Sonntag, 20. Juli 2014

Der 1780er Kulturschock

Von 1780 bis zur Schönramer Hell

Bier, Schönramer Hell, Bayern. So wurde ich sozialisiert. Selbst in den fernen USA hat sich dieses Gefühl zunächst verstärkt. Aber nur zunächst. Eine Erinnerung an meine persönliche Bier - Geschichte:

Bier, ein bayerisches Grundnahrungsmittel


Kultur, das war das erste Bier mit Sechzehn (Spätzünder) und das Fest, auf dem es getrunken wurde. Kultur, das war die Landschaft, die Felder, auf denen die Kultur angebaut wurde, denn daher stammt ja der Kulturbegriff: Agricultura, Landwirtschaft. Manche Ortschaft schreibt es sich sogar auf das Sehenswürdigkeitenschild an der Autobahn: "Kulturlandschaft". Ausgerechnet Aying zum Beispiel. Deren Bier kann man doch nicht trinken, das lernte ich schon mit 16. Die Felberwirtschaft hatte Ayinger. Dort wurde auch viel Kultur gepflegt. Wirtshauskultur. Meinen Eintritt in die bayerische Kultur zelebrierte ich mit einem Schönramer Hell. Jede Kulturlandschaft hat so sein Bier, das als identitätsstiftendes Kulturgut über alle Altersschichten hinweg akzeptiert, fast kultartig verehrt wird. Bei uns war es dieses Helle aus der kleinen Privatbrauerei keine zehn Kilometer entfernt. Man konnte einen jeden jungen Mann in unserem Kulturkreis um 4 in der Früh anrufen und nur die Zahl "1780" nennen und schon erhielt man die verschlafen gemurmelte Gegenfrage: "Schönramer?" 1780 war nämlich jenes historische Datum, in dem in der Schönramer Kulturlandschaft das Kulturgut Bier ein erstes Mal gebraut wurde. 
Mit sechzehn hatte man in unserem schönen Bayern nicht nur die gesellschaftlich verwurzelte Pflicht, auf Gau- Trachten- Feuerwehr- Pfarr- und Dorffesten, oft in großen, sogar nach dem Kulturgut benannten Zelten dieses Gut zu konsumieren; es war auch nach bundesdeutscher, oft konträr zur Lex Bavariae ausgelegten Rechtsprechung völlig legal. 
Mit 18 wäre es mir sogar erlaubt gewesen, zum Beispiel am Pettinger Waldfest zum Schönramer Hell ein Jacky Cola, oder ein Rüscherl als Beifahrer dazu zu bestellen, welche zwar keine einheimischen Kulturgüter waren, aber von den heimischen landeprägten Kulturwächtern als Allgemeingut in die Festerlkultur übernommen wurden. 
Allerdings war ich mit 18 nicht im schönen Bayern, sondern fand mich in den fernen, fremden Vereinigten Staaten von Amerika wieder. 

Bier in Amerika


Die dortige Musikkultur hatte mich in Richtung Seattle gezogen und ich war im benachbarten Spokane gelandet, ein amerikanischer Katzensprung von 500 Kilometer, ein Nachbarort sozusagen, wie es daheim Schönram war. 
Das Gefühl eines oberbayerischen Burschen vom Land, der ein erstes Mal am Flughafen in Seattle in eine amerikanische Toilette bieselt, in die vielleicht schon Kurt Cobain gebieselt hat, war sogar noch prägender als jenes erste 1780er mit Sechzehn. 
Sehr bald stellte sich aber jener vielzitierte Kulturschock ein, als dieser junge Bayer begriff, statt ins Land der unbegrenzten Rock 'n' Roll Möglichkeiten ins Land der ungezählten Verbote eingereist zu sein. 
Zwar wurde ein Oktoberfest auch in Seattle gefeiert, nur durfte ich dort nicht rein, da Alkohol erst ab 21 bestellt werden darf. Das waren noch volle drei Jahre. Eine verdammt lange Zeit für jemanden von dem die heimische Gesellschaft bereits seit zwei Jahren erwartete, auf Kulturfesten seine Halbe, lass es mal wenigstens einen Radler sein, mit den anderen in die Höhe zu stemmen. 
Nach zwei Jahren bayerischer Sozialisation stand ich, neben diversen Sprach- und Integrationsschwierigkeiten vor der großen Frage: Was macht man eigentlich am Wochenende, wenn man nichts trinken darf? Eine Frage, über die der typische Bayer, wenn er nicht direkt vor der MPU steht, oder bierfastet, in der Regel eher selten nachdenkt.
Meine ersten amerikanischen Freunde fand ich, als ich zu meiner Erleichterung feststellte, dass sich ein US Teenager dieselbe Frage stellte. Bier: Ein völkerverständigendes Kulturelement. Spätestens auf der Münchner Wiesn wird das jedem klar. 
Mein Kulturschock bestand also nicht darin, mich am Wochenende anders zu verhalten, als zu Hause, sondern darin, dass ein immenser Aufwand dazu zu betreiben war und, wenn man erwischt wurde, man von der Polizei mitgenommen wurde. 
Ich lernte, dass amerikanische Nächte in der amerikanischen Kleinstadt, einer die etwa zehn Mal so groß war wie eine bayerische, Rosenheim zum Beispiel, gleichzeitig aber genau so viel bzw. wenig Kultur anbot, dass diese amerikanischen Wochenend-Nächte immer vor einem Supermarkt beginnen. 
Vertrauenswürdigen Erwachsene wurden je nach Situation hanebüchene Stories aufgetischt: Jemand hatte  seinen Ausweis vergessen, ein anderer Geburtstag, oder dieser arme bayerische Austauschschüler hätte seit Monaten kein Bier bekommen. Und jeder Amerikaner weiß natürlich, dass in Deutschland das Bier aus der Wasserleitung kommt und neben Wiener Würstchen und Brezen zu den Grundnahrungsmitteln dieser unserer exotischen Kultur gehört. Und wer will einen armen Deutschen, der seinen Ausweis vergessen hat, an seinem Geburtstag verdursten lassen?
Es dauerte selten lange, bis sich jemand erbarmte und zwei, drei Sixpacks für die jungen Leute besorgte. Soweit, so gut. Ab hier begann der Kulturschock. Der Bayer, selbst der junge Heissporn, trinkt sein Bier aus Gemütlichkeitsgründen. Er trinkt es in entspannter, geselliger Atmosphäre. Und er trinkt es langsam.  Und wenn überhaupt, trinkt er es nur dann schneller, wenn es lack zu werden droht. 
Der junge Amerikaner stand im ständigen Konflikt, bis Zwölf, Halb Eins wieder zu Hause sein zu müssen, weil er ja offiziell im Kino war. Und er musste dort trinken, wo ihn kein Erziehungsbefugter erwischte. Ergo: Der Amerikaner muss schnell und heimlich trinken.
Also folgte der Junge Bayer seinen neuen amerikanischen bei Wind und Wetter in den nächtlichen Park.  
Die kulturell andersartig sozialisierten Higschool-Schüler wollten diese kurzen Stunden als absoluten Höhepunkt der Woche erleben und gleichzeitig buzzed, also rauschig sein und sich trotzdem, so nüchtern wie möglich, zahnpastagrinsend, von den Eltern wieder in Empfang nehmen zu lassen. 
Also tranken die Angehörigen dieses arg fremdländischen Kulturkreises ihr Bier, das ohnehin nichts mit dem mühevoll gewonnenen bayerischen Kulturgut gemein hatte, Dose für Dose (noch so eine Unart) in einem Zug leer. 
Die folgende Stunde wurde in einem teils ehrlichen, teils eingebildeten Rausch so viel gekichert und wüst herumgealbert, dass die Burschen aus jedem anständigen bayerischen Bierzelt sofort hinauskomplimentiert worden wären. 
Richtig abenteuerlich wurde es schließlich, wenn die Parkwächter auf die Jugendlichen Biertrinker aufmerksam wurden. Und wir waren natürlich nicht die einzigen in der Stadt, die derartige Rituale pflegten. 
Suchscheinwerfer schweiften über die Büsche. Wie bei der Bundeswehr, die ich wenig später verweigern sollte, robbten wir durch das Gehölz, schlugen wir uns durch die Büsche und überlegten uns Ausreden, wie wir daheim die zerschundenen Arme und verdreckten Hosen erklären sollten. 
Wie aufgeschreckte Antilopenherden preschten die Gruppen vor dem Parkwächter durch das Dickicht und starrten erschrocken in das gleißend helle Licht des Suchscheinwerfers.
Ein spektakuläres Räuber und Gendarmspiel, dachte ich lange, bis sie einen aus meiner Historyklasse erwischten: Verhaftung, Verhör, der peinliche Anruf bei den Eltern und der Spott der ganzen Schule. Ich dachte an daheim und an den Spott, den der einzige in der Klasse bekam, der am Schulausflug kein Bier trinken wollte. Andere Länder, andere Sitten.

Smells like beer spirit


Ein halbes Jahr später, immer noch Amerika, endlich Sommer, neue Freunde. 
Eine Clique der sogenannten "Coolen" der Schule. Die Sportler, eine Cheerleaderin, alle so ganz anders als Kurt Cobain sie gehässig besungen hatte. 
Eine pfundige Bass, wie man sie daheim genannt hätte. Das seltsame: Kein Alkohol. Niemand rauchte. Ich wurde zu einem Mixer eingeladen, einer Tanzparty, auf der nichts getrunken wurde. Das gab‘s daheim nicht mal auf der Kinderdiscparty. 
Die Woche darauf waren auch sie im Park. Dreißig Kids der Highschool spielten "Capture the flag", das amerikanische Räuber und Gendarme. Wieder Robben durch die Parkanlagen, diesmal aber vor Freude lachend, nicht vor Angst, erwischt zu werden, in einem hysterischen Anfall.
Die nächste Woche standen wir vor einem Supermarkt. Nicht, um Bier kaufen zu lassen; sondern Eisblöcke. Wozu denn Eisblöcke?
Mitten im Juni rodelte eine Schar amerikanischer Schüler und ein jauchzender oberbayerischer Austauschschüler auf Eisblöcken den South Hill hinunter. 
Woche für Woche dachten sich diese Jungs und Mädels die kreativsten Spiele aus, selten so viel gelacht, selten so glücklich gewesen, seit Jahren Samstagnacht nicht mehr so nüchtern heimgekommen.
Als ich heulend im Flieger nach Hause sitze, hat Bier seinen Status als Kulturgut völlig verloren. Ich bin kein Bayer mehr. 
Tage später, als ich ein erstes Mal wieder in einem heimischen Festzelt sitze, ist mir das lallende Lederhosenvolk fremd geworden. Das 1780er schmeckt mir nicht. Hat es jemals geschmeckt? Ich will beim Edeka Eisblöcke kaufen, aber der Verkäufer schaut mich an, als sei ich vom anderen Stern. Als ich die Fußballer motivieren will, im Wald Capture the Flag zu spielen, halten sie meine blumigen Erläuterungen, wie viel Spaß das gemacht hat und dass die halbe Football Mannschaft mitgespielt hat, für einen Scherz. Sie spielen lieber Schafkopfen im Bierkeller. Für den zutiefst amerikanisierten Oberbayern wurde das Schönramer Hell ganz plötzlich zur schönramer hell. Ich wusste auf einmal, es würde lange dauern, bis ich mich von diesem Kulturschock erholt hatte. 

Weitere Artikel auf meiner Webseite bernhardstrasser.de
Noch ein bieriger Beitrag: https://www.chiemgauseiten.de/2022/03/07/wei%C3%9Fblaue-bierseligkeit/

Freitag, 27. Juni 2014

Die Wildschweine von Barliano

Die wilden Schriftsteller von Barliano


Es wird Nacht. Alle Dorfbewohner von Barliano schlafen ein. Bis auf eine Gruppe Schriftsteller samt Familienanhang, die sich selbst Wildschweine nennen und bis spät in die Nacht weintrinkend diskutieren, Glühwürmchen jagen, oder in den Pool springen. 
„Io vivo in Toscana“ steht auf den T-Shirts, die diese Wildschweine tragen und in der Toskana, an der Grenze zu Umbrien und den Marken, liegt, kaum zu finden, die winzige Ortschaft Barliano. 
Seit zwanzig Jahren trifft sich hier jährlich, in wechselnder Besetzung, eine kleine Gruppe und lebt ein bis zwei Wochen eine Utopie fernab des heimischen Konsumsystems aus. 
Es gibt kein Internet, die Handyverbindung ist schlecht, man ist mitten in der Natur. Beste Voraussetzungen zum Schreiben und Nachdenken. Vormittags gibt es Literaturtheorie und es wird geschrieben. Wer Körper und Geist schärfen will, macht zuvor Morgensport. Am Nachmittag werden kulturelle Ausflüge in das Umland angeboten, meist wird eine Kirche angeschaut, in der aber der essentielle Piero della Francesca mit Sicherheit irgendetwas gemalt hat.  
Ein Fest für das Leben: Abendessen in Barliano
Anghiari, Arezzo, Perugia, Florenz. Es gibt kaum einen Ort im Umkreis von zwei Fahrstunden, den die Wildschweine noch nicht kulturell durchpflügt haben und dennoch wird. Jahr für Jahr mit Begeisterung Neues entdeckt. Dieses Jahr waren es Parkanlagen. 
Am Abend warten bereits Gino und Giuliana, das ehrwürdig gealterte Ehepaar von nebenan darauf, die hungrige Meute zu bekochen. Alle Speisen sind per Hand zubereitet, die Zutaten aus eigenem Anbau, der Wein kommt vom eigenen Weinberg und das Wasser aus dem hauseigenen Quellbrunnen. Nachhaltiges, selbstgemachtes Bioessen. Drei Gänge schmausen, dazu Vino, Grappa und Espresso solange Platz in den Wildschweinbäuchen ist. 
Mit dem Weingenuss entfalten sich Diskussionen darüber, wie der einzelne die Welt verbessern kann, Traumspinnereien über bessere Systeme, Fachdiskussionen über Etrusker und Maneurismus und immer wieder Literatur. 
Am Samstag Textgespräche. Souverän vorgetragene Textauszüge, die in ihrer Leichtigkeit die Schwere der Arbeit ahnen lassen. Dann wieder mutige Literatur, ausführlich diskutiert, Mängel erörtert, Glanzlichter gelobt. Konstruktiv, keine Bloßstellung schwacher Ausführungen, keine Speichelleckereien gegenüber den etablierten Autoren. Die Wildschweine lauern auf Fehler und preisen das Können, ohne Werk mit Person zu vertauschen. Nein, brav durchgewinkt wird keiner der Texte, auch nicht die guten. Dazu ist man nicht nach Barliano gekommen. 
Nach Stunden des Zuhörens und Meinungbildens springen sie in den Pool, die ausgelassenen Wildschweine. Ekstatisch grunzend frönen sie dem guten, wilden Leben, toben im Wasser wie Teenager und freuen sich über jeden der stolzen Autoren, der es ihnen gleichtut. 
Literatur, Dolce Vita, Kultur und nachhaltiges leben und leben lassen, so könnte man Barliano beschreiben. Aber wozu beschreiben, was man kaum beschreiben kann? Dabei sein muss man, um diesen Geist von Barliano zu erfahren. 
Ob jemals einer dort einen Roman fertiggestellt hat, werden die Wildschweine gefragt. Wozu denn? Der Weg ist  das Ziel. Warum sollte man beenden wollen, was im Entstehen kaum schöner sein könnte?
Aber doch, versichern sie schließlich. Es gibt sie, die Barlianobücher. Ein Lord sei dort ermordet worden. 
Aber was hat man von diesem aufgeklärten Mord, wenn es doch Jahr für Jahr so schön ist, zusammen mit Kommissar Buonanotte und Maxi zu ermitteln, Geschichten aus Oberdill zu hören und dabei zu sein, wenn vielversprechende Romanprojekte in den Köpfen der Barlianos entstehen und sich fortentwickeln.
Wer wissen will, wie es weitergeht, wird im nächsten Jahr wiederkommen müssen. Nach Barliano, in die Toskana. Wo es Nacht wird. Wo man erwacht. Und auf einmal auch ein Wildschwein sein möchte.


Sonntag, 8. Juni 2014

Wo man gelebt hat, wo man zu Hause war

Menschen kommen und gehen. Die Wohnung bleibt.
Und manchmal war sie ein Zuhause.
Als Kind meint man, man wird für immer in dem Haus leben, in dem man aufwächst. Das Kind, das ich war, wurde von Umzügen verschont. Ich wohnte in einem Haus in einem Dorf. Wir hatten einen Wald und einen Bach und später eine richtige Insel, auf der wir Lagerfeuer machten. 
Ich zog vom Kinderzimmer ins Gästezimmer und zog mit 17 temporär aus. 
Das neue Haus stand in einer bunten Siedlung, die mir vorkam, als habe sie Walt Disney designet. Die Stadt eine kleine Großstadt in den USA und meine Nachbarin war die Tante von dem Typ, der Kurt Cobains Schrotflinte gekauft hat. Mein Zimmer klein, Bayernposter an der Wand. Der gelbe Schulbus hielt einen Block weiter und ich spazierte stundenlang unter den Kiefern des Manito Parks. 
Mit 21 lebte ich in einer Jugendherberge. Wir Zivis hatten eine WG, drei Zimmer, Stockbetten, Gemeinschaftsraum, Damenbesuch. Öffnete man die Türe, kreischten Schülerinnen und man hörte das Klackern der Ping Pong Platten. 
Mit 21 fuhr ich nach Mannheim, das definitiv nicht im Ruhrgebiet lag, und unterschrieb am Wasserturm meinen ersten Mietvertrag. Der Vermieter fuhr mich, am Schloss vorbei zum Rhein und ich konnte es kaum fassen, dass dies hier meine neue Heimat sein würde. 
25 Quadratmeter. Bett, Küche, Fernseher in einem Raum. Fünfzehn Partygäste hüpfen auf dem Bett, es gibt U-Boot zu trinken und der Grund zu Feiern variiert. Als der Wohnungsschlüssel drei Jahre später zurückgegeben wird, könnte ich heulen. Schöner wird's nicht mehr. 
Mit 25 ein Zimmer in Rosenheim. Mietvertrag von Anfang Herbstfest bis Ende Herbstfest des nächsten Jahres. Dazwischen Tristesse. 35 qm, Elektrogrill und Bierzeltgarnitur am Balkon, brüllende Nachbarn gegenüber. Joggen an der Mangfall, Baden im Happinger Weiher. 
Mit 26 erste gemeinsame Wohnung mit der Freundin. Seitlich des Stadplatz in Traunstein. Aussicht auf die Unterstadt, 2 Zimmer, 70 qm. Ehemalige Partywohnung. Samstags klingeln noch immer Teisendorfer. Vier Jahre lang Partytradition aufrecht erhalten. Karaoke an Silvester, fassungslose Nachbarn. Dienstags Malzduft, Freitags Metro. Stadtfest vor der Haustür, betrunkene Gorillas. Kotzgrünes Bad. 
Mit 30 mit meiner Verlobten eine Wohnung in Ettendorf gekauft. 120 qm, drei Zimmer, zwei Bäder, zwei Balkone. Holz, überall Holz, Blick auf die Wahrzeichen, Heiraten vor der Haustür. Aus drei Zimmer werden vier, Kinderzimmer Sandkasten am Balkon. 
Man denkt als Kind, dass man für immer in dem Haus wohnt, in dem man aufwächst. Mit jeder neuen Wohnung hofft man auf das Gefühl, zu Hause zu sein, angekommen zu sein. 
Mit 35 scheint auch dieser Abschnitt für mich und meine Familie zu Ende zu sein. Mir blutet das Herz, die traumhafte Wohnung in Ettendorf aufzugeben. Zu schön die Lage, zu perfekt die Küche, zu viele schöne Erinnerungen im Wohnzimmer. 
Aber es wartet ein Häuschen mit Garten auf uns. Wir haben es nicht gefunden, es hat uns gefunden. Die nächsten großen Entscheidungen stehen an. 
Und diesmal wird es die letzte Station sein, denke ich. Vielleicht nicht für unsere Kinder. Aber für uns. Vielleicht. 



Mittwoch, 30. April 2014

Nicht etwa ein Bayernfan!


Ob ich ein Bayernfan bin, wurde ich neulich gefragt. Ich habe nur zögernd geantwortet, lange überlegt und unsicher gesagt. Es gibt ja so manches, was ich bin und sein möchte: Vater, Berufsberater, Schriftsteller. Aber Bayernfan? Darüber habe ich gestern lange nachgedacht, als ich in der Nordkurve stand, mich erst halb heiser geschrien habe und anschließend beim Debakel Dahoam mit litt. 
Bin ich ein Bayernfan? Was ist ein Bayernfan?
Ist man ein Bayernfan, wenn man einen sauteuren Oberrang-Sitzplatz hat und sich trotzdem in die Kurve zu den Stehplätzen schmuggelt? Ist man ein Bayernfan, wenn man das Trikot trägt, auf dem „Schweinsteiger“, oder sogar „Tymoshchuk“ steht? 
Ist man ein Fan, wenn man wütend auf die Fans ist, die nach einem Rückstand pfeifen und beleidigt das Stadion verlassen? 
Wahrscheinlich bin ich kein Bayernfan, weil ich mich freue, wenn Dortmund gegen Real gewinnt. Weil ich die Lieder über Giesinger Bauern nie mitgesungen und die Fäkalhymnen auf den Gegner schon immer peinlich gefunden habe? 
Wahrscheinlich bin ich echt kein Bayernfan, weil ich gestern ganz begeistert war, den derzeit besten Fußballer der Welt live gesehen zu haben. Und weil ich nicht enttäuscht war, dass der bessere gesiegt hat. Und weil ich heute Morgen nicht die Bild-Zeitung hochgehoben und geschimpft habe, der Pep ist in einem Jahr nicht mehr da.
Nein, eigentlich bin ich kein Bayernfan, nicht einmal ein Fussballfan. Aber dann beginnt einen Tag später so ein leichtes Grunmeln in der Magengegend.  Nachdem man die Zeitungen gelesen hat, denkt man an. Lissabon und wie verdammt geil es für einen Fan ist, im Champions League Finale zu stehen. Und wie weh es tut, es zu verlieren. Und auf einmal regt sich da etwas, das man Enttäuschung oder Empathie nennen könnte.
Nein, ich habe weder '99, noch beim Finale Dahoam geheult. Aber, verdammt noch eins, hat das weh getan und tut noch immer weh, fünfzehn Jahre später, wie kann sowas sein? Also doch ein Bayernfan?
Ich habe letztes Jahr in der Toskana eine gemütliche Weinrunde einer Gruppe hochkulturliebender Schriftsteller gesprengt, weil Champions League Finale war. Ich bin im Trikot dagesessen, habe gelitten und gejubelt, während mir erklärt wurde, dass Fußball Volksverdummung ist und es den Spielern nur ums Geld geht.
Aber diese unfassbare Energie, die der Fußball entfacht, ist etwas, das einem tatsächlich den Stecker zieht und so magisch ist, dass wir den Millionären in diesen Glücksmomenten jeden Cent gönnen und am liebsten mit mehr Scheinen bewerfen würden, falls ihnen das wirklich etwas bedeutet, weil wir selbst so scheißglücklich sind. 
Und wer, wie ich, gestern Teil der Choreografie in der Allianz Arena war und die Energie gespürt hat, die ein ganzes Stadion erfasst hat, nur weil so etwas profanes wie ein Fußballspiel veranstaltet wird, der muss sich letztendlich eingestehen: Ja, ich bin ein Fan.

Mehr von mir gibt's auf bernhardstrasser.de

Freitag, 18. April 2014

Münchens wahre Liebe

Vor ein paar ganz schön vielen Jahren war ich mal ein sechsjähriger Junge. Lothar Matthäus und Michael Rummenigge hießen die Lieblingsspieles dieses achtjährigen Jungen, als er begann, sich für Fußball zu interessieren. 
Bei Tante Hedwig im Wohnzimmer sah er in der Sportschau das 7:0 gegen Schalke. Daheim, zusammen mit seinen Papa das 1:0 im Europapokalfinale gegen Porto. In der Halbzeit musste er ins Bett. Am nächsten Morgen hatte Bayern 1:2 verloren.
Als Lothar Matthäus zu Inter Mailand wechselte, wankte sein Weltbild, wankte mein Weltbild. Ich konnte nicht begreifen, wie jemand nicht mehr beim FC Bayern spielen wollte. Wo doch jedes Kind wusste, dass der FC Bayern München der allerbeste Verein auf der ganzen Welt ist. 
Es war natürlich klar, dass ich fortan kein Lothar Matthäus-Fan mehr war. Dafür umso größerer Bayernfan. 
 Es gab gar keine Wahl. Mein Papa war Bayernfan. Vor Allem, weil einer aus unserem Dorf, der Dürnberger Bernhard, dort spielte. Der war inzwischen mein Fußballtrainer und jeder in der Mannschaft war sicher, auch mal bei den Bayern zu spielen. 
Mein neuer Lieblingsspieler war Roland Wohlfahrt. Erst recht, als er im Spiel um die Meisterschaft den 1. FC Köln und Christoph Daum mit 3 Toren abgeschossen hatte. Die Radioreportage von Gerd Rübenbauer konnte ich auswendig.  
Die Bayern, das war lange etwas, das ich nur aus dem Fernseher, oder im Radio kannte.
Im August 1989 machte ich Urlaub bei meinen Cousins in Grafing. Als sie mich mit ins Olympiastadion nahmen, flippte ich beinahe aus. Die Möglichkeit, die Stars in echt zu sehen, kam mir vor wie ein Märchen. Was für ein unfassbares Glück mussten diese 72000 Menschen empfinden, die im Stadion dabei sein durften. Es gab 5 Milliarden Menschen auf der Welt. München konnte für den Bub vom Dorf kaum weiter weg sein als Indien. Und nun durfte ich dabei sein. 
Der Gegner war Hamburg und ich saß mit einem Fernglas auf der Gegengerade und schaute mir ganz genau an, wie Klaus Augenthaler, Raimond Aumann, Stefan Reuter und Jürgen Kohler in Echt ausschauten. Bayern gewann 4:0, Roland Wohlfarth traf auch, ich verlor einen Wackelzahn und wusste gar nicht, was ich mir von der Zahnfee noch mehr hätte wünschen sollen. 
In der selben Saison durfte ich noch einmal ins Stadion, sogar zum Spitzenspiel gegen den Mitkonkurrent Eintracht Frankfurt. Diesmal fuhr ich mit meinem Papa extra nach München. Die Einfracht spielte mit Uli Stein, Uwe Bein und Dieter Eckstein. Bayern gewann mit 1:0 durch ein Tor von Strunz. 
Deutschland wurde Weltmeister und der halbe FC Bayern ebenfalls. Im Sommer war ich wieder in Grafing, diesmal fuhren wir direkt an die Säbener Straße, um die Spieler ganz nah zu sehen und Autogramme zu holen. Wie überrascht ich war, wie einfach das geht, sich einfach vor Jupp Heynckes zu stellen und schon hatte man ein Autogramm.
Ab da ergaben sich mehr Gelegenheiten, ins Stadion zu fahren. Mit dem Ferienprogramm. Mit den Fussballkameraden. Alois rast mit einem Auto voller Kinder und 160 Sachen nach München. Bayern verliert gegen Hansa Rostock und ein Haufen Zwölfjähriger brüllt voller Inbrunst "Heynckes raus!". Noch heute sind wir überzeugt, dass Jupp Heynckes damals nur wegen uns gefeuert wurde.
Die bayernbegeisterten Teenager gründen einen Fanclub. Bayern 2000 fährt ab 1992 zu den Heimspielen. Und ich bin dabei. Lothar Matthäus kehrt zurück, ich verzeihe ihm. Ich bin beim ersten Derby seit ungefähr tausend Jahren dabei. Viele wird’s nicht geben. Helmer schießt gegen Nürnberg das Phantomtor und die Südkurve flippt aus. 70000 Menschen brüllen "Wir wollen Klinsmann!" 
Beim FC Hollywood darf ich die großen Uefapokalschlachten gegen Barcelona und das Finale gegen Bordeaux sehen.
Mit 17, Mitglied beim FCB, lasse ich mir das Bayernmagazin in die USA schicken. Es kommt mit sechswöchiger Verspätung an, aber die Poster der Spieler lindern das Heimweh. Im Bayerntrikot spiele ich für die Lewis and Clark Tigers und Coach Ardi aus dem Iran fragt, ob ich „Foosball oder Soccer“ spielen will.
Wieder zu Hause überschneiden sich die Spieltermine von FC Bayern und SV Kirchanschöring und es dauert eine Weile, bis es mich mal wieder ins Stadion verschlägt. Im Olympiastadion sehe ich auf der Videoleinwand Baslers 1:0 gegen Manchester United. Was danach kam, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich erinnere mich an ein Festzelt in Leobendorf, in dem zwei Jahre später Kahn hält und hält und hält und Effenberg den Champions League Pott in den Händen hält. 
Das 2010er Champions League Finale bin ich wieder im Stadion, diesmal in der Allianz Arena. Die Public Viewing Leinwand ist so klein, dass ich gar nicht sehe, dass der FCB gar nicht gewinnt. Zwei Jahre später, beim Finale Dahoam bin ich auch dahoam. In Anschöring und die Frau hochschwanger. Ich leiste ein heiliges Gelübde, dass ich meinen Erstgeborenen Bastian nenne, wenn Schweinsteiger & Co. siegen. Drogba und Robben sind schuld, dass der Kleine jetzt Sebastian heißt. Sebastian ist ein Jahr später mit dabei, als wir das Finale von Wembley anschauen. Bei Robbens Tor brülle ich so laut, das der Kleine aufwacht. 
Und seit einer Woche also wieder im Fußballfieber. Kurzzeitiger Vielfahrer beim Bayern Fanclub und kurz davor, endlich mal live im Stadion mit dabei zu sein, wenn der große FCB wieder Geschichte schreibt. Noch bis zu vier Siege und es ist soweit…

Mehr über den FC Bayern in den Achtzigern gibt's auf http://www.bernhardstrasser.de

Sonntag, 16. März 2014

Welche Bücher haben Ihren Werdegang am meisten beeinflusst?

Quelle: http://www.petzi-forschung.de

Bücher Nominierung

Analog zur Ice Bucket Challenge kursiert gerade die Bücher Nominierung durch das Internet. Welche Bücher haben ihren Werdegang am meisten beeinflusst, lautete die Frage. Ich wollte natürlich ganz vorne beginnen:
Die beliebte Frage, "Was war Ihr erstes Buch?", kann ich klar beantworten: es war ein Pixibuch über die Abenteuer vom Petzi Bär. Obwohl ich es noch heute, soweit ich es beurteilen kann, für ein starkes, eindrucksvolles Werk halte - das Original habe ich bereits in jungen Jahren verschlampt - ist es nicht das einzige Buch, das mich beeinflusst hat.

Ich muss wohl noch weiter ausholen: Meine Mutter war Büchereileiterin. Und obwohl ich Zugang zu Büchern hatte, so kommt es mir heute vor, wuchs ich in einem literaturarmen Haus auf.
Der Bücherschrank enthielt Dutzende Exemplare von Readers Digest, die ich heute nicht mehr beurteilen kann. Ich meine, mich dunkel an Moby Dick und den Namen Hemingway zu erinnern. Aber meine Eltern lasen Krimis, mein Vater liebte Biographien. Sie lasen zur Zerstreuung. Anderes kannte ich also nicht.
Gab es ein "life changing" Buch? Nein. Es waren immer mehrere Bücher.
Im Kindergartenalter waren es alle Preussler-Bücher. Mutter las uns die kleinen Hexe-, Wassermann- und Schlossgespenst vor. Natürlich den Hotzenplotz.
Später die unendliche Geschichte.
Ein unfassbar wertvoller Schatz waren mir im Bücherschrank die Sachbücher: Hirmers Bildband über Ägypten. Bücher über Dinosaurier und untergegangene Kulturen. Schon in der Grundschule kannte ich Tut Anch Amun und Nofretete, las selbst Sinuhe der Ägypter.
Meine ersten Bücher waren Abenteuerbücher: Fünf Freunde. Die drei Fragezeichen. Karl May langweilte mich.
Mit richtiger Literatur kam ich nicht in Berührung. Auch auf dem Gymnasium lange Zeit nicht. Hexen in der Stadt. Anne Frank.
Später Biedermann und die Brandstifter, der Richter und sein Henker, Emilia Galotti und Kabale und Liebe. Ich bezweifle, dass ich die Schullektüren ganz gelesen habe. Interessiert haben sie mich nicht.
Ich verschlang hunderte Comics. Asterix, Lucky Luke, Tim und Struppi - dafür liebte ich die Bücherei meiner Mutter. Micky Maus, Yps. Sämtliche Carlsen Comics.
Nebenbei versuchte ich mich aber auch an Seltsamkeiten wie Marlen Haushofers "Die Wand", das mir meine Mutter empfahl. Vielleicht tue ich ihr Unrecht, dass sie mich nicht zur Literatur angeregt hat. (Ich kam nicht über die ersten Seiten hinaus)
Als Teenager wurden die angesagten Unterhaltungsromane bedeutsam: Crichton, Grisham. Später Steven King. (Jurassic Park, Akte, Christine)
Bücher mussten spannend sein. Dass mehr in Büchern steckte, wusste ich zwar, aber ich verstand es nicht.
Vielleicht war es ausgerechnet mein Jahr in Amerika, das mich der Literatur näherbrachte.
Emerson und Thoreaux- ich las gerade Sofies Welt. Arthur Miller - The Crucible. Fahrenheit 451. Wer ist dieser verdammte Gatsby und was der Catcher in the rhy? Steinbeck - Of mice and man.
Zu Hause ging es weiter: Huckleberry Finn, Kill a mockingbird. Ich wollte sie alle lesen. Romeo and Juliet, Hamlet, möglichst auf Englisch. Selbst. Ulysses stand auf einmal in meinem Bücherschrank.
Und dann auf einmal das erste Buch, das mich weghaute: John Irvings Garp und wie er die Welt sah. So können also Romane sein.
Ich las noch Owen Meany und wagte mich danach an die Blechtrommel und stellte überraschende Parallelen fest.
Der Werter wird zum Lebensmanifest, Lolita packe ich bald wieder weg. Stein und Flöte und die Säulen der Erde die Bücher, die mich eine Weile begleiten.
Als Zivi den Faust und den Harry Potter (auf englisch) in der Tasche.
In Mannheim - natürlich - die Räuber. Erste Begegnung mit Thomas Mann. Soloalbum, so wie ich mich fühlte. Den Taugenichts in Heidelberg gelesen. Auf einmal tonnenweise Gedichte.
Erich Fried in Rosenheim.
Die Explosion aber erst durch Krechel und Niemann: Hülswitt, Faserland, Dostojewski, auf einmal war kein Name zu groß. Lange Zeit Hemingway, zuletzt der Zauberberg und eine Ahnung, was Literatur sein kann.

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Dienstag, 4. März 2014

Eindrucksvolle Wanderung durch das antike Termessos

Das antike Termessos nahe Antalya

Termessos ist der ideale Ort, um die Strandurlaubsträgheit an der türkischen Riviera zu vertreiben. Nur wenige Touristen finden sich dorthin, man erlebt Antike, Natur und eine wunderschöne Wanderung. Unweit von Antalya, im Termessos Nationalpark, wartet eine atemberaubende Landschaft und ein mystischer Kulturschatz mitten in den Bergen. Eine Mischung aus Herr der Ringe und Indiana Jones mit Spuren von Alexander dem Großen. Ich habe Termessos bei diesigem Nebelwetter und frühlingshaftem Sonnenschein besucht und es ist schwer zu sagen, welches Mal eindrucksvoller war.
Der Weg beginnt mit einer geringen Maut am Fuße des Berges. Die acht Kilometer lange Serpentinenstraße kann man bequem im Auto zurücklegen. Da die sogenannte "Straße des Königs" bereits von antikem Mauerwerk gesäumt ist, wäre auch eine Wanderung sicherlich reizvoll.
Richtig los geht es allerdings erst am Besucherparkplatz. Ein einsam stehender Torbogen inmitten umgestürzter Säulen kündet bereits davon, was einen erwartet: Termessos, auf über 1000 Meter Höhe gelegen, ist die Ruine einer antiken Stadt, die, aufgrund ihrer geschützten Lage, schon von Alexander dem Großen als Adlernest bezeichnet wurde.
Obwohl mehrere Erdbeben kaum einen Stein auf dem anderen stehen ließen, vermitteln die Ruinen doch einen Eindruck, wie prächtig die Stadt einst gewesen sein muss.

Wanderung zu einer historischen Stadt

Die Wanderung, beginnt mit einem steilen Anstieg zur unteren Stadtmauer hinauf. Die Grundmauern eines Gymnasiums stehen noch und laden den Hobbyabenteurer ein, die Ruinenstadt auch abseits des Weges zu erkunden. Die gut erhaltene obere Stadtmauer lässt erahnen, wie gut die Stadt vor Feinden, selbst Alexander konnte die Stadt nicht einnehmen, geschützt war.
Folgt man oben dem Weg rechts zum ausgeschilderten Theater, erreicht man bereits den Höhepunkt der Wanderung. Das perfekt in den Berg gehauene, noch gut erhaltene Theater bietet eine grandiose Aussicht und wurde von den Architekten als perfekte Symbiose zwischen Natur und Bauwerk geplant. Egal, ob geheimnisvoll aus dem Nebel auftauchend, oder vor der mächtigen Bergkulisse, das Theater ist bei jedem Wetter eindrucksvoll.
Die weitere Wanderung steht erfahrungsgemäß unter dem Eindruck des Theaters und die folgenden Tempel, Zisternen und Privathäuser begeistern wohl mehr die Archäologienerds.

Das Grab des Alketas

Nicht versäumen sollte man nun aber, einen Abstecher in die, schwer begehbare, aber gut ausgeschilderte Nekropole zum Grab des Alketas zu machen.
Alketas war ein General Alexander des Großen. Nach dessen Tod unterstützte er in den Diadochenkriegen seinen Bruder Perdikkas, der das riesige Reich Alexanders kurz regierte. In den Schlachten um die Herrschaft wurde Alketas, der das Erbe seines ermordeten Bruders antreten wollte, von Antigones vernichtend geschlagen.
Alketas gelang es, zu den befreundeten Termessern zu flüchten. Die jungen Bewohner Termessos nahmen ihn begeistert auf, die Ältesten aber wussten von der Gefahr für die Stadt. Als Antigonos Heer Termessos erreichte, gelang es den Ältesten, Alketas zu überlisten. Bevor er aber Antigonos ausgeliefert werden konnte, beging er Selbstmord.
Die jungen Termesser waren darüber so wütend, dass sie beinahe ihre eigene Stadt zerstört hätten. Die Alten konnten sie beschwichtigen, indem sie ihnen zusagten, den von Antigonos geschändeten Leichnam des Alketas feierlich zu bestatten.
Die Überreste dieses Grabes erreicht man also, wenn man den Trampelpfad die Nekropole hinein folgt. Man wandert an einer Gruft vorbei und erkennt im Berg einige eingemeißelte Gräber. Ein Wegweiser führt zum Grab des Alketas. Trotz deutlicher Verwüstungen der letzten Jahrtausende ist es immer noch das stolzeste Grab der gesamten Nekropole: Im Fels erkennt man das Relief eines Reiters. Die makedonische Rüstung und die prunkvolle Ausstattung lässt den Schluss zu, dass es sich um das Grab Alketas handelt. Der Steinsarg ist ebenso beschädigt wie die weiteren Reliefs. Die Wände, die das Grab einst abgetrennt haben, kann man nur noch erahnen. Vielleicht muss man die tragische Geschichte des Mannes kennen und ein wenig Begeisterung für die Geschichten rund um Alexander dem Großen in sich tragen, um die Außergewöhnlichkeit dieses Ortes ganz zu begreifen. Die beiden 70 jährigen Rentner aus den USA, die mich keuchend begleiteten, waren jedenfalls total aus dem Häuschen, als sie das Grab erreichten.

Wieder zurück kann man über ein unfassbar weites Schotterfeld, das einmal eine Prachtstraße war, zurück zum Parkplatz gehen.
Bei unserem ersten Besuch haben wir den schwierigeren Weg am Berghang entlang durch die Nekropole gewählt. Damals war es, wie erzählt, sehr neblig und die Wanderung war magisch wie durch ein von Tolkien erdachtes Land. Wie aus dem Nichts tauchten immer wieder gewaltige Steinsarkophage auf, die Deckel geöffnet, als hätte sie gerade eben jemand beiseitegeschoben. Jeden Moment erwartete man einen Termesser in voller Rüstung den Pfad blockieren.
Bei Sonnenschein ist ein Teil dieses Zaubers verflogen. Spannend ist es dennoch, vorbei an unzähligen Sarkophagen und Felsengräbern zurück ins Tal zu wandern.
Unten, auf der anderen Seite des allein stehenden Torbogens, kehrt man schließlich zum Parkplatz zurück.
Die eine große Frage, die sich hier jemand stellt, bleibt: Was ist geschehen, dass die Stadt aufgegeben werden musste? Forscher vermuten nämlich, dass es nicht die Erdbeben waren, sondern womöglich Wassermangel. Wie, so fragt man sich, haben die Termesser beispielsweise Getreide beschafft? Wurde es über die „Straße des Königs“ mühevoll nach oben geschafft? Dies könnte eine weitere Erklärung sein. Die unwirtliche Abgelegenheit dieser Stadt.

Für uns Nachkommen ist die Abgelegenheit dagegen ideal: Selten sieht man so eindrucksvoll „erhaltene“ Ruinen.

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