Montag, 22. September 2014

Alois ist erleuchtet - Das erste Kapitel des knallharten Einblicks in die Chiemgauer Literaturszene

Ein Mann hat seinen ersten Roman veröffentlicht. Der Mann will berühmt werden. Er will einen Verlag, er will Anerkennung. Der Mann heißt Bernhard Straßer und hat keine Ahnung, wie der Literaturbetrieb funktioniert. 

Ein Bericht über einen Bescheuerten, ein komisches aber witziges Spiel mit der Wirklichkeit. Sogar unglaublicher als die Wirklichkeit. 

- Auszug Kapitel 1 - 

Ursula Krechel hat nie auf meine Email geantwortet. Sie hatte gerade den Deutschen Buchpreis gewonnen und ich war wohl nicht der einzige, der ihr seine herzlichsten Glückwünsche entbot. 
Schade, ich hatte ihr mitgeteilt, dass ich meinen Roman demnächst veröffentlichen werde. Natürlich lag mir der Scherz auf der Zunge, wie super es doch sei, dass sie als Titelverteidigerin dann nächstes Jahr die Laudatio auf mich halten müsse. Nach langem für und wider abwägen, hab ich ihn hingeschrieben und zur Sicherheit noch mehrere Smileys dahinter gemacht. Nicht, dass sie mich sonst für einen totalen Trottel oder so hält. Erst als ich die Mail schon abgeschickt hatte, ist mir dann eingefallen, dass Frau Krechel ja zur älteren Generation gehört und wohl keinen blassen Schimmer  hat, was ein Smiley ist und stattdessen denkt, dass ich ein triftiges Problem mit Orthographie habe. Das habe ich ihr noch in einer ergänzenden Mail geschrieben und ihr erklärt, dass der Doppelpunkt und die schließende Klammer, wenn man sie 90 Grad mit dem Uhrzeigersinn dreht, ein lächelndes Gesicht darstellen sollen. Die Mail habe ich dann blöderweise, grins grins, mit ; ) beendet, sodass ich mich gezwungen sah, ihr noch eine dritte Mail zukommen zu lassen. Seitdem warte ich auf Antwort. Es kann doch keine zwei Jahre dauern, alle Gratulationsmails abzuarbeiten, oder?
Kennengelernt habe ich sie übrigens auf einem Schreibkurs in Schrobenhausen. Ich hab eine Kurzgeschichte darüber geschrieben, wie ich mich eine Woche lang so besaufe, dass ich meine eigene Freundin nicht mehr wiedererkenne und eine andere poppe. Das hat ihr sehr gut gefallen. Der Krechel, meine ich. 
Da mir keiner schreibt, maile ich Norbert Niemann. Das ist neben der Krechel der einzige Schriftsteller den ich kenne, der nicht dafür bezahlen muss, seine Bücher gedruckt zu bekommen. Und er wohnt im Nachbardorf. Ich schreibe ihm ungefähr einmal im Monat, wann wir denn ein Bier trinken gehen. Das hat er mir mal vor Jahren, als ich bei ihm im Kurs war, hoch und heilig versprochen, nachdem ich ihn ein paar Mal gefragt habe, ob das nicht super wäre. Allerdings ist er sehr beschäftigt und es hat bisher nicht geklappt. Zuletzt war er in Russland und hatte Stress mit seinem Verlag. Ich glaube, der kann mit dem Jo Lendle nicht. Ich schon, wir sind auf Facebook befreundet und ich like fast alles, was er postet. Echt ein witziger Kerl. Finde ich super, dass einer wie er mal die greisen intellektuellen Brillenschlangen so richtig aufmischt. 
Ich habe Norbert Niemann angeboten, dass wir unsere Romane gegenseitig querlesen und uns Tipps geben, aber er hat schon einen Austausch mit einem Arno Geiger. Ich glaube aber, einen Schriftsteller mit einem so seltsamen Namen gibt es gar nicht und den hat er nur erfunden, weil er mir durch die Blume sagen wollte, dass er schon einen Lektor hat. Und selbst wenn, ich glaub nicht, dass dieser Arsch Geiger, wenn es ihn denn gäbe, nur halb so cool schreibt wie ich und ich stelle es mir unheimlich langweilig vor, die dröge Pampe Korrekturlesen zu müssen. Aber das ist halt seine Sache. Der liest ja auch Grass und so und wenn er mich fragen würde, der Norbert, dann würde ich ihm schon sagen, dass der Jo Lendle Recht hat und statt sich vom Grass beeinflussen zu lassen, soll er doch mal an die jungen und weiblichen Leser denken. Die wollen was lustiges, was unterhaltsames lesen!
Überhaupt, von diesen „Literaten“ ist kein einziger in Facebook. Nur der Glavinic. Der ist zwar Österreicher und wird deshalb nie den Deutschen Buchpreis kriegen, aber der schreibt wenigstens anständig. Dass der sein Tagebuch veröffentlicht und wie schonungslos der mit sich selbst ins Gericht geht, das ist schon sensationell. Mein Lieblingsbuch von ihm ist aber "Vor dem Fest". Das ist zwar verspult, aber witzig geschrieben. 
Ich habe mal nach Schriftsteller gegoogelt, die noch nicht so bekannt sind, aber bereits Preise bekommen haben und diese angeschrieben, ob sie sich mit einem jungen Literaturtalent wie mir treffen wollen und Tipps geben möchten. Aber weder Hertha Müller, noch der Bachmann oder der Herrndorf haben geantwortet. 
Dafür bin ich in regem Kontakt mit dem Inneberger, der hat Literaturpreise in Salzburg und München gewonnen. Außerdem ist das ist der einzige Autor in der Gegend, der auch in den USA veröffentlicht wird.  
Ich warte seit Jahren auf seinen großen Roman, an dem er seit damals schreibt, als wir uns kennengelernt haben. Das dauert wohl noch. Muss ja auch gut werden. Es rotzt ja nicht jeder sein Zeug so raus wie ich mit meinen Kleinstadtrebellen. 
Hatte neulich eine Lesung auf einem Hippiefest. Lauter Kinder und drei Erwachsene. Den Kindern hat's gefallen, obwohl ich das Kapitel mit dem stinkenden Sack vorgelesen hab. Oder gerade deswegen. Die haben sich gekugelt. Die Erwachsenen haben recht streng geschaut. So wie damals die Proseccoleute auf der Vernissage vom Kunstverein Schrobenhausen. Vielleicht haben sie auch sehr konzentriert zugehört. Oder ich hätt das Kapitel, wo Peter im Klo der Disco kotzt, nicht so theatralisch vorlesen sollen. Da hab ich wohl zu dick aufgetragen. Eventuell war auch das Mikro zu laut aufgedreht. Ich spucke ja des Öfteren, wenn ich zu begeistert vortrage, und der Herr im Anzug saß schon sehr nah dran. 
Aber zurück zum Hippiefest. Verkauft habe ich zwar nichts, Gage gab‘s sowieso keine, das Prinzip dieser Leute habe ich aber schnell begriffen und denen ein paar Bücher geschenkt. Dafür habe ich mich irgendwie glücklich, wie von Ballast befreit gefühlt, als ich wieder weg war und so ein Gefühl ist mit Geld nicht aufzuwiegen.
Wie bin ich jetzt eigentlich drauf gekommen? Ach so, wegen dem Buchpreis. Apropos Buchpreis: Also mein Buchpreis ist 10 EUR.
Lol! Diesen Scherz konnte ich mir beim besten Willen nicht verkneifen ; )

-Ende Teil 1-

Mehr über die hiesige Literaturszene auf den Chiemgauseiten

Freitag, 19. September 2014

Die Rätsel in Wolfgang Herrndorfs Geniestreich Sand

Wolfgang Herrndorfs Geniestreich "Sand"


Ein unterschätztes, ein magisches Buch: Sand von
Wolfgang Herrndorf
Die Wolfgang Herrndorf Festwochen sind eröffnet! Demnächst erscheint "Bilder deiner großen Liebe", die Geschichte jener Isa, die man aus Herrndorfs Bestseller Tschick bereits kennt. Eine gute Gelegenheit, sich nochmal mit dem Werk des vor einem Jahr verstorbenen Schriftstellers zu befassen. 
Aus gegebenem Anlass musste ich persönlich leider seinen Glioblastom-Blog Arbeit und Struktur noch einmal zur Hand nehmen und habe mit diesen Hintergrundinformationen auch Sand noch einmal gelesen. 
Lange habe ich gezögert, den Roman, der seit einem Jahr in meinem Schrank stand, wirklich zu lesen. Das Buch gilt als verspult, kaum verständlich, zwar wundervoll geschrieben, aber  wirr und ohne Handlung.
Bullshit! Allen Kritikern sei ein herzliches "Ihr Idioten!" entgegen geschmettert. 
Sand ist laut eigenen Angaben Herrndorfs Trottelroman und man benötigt glücklicherweise etwas Hirnschmalz, um das Buch zu entschlüsseln. Und tatsächlich, die Handlung erschließt sich einem nicht nach dem ersten Lesen. Wer hin und her blättert, sich Verweise macht, findet letztendlich dennoch eine klar, lückenlos durcherzählte Handlung vor. Die vielen Rätsel werden sich dem aufmerksamen Leser nach und nach erschließen, genau das macht den genialen Reiz dieses Buches aus.
Und wer Herrndorfs Schicksal kennt, dem wird die Erkenntnis, wer Carl ist und warum er alles vergessen hat, schlicht den Stecker ziehen.
Sand ist ein ungewöhnlicher Geniestreich, und ein Writers Book. Also ein Buch, das allen, die selbst schreiben, oder verstehen wollen, wie man gut schreibt, wärmstens zu empfehlen ist. 
Bevor ich mit wüstem Spoilern beginne, noch ein paar Hinweise:
Sand ist mit sämtlichen literarischen Wassern gewaschen. Ein Feuerwerk inspiriert von den großen Autoren, die Herrndorf gelesen und verinnerlicht hat. Als Thriller ist Sand vielleicht verspult. Als literarischer Schmöker, seltsames Setting hin oder her, ein Quell ewig sprudelnden Genusses.
Ein Beispiel: Herrndorf beschreibt in Arbeit und Struktur Thomas Manns Chauchat Effekt im Zauberberg: Hunderte Seiten lang sehnt man sich mit Hans Castorp nach Madame Chauchat und auf einmal taucht ihr Name nicht mehr auf und die Sehnsucht setzt sich nur noch im Kopf des Lesers fort.
(Ab jetzt wird gespoilert, was das Zeug hält!)
Herrndorf lässt Carl, mit dem sich der Leser am meisten identifiziert, gleich mehrere Kapitel wieder und wieder dem sicheren Tod entkommen. Man leidet und leidet und hofft und bangt. Und kaum ist Carl in Sicherheit, macht Herrndorf ihn mit einem Nebensatz zur Leiche. Peng. Selten haben es Buchstaben im Kopf des Lesers derart knallen lassen. 
Das ist die Kunst. Herrndorf liebte die Russen (Literaten) und unzuverlässige Erzähler. Dem Erzähler ist auch in Sand nicht zu trauen. Ständig widerspricht er sich und auf einmal taucht auch noch ein Ich-Erzähler auf, der in Herrndorfs Alter ist und sich am Schluss genötigt sieht, auch den langsameren Lesern noch einige Zusammenhängen so zu erklären, bis auch der letzte Trottel die Handlung kapiert hat. (Nicht so mancher Rezensent). Man stellt sich vor, wie viel biestigen Spaß Herrndorf gehabt hat, das Hirn seiner Leser zu manipulieren. Jenes Denkorgan, von dem er selbst terrorisiert wurde. 
Die Rätsel lösen sich auf, aber bis ins Dankeswort hinein streut Herrndorf neue. Unter zig Namen, die man teils aus Arbeit und Struktur kennt, taucht auch Heather Gliese auf. So heißt im Buch Helens Tochter, mit der der Ich-Erzähler brieflich kommuniziert. Herrndorf spielt mit dem verwischen  von Fiktion und Realität. 
Spätestens hier merkt man aber, dass der Name Gliese etwas bedeutet. Helen wohnt in Appartement  381d  und Astronomen unter und werden nun aufjubeln, dass Gliese 381d einer der erdähnlichen Planeten ist, der unserem Sonnensystem am nächsten ist. Zufall?
Sand wird als Nihilistenroman bezeichnet. Gliese 381d steht aber für Hoffnung, dass es irgendwo da draußen noch eine zweite Erde gibt, auf der es besser ist. Spekulation.
Endgültig perplex war ich allerdings, als mir folgendes passierte: Bekanntlich war Herrndorf jemand, der viel über Google und Wikipedia recherchierte.
Tippt man also „Gliese“ in Google ein, tauchen gleich nach dem ersten Buchstaben Vorschläge von Google auf. Tippt man die ersten drei Buchstaben ein, meint man allerdings, seinen Augen nicht zu trauen: Als erster Vorschlag taucht auf: "Glioblastom"
Spielt einem nun das Gehirn schon wieder einen Streich oder hat da jemand Spaß daran, die Leute noch Jahre nach seinem Tod zu narren?

Wer ist Carl?


Und zu guter Letzt noch die Lösung des Rätsels, wer Carl ist und warum er zu Carl wurde. 
Carl ist Cetrois, das ahnt er selbst bald. Doch wer ist Cetrois?
Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, dass der nette Polizist Polidorio, den wir am Anfang des Romans kennenlernen, mehrere gefälschte Ausweise hat und sich, wie sich herausstellt, als Tugendwächter im Bordell gerne als Cetrois ausgibt. Polidorio ist Cetrois. Ist Carl. 
Und wieso die Amnesie?
Herrndorf hat einmal erwähnt, dass man mit der Diagnose Glioblastom, der Königsklasse unter den Tumoren, sich so einiges leisten darf. 
Zum Beispiel darf man seiner Romanfigur starke Kopfschmerzen verpassen und eine unerklärliche Amnesie bekommen lassen. 
Peng, beim zweiten Mal Lesen also der nächste Hammer. Dabei weist Herrndorf schon auf den ersten Seiten so deutlich auf die Kopfschmerzen hin, dass man sich über jeden Kritiker, der die Logik des Buches überlesen hat, nur wundern kann. 
Unbegreiflich auch, wie der Kopf, der sich diesen wüsten Thriller ausgedacht hat, die Übersicht bewahren konnte und tatsächlich bis zum Schluss alle Handlungsfäden so in der Hand hielt, dass Sand kein unzusammenhängendes Mosaik wurde, sondern der Leser, wie Carl, bis zum Schluss nach dessen Identität forschte.

Isa erschien am 26. September. 2014. Die Frage ist auch, ob es ein pessimistischer Roman wie Sand oder ein „Die Welt ist schön, trotz allem“ Buch wie Tschick wird…


Weitere Texte zu Wolfgang Herrndorf:


Die Bücher in Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur Hier klicken
Bilder Deiner großen Liebe Hier klicken
Arbeit und Struktur Hier klicken

Mittwoch, 3. September 2014

Wie kann ich bessere Google Suchergebnisse für meine Homepage erzielen?

Wie kann ich bessere Suchergebnisse für meine Homepage erzielen?


SEO, Suchmaschinenoptimierung und ‚Wie finde ich passende Schlüsselwörter, um meine Homepage im Google Ranking zu verbessern‘. Mit diesen Themen habe ich mich die letzten Tage beschäftigt. Gelernt habe ich, wie unschwer zu erkennen, dass gleich die ersten Zeilen des Beitrages die jeweiligen Schlüsselwörter, unter denen man gefunden werden möchte, enthalten sollen. In diesem Fall müsste ich also möglichst oft die Schlüsselworte SEO, Google und Suchmaschinenoptimierung verwenden. Check. 

Finde passende Keywords, kümmere dich um Backlinks!


Um zu sehen, wie groß die Konkurrenz dieser Schlüsselworte ist, wird empfohlen, die Keywords in Google einzugeben und zu schauen, wie die Konkurrenz der Top Rankings das so macht. Wie die von Google als Topergebnisse angezeigten Seiten die Keywords in ihrer Webseitenbeschreibung platzieren. Nennenswerter Nebeneffekt, dass Google bei seiner automatischen Vervollständigung der Suche gleich oft gesuchte, zusätzliche Schlüsselworte anbietet. Gesagt, getan.
So gesehen, müsste ich jetzt eigentlich schon mal ganz oben im Google Ranking sein.
Wäre da nicht die Sache mit der Relevanz und den Links. Google bevorzugt in seinen Suchergebnissen nämlich zum einen ältere Webseiten, da diese in ihrer Konstanz für ihre Relevanz bürgen. Zum anderen bewertet Google bekanntlich Webseiten danach, wie viele, möglichst populäre Homepages, auf die eigene Seite verlinken. Da sieht es bei meinem Blog mager aus. Also, liebe Blogger, ich wäre für Backlinks zu haben und biete im Gegenzug an, eure Seite zu verlinken. Genau das sollte man nämlich dringend machen, um seine Backlinks steigern. 

Das heißt speziell für Buchmarketing?


Wichtiges Thema bleibt auch das ‚wie finde ich die richtigen Schlüsselworte?‘
In meinem Fall, es geht um Buchmarketing, bringt es wenig, mich für die Vermarktung meines Buches Kleinstadtrebellen auf die Schlüsselworte "Bücher" oder "Kleinstadtrebellen" zu konzentrieren. Für das Keyword ‚Bücher‘ ist die Konkurrenz derart groß, dass ich nur mit immensem Aufwand auf die ersten 10 Seiten der Google Suchergebnisse landen würde. Nach ‚Kleinstadtrebellen‘, Hand aufs Herz, sucht niemand, der das Buch nicht schon kennt. Außerdem, prüft es gerne nach und googelt mal ‚Kleinstadtrebellen‘, ist es mir bereits gelungen, die Spitzenposition dieser Sucheingabe zu erreichen. 
Ziel wäre es nun, eine spezielle Nische zu finden: Schlüsselwörter, die häufig gesucht werden, um die gleichzeitig aber nur wenige Webseiten konkurrieren. Das Google Adwords Keywords Tool ist ein interessantes Programm, um passende Wörter zu finden. So fand ich heraus, dass "junge Literatur" und "Popliteratur" zwar ausreichend gesucht wird, aber wenig Konkurrenz im Content besteht. Solche Nischen sind zu finden und mit der Suchmaschinenoptimierung zu bedienen.
Ich werde weiter mein Glück versuchen und wünsche auch Euch viel Erfolg! 

Mehr auf meiner Homepage www.chiemgauseiten.de

Sonntag, 17. August 2014

Wie ich einen verdammt guten Roman schreibe

Wie ich einen verdammt guten Roman schreibe


Bücher vom Chiemgau Autor Bernhard Straßer
Der Friedhof der vergessenen Bücher
Jeder der schreibt, will ein Buch veröffentlichen. Will einen Bestseller schreiben, will Preise bekommen, hören, er hat einen verdammt guten Roman geschrieben. Auch ich.
Natürlich bin ich ein geniales Schreibgenie! Eines, wie es das Land Goethes, das der Dichter und Denker, neben mir schon so viele hervorgebracht hat. 
Jeder meiner Sätze wird zu Gold. Alle meine Bücher, egal, wie lange ich an ihnen gearbeitet habe, sind perfekt, genau so, wie sie sein sollen. Man stelle sich mal vor, das Genie hätte sich auch noch angestrengt! 
So sehen sich die meisten jungen Leute, die schreiben. Wie es wohl beim Autor B. Straßer war?
Schon in unfassbar jungen Jahren, mit 17 Lenzen, hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. Manche sagen, bis heute sein bester. 

Wie ich zum Schreiben kam? 

Wie alle Schriftsteller. Ich war verliebt. Zudem gab es im Dorf eine düstere Legende. Ich schrieb den "Finstermann" in 6 Monaten. Eine Melange aus Stephen Kings "Es", Twin Peaks, eine Prise "Aliens", dazu die wahre Geschichte der Finstermannattacke. Alles gewürzt mit realen Charakteren, die ich, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen, sieben Jahre später in einer fiktiven Zukunft auftreten ließ. Hört sich spektakulär klischeehaft an? War es auch. 
Und was macht der Autor nach seinem ersten großen Werk? Er geht erst mal in die USA und dort in die Schreibschule und lernt, wie man zu schreiben hat. Aber vor allem lernt er, dass er keinen Bock hat, so zu schreiben, wie es gelehrt wird. Trotzdem erste Veröffentlichungen auch auf Englisch. Und die Amerikaner werden sich ja wohl nicht täuschen!
Zurück in Deutschland wird seine Kurzgeschichte "Die Ameisen", in der ein Adolf Schicklgruber Millionen Ameisen vernichten lässt, im Deutschunterricht am Gymnasium analysiert. Das kann man doch schon mal im Lebenslauf als Referenz anführen, oder?
Das nächste Projekt, "Das Lejben", ein erstes Buch über die Wirrungen der Liebe. Die Zutaten stimmen: das Mädchen, eine Dreieckskonstellation, außergewöhnliche Stories innerhalb der Geschichte, eine Sonnenfinsternis. Aber irgendwie funktioniert sie nicht.
Das Schreiben wird auf Eis gelegt, das Genie zweifelt. 
Der Autor studiert. Alles andere als Literatur. Der Berufsberater hat ihm das Schreiben ausberaten. Sechs Jahre später, mit Mitte Zwanzig beginnt, trotz Beruf und Ende des Studentenlebens und so, eine Renaissance des Schreibens. Ein Wunder. Eine Explosion der angestauten Bilder und Themen.
Innerhalb von zwei Jahren schreibe ich die Erzählungen zum Band "Die rote Mühle", die Novelle "Die Verführung der Bathseba" und beginne den historischen Roman "Reise ans Ende der Romantik". 

Einen Text am nächsten Tag fortsetzen

Stopp, bevor er weiter in Selbstbeweihräucherung verfällt, muss der Schriftsteller erst sein Manko #1 erklären:
Obwohl ich bereits längere Text geschrieben hatte, war es dem Originalgenie, für das ich mich nun wieder hielt, nur möglich, eine Geschichte solange zu schreiben, solange der wunderbare Zauber der Inspiration in meinem Kopf kribbelte. Eine Kurzgeschichte war mal zwei, mal fünf Seiten lang. Aber wenn der „Speichern“ Button gedrückt und der Computer heruntergefahren war, war der Text für immer vorbei. Ich lebte von diesem mystischen Urquell der Inspiration der nur im Augenblick sprudelte und am nächsten Morgen für immer versiegt war. Das funktioniert, wenn man Jack Kerouac heißt und weder Schlaf, noch Pausen braucht, auch für einen Roman ganz gut. 
Für einen Erzähler, der selbst in Kurzgeschichten weit ausholen muss, ist das Gift. 
Ich brauchte eine Weile, bis ich lernte, am nächsten Tag dort anzusetzen, wo ich aufgehört hatte.
Die Reise ans Ende der Romantik wird also mein erstes ausschweifendes Projekt. Ich schicke Heinrich im Revolutionsjahr 1848 auf eine Reise durch das brodelnde Süddeutschland. Lasse ihn alle Leidenschaften ausleben, allen Pflichten den Arsch entgegenhalten, lasse ihn all das tun, was ich in meinem wahren Beamtenspießerleben nie wagen würde.  Monatelanges schreiben. Meine Mutter stirbt. Ich schreibe weiter. Im Roman stirbt sie nicht.
Verzweifelt schicke ich das Manuskript an alle großen Verlage, suche  Halt,  neuen Lebensinhalt, überhaupt ein Leben. Ich ernte eine Absage nach der anderen. 
Das Leben geht trotzdem weiter. 
Das Urgenie sieht ein, dass es letztendlich doch am schnöden Erlernen des Schreibhandwerks nicht vorbei kommt und geht in diversen Werkstätten in die Lehre.
Es entsteht Paartanz, die zweite ambitionierte Zusammenstellung der besten Erzählungen. Das Potpourri hypochondrischer Leiden, die Abgründe der wochenendlichen Popkultur. Über allem leuchtend die titelgebende Geschichte. Entstanden nach einem Jogginglauf an der Paar, zwei Stunden Dauerschreiben mit Kadl an Susis Küchentisch. Eine Geschichte, die Ursula Krechel vorgegaukelt hat, ich könne schreiben und den Schriftsteller in den Wahn zurückversetzte, er sei doch ein Literaturgenie und müsse nur einmal Schnippsen, und schon sei er so berühmt wie der Herrndorf, der Glavinic, oder der Bachmann. 
Trotzdem. Paartanz bleibt bis heute eine Sternstunde des Genies und es würde alles geben Ursula Krechel, die kurz darauf leider verdammt berühmt wurde, noch einmal etwas ähnliches vorlesen zu dürfen. 

Einen Roman Korrekturlesen

Warum die Lektoren dennoch ab der ersten Seite der Manuskripte Papiergolf mit den Meisterwerken spielten? Grund ist Manko #2: Das Überarbeiten. 
Es reicht nicht, die genialistisch aus dem schwarzen Schlund des Unterbewusstseins emporgestiegene Geschichte nur auf Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler zu überfliegen. 
In den Werkstätten, in denen ich tatsächlich so viel feilen muss wie mein Papa während der Schlosserlehre, bringen mir Arwed Vogel, Norbert Niemann & Co. bei, dass es das einzig richtige Wort, dass es eine Erzählperspektive und einen Plot gibt. 
Die Kleinstadtrebellen beginnen in mir zu arbeiten und Anja Gosch zeigt mir, wie ein Rot und Schwarz zerfetztes Manuskript auszusehen hat. 
Trotz Lektoratsverwüstungen in den immer wieder auf den Kopf gestellten Kleinstadtrebellen bleibt das Gefühl, dass mein erstes veröffentlichtes Buch nicht Spiegel dessen war, was der Autor inzwischen kann. 
Viele lesen das Buch, manche mögen es. Einige verreißen es. Teilweise nicht ganz zu unrecht, subjektiv betrachtet. Der Autor lernt. Seitdem Lesungen, Öffentlichkeitsarbeit, Webseite und Blog. Weitere Werkstattbesuche und das Ringen, den nächsten Roman besser, wenn nicht sogar gut werden zu lassen. 
Wie die Kleinstadtrebellen entstanden, könnte der Schriftsteller in dem Ratgeber "Wie schreibe ich einen Roman?" als klassisches Beispiel anführen: Das Lebensthema ist zu finden. So einfach wäre das. Und meines war das Erwachsenwerden, oder besser gesagt, dessen Verweigerung. Das Verharren in der Popkultur. 
Die Kleinstadtrebellen sind aber auch ein gutes Beispiel, wie man es auf keinen Fall zu machen hat: Der Schriftsteller hat vier Erzählungen, die alle  dasselbe Lebensthema behandelten, aneinander montiert und dem jeweiligen Hauptdarsteller den gleichen Namen verpasst. Es hätte Jonas sein können, wurde aber Peter. Und schon waren 4/5 des Romans fertig. Klingt komisch, war auch fatal. Die fünf unterschiedlichen Erzählstimmen könnten mit viel Wohlwollen ein Ausdruck Peters Gemütsschwankungen sein und sind nicht nur den foking Lovelybooks Rezensenten (so heißen sie seitdem bei mir) aufgefallen. 
Seit einem guten Jahr arbeitet das Originalgenie nun bereits an der Überarbeitung des Debütroman in spe, jenes also, der auf Wikipedia eines Tages, wenn die Kleinstadtrebellen auf dem Friedhof der vergessenen Bücher schlemmeren, als Erstlingswerk aufgeführt wird. "Leben wegen Mama" wird er heißen und, soviel kann man schon jetzt verraten, sehr geil wird er werden…


Samstag, 9. August 2014

Thomas Glavinic und die Jonas Trilogie - Eine Entdeckung

Das größere Wunder: Ein Österreichischer Autor

Das größere Wunder

Nein, ich interessiere mich nicht für Bergsteigergeschichten. Und für einen Österreicher, der ausschaut wie ein Kiezlude, interessiere ich mich schon gleich drei Mal nicht. Und überhaupt habe ich noch nie was von diesem Glavinic gehört. Ich lese, wenn, dann Stanisic. 
So war meine erste Reaktion, als meine Frau mit einem Stapel Bücher von Thomas Glavinic von der Arbeit heim kam. Sie sah mich achselzuckend an. Ihr Arbeitskollege nötige sie, alles von diesem Glavinic zu lesen.
Während ich lustlos durch meinen Stanisic blätterte, hörte ich neben mir wieder und wieder Lachen, Seufzen, Lob, nicht selten Begeisterung für dieses Bergsteigerbuch namens „Das größere Wunder“. 
Vielleicht, um den Österreicher mit meinem kritischen Urteil zu vernichten, nahm ich mir also ebenfalls diesen Mount Everest – Schmöker zur Brust.
Wie erwartet, spielte mir der Österreicher gleich sämtliche Vorurteile in die Hände: Viel zu konstruiert die Ausgangssituation. Wie unrealistisch ist das denn! Und was ist denn Werner für ein beschissener Name?
Doch nach dreißig Seiten wollte mir die Kinnlade nicht mehr raufklappen. Das Buch hatte mich. Verdammt, der ganze Österreicher hatte mich. Und nachdem ich inzwischen alle drei Bände der Jonas-Trilogie gelesen hatte, zu der auch „Die Arbeit der Nacht“ und „Das Leben der Wünsche“ zählen, war ich tief eingeschüchtert, von diesem Autor, den ich nachträglich noch in meine (laminierte) Liste der Autoren, die mein Leben verändert haben, eintragen muss und sprachlos und verwundert, dass er mir so lange völlig unbekannt geblieben war. Auch mein Literaturmentor kannte ihn nicht. Deutsche Ignoranten!
Längst habe auch ich gerafft, dass diese von mir kritisierte Ausgangssituation natürlich konstruiert, eine Versuchsanordnung mit unbekanntem Ausgang ist. Nun weiß ich, dass Jonas, Werner und Marie in allen drei Büchern die Namensgeber der Hauptcharaktere sind, wenn auch nicht derselben Personen.

Thomas Glavinics Jonas

Hat man alle drei Bände der Jonas – Trilogie gelesen, versteht man, wie die verschiedenen philosophischen Themen, die den Autor beschäftigen, ineinander fließen. Rein oberflächlich geht es in „Die Arbeit der Nacht“ um einen Mann, der auf einmal das letzte Lebewesen auf der Welt ist. Im Leben der Wünsche, erfüllt sich zu seinem Leidwesen, alles, was Jonas sich wirklich wünscht. Und im Größeren Wunder? Hier stockt die klare Versuchsanordnung, es liest sich wie die konsequente Fortausführung der philosphischen Fragen, die Glavinic in den ersten beiden Bänden aufgeworfen hat. Er selbst sagt, er wollte in der „Arbeit der Nacht“ das Thema Angst behandeln, im Leben der Wünsche die Liebe und im größeren Wunder die Einsamkeit, aber alle drei Themen sind in jedem der drei Bände ähnlich stark vertreten.
Was alle drei Bände noch gemeinsam haben, ist eine bewusste oder unterbewusste Omnipotenz. Jonas kann als einziger Mensch der Welt natürlich tun und lassen, was er will. Er kann sich im Band zwei zwar nichts konkret wünschen, aber alle unterbewussten Wünsche werden wahr. Und der Jonas im letzten Teil ist so reich, dass er sich Alles leisten kann und hat zudem jemanden, der selbst die unmöglichsten Dinge für ihn zu realisieren vermag.
Was machen die drei Jonasse mit dieser Macht? Dies ist wohl der Zauber der drei Bücher. Denn jeder Band entwickelt sich so ganz anders als man es zu erwarten gedenkt.
Der einsame Jonas versucht, die Wohnung, in der er aufgewachsen ist, zu rekonstruieren und entdeckt, dass sein größter Gegner er selbst ist. Die Arbeit der Nacht wirkt wie die Drehbuchvorlage von sämtlichen „Paranormal Activity“ Filmen. Denn die Dinge, die Jonas, der sich nachts filmt, am nächsten Tag am Bildschirm sieht, sind noch verstörender als die Hollywoodvariante, mir so manch schlaflose Nacht gekostet hat. 
Der wünschende Jonas sorgt für Tod und Verzweiflung in der Welt und seinem direkten Umfeld und sein größter Wunsch ist nichts anderes, als eine Sekunde der Wahrhaftigkeit zu erleben.
Und was macht der megareiche Jonas? Sperrt sich jahrelang in ein Zimmer ein transportiert stillgelegte Dieselloks von Kontinent zu Kontinent und berauscht sich am Gedanken daran, riskiert wieder und wieder sein Leben, stapft mit den anderen Verrückten auf den Mount Everest und hadert mit der wahren Liebe. 
Alle drei Bände enthalten etwas, das ich so oft an Trivialliteratur kritisiert habe: Sie sind ungemein spannend und unterhaltsam. Aber hinter dem Erzählwitz brodelt etwas Unausgesprochenes. Philosophische Fragen werden angerissen, die ganz großen Themen werden ohne Berührungsängste durch dekliniert ohne, dass die Bücher ihre Leichtigkeit verlieren. Ein guter Schriftsteller muss auch ein Lehrer und ein Magier sein. Beides gelingt dem Österreicher mühelos.
Ich muss mich übrigens noch beim Arbeitskollegen meiner Frau für all die Bücher bedanken. Sein Pech, dass er sie nie wieder zurückbekommen wird : )

Thomas Glavinic und "Der Jonas Komplex"



Samstag, 2. August 2014

Mein eigenes kleines Walden am Balkon

Ein kleines Walden am Balkon

Henry David Thoreau hatte die Antworten

In welcher Art von System ich lebe, müsste ich eigentlich jeden Monatsanfang begreifen, wenn ich schwarz auf weiß, oder besser, rot, sehe, wie viel von meinem ansehnlichen Bruttogehalt übrig bleibt. Und ich meine nicht primär die Lohnsteuer. Da sind noch die Sozialversicherungsabgaben und Versicherungen (sinnvoll), die Wohnkosten (notwendig), die Kinderbetreuungskosten (ohne geht's nicht, oder?) und zu schlechter Letzt die Tilgungssumme der laufenden Kredite. 
Und das ist jetzt nur der jeweils Monatserste. Handy, Internet&Co. folgen erst. 
Was das über das System aussagt? Wir müssen ständig Geld verdienen, um die Schulden zu bedienen, die wir gemacht haben, um unser schönes Wohnen zu finanzieren und die Kosten, damit wir die Kinder in die Krippe schicken können, weil wir ja arbeiten müssen, um eben diese Kosten zu bedienen. Das ewige Hase und Igel - Spiel. 
Unser System freut sich, denn es will, dass wir unser gesamtes Geld investieren und dazu, am allerbesten für das System, auch die Einkünfte unserer Zukunft ausgeben, sprich, Schulden machen. 
Wie man diesem System entkommt, das haben sich schon andere, Klügere, vor mir gefragt. Man muss sie nur suchen. 
Ich hatte all die Antworten bereits mit achtzehn Jahren vor mir. Damals als ich in der Schule Henry David Thoreaus Walden. Ausgerechnet in den USA, dem Land des Turbokapitalismus. 
Thoreau ging in die Wälder, lebte in einer kleinen Holzhütte, baute Obst und Gemüse an und lebte von dem was er erntete und eintauschte. 
Fasziniert davon versuchte ich, zurück in Deutschland, ebenfalls so zu leben, in der Holzhütte hinterm Elternhaus. 
Allerdings schleppte ich einen Videorecorder hinein, hatte Kabelfernsehen und ging zum Essen und schlafen heim zur Mama. Nach den Sommerferien war sowieso wieder Schluss. Experiment polternd gescheitert. 
Fünfzehn Jahre später lese ich wieder im Walden. Kein sorgloser Schüler mehr, sondern jemand, dem die Raiffeisenbank gerade ein Eigenheim finanzier hat.
Inzwischen glaube ich, viele der Intentionen des nonkonformistischen Philosophen zu verstehen. Mit Begeisterung schleppe ich auf einmal Gartenerde auf den Balkon, topfe Romasalat um und beobachte meine winzigen Tomaten dabei, wie sie größer werden.
Ist ein Balkongarten und Selbstversorgung ein Weg, aus dem System auszubrechen? Wer meine Tomätchen kennt, die seit drei Wochen nicht reif werden wollen, ahnt, dass da ein Laienphilosoph ohne grünen Daumen am Werk ist. Ich habe, bis auf den Romasalat, der wächst wie wild, sämtliche Lebensmittel, wie gehabt, im Supermarkt gekauft und habe somit, zieht man die Kosten für Töpfe und Blumenerde ab, keinen Cent Gewinn gespart. Im Gegenteil.
Aber, ich habe einige Stunden mit Begeisterung damit verbracht, etwas zu schaffen, das mein Leben besser macht. Der Balkon sieht mit den Tomaten richtig schön aus und ich hab viele Seiten voller Lebensweisheiten in einem tollen Buch gelesen. Ich bin weiterhin im System, weiß, dass ich daraus nie ausbrechen werden kann und dennoch fühlt es sich ganz und gar nicht wie ein Misserfolg an, sich vier Wochen lang wieder mit Henry David Thoreau beschäftigt zu haben…

Mehr vom Autor gibt's auf bernhardstrasser.de

Sonntag, 20. Juli 2014

Der 1780er Kulturschock

Von 1780 bis zur Schönramer Hell

Bier, Schönramer Hell, Bayern. So wurde ich sozialisiert. Selbst in den fernen USA hat sich dieses Gefühl zunächst verstärkt. Aber nur zunächst. Eine Erinnerung an meine persönliche Bier - Geschichte:

Bier, ein bayerisches Grundnahrungsmittel


Kultur, das war das erste Bier mit Sechzehn (Spätzünder) und das Fest, auf dem es getrunken wurde. Kultur, das war die Landschaft, die Felder, auf denen die Kultur angebaut wurde, denn daher stammt ja der Kulturbegriff: Agricultura, Landwirtschaft. Manche Ortschaft schreibt es sich sogar auf das Sehenswürdigkeitenschild an der Autobahn: "Kulturlandschaft". Ausgerechnet Aying zum Beispiel. Deren Bier kann man doch nicht trinken, das lernte ich schon mit 16. Die Felberwirtschaft hatte Ayinger. Dort wurde auch viel Kultur gepflegt. Wirtshauskultur. Meinen Eintritt in die bayerische Kultur zelebrierte ich mit einem Schönramer Hell. Jede Kulturlandschaft hat so sein Bier, das als identitätsstiftendes Kulturgut über alle Altersschichten hinweg akzeptiert, fast kultartig verehrt wird. Bei uns war es dieses Helle aus der kleinen Privatbrauerei keine zehn Kilometer entfernt. Man konnte einen jeden jungen Mann in unserem Kulturkreis um 4 in der Früh anrufen und nur die Zahl "1780" nennen und schon erhielt man die verschlafen gemurmelte Gegenfrage: "Schönramer?" 1780 war nämlich jenes historische Datum, in dem in der Schönramer Kulturlandschaft das Kulturgut Bier ein erstes Mal gebraut wurde. 
Mit sechzehn hatte man in unserem schönen Bayern nicht nur die gesellschaftlich verwurzelte Pflicht, auf Gau- Trachten- Feuerwehr- Pfarr- und Dorffesten, oft in großen, sogar nach dem Kulturgut benannten Zelten dieses Gut zu konsumieren; es war auch nach bundesdeutscher, oft konträr zur Lex Bavariae ausgelegten Rechtsprechung völlig legal. 
Mit 18 wäre es mir sogar erlaubt gewesen, zum Beispiel am Pettinger Waldfest zum Schönramer Hell ein Jacky Cola, oder ein Rüscherl als Beifahrer dazu zu bestellen, welche zwar keine einheimischen Kulturgüter waren, aber von den heimischen landeprägten Kulturwächtern als Allgemeingut in die Festerlkultur übernommen wurden. 
Allerdings war ich mit 18 nicht im schönen Bayern, sondern fand mich in den fernen, fremden Vereinigten Staaten von Amerika wieder. 

Bier in Amerika


Die dortige Musikkultur hatte mich in Richtung Seattle gezogen und ich war im benachbarten Spokane gelandet, ein amerikanischer Katzensprung von 500 Kilometer, ein Nachbarort sozusagen, wie es daheim Schönram war. 
Das Gefühl eines oberbayerischen Burschen vom Land, der ein erstes Mal am Flughafen in Seattle in eine amerikanische Toilette bieselt, in die vielleicht schon Kurt Cobain gebieselt hat, war sogar noch prägender als jenes erste 1780er mit Sechzehn. 
Sehr bald stellte sich aber jener vielzitierte Kulturschock ein, als dieser junge Bayer begriff, statt ins Land der unbegrenzten Rock 'n' Roll Möglichkeiten ins Land der ungezählten Verbote eingereist zu sein. 
Zwar wurde ein Oktoberfest auch in Seattle gefeiert, nur durfte ich dort nicht rein, da Alkohol erst ab 21 bestellt werden darf. Das waren noch volle drei Jahre. Eine verdammt lange Zeit für jemanden von dem die heimische Gesellschaft bereits seit zwei Jahren erwartete, auf Kulturfesten seine Halbe, lass es mal wenigstens einen Radler sein, mit den anderen in die Höhe zu stemmen. 
Nach zwei Jahren bayerischer Sozialisation stand ich, neben diversen Sprach- und Integrationsschwierigkeiten vor der großen Frage: Was macht man eigentlich am Wochenende, wenn man nichts trinken darf? Eine Frage, über die der typische Bayer, wenn er nicht direkt vor der MPU steht, oder bierfastet, in der Regel eher selten nachdenkt.
Meine ersten amerikanischen Freunde fand ich, als ich zu meiner Erleichterung feststellte, dass sich ein US Teenager dieselbe Frage stellte. Bier: Ein völkerverständigendes Kulturelement. Spätestens auf der Münchner Wiesn wird das jedem klar. 
Mein Kulturschock bestand also nicht darin, mich am Wochenende anders zu verhalten, als zu Hause, sondern darin, dass ein immenser Aufwand dazu zu betreiben war und, wenn man erwischt wurde, man von der Polizei mitgenommen wurde. 
Ich lernte, dass amerikanische Nächte in der amerikanischen Kleinstadt, einer die etwa zehn Mal so groß war wie eine bayerische, Rosenheim zum Beispiel, gleichzeitig aber genau so viel bzw. wenig Kultur anbot, dass diese amerikanischen Wochenend-Nächte immer vor einem Supermarkt beginnen. 
Vertrauenswürdigen Erwachsene wurden je nach Situation hanebüchene Stories aufgetischt: Jemand hatte  seinen Ausweis vergessen, ein anderer Geburtstag, oder dieser arme bayerische Austauschschüler hätte seit Monaten kein Bier bekommen. Und jeder Amerikaner weiß natürlich, dass in Deutschland das Bier aus der Wasserleitung kommt und neben Wiener Würstchen und Brezen zu den Grundnahrungsmitteln dieser unserer exotischen Kultur gehört. Und wer will einen armen Deutschen, der seinen Ausweis vergessen hat, an seinem Geburtstag verdursten lassen?
Es dauerte selten lange, bis sich jemand erbarmte und zwei, drei Sixpacks für die jungen Leute besorgte. Soweit, so gut. Ab hier begann der Kulturschock. Der Bayer, selbst der junge Heissporn, trinkt sein Bier aus Gemütlichkeitsgründen. Er trinkt es in entspannter, geselliger Atmosphäre. Und er trinkt es langsam.  Und wenn überhaupt, trinkt er es nur dann schneller, wenn es lack zu werden droht. 
Der junge Amerikaner stand im ständigen Konflikt, bis Zwölf, Halb Eins wieder zu Hause sein zu müssen, weil er ja offiziell im Kino war. Und er musste dort trinken, wo ihn kein Erziehungsbefugter erwischte. Ergo: Der Amerikaner muss schnell und heimlich trinken.
Also folgte der Junge Bayer seinen neuen amerikanischen bei Wind und Wetter in den nächtlichen Park.  
Die kulturell andersartig sozialisierten Higschool-Schüler wollten diese kurzen Stunden als absoluten Höhepunkt der Woche erleben und gleichzeitig buzzed, also rauschig sein und sich trotzdem, so nüchtern wie möglich, zahnpastagrinsend, von den Eltern wieder in Empfang nehmen zu lassen. 
Also tranken die Angehörigen dieses arg fremdländischen Kulturkreises ihr Bier, das ohnehin nichts mit dem mühevoll gewonnenen bayerischen Kulturgut gemein hatte, Dose für Dose (noch so eine Unart) in einem Zug leer. 
Die folgende Stunde wurde in einem teils ehrlichen, teils eingebildeten Rausch so viel gekichert und wüst herumgealbert, dass die Burschen aus jedem anständigen bayerischen Bierzelt sofort hinauskomplimentiert worden wären. 
Richtig abenteuerlich wurde es schließlich, wenn die Parkwächter auf die Jugendlichen Biertrinker aufmerksam wurden. Und wir waren natürlich nicht die einzigen in der Stadt, die derartige Rituale pflegten. 
Suchscheinwerfer schweiften über die Büsche. Wie bei der Bundeswehr, die ich wenig später verweigern sollte, robbten wir durch das Gehölz, schlugen wir uns durch die Büsche und überlegten uns Ausreden, wie wir daheim die zerschundenen Arme und verdreckten Hosen erklären sollten. 
Wie aufgeschreckte Antilopenherden preschten die Gruppen vor dem Parkwächter durch das Dickicht und starrten erschrocken in das gleißend helle Licht des Suchscheinwerfers.
Ein spektakuläres Räuber und Gendarmspiel, dachte ich lange, bis sie einen aus meiner Historyklasse erwischten: Verhaftung, Verhör, der peinliche Anruf bei den Eltern und der Spott der ganzen Schule. Ich dachte an daheim und an den Spott, den der einzige in der Klasse bekam, der am Schulausflug kein Bier trinken wollte. Andere Länder, andere Sitten.

Smells like beer spirit


Ein halbes Jahr später, immer noch Amerika, endlich Sommer, neue Freunde. 
Eine Clique der sogenannten "Coolen" der Schule. Die Sportler, eine Cheerleaderin, alle so ganz anders als Kurt Cobain sie gehässig besungen hatte. 
Eine pfundige Bass, wie man sie daheim genannt hätte. Das seltsame: Kein Alkohol. Niemand rauchte. Ich wurde zu einem Mixer eingeladen, einer Tanzparty, auf der nichts getrunken wurde. Das gab‘s daheim nicht mal auf der Kinderdiscparty. 
Die Woche darauf waren auch sie im Park. Dreißig Kids der Highschool spielten "Capture the flag", das amerikanische Räuber und Gendarme. Wieder Robben durch die Parkanlagen, diesmal aber vor Freude lachend, nicht vor Angst, erwischt zu werden, in einem hysterischen Anfall.
Die nächste Woche standen wir vor einem Supermarkt. Nicht, um Bier kaufen zu lassen; sondern Eisblöcke. Wozu denn Eisblöcke?
Mitten im Juni rodelte eine Schar amerikanischer Schüler und ein jauchzender oberbayerischer Austauschschüler auf Eisblöcken den South Hill hinunter. 
Woche für Woche dachten sich diese Jungs und Mädels die kreativsten Spiele aus, selten so viel gelacht, selten so glücklich gewesen, seit Jahren Samstagnacht nicht mehr so nüchtern heimgekommen.
Als ich heulend im Flieger nach Hause sitze, hat Bier seinen Status als Kulturgut völlig verloren. Ich bin kein Bayer mehr. 
Tage später, als ich ein erstes Mal wieder in einem heimischen Festzelt sitze, ist mir das lallende Lederhosenvolk fremd geworden. Das 1780er schmeckt mir nicht. Hat es jemals geschmeckt? Ich will beim Edeka Eisblöcke kaufen, aber der Verkäufer schaut mich an, als sei ich vom anderen Stern. Als ich die Fußballer motivieren will, im Wald Capture the Flag zu spielen, halten sie meine blumigen Erläuterungen, wie viel Spaß das gemacht hat und dass die halbe Football Mannschaft mitgespielt hat, für einen Scherz. Sie spielen lieber Schafkopfen im Bierkeller. Für den zutiefst amerikanisierten Oberbayern wurde das Schönramer Hell ganz plötzlich zur schönramer hell. Ich wusste auf einmal, es würde lange dauern, bis ich mich von diesem Kulturschock erholt hatte. 

Weitere Artikel auf meiner Webseite bernhardstrasser.de
Noch ein bieriger Beitrag: https://www.chiemgauseiten.de/2022/03/07/wei%C3%9Fblaue-bierseligkeit/