting wählte.
Benedict Wells hat inzwischen über so ziemlich alles
geschrieben, was ich selber cool und interessant finde: Musikalische Schüler,
über den Tod, der einen inzwischen kennt, über die verrücktesten moterhfucker
Berlins – oder wenigstens die skurrilsten Spinner der Stadt – und selbst einen
Jugendroman, der in Amerika spielt, hat er bereits geschrieben. Die inzwischen
klassischen Benedict-Wells Zutaten sind auch in diesem Roman wieder zu finden.
Klingt langweilig? Nicht wenn man weiß, wer Benedict Wells großes
Romancier-Vorbild ist. Denn auch der amerikanische Großmeister sollte dringend
gemieden werden, wenn man keine Bücher lesen will, in denen Wrestling, Bären oder
Wien vorkommen. Denn das ist die Welt, wie sie John Irving sah. Aber zurück zu
Benedict Wells. Er hat sich einen fünfzehnjährigen Außenseiter ausgedacht,
dessen Mutter an Krebs erkrankt ist und der im Laufe eines Sommers nicht nur
die Freundschaft dreier älterer Highschool-Kids gewinnt, sich verliebt und die
unglaublichsten Mutproben besteht, sondern auch am Ende mit dem Tod seiner
Mutter fertig werden muss.
Da waren im ersten Drittel des Romanes keine großen
Überraschungen, aber irgendwann bin ich weggedriftet und zwar ins Jahr 1996 in
den Bundesstaat Washington. Vielleicht kann ein Roman auf zwei Weisen Magie
erzeugen: Die einen lesen ihn und tauchen in eine Welt ein, die ihnen gänzlich
fremd und fantastisch erscheint. Die anderen kehren zurück in eine längst
vergessene Zeit und alte Erinnerungen blitzen auf an die Tage, als das Leben so
intensiv war, als spränge man von einer 15 Meter hohen Klippe.
Auf einmal war ich also wieder 17. Die Kleinstadt hieß
Spokane und der Außenseiter war ein pickeliger Austauschstudent aus
Deutschland, der sich mit der Sprache schwer tat und die meiste Zeit über
Geschichten in seine Mead Kladde schrieb. Bis er Teil einer Clique Skater
wurde, die sich jeden Tag in der Mittagspause unter der Interstate 90 trafen,
tollpatschig versuchten, ihren Brettern Kunststücke zu entlocken und heimliche
U2-Hardcorefans waren.
Je länger ich Hard Land las, desto mehr Erinnerungen wurden
lebendig. Wie oft ich in irgendwelchen Puckups gesessen war, wo wir überall heimlich
Bier getrunken hatten und wie groß der Schmerz war, als das Jahr schließlich
wieder vorbei war. Nur diesmal war ich es, der gehen musste und sogar noch ein
wenig weiter als bis zur Ostküste.
Aber noch etwas anderes rührte mich in Hard Land, das ich
lange nicht richtig greifen konnte. Sicher, die Geschichte mit Sams Mom, die –
kein Spoiler, es wird schon von Beginn an verraten – bald stirbt. Warum rührte
mich diese Geschichte der Frau, die halb Brady mit Bücher versorgte und nach
langer schwerer Krankheit viel zu früh verstarb so sehr? Oh Fuck.
Meine Mama war die Büchereileiterin gewesen, die Jahrzehntelang
das halbe Dorf für Bücher und Lesen begeistert hatte, ehe sie viel zu früh nach
heftiger Krankheit verstarb.
Mit diesem Buch ist es Benedict Wells endgültig gelungen,
meine Geschichte zu erzählen. Oder vielleicht macht genau dies ein gutes Buch,
einen guten Autor aus: Dass die Leser überzeugt sind, dass sie gerade ihre
eigene Geschichte lesen. So wie sie war. So, wie sie hätte sein können.
Mittwoch, 16. Dezember 2020
Das Jahr, in dem ich als Schriftsteller fast reich und berühmt wurde
Der literarische Jahresrückblick 2020 von Bernhard Straßer und den Chiemgauseiten
Doch zunächst begann alles wie
gehabt. Die Kulturreihe „Gutes zur Kaffeezeit“ ging in die nächste Runde und
noch ahnte keiner von uns, dass es die letzten Auftritte am Güßhübel sein
würden. Von einer Münchner Buchbloggerin wurde ich zum Interview ins LandhausTanner eingeladen. Auch wenn ihr Projekt im Sande verlief – hey - wie oft im Leben erlebt man es, dass die
exquisiteste Küche der Region nur für zwei Personen ein 4-Gänge-Menü zaubert?
Als ich kurz darauf auch noch von meinen geschätzten Kulturkollegen Ralf Enzensberger und Max Berger zu einer gemeinsamen Podcast – Folge eingeladen war, schien das Jahr schon vollendet, noch ehe es richtig begonnen hatte. Aber was des einen Highlight ist, ist des anderen Alltag. Und Ralf lehrte mich, dass man mit dem Wort „Highlight“ sparsam umgehen soll. Keine zwei Wochen nach dem Podcast-Nachmittag lud er mich zur Lesung von Ferdinand Schirach nach Stein an der Traun ein. Ich saß zwar, nicht wie er, der auf der Bühne Ferdinand von Schirach interviewte, nur im Publikum, grandios war es so oder so.
Mein ganz persönlicher Held ist aber nicht Herr von Schirach, sondern sein Cousin Benedict Wells. Den durfte ich im März kennenlernen im buchstäblich letzten Moment, bevor sich die Vorhänge der Kultur endgültig schlossen. Zusammen mit meinem hochgeschätzten Autorenkollegen Fabian Bader besuchten wir die Lesung im Rahmen von „Regensburg liest ein Buch“. Die spannenden Gespräche mit Fabian Bader wären schon für sich allein stehend eine Reise nach Regensburg wert gewesen. Dass wir unsere literarische Gesprächsrunde auf Benedict Wells ausweiten konnten, hatte etwas utopisches an sich und einen Abend lang glaubte ich, dass 2020 alles möglich ist. Denn während der Lesung sprachen wir noch über Benedict Wells Literaturagentur Eggers. Auch dort hatte ich auf Rat von Ronja von Rönne mein Manuskript geschickt. Als ich Nachts kulturtrunken meine Mails checkte, entdeckte ich auch eine Nachricht der Agentur Eggers, die mein komplettes Manuskript anforderten. Es war exakt so, wie ich es im Seilerin-Kurs manifestiert hatte. Mein Buch würde verlegt, es würde durch die Decke gehen und verfilmt und ich würde nie wieder als Beamter vom Arbeitsamt firmieren müssen. Die Quantenmechanik funktionierte!
Allerdings dann doch anders, als
geplant. Es kam der Lockdown in Bayern. Die Kultur wurde eingefroren, wenn sie
das Jahr überhaupt überlebte. Ich fungierte vorübergehend als Kameramann eines sich
verzweifelt auf digital umstellenden Yogastudios. Zeitgleich arbeitete ich als
Kurzarbeitergeld-Sachbearbeiter und begann ein – dann doch recht gut beachtetes
– Corona Elterntagebuch zu schreiben.
Da auch ich nun keinen Auftrag
als Autor mehr hatte, stellte ich in einer Marketing-Husarenaktion mein Buch „Sternesieht man nur bei Nacht“ für einige Tage als Gratis E-Book ins Internet. Ich
dachte, die fünf, sechs Downloads kann ich schon verschmerzen. Letztendlich
luden über 1000 Menschen das Buch herunter und noch Wochen später wurde es auf
Kindle unlimited eifrig gelesen. Wow, das hatte mich dann doch platt gemacht.
Als der Frühling kam und wir mit
unfrisiertem langem Haar Aperol schlürfend im Garten lungerten, erhielt ich
jene knappe Nachricht, die laut der RUSU eigentlich nie hätte kommen dürfen:
Eggers sagte ab – man könne keine neuen Autoren aufnehmen. Eine Weile lief ich
als Corona-Opfer gebückt durchs Leben und tobte all meine Energie, die ich
zuvor in die Träume, ein erfolgreicher Autor zu werden, gesteckt hatte, in die Notfall-Hotline
vom Arbeitsamt. Dort telefonierte ich mit Menschen, die Corona wirklich hart
erwischt hatte und hörte schon bald auf zu jammern.
Statt vertaner Chancen hinterherzujammern, wurde ich wieder aktiv und nahm an zwei Kursen von Arwed Vogel teil. Einen Online und den zweiten endlich wieder in Präsenz im Kloster Scheyern. Dort lernte ich einige wunderbare Autorenkollegen/innen kennen und es entstand eine Heldenreise über meinen Namensvetter Pater Bernhard Walcher.
Im Hochsommer kam das seit längerem geplante Projekt der Tourismusregion Waginger See noch einmal in Gang. Eva Bernauer von der Tourismus-Info Waging am See stellte den Kontakt zwischen mir und Axel Effner her und wir trafen uns zum Fototermin in Kirchanschöring. Axel Effner ist übrigens eine Lokalreporter-Legende und ich kenne seine Texte seit über zwanzig Jahren. Damals stellte ich mir mein späteres Leben genau so vor: Einmal so berühmt zu sein wie Axel Effner!
Diesmal allerdings stapften wir
durch den Finsterwald und sinnierten beim Fototermin über diese mit bekanntesteurbane Legende in unserer Region.
Im Sommer begann eine kleine
Seltsamkeit. Google hat ja bereits seit einigen Jahren ein kleines Faible für
die Chiemgauseiten. Lange Jahre listete es mich unter der Top 5 bei den
Suchergebnissen nach „Traunstein“. Diesen Platz konnte ich zuletzt zwar nicht
mehr halten. Allerdings schoss ich beim Thema „Sag mal Klopapier“ auf Platz 1.
Ebenso beim Thema „Corona Kurzgeschichten“. Das klingt auf den ersten Blick
jetzt nicht wie ein supergroßer Durchbruch. Aber der Erfolg mit „Die nervigstenKindergartensprüche aller Zeiten“ führte dazu, dass auch zahlreiche andere
Beiträge aus dem Elterntagebuch von Google höher bewertet wurden. Und auf
einmal war ich auch beim Keyword „Kurzgeschichten“ in der Top 10. Von
Deutschland. Und – verdammt noch eins – genau darauf hatte ich doch die letzten
Jahre hingearbeitet!
Meinen schönsten Termin des
ganzen Jahres hatte ich schließlich im Oktober. Jenny Knott lud mich als Autor
in die Fachakademie für Sozialpädagogik in Traunstein ein. Zwei Stunden lang
erzählte ich den wissbegierigen künftigen Erzieher/innen über Gefühle in der Literatur,
Erzählperspektiven und perfekte erste Sätze.
So ein wahnsinniges Jahr darf man natürlich nicht still und leise ausklingen lassen. Deshalb werkte ich zusammen mit meiner Frau an einem gemeinsamen Adventskalender von Yoga-Dahoam und den Chiemgauseiten. Seit 1. Dezember präsentieren wir täglich neue Geschichten, Yoga-Übungen oder Kraftorte aus der Region. Mit dabei sind auch die beiden Videos, die ich für eine zweite Adventskalender-Aktion aufnehmen durfte. Berni Oberauer, Rudi Göbel und Jürgen Pieperhoff vom VdK Traunstein nahmen für ihren Adventskalender Geschichten auf, die regionale Autoren vorlasen. Auch meine Autorenkollegen Gustl Lex und Nik Mayer waren mit dabei.
Vor allem meine Corona-Weihnachtsgeschichte
„Das Jahr, in dem Weihnachten fast ausfiel“ ist ein kleiner Erfolg geworden.
Tausende Menschen haben seitdem die Geschichte schon auf meinen Chiemgauseiten
angeklickt.
Demnächst geht die RUSU von Laura
Malina Seiler wieder los. Ich werde mich diesmal darauf konzentrieren, dass die
Pandemie gestoppt wird UND ich als Schriftsteller reich und berühmt werde. Mal
schauen, was uns mein Unterbewusstsein nächstes Jahr dann so beschert…
Freitag, 26. Juni 2020
Live your life like Schweinsteiger - Ein Lebensratgeber
Wenn Schweinsteiger einen Lebensratgeber schreiben würde
Bücher die Lebensberatung, Selbstoptimierung und den Weg zum Glück versprechen, gibt es viele. Von John Strelecky über Laura Malena Seiler bis zu Eckhart Tolle habe ich einige davon gelesen. Wesentlich inspirierender fand ich zuletzt allerdings den Film von – nicht lachen – Till Schweiger – über Bastian Schweinsteiger. Blendet man die obligatorischen Fußballszenen, die Tore und Platzverweise aus und konzentriert den Film auf die wenigen, aber wirkmächtigen Kernaussagen zu Schweinsteigers Lebensphilosophie, erhält man einen faszinierenden Kompass, der nicht weniger erbauend wirkt als die oben erwähnten Lebensbejahungsbücher.Bastian Schweinsteiger macht natürlich keine Anstalten, als
Motivationscouch durch die Hallen der Hauptstädte zu tingeln, aber
ausgeschlossen ist dies nicht. Denn vielleicht sind die Aussagen, die im Film
seine Lebensphilosophie destillieren, teils so allgemein, dass einige Euro im
Phrasenschwein landen. Verbunden aber mit dem Menschen, mit der Karriere, die
hinter der Philosophie stecken, entsteht ein Lebensbild von dem man sich
bedingungslos inspirieren lassen möchte. Oder ich zumindest. Vielleicht braucht
man eine enge Verflechtung mit Schweinsteigers Karriere und den eigenen
Lebensstationen, um sich so herrlich für dessen Lebensansichten begeistern zu
können. Aber da gibt es außer mir sicher noch ein paar Millionen andere.
Oliver Kahn beschreibt knapp aber prägnant, wofür
Schweinsteiger steht und wofür er ihn bewundert: Bastian habe in all den Jahren
seine Lockerheit bewahrt. Er habe immer das getan, was er gerne tat und nie
aufgehört, Spaß daran zu haben.
Für seine jugendliche-freche Art wurde er als 18-jähriger
schon ein Liebling der Bayernfans. Ich liebte diese Legende, dass er damals mit
einem Mädchen – angeblich seiner Cousine – ins Trainingsgelände der Bayern
eingestiegen war, um ihr den Whirlpool zu zeigen.
Schweinsteiger selbst spricht im Film immer wieder davon,
dass ihm das wichtigste ist, Erinnerungen zu kreieren. Das widerspricht
zunächst Eckhart Tolles Lehre, achtsam im Augenblick zu verweilen. Aber nicht
ganz. Denn nur, wenn man im Moment wirklich ganz da ist, gelingt es, die intensivsten
Erinnerungen entstehen zu lassen. Erst in dem Moment, an dem er beginnt, den
alten Erinnerungen mehr nostalgisch nachzuhängen, als neue zu kreieren, sollte
man seine Gegenwart wieder überdenken.
Schweinsteiger hat zunächst also viel Spaß gehabt in seinem
Leben. Beim Skifahren, beim Tennis, beim Fußball. Letztendlich entschied er
sich für die Fußballkarriere, was vor allem seinen Skifreund und Konkurrenten
Felix Neureuther erleichterte.
Bis ungefähr 2007 stand Schweinsteiger für Jugend,
Unbeschwertheit und (Spiel)Freude. Während seines Reifeprozesses zum
Führungsspieler begannen die ersten großen Niederlagen. Das verlorene EM-Finale
gegen Spanien. Van Gaal lernt ihn schließlich zum zentralen Mittelfeldspieler
um und Schweinsteiger reift zur Weltklasse. Beim Champions League Finale
„Dahoam“ in München ist Schweinsteiger der absolute Führungsspieler. Aber seine
Generation, die er zusammen mit Philipp Lahm prägte, ist in der Kritik, im
richtigen Moment keinen Biss, keine Autorität zeigen zu können. Durch die
flache Hierarchie, die beide prägen, nennt man sie hämisch „Chefchen“.
In einem dramatischen, traumatisierenden Finales schafft es
die haushoch überlegene Mannschaft der Bayern nicht, einen sicher geglaubten
Sieg über die Runden zu bringen. Da gibt es einen Ausgleich in letzter Sekunde,
einen verschossenen Elfmeter in der Nachspielzeit und ein Elfmeterschießen, in
dem gleich mehrere Bayernprofis die Hosen voll hatten. Schweinsteiger trat zum
entscheidenden Elfer an. Und der Ball prallte vom Innenpfosten aus dem Tor
heraus.
Minutenlang liegt Schweinsteiger heulend am Boden, den Kopf
unter dem Trikot versteckt. Von Spaß und Freude und guten Erinnerungen ist
nichts mehr geblieben. Es ist eine unfassbare Niederlage. Oliver Kahn versuchte
es zu beschreiben: Da schauen einem 500 Millionen beim Versagen zu. Es war
nicht nur die bitterste Niederlage des FC Bayern. Es war auch die persönliche
Niederlage von Bastian Schweinsteiger.
Alle Welt fragte sich: Kann jemand nach so einem traumatischen Erlebnis
jemals wieder erfolgreich sein?
Trotz allem Druck, es ist immer noch Fußball und
Schweinsteiger erklärt, dass Fußball ihm einfach Spaß macht. Und über den Spaß
kehrte er auch wieder in die Erfolgsspur zurück.
Die zwei Jahre nach der niederschmetternden Niederlage im Finale
Dahoam wurden so zu einem Fußballmärchen. Trotz Verletzungssorgen –
Schweinsteiger war nun nicht mehr der Jüngste – trieb er sowohl die Bayern als
auch die Nationalmannschaft als Führungs – und Vorbildspieler zu den beiden
größtmöglichen Triumphen. Erst gewann er das Triple mit den Bayern. Ein Jahr
später folgte dieses eine Spiel, das ihn – der schon zuvor als Fußballgott in
München verehrt wurde – auch weltweit unsterblich machen würde. Das WM Finale
gegen Argentinien. Die Welt schaute einem Spieler zu, der körperlich an seine
Grenzen ging, der blutend auf dem Rasen lag, der sich, sich seiner
Messias-Rolle voll und ganz bewusst, für die Mannschaft, für ein ganzes Land
aufopferte. Das entscheidende Tor hat Mario Götze geschossen. Aber das Bild,
das für alle Zeit in Erinnerung bleiben wird, ist der blutende Schweinsteiger,
der um jeden Ball kämpfte als ginge es um sein Leben.
Ob man nach diesem Spiel noch von Lockerheit und Spaß
sprechen kann, sei bezweifelt. Aber dennoch lernt man etwas von Schweinsteiger
in diesem Finale. „Es war das perfekte Spiel“, erklärt er im Film. „Ich habe
etwas gespürt dabei.“ In diesen 120 Minuten war er ganz da, hat das Leben mit
jeder Faser seines Körpers in Freude und Schmerz gelebt. Wenn man danach noch
mit dem größtmöglichen Erfolg in seinem Beruf belohnt wird, hat man alles
richtig gemacht.
Nach diesem Film stellt man sich selbst die Frage: Hat man
sein Leben bisher gelebt wie Schweinsteiger? Hat man beruflich das getan, was
einem Spaß macht? Hat man die Lockerheit bewahrt? Hat man Verantwortung für
andere übernommen? Ist man fähig, aus Krisen etwas Gutes entstehen zu lassen?
Kreiert man Momente, in denen man das Leben spürt und die so intensiv sind,
dass man sich für immer an sie erinnern wird?
Ich habe mir all diese Fragen gestellt und wäre beinahe in
eine verfrühte Midlife-Crisis gerutscht. Was habe ich schon geleistet? Nicht
einmal Weltmeister bin ich bis jetzt geworden! Aber ich habe mir auch
vorgenommen: Be a little bit like Schweinsteiger!
Mittwoch, 13. Mai 2020
Die Corona-Erzählungen
Was Querdenker noch nicht wussten - Die Corona-Erzählungen
Als vor hundert Jahren die Spanische Grippe ausbrach,
reagierten viele Kommunen mit einer Informationskampagne zum Infektionsschutz (Hände waschen!) Ein
Spanischer Bischof in Zamora riet seinerseits den Gläubigen, in der Kirche
zusammenzukommen, zu beten und der Statue des Pest-Heiligen die Füße zu küssen.
Den Menschen in Spanien fiel es leichter, die Krankheit als eine Strafe Gottes
zu sehen, als an irgendwelche unsichtbaren Mini-Wesen zu glauben. Anders
gesagt: Die Kirche hatte einfach die bessere Erzählung zu bieten. Das Ergebnis?
Spanien war eines der Länder, das am härtesten von der Pandemie getroffen
wurde.
Eine nette Geschichte, denken wir heute, hundert Jahre
später. Wie konnten die Menschen in Spanien damals nur so blöd sein?
So viel hat sich aber die letzten hundert Jahre nicht
verändert. Fakten treten auch heute leicht in den Hintergrund, sobald jemand
anderes nur eine bessere, eine plausiblere, eine mir mehr zusagende Geschichte erzählt.
Wer glaubt beispielsweise ernsthaft, dass dieses Coronavirus, das so harmlos
ist, dass nur ein winziger Bruchteil der Infizierten daran stirbt, trotzdem eine
Pandemie auslösen, die größten Staaten der Welt zu einem totalen Lockdown zwingen und die Weltwirtschaft abstürzen lassen kann? Dieses bisserl Virus! Nein, nein. Man
muss nur seinen gesunden Menschenverstand, einen Telegram-Account und Facebook
nutzen und schon erfährt man die Wahrheit. Man braucht ja nur zu googeln, wer
von Corona profitiert und schon hat man die wahren Strippenzieher hinter der „Hysterie“.
Was ist die bessere Erzählung? Ein relativ harmloses Virus – gegen das das
menschliche Immunsystem allerdings noch keine Antikörper entwickelt hat – legt die
Menschheit, wie wir sie kennen – lahm? Oder Bill Gates hat das Virus in die
Welt gesetzt, um weltweite Impfpflicht durchsetzen zu können und zum reichsten
Mann der Welt zu werden?
Oder angenommen, man ist derzeit ein Hotelier, oder ein
Gastronom in Deutschland. Welche Erzählung erscheint dann plausibler: Die Regierung
hat abgewogen, was eine unkontrollierte Pandemie für einen Schaden für Gesundheitssystem
und Wirtschaft anrichten würde und sich für vorübergehende Kontaktbeschränkungen
entschlossen, um die Ausbreitung des Virus einzuschränken? Oder: Die Regierung
nutzt nun das Auftreten dieser neuartigen Grippe, um endlich die Grundrechte
einzuschränken, die Demokratie auszuhebeln, die Menschen durch drohende Arbeitslosigkeit gefügig zu machen und eine Diktatur unter dem
Triumvirat Söder-Merkel-Drosten zu installieren? Und nebenbei 5G heimlich
einzuführen? Dass nun alles gelockert wird, bis auf Hotels und die Gastronomie, ändert natürlich nichts daran, dass zweitere Erzählung die eindeutig bessere
ist.
Wie kann man der Erzählung der spröden Angela Merkel, die
schon die Grenzöffnung für Millionen von Flüchtlingen „alternativlos“ nannte, glauben, wenn es zeitgleich Dutzende Mediziner und Professoren gibt, die in
ihren offenen Briefen und Youtube Videos haarklein sezieren, dass das neuartige
Coronavirus um keinen Deut gefährlicher ist als eine Grippe? Seien wir uns mal
ehrlich – wenn wir wegen den Regierungs-Entscheidungen gerade unseren Job verloren
haben: Wessen Erzählung glauben wir? Der von Merkel, die uns schon vorher
enttäuscht hat – oder der von dem Doktor auf Youtube, der immerhin, im
Gegensatz zu Merkel, einen Doktortitel hat? Oder wer glaubt schon diesem
Drosten, der sich im wöchentlichen Rhythmus selber widerspricht und heute das
Gegenteil von dem sagt, was er letzte Woche gesagt hat, nur weil er irgendwo über
eine „neue Studie“ gestolpert ist? Der Typ von Youtube ist wenigstens standhaft
und bleibt bei seiner Meinung!
Ein Mensch wie ich, der weder Virologe ist, noch Mitglied
der Regierung und nicht einmal bei den Freimaurern oder einer Telegram-Gruppe
ist, hat, ehrlich gesagt, keine Ahnung was gerade vor sich geht. Ich höre mir
die vielen Erzählungen an. Viele gefallen mir. Viele gefallen mir nicht. Ich schaue
mir die Bilder an, die Zahlen, höre die Podcasts der Virologen, schaue die
Regierungserklärungen. Ein Mensch wie ich, der glaubt zu wissen, dass er nichts
weiß, sich aber nicht einmal dessen völlig sicher ist, dem bleibt nur noch
übrig, sich zu entscheiden, zu welchen Erzählern er sich ans Lagerfeuer
setzen möchte. Der Inhalt der Erzählung muss einem nicht gefallen, aber es sollte
schon recht handfeste Indizien geben, dass der Erzähler selber glaubt, was er
sagt. Und – noch besser – weiß, wovon er spricht. Ein wenig hilft es auch, die
Erzählungen mit dem kleinen Ausschnitt Realität zu vergleichen, der uns aus
anderen Ländern bekannt ist. Denn selbst wenn ich mich auf die Erzählung einlasse,
dass die Impfstoff-Lobby die Regierung dazu zwingt, die restliche Wirtschaft wegen
dieser simplen Grippe zu zerstören, bleibt die Frage: Warum haben die anderen
Länder ähnlich, wenn nicht noch rigoroser reagiert? Wie konnte diese Grippe so
ein Chaos in Italien und Spanien anrichten? Warum ist es nicht einmal Trump,
der doch sonst ein Meister der Erzählungen ist, gelungen aus dem Coronavirus
eine einfache Grippe zu machen? Hat man dort die Youtube Videos der Deutschen
Doktoren nicht gesehen?
Und noch eine Erzählung zu Bill Gates: Ich bin einmal mitten
in der Nacht in der Dunkelheit vor einer seiner Villen in den Bergen gesessen –
aber das ist eine andere Geschichte. Nein, ich wollte eine andere Erzählung
erwähnen die davon handelt, dass eine der größten Errungenschaften des Homo Sapiens
die Erfindung des Impfens ist. In vielen – meist nicht so entwickelten Ländern –
wird sehnsüchtig die Erzählung verbreitet, dass es in reichen Ländern in Europa
für jeden einzelnen Einwohner die Möglichkeit gibt, sich gegen eine Vielzahl
gefährlicher Krankheiten impfen zu lassen. Aber das ist nur eine Erzählung. Die andere
Erzählung besagt ja, dass man mit diesen Impfungen auch viel Geld machen kann –
aber davon kann Bill Gates selbst ja ein Lied erzählen. Äh singen.
Welche Erzählung wollen wir uns zum Corona-Virus erzählen?
Aber Achtung – bevor Ihr Euch entscheidet noch ein Hinweis: Denkt an die
Gläubigen in Zamora zur Zeit der Spanischen Grippe. Sie hatten auch ihren Influencer,
dem sie vertraut haben. Seine Erzählung schien zur damaligen Zeit absolut
plausibel und richtig. Insgesamt starben an der Spanischen Grippe wohl 50
Millionen Menschen. Jede Erzählung hat also ihre ganz eigenen Konsequenzen.
Überlegt also bitte gut, welche Erzählung ihr als eure Wahrheit wählt.
Samstag, 28. März 2020
Kritische, literaturerfahrene Testleser gesucht!
Testleser für meinen neuen Roman gesucht!
Kurz bevor dieser ganze Corona-Wahnsinn über uns hereinbrach, hatte ich noch einen goldenen Schriftsteller-Moment:Benedict Wells missachtete die 1,5 Meter Infektionsschutz-Abstandsregel und antwortete auf meine Frage, wie ich als Autor besser werden kann:
Lass Dein Manuskript von jemanden lesen, der dir eine ehrliche, kritische, konstruktive Rückmeldung gibt.
Ich kenne kaum Top-Autoren, die freiwillig mein Manuskript lesen könnten, antwortete ich in der Hoffnung, dass er sich gleich freiwillig meldet.
Benedict Wells lächelte und meinte: Er selbst lasse seine Manuskripte beispielsweise von seinem ehemaligen Deutschlehrer durchgehen.
Ich solle überlegen, wer in meinem Umfeld viel liest, viel schreibt und so ehrlich ist, dass er die Mängel eines Manuskriptes exakt benennen kann.
Also mein Aufruf an Euch:
Ihr habt Germanistik studiert oder seid Deutschlehrer? Ihr habt den Zauberberg gleich zwei Mal gelesen, weil er so genial ist? Ihr schreibt selbst literarische Belletristik?
Und ihr habt so richtig Bock, mir aufzuzeigen, wo meine Schwachstellen als Autor sind? äh, ich meine, ihr habt Lust, mir mit einer konstruktiven Kritik am Perfektionieren meines Manuskriptes zu helfen?
Dann meldet Euch bei mir!
Warum es im Roman eigentlich geht?
Donnerstag, 12. März 2020
Werkstattgespräch mit Benedict Wells in Regensburg
Benedict Wells bei "Regensburg liest ein Buch"
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| Benedict Wells sprach über sein Schreiben |
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| Studierende des Akademietheaters Regensburg performten einige der Szenen |
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| Mit Fabian Bader in Regensburg |
Der Tag als die Kultur starb:
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