Sonntag, 20. Juli 2014

Der 1780er Kulturschock

Von 1780 bis zur Schönramer Hell

Bier, Schönramer Hell, Bayern. So wurde ich sozialisiert. Selbst in den fernen USA hat sich dieses Gefühl zunächst verstärkt. Aber nur zunächst. Eine Erinnerung an meine persönliche Bier - Geschichte:

Bier, ein bayerisches Grundnahrungsmittel


Kultur, das war das erste Bier mit Sechzehn (Spätzünder) und das Fest, auf dem es getrunken wurde. Kultur, das war die Landschaft, die Felder, auf denen die Kultur angebaut wurde, denn daher stammt ja der Kulturbegriff: Agricultura, Landwirtschaft. Manche Ortschaft schreibt es sich sogar auf das Sehenswürdigkeitenschild an der Autobahn: "Kulturlandschaft". Ausgerechnet Aying zum Beispiel. Deren Bier kann man doch nicht trinken, das lernte ich schon mit 16. Die Felberwirtschaft hatte Ayinger. Dort wurde auch viel Kultur gepflegt. Wirtshauskultur. Meinen Eintritt in die bayerische Kultur zelebrierte ich mit einem Schönramer Hell. Jede Kulturlandschaft hat so sein Bier, das als identitätsstiftendes Kulturgut über alle Altersschichten hinweg akzeptiert, fast kultartig verehrt wird. Bei uns war es dieses Helle aus der kleinen Privatbrauerei keine zehn Kilometer entfernt. Man konnte einen jeden jungen Mann in unserem Kulturkreis um 4 in der Früh anrufen und nur die Zahl "1780" nennen und schon erhielt man die verschlafen gemurmelte Gegenfrage: "Schönramer?" 1780 war nämlich jenes historische Datum, in dem in der Schönramer Kulturlandschaft das Kulturgut Bier ein erstes Mal gebraut wurde. 
Mit sechzehn hatte man in unserem schönen Bayern nicht nur die gesellschaftlich verwurzelte Pflicht, auf Gau- Trachten- Feuerwehr- Pfarr- und Dorffesten, oft in großen, sogar nach dem Kulturgut benannten Zelten dieses Gut zu konsumieren; es war auch nach bundesdeutscher, oft konträr zur Lex Bavariae ausgelegten Rechtsprechung völlig legal. 
Mit 18 wäre es mir sogar erlaubt gewesen, zum Beispiel am Pettinger Waldfest zum Schönramer Hell ein Jacky Cola, oder ein Rüscherl als Beifahrer dazu zu bestellen, welche zwar keine einheimischen Kulturgüter waren, aber von den heimischen landeprägten Kulturwächtern als Allgemeingut in die Festerlkultur übernommen wurden. 
Allerdings war ich mit 18 nicht im schönen Bayern, sondern fand mich in den fernen, fremden Vereinigten Staaten von Amerika wieder. 

Bier in Amerika


Die dortige Musikkultur hatte mich in Richtung Seattle gezogen und ich war im benachbarten Spokane gelandet, ein amerikanischer Katzensprung von 500 Kilometer, ein Nachbarort sozusagen, wie es daheim Schönram war. 
Das Gefühl eines oberbayerischen Burschen vom Land, der ein erstes Mal am Flughafen in Seattle in eine amerikanische Toilette bieselt, in die vielleicht schon Kurt Cobain gebieselt hat, war sogar noch prägender als jenes erste 1780er mit Sechzehn. 
Sehr bald stellte sich aber jener vielzitierte Kulturschock ein, als dieser junge Bayer begriff, statt ins Land der unbegrenzten Rock 'n' Roll Möglichkeiten ins Land der ungezählten Verbote eingereist zu sein. 
Zwar wurde ein Oktoberfest auch in Seattle gefeiert, nur durfte ich dort nicht rein, da Alkohol erst ab 21 bestellt werden darf. Das waren noch volle drei Jahre. Eine verdammt lange Zeit für jemanden von dem die heimische Gesellschaft bereits seit zwei Jahren erwartete, auf Kulturfesten seine Halbe, lass es mal wenigstens einen Radler sein, mit den anderen in die Höhe zu stemmen. 
Nach zwei Jahren bayerischer Sozialisation stand ich, neben diversen Sprach- und Integrationsschwierigkeiten vor der großen Frage: Was macht man eigentlich am Wochenende, wenn man nichts trinken darf? Eine Frage, über die der typische Bayer, wenn er nicht direkt vor der MPU steht, oder bierfastet, in der Regel eher selten nachdenkt.
Meine ersten amerikanischen Freunde fand ich, als ich zu meiner Erleichterung feststellte, dass sich ein US Teenager dieselbe Frage stellte. Bier: Ein völkerverständigendes Kulturelement. Spätestens auf der Münchner Wiesn wird das jedem klar. 
Mein Kulturschock bestand also nicht darin, mich am Wochenende anders zu verhalten, als zu Hause, sondern darin, dass ein immenser Aufwand dazu zu betreiben war und, wenn man erwischt wurde, man von der Polizei mitgenommen wurde. 
Ich lernte, dass amerikanische Nächte in der amerikanischen Kleinstadt, einer die etwa zehn Mal so groß war wie eine bayerische, Rosenheim zum Beispiel, gleichzeitig aber genau so viel bzw. wenig Kultur anbot, dass diese amerikanischen Wochenend-Nächte immer vor einem Supermarkt beginnen. 
Vertrauenswürdigen Erwachsene wurden je nach Situation hanebüchene Stories aufgetischt: Jemand hatte  seinen Ausweis vergessen, ein anderer Geburtstag, oder dieser arme bayerische Austauschschüler hätte seit Monaten kein Bier bekommen. Und jeder Amerikaner weiß natürlich, dass in Deutschland das Bier aus der Wasserleitung kommt und neben Wiener Würstchen und Brezen zu den Grundnahrungsmitteln dieser unserer exotischen Kultur gehört. Und wer will einen armen Deutschen, der seinen Ausweis vergessen hat, an seinem Geburtstag verdursten lassen?
Es dauerte selten lange, bis sich jemand erbarmte und zwei, drei Sixpacks für die jungen Leute besorgte. Soweit, so gut. Ab hier begann der Kulturschock. Der Bayer, selbst der junge Heissporn, trinkt sein Bier aus Gemütlichkeitsgründen. Er trinkt es in entspannter, geselliger Atmosphäre. Und er trinkt es langsam.  Und wenn überhaupt, trinkt er es nur dann schneller, wenn es lack zu werden droht. 
Der junge Amerikaner stand im ständigen Konflikt, bis Zwölf, Halb Eins wieder zu Hause sein zu müssen, weil er ja offiziell im Kino war. Und er musste dort trinken, wo ihn kein Erziehungsbefugter erwischte. Ergo: Der Amerikaner muss schnell und heimlich trinken.
Also folgte der Junge Bayer seinen neuen amerikanischen bei Wind und Wetter in den nächtlichen Park.  
Die kulturell andersartig sozialisierten Higschool-Schüler wollten diese kurzen Stunden als absoluten Höhepunkt der Woche erleben und gleichzeitig buzzed, also rauschig sein und sich trotzdem, so nüchtern wie möglich, zahnpastagrinsend, von den Eltern wieder in Empfang nehmen zu lassen. 
Also tranken die Angehörigen dieses arg fremdländischen Kulturkreises ihr Bier, das ohnehin nichts mit dem mühevoll gewonnenen bayerischen Kulturgut gemein hatte, Dose für Dose (noch so eine Unart) in einem Zug leer. 
Die folgende Stunde wurde in einem teils ehrlichen, teils eingebildeten Rausch so viel gekichert und wüst herumgealbert, dass die Burschen aus jedem anständigen bayerischen Bierzelt sofort hinauskomplimentiert worden wären. 
Richtig abenteuerlich wurde es schließlich, wenn die Parkwächter auf die Jugendlichen Biertrinker aufmerksam wurden. Und wir waren natürlich nicht die einzigen in der Stadt, die derartige Rituale pflegten. 
Suchscheinwerfer schweiften über die Büsche. Wie bei der Bundeswehr, die ich wenig später verweigern sollte, robbten wir durch das Gehölz, schlugen wir uns durch die Büsche und überlegten uns Ausreden, wie wir daheim die zerschundenen Arme und verdreckten Hosen erklären sollten. 
Wie aufgeschreckte Antilopenherden preschten die Gruppen vor dem Parkwächter durch das Dickicht und starrten erschrocken in das gleißend helle Licht des Suchscheinwerfers.
Ein spektakuläres Räuber und Gendarmspiel, dachte ich lange, bis sie einen aus meiner Historyklasse erwischten: Verhaftung, Verhör, der peinliche Anruf bei den Eltern und der Spott der ganzen Schule. Ich dachte an daheim und an den Spott, den der einzige in der Klasse bekam, der am Schulausflug kein Bier trinken wollte. Andere Länder, andere Sitten.

Smells like beer spirit


Ein halbes Jahr später, immer noch Amerika, endlich Sommer, neue Freunde. 
Eine Clique der sogenannten "Coolen" der Schule. Die Sportler, eine Cheerleaderin, alle so ganz anders als Kurt Cobain sie gehässig besungen hatte. 
Eine pfundige Bass, wie man sie daheim genannt hätte. Das seltsame: Kein Alkohol. Niemand rauchte. Ich wurde zu einem Mixer eingeladen, einer Tanzparty, auf der nichts getrunken wurde. Das gab‘s daheim nicht mal auf der Kinderdiscparty. 
Die Woche darauf waren auch sie im Park. Dreißig Kids der Highschool spielten "Capture the flag", das amerikanische Räuber und Gendarme. Wieder Robben durch die Parkanlagen, diesmal aber vor Freude lachend, nicht vor Angst, erwischt zu werden, in einem hysterischen Anfall.
Die nächste Woche standen wir vor einem Supermarkt. Nicht, um Bier kaufen zu lassen; sondern Eisblöcke. Wozu denn Eisblöcke?
Mitten im Juni rodelte eine Schar amerikanischer Schüler und ein jauchzender oberbayerischer Austauschschüler auf Eisblöcken den South Hill hinunter. 
Woche für Woche dachten sich diese Jungs und Mädels die kreativsten Spiele aus, selten so viel gelacht, selten so glücklich gewesen, seit Jahren Samstagnacht nicht mehr so nüchtern heimgekommen.
Als ich heulend im Flieger nach Hause sitze, hat Bier seinen Status als Kulturgut völlig verloren. Ich bin kein Bayer mehr. 
Tage später, als ich ein erstes Mal wieder in einem heimischen Festzelt sitze, ist mir das lallende Lederhosenvolk fremd geworden. Das 1780er schmeckt mir nicht. Hat es jemals geschmeckt? Ich will beim Edeka Eisblöcke kaufen, aber der Verkäufer schaut mich an, als sei ich vom anderen Stern. Als ich die Fußballer motivieren will, im Wald Capture the Flag zu spielen, halten sie meine blumigen Erläuterungen, wie viel Spaß das gemacht hat und dass die halbe Football Mannschaft mitgespielt hat, für einen Scherz. Sie spielen lieber Schafkopfen im Bierkeller. Für den zutiefst amerikanisierten Oberbayern wurde das Schönramer Hell ganz plötzlich zur schönramer hell. Ich wusste auf einmal, es würde lange dauern, bis ich mich von diesem Kulturschock erholt hatte. 

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