Donnerstag, 15. März 2018

Auf den Spuren von Wolfgang Herrndorf in Nürnberg

Wolfgang Herrndorf hat in Nürnberg Kunst studiert

Seit der Lektüre von Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur" hat auch die Stadt Nürnberg für mich eine neue Bedeutung gewonnen. Als ich das letzte Mal durch die Altstadt flanierte, hatte ich Tschick bereits gelesen. Wolfgang Herrndorf lebte damals noch. Viel wusste ich noch nicht über ihn. Sechs Jahre kenne ich Arbeit und Struktur fast auswendig und ich suche selbst mit der Lupe nach den wenig bekannten Spuren der Biographie von Wolfgang Herrndorf. Das meiste was aus seinem Leben bekannt ist, hat er selbst in seinem Blog "Arbeit und Struktur" preisgegeben.
In Nürnberg hat er sich damals als 18-jähriger zum Studium eingeschrieben. Es heißt, er wählte Nürnberg, weil die Universität als besonders konservativ galt. Herrndorf interessierte sich vor allem für die alten Meister und hoffte, in Nürnberg die uralten Maltechniken zu erlernen. 
Recht viel mehr ist von seiner Zeit in Nürnberg nicht bekannt. Zumindest gibt es in Arbeit und Struktur einen kleinen Hinweis, wo er gewohnt hat: Im Eintrag vom 21. September schreibt er, von seiner Wohnung am Westtor in Nürnberg geträumt zu haben. 
Also ein guter Startpunkt, um eine Wolfgang-Herrndorf Exkursion durch Nürnberg zu starten. 
Blick vom malerische Kettensteg unweit des Westtors in Nürnberg
Das Westtor allerdings ist kein real existierendes Tor, sondern, wie sich herausstellt, eine Straße und wohl das Viertel an dem sich das alte Westtor in der Nürnberger Stadtmauer befunden hat. Eine lärmende Straße die um die mittelalterliche Stadtgrenze entlang führt. Einige unauffällige Altbauwohnungen. Dann eine Wohnungszeile mitten in der historischen Stadtmauer. Ob Herrndorf dort gewohnt hat? Nicht weit vom Westtor jedenfalls befindet sich der Kettensteg und das Henkershaus an der Pegnitz. Einer der malerischten und romantischten Orte von Nürnberg. Ein Ort an dem sich ein Maler und Liebhaber der alten Künste sicherlich wohlgefühlt hat. Wer es vielleicht noch wissen könnte ist Calvin S., Wolfgang Herrndorfs Freund aus der Nürnberger Zeit.
Ob die Nürnberger Buchhandlungen wissen, dass Herrndorf in ihrer Stadt lebte? Die Probe aufs Exempel in der Buchhandlung Jakob verlief ernüchternd. Den Schriftsteller Herrndorf kannte man dort natürlich. Dass Herrndorf nicht weit weg von ihrer Buchhandlung gewohnt hatte, war ihnen gänzlich unbekannt. Auch davon, dass Herrndorf auch Maler war, hatte man hier noch nichts gehört. Nürnberg hat Albrecht Dürer und Hans Sachs. Das genügt wohl. Jedenfalls wird die Nürnberger Zeit des Tschick-Autoren touristisch noch nicht ausgeschlachtet. Und so bin mal wieder ich der einzige, der durch die Gassen rund um das Westtor schlendert, die Rosenbaum Doktrin in der Tasche, und sich fragt, wo Herrndorf hier wohl gelebt hat...


Freitag, 9. März 2018

Der Osterwolf - Tradition und Brauchtum in Traunstein

Unbekanntes Brauchtum in Traunstein: Der Osterwolf


Der Osterwolf und die jährlichen Feiern zum Osterwolf haben auch im Chiemgau eine jahrhundertealte Tradition. Beim Treffen der Chiemgaublogger wurde an die tiefe Verwurzelung der Traunsteiner Bevölkerung mit der Legende des Osterwolfs erinnert. Referent und Heimatforscher Bernd Götterpflug-Dehler skizzierte humorvoll und informativ die Osterwolf-Traditionen im Chiemgau der letzten beiden Jahrtausende.
Jährlich zum Ostermontag findet einer von Bayerns berühmtesten
Osterwolf-Ritten in Ettendorf statt
Am bekanntesten ist natürlich die Legende, dass im Jahre '39 am Ostersonntag den im Hufschlager Forst spielenden Brüdern Joseph und Georg Ratzinger der Osterwolf erschienen sei. Die beiden Kindern zeigten keinerlei Furcht vor dem Wolf und der Legende nach wertete der ältere der beiden Brüder die Begegnung mit dem Osterwolf als Omen,
Naturschutzbund, Süßwarenindustrie und Tourismusverband
nutzen den Osterwolf-Glauben für ihre Zwecke
dass es seine Bestimmung sei, eines Tages Papst zu sein. Auch die zweite Weissagung, dass er als späterer Papst sein Amt niederlegen würde, an dem Tag an dem er dem Osterwolf ein zweites Mal begegnete, hat sich, wie man heute weiß, bewahrheitet: Kurz vor Zelebrieren seiner letzten Ostermesse begegnete der Papst beim Spaziergang in den vatikanischen Gärten einem Wolf.

Die Osterwolf-Verehrung hat in Traunstein eine jahrhundertelange Tradition. Jährlich zum Ostermontag wird der Osterwolf-Ritt gefeiert bei dem hunderte Reiter zu Ehren des Osterwolfes zum Ettendorfer Kircherl reiten, wo sie den Osterwolf-Segen empfangen. Bereits aus keltischer Zeit konnte dort oben auf dem Ettendorfer Hügel eine kultische Wolfs-Verehrung nachgewiesen werden.

Auch wenn in heutiger Zeit die Osterwolfs-Verehrung den Ruf hat, sie sei eine reine Image-Kampagne der Naturschutz-Lobby, die dem Wolf ein besseres Image verschaffen will, so liegt die Verehrung des Osterwolfs deutlich tiefer im regionalen Volksglauben verankert. Natürlich weiß man heute, dass der Wolf nur ein aus heidnischer Zeit stammendes Symbol für das Osterwunder ist, dennoch ist der Glaube an den Osterwolf ein fester Bestandteil des Chiemgauer Volksglaubens und die Segnung der gebackenen Osterwölfe eine beliebte Tradition.
In seinem Vortrag sparte Bernd Götterpflug-Dehler, der Autor von Sachbüchern wie "Wandern mit Hund auf Chiemgauer Osterwolf-Pfaden"  natürlich auch die Schattenseiten der Osterwolf-Verehrung nicht aus. Heute erinnert nur noch wenig an das historische Symbol des Osterwolfs. Vor allem die Süßwarenindustrie  hat sich die Osterwolf Tradition profan zu eigen gemacht und übertrifft sich Jahr für Jahr mehr in der Kommerzialisierung des Osterwolfes. Da kann sich auch die Stadt Traunstein nicht ausnehmen, die das Osterwolf-Bier und die Osterwolf-Fastenbrezen bereits seit Jahren zu einer erfolgreichen Marke beworben hat. Auch die viermal im Jahr stattfindenden Osterwolf-Spaziergänge nach Ettendorf sind ein fester Bestandteil der Traunsteiner Osterwolf-Vermarktung. Bernd Götterplfug-Dehlers Appell, die Bevölkerung wieder mehr für die wahren Wurzeln der Osterwolf-Tradition zu sensibilisieren, stieß bei den anwesenden Chiemgabloggern deshalb auf fruchtbaren Boden. Man einigte sich, dass man sich möglichst bald die Domain www.osterwolf.de oder zumindest www.osterwolf-shop.de sichern wolle und man dafür sorgen werde, dass der Hashtag #osterwolf auf Twitter und Instagram trenden wird. Notfalls wolle man dazu eine völlig frei erfundene Traunsteiner Osterwolf-Legende im Internet platzieren. Irgendjemand wird den Schmarrn schon glauben.

Sonntag, 4. März 2018

Wolfgang Herrndorf - Vom Maler zum Schriftsteller

Wolfgang Herrndorfs Wandlung vom Maler zum Schriftsteller


Inzwischen bei der Sekundärliteratur zu
Wolfgang Herrndorf angekommen
Wie waren Wolfgang Herrndorfs erste Jahre als Schriftsteller? Warum hat er seine Tätigkeit als Maler aufgegeben und sich dem Schreiben zugewandt? Bei meiner Recherche bin ich auf ein hochinteressantes Buch von Jörn Morisse und Rasmus Engler gestoßen: "Wovon lebst du eigentlich?" Beschäftigt man sich mit Wolfgang Herrndorfs Netzwerk, dann ist Jörn Morisse kein Unbekannter: Er ist Mitbegründer der "Zentralen Intelligenz Agentur", der auch Wolfgang Herrndorf angehörte.
In "Wovon lebst Du eigentlich?" sprechen mehr oder weniger bekannte Künstler aus den verschiedensten Bereichen darüber, wie sie sich über Wasser halten. Darunter Benjamin Quabeck, dessen "Nichts bereuen" einer meiner Lieblingsfilme war. Auch die Musikerin und Schriftstellerin Almut Klotz kommt zu Wort. Sie starb kurz vor Herrndorf. "Almut" war auch das letzte Wort in Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur". 
In einem Interview, das ca. 2007 geführt wurde, berichtet Wolfgang Herrndorf von seinem Leben als Schriftsteller. Der Zeitpunkt ist interessant, da er als Autor von bis dahin zwei Büchern (In Plüschgewittern, Diesseits des Van-Allen-Gürtels) zwar in der Szene einen Namen hatte, er insgesamt aber ein weitgehend unbekannter Schriftsteller war.
Herrndorf berichtet, dass er zuvor als Maler gar nicht so schlecht verdient hätte. Auch wenn er schon damals sehr bescheiden und teils unter dem Existenzminimum lebte. Warum er das Malen dennoch zugunsten der Schriftstellerei aufgegeben hat, wird er gefragt. Herrndorf gibt an, dass er auch ohne Lohn schreiben würde - es hat sich also zu einer Leidenschaft entwickelt. Der spannendere Aspekt - den man als Nicht-Maler nicht unbedingt auf dem Schirm hat, ist allerdings dieser: Das Malen, so Herrndorf, sei körperlich und seelisch ungemein anstrengend. Das Schreiben nur seelisch. Es war also auch die seinem äußerst aufwändigen Malstil geschuldete körperlich schwere Arbeit, die ihn weg von der Malerei hin zum Schreiben geführt hatte. 
Herrndorf selbst beschreibt sein damaliges Leben so, dass er nicht in Urlaub fährt, keine Kleidung kauft. Lange hatte er nicht einmal Dusche, Kühlschrank, Telefon. 
Heute ein moderner Klassiker in den Schul-
bibliotheken: Tschick
Im Interview erwähnt Herrndorf, dass er noch drei Manukripte in der Schublade hätte. Dabei wird "Sand" kurz umschrieben. Das zweite dürfte "Tschick" gewesen sein. Herrndorf-Fans werden nun rätseln: Was zum Teufel war das dritte Manuskript? Herrndorf selbst erwähnt in "Arbeit und Struktur", dass er an einem "Stimmen-Roman" geschrieben hatte. Stimmen - das war sein Online-Name bei den Höflichen Paparazzi. Was aus dem Manuskript wohl geworden ist? In der Badewanne vernichtet? Liegt es längst im Literaturarchiv Marbach? Ob wir es je erfahren werden?
Eine fast prophetische, damals aber noch gänzlich undenkbare Vorschau auf das Kommende wird das Interview, als beide davon schwadronieren, Herrndorf müsste ganz einfach ein Klassiker werden. Herrndorf selbst meint, ein Bestseller würde ihm völlig ausreichen. Er spekulierte noch, dass "Sand" sein großer Durchbruch werden müsste. Natürlich ironisch-augenzwinkernd. Gleichzeitig gewinnt das Interview eine traurige Note in dem Wissen, dass Tschick nicht nur ein Bestseller wurde, sondern heute als moderner Klassiker gilt und in Schulen landauf landab gelesen wird. Für Heerrndorf selbst geriet der überraschende Erfolg zur Nebensache, da er bei der Veröffentlichung von Tschick bereits am Gehirntumor erkrankt war.
Zuletzt wird Herrndorf gefragt, ob er sich (außer einer Frau - die er ja dann auch gefunden hat) noch etwas wünscht. Seine Antwort: Eine Wohnung mit Aussicht. Zumindest dieser Wunsch ist am Ende also dann noch in Erfüllung gegangen. 

Sonntag, 25. Februar 2018

Rückkehr nach Mannheim

Bernhard Straßer: Meine Zeit in Mannheim


Mannheim. Zum ersten Mal beschäftigte ich mich mit der Stadt Mannheim, als mir vor über fünfzehn Jahren ein Studienplatz ebendort angeboten wurde. "In Mannheim? Eigentlich habe ich keinen Bock auf das Ruhrgebiet." Ich nahm trotzdem an.

Mannheim im Winter: Wasserturm ohne Wasser.

Wenige Tage später saß ich im ICE und traf mich in Mannheim, das mir als die hässlichste Stadt Deutschlands angepriesen wurde, mit einem Herrn Hermann. In Mannheim heißt man Hermann, klar. Herr Hermann bot mir seine Wohnung in Mannheim zur Miete an. Die Wohnung, 25 qm Altbau, möbliert, war gelinde gesagt Scheiße. Aber sie war meine erste eigene Wohnung und außerdem lag sie fast direkt am Wasserturm. Also wurde sie für die kommenden drei Jahre zum absoluten Lieblingsort auf Erden. Herr Hermann stutzte zwar kurz, als der Bub vom Land ihn fragte, wo der Rhein sei. Die Frage rührte ihn so sehr, dass er mich sogar hin fuhr. Einmal Ludwigshafen und zurück. Ich hatte an meinem ersten Tag in Mannheim Wasserturm, Kunsthalle, Schloss, Rhein UND BASF gesehen und fand Mannheim, die beschissene Wohnung und Herrn Hermann super! 
Das zweite Mal in Mannheim war ich am 11. September 2001 - aber das ist eine andere Geschichte.
Die kommende Zeit ging in einem wirren Strudel aus FH, Miljöö, Action, Luisenpark, Lernen und Schwänzen, Genesis, Thanner, Quadrate, Rheinterrassen, Strandbad, Schiller und von Kotzebue unter. In ungefähr dieser Reihenfolge. 
Auf einmal sind fünfzehn Jahre weg wie nichts und ich schlendere durch eine Stadt von der ich erwartete, sie sei mir völlig fremd. Aber bis auf den Primark hinterm Enchiladas ist vieles gleich geblieben. Der alte Schiller steht immer noch verloren im Park hinterm Andechser. Ob Frau Gehrig noch lebt? Ob sie noch immer so böse zu den Gästen ihrer Pension ist? Der Wasserturm turmt träge vor sich her. Aber kein Wasser weit und breit wegen Winter. Nach zwei Stunden ziellosen Herumlaufens die ewige Frage: Wohin nun?
Chillen mit Schiller im Schillerpark
Natürlich zum Rhein. Vorbei am Schloss. Vorbei an Studierenden die geschäftig so tun als hätten sie nichts zu Lernen. Runter über Deutschlands einzigen Hauptverkehrsknoten der mitten auf einen einst malerischen Schlosspark gestellt wurde. Und dann steht er da, der Rhein. Unbeeindruckt von mir zieht er seiner Wege, als sei nichts gewesen. Unfassbar, dass wir da drin schon mal gebadet haben. Oberhalb von BASF, versteht sich. 
Jeder Baum, jeder Stein der Stadt eine Erinnerung. Schrecklich wenn ein tragischer Romantiker, als der ich damals im Wahlpflichtfach "Enneagram" profiled wurde, durch seine alte Heimat flaniert. Wie seltsam, dass man selbst Mannheim wehmütig liebt wie den schönsten Ort der Welt. Noch seltsamer die, die dort waren und es nicht tun. 
Zum Finale Fahrt vom Tattersall Richtung Neuostheim in der Sechser. Vorbei am Haus, in dem ich einst lebte. Vorbei an den Haltestellen an denen die anderen einstiegen, einer nach dem anderen, bis wir komplett waren und uns die Bahn an der Lukas Cranach Straße wieder ausspie. "Ein Hoch auf unseren Straßenbahnfahrer!" haben wir damals gesungen. 
Der Weg zur FH. Das Stelzenhaus hat keine Stelzen mehr. Die Ampel schaltet noch immer sofort auf "grün" um. Man kann die BA-Kollegen noch immer auf fünfzig Meter gegen den Wind identifizieren. Hätte ich auch am Morgen tun sollen, als ich mich zielstrebig neben Heinrich Alt gesetzt hatte. 
Hier wohnte ich also damals.
Ein bisher unbekanntes Schild verkündet, dass die FH nun "HdBA" heißt. Innen drin ist alles beim alten. Nur die Kantine wird umgebaut. Ob das Essen dadurch besser wird - zweifelhaft. Das Aquarium schaut immer noch aus wie ein Aquarium. Und im Audimax sofort der Drang, sich rechts hinten in die letzte Reihe zu setzen. Mist, alles schon voll. Dann halt in die zweite Reihe ganz vorne. Aha, so fühlt sich das also an. Vielleicht besuche ich heute auch noch ein erstes Mal in meinem Leben die Bibliothek, wenn ich schon Streber spiele.
Nach der Abendveranstaltung fährt eine Straßenbahn voller ausgelassener, übermütiger Kollegen zurück in die Stadt. Wohin jetzt? Die Kulisse gibt es nicht mehr, in der Karaokebar wird umgebaut. Miljöö und Action? Einer nach dem anderen verabschiedet sich in seine Hotels. Nun gut. Man ist ja schließlich keine Mitte Zwanzig mehr. Und außerdem muss man morgen ja früh raus. Und wann hat man schon mal die Gelegenheit gehabt, ohne Kinder eine Nacht durchzuschlafen?
Verdammt, ich bin zu alt für Mannheim geworden. Und dann fällt einem dieser völlig bescheuerte Wortwitz ein: "Ich kam als Bursche nach Mannheim. Und kehrte als Mann wieder heim." Schlecht? Ja, sehr schlecht. Gute Nacht!



Samstag, 17. Februar 2018

Die Zweisamkeit der Einzelgänger - Zurück in der Meyerhoff-Welt

Der letzte Teil von "Alle Toten fliegen hoch"

Gutes Buch - allerdings phasenweise ohne
den Zauber der Vorgänger
Joachim Meyerhoff hat sich mit drei unfassbar lustigen gleichwohl rühenden Büchern eine imposante Fangemeinde erschrieben. Die Erwartungshaltung an den Abschluss seiner biographisch angehauchten Reihe "Alle Toten fliegen hoch" war dementsprechend hoch. Obwohl mir die Erwartungshaltung der anderen schnurtzegal ist, blieb auch ich nach Lektüre von "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" ein wenig enttäuscht zurück. Ein schönes, ein gutes Buch. Aber an das durchweg erhebende Leseerlebnis seiner "Lücke" vom letzten Jahr konnte er mit seinem Finale nicht anknüpfen. Um zu verstehen, wie Meyerhoff als Literat (natürlich auch als Schauspieler) arbeitet, muss man das Buch dennoch unbedingt gelesen haben:
Denn: Als völlig naiver Leser wie ich es bin, glaubte ich bei Lektüre des ersten Teils "Amerika",  tatsächlich, es handle sich um die Autobiographie des Schauspielers Joachim Meyerhoff. Vieles von den Beschreibungen hatte ich als Austauschschüler in den USA selbst ebenso erlebt. Meist dachte ich aber schmunzelnd: "Ganz so krass ist es bei mir zum Glück nicht eskaliert." Erst ab Band drei begann der blauäugige Bub vom Land, der ich nun einmal bin, zu begreifen, dass Meyerhoff ein Meister des märchenhaften Flunkerns ist. Und allen, die noch schwerer von Begriff sind als ich, liefert Joachim Meyerhoff in der "Zweisamkeit der Einzelgänger" schließlich die Erklärung gleich mit, wie sein Schreib- und Erinnerungsstil entstanden ist: Nächtelang erzählte er seiner Freundin Hanna seine Lebensgeschichte vor dem Einschlafen. Der waren die Anekdoten zu fad und bat ihn, sie möglichst skurril auszuschmücken. Und so, behauptet Meyerhoff, wusste er nach der Hanna-Zeit selbst nicht mehr, was in seinen Erinnerungen wirklich passiert war und was er sich nur ausgedacht hatte. 
Und überhaupt, Hanna. Sein Kennenlernen Hannas, ihre erste Nacht, ein ausgedehnter Spaziergang von der Bielefelder Innenstadt in den Teutoburger Wald, sind ein magischer Start in das Buch. In gewohnt grandioser Meyerhoff-Manier gelingt es ihm, sogar mir, der nicht an die Existenz Bielefelds glaubt, eine euphorische Liebe für diese Stadt einzuimpfen. Beinahe hätte ich schon ein Hotelzimmer in Bielefeld gebucht. Hanna und die Stadt Bielefeld werden skurril-seltsam beschrieben aber immer so liebevoll, dass man als Leser in den erhofften Sog gezogen wird. 
Aber so gut das Buch beginnt, irgendwann kippt es. Es beginnen Wiederholungen: Eine illegale Aktion in einem Kaufhaus erinnert an den Diebstahl des Life-Bildbandes aus der "Lücke". Gleich zwei Mal werden Theaterinszenierungen fast minutiös beschrieben. Weiterhin schön zu lesen, aber immer wieder kam der Gedanke: "Das hatten wir schon mal." Und schließlich wird aus einer Liebesgeschichte eine Fremdgehgeschichte. Und er jongliert nicht nur mit zwei, sondern gleich mit drei völlig unterschiedlichen Frauen. Und auf einmal passiert etwas, das gute Literatur darf und muss, aber ungewohnt neu im Meyerhoff-Universum ist: Man mag den Ich-Erzähler nicht mehr. Und nicht nur ein bißchen, man findet ihn bald so bescheuert, dass man das Buch kurzzeitig weglegen möchte, um sich wieder Dostojewski zu widmen. Das ist fatal in einer Serie die darauf beruht, ein Leben absolut heiter bis zu Tränen rührend zu erzählen. In dem Moment, in dem man den Ich-Erzähler Meyerhoff nicht mehr ausstehen kann, verliert das Buch tatsächlich an Zauber. So ehrlich und literarisch der Inhalt auch sein mag. Womöglich liegt es auch an der virtuosen Zeichnung Hannas, des stärksten Charakters im Buches. Ein Leser wie ich ist natürlich völlig vernarrt in ein Mädchen das tagaus tagein nichts anderes macht als Lesen, Schreiben und denken, denken, denken. Da verzeiht man es dem Ich-Erzähler nicht, dass er gleichzeitig was mit attraktiven Tänzerinnen und wuchtigen Bäckerinnen anfängt.
Quo Vadis Meyerhoff? Zwei Bücher lang hat er uns versucht zu überzeugen, dass er nicht wirklich ein Schauspieler ist. (Ist er natürlich schon! Und was für einer!) Jetzt hat er die vier Bücher seiner Serie "Alle Toten fliegen hoch" vollendet. Was kommt als nächstes?  Ein Roman a lá Knausgard über seine Zeit, als er ein Schriftsteller wurde? Ein großes belletristisches Werk außerhalb des Meyerhoff-Universums? 
Das Finale lässt jedenfalls noch Spielraum nach oben und die Hoffnung bleibt, dass noch viele weitere Bücher folgen!




Dienstag, 6. Februar 2018

Falcos Tod am 6. Februar 1998

Wo warst Du am Tag als Falco starb? 

Komischerweise gehöre ich zu denjenigen die sich an diesen Tag ähnlich klar erinnern wie an die Challenger Explosion oder den 11. September.


19 Jahre war ich alt. Und zusammen mit anderen Teenagern räumte ich den Kirchanschöringer Jugendraum aus, der wenige Monate später abgerissen werden sollte. Somit war Falcos Todestag auch irgendwie eine ziemlich billige Metapher für das Ende der Jugend. 
Als ich in der Folgezeit dem um sich greifenden Falco-Hype verfiel, hörte ich stundenlang "Jeanny" und schrieb eine meiner skurrilsten Kurzgeschichten nieder: Ein Mann wacht im blutbesudelten weißen Schnee auf, Gedächtnisverlust. Neben ihm ein ermordetes Märchen. Die beinahe verwehte Schneespur des Mörders führt vom Tatort weg in den Wald hinein. Noch benommen und orientierungslos stolpert der selbst schwer verletzte Mann im Schneegestöber der Spur hinterher auf der Jagd nach dem Mörder. Durch das Gestrüpp, durch den Wald, der Spur hinterher. Nach einer endlosen Weile endet die Spur der Lichtung neben der Leiche wo er vorher selbst gelegen hatte. Er selbst war der Mörder. Zur Geschichte
Mit den Hansis beim Roadtrip nach Margareten
Zwanzig Jahre lang war Falco und seine Musik immer wieder ein Quell unergründlicher Inspiration.
Es kam eine Phase in der ich wochenlang wie Falco sprach und auf Bad Taste Partys als Falco auftrat. Auch ein cooler Text der damals entstand: "Junge Römer": Ein junger Mann, passiv und fatalistisch in den Wogen seines Lebens ausharrend, erwartet stoisch den Ausbruch der befürchteten Alzheimer Erkrankung. Auf einer Party begegnet er Emmi, die er hoffnungslos liebt. Die steht sogar im Netz zum Nachlesen.
Letztes Jahr schließlich überredete ich die Kumpels beim Männertrip nach Wien, mit mir nach Margereten in die Ziegelofengasse 37 zu radeln. Erst suchten wir auf der falschen Straßenseite nach dem Haus in dem Falco als junger Bursch aufwuchs. Als wir eine ältere Dame nach Falco fragten, begann sie zu strahlen: "Der Hansi? Der hat dort gewohnt!" und sie zeigte auf das Haus gegenüber. Sie plauderte wehmütig von früher und von der Bäckerei die dort früher war. Und als wir sie fragte, ob sie den Falco kannte, schaute sie uns irritiert an. "Natürlich kannte ich den Hansi. Alle hier kannten den Hansi!"
Zwanzig Jahre lang hat mich Falco immer wieder begleitet. Momentan hat er sich sogar in mein neuestes Romanprojekt eingeschlichen. Arbeitstitel "Im Frühling sterben ist Scheiße". Name des Hauptprotagonisten: Johann "Falko" Holzner. Hoffentlich krieg ich da keine Copyright Probleme...

Kurzgeschichten inspiriert von Falcos Texten:

Kurzgeschichten inspiriert von Falcos Lyrics





Freitag, 2. Februar 2018

Drei Wochen mit straffälligen Jugendlichen im Auerhaus

Die Leseweisung Traunstein


Die Auerhaus-Collage mit mir und Meike K. Fehrmann
Leseweisung nennt man es, wenn jugendliche Straftäter dazu verdonnert werden, ein Buch zu lesen statt Sozialstunden zu leisten. "Die werden nie wieder etwas anstellen, wenn sie zur Strafe lesen müssen", kommentierte Ronja von Rönne unser Projekt. Ob sie recht behalten würde? Jedenfalls starteten wir mit sechs Jugendlichen die aufgrund Delikten von Körperverletzung bis hin zu  Drogenkonsum dazu verurteilt wurden, mit uns ein Buch zu lesen. Zusammen mit meiner Autorenkollegin
Meike K. Fehrmann planten wir drei Wochen Lektüre des wunderbaren Romans Auerhaus von Bov Bjerg. Der Berliner Autor bekam übrigens Wind von der Sache und machte seinem Ruf, einer der nettesten Autoren auf dem Erdball zu sein, alle Ehre: Kurzerhand schickte er uns eine Kiste mit Leseexemplaren vom Auerhaus. 
Um das Leseprojekt ein wenig spannender zu gestalten, verteilten wir die Rollen der Auerhaus Helden auf die Teilnehmer: Frieder, Höppner, Vera, Pauline, Harry, Cäcilia - jeder der Jugendlichen übernahm die Patenschaft einer der Romanfiguren und achtete speziell darauf, was sich diese für Konflikte mit dem Gesetz leistete. 
Gemeinsam wurde darüber diskutiert, wie die Handlungen der Auerhaus-Helden bei den Lesenden rüber kamen und welche Konsequenzen daraus entstanden. 
Heiss diskutiert wurde die Silvesterparty auf der Vera, obwohl sie mit Höppner zusammen war, mit dessen Kumpel Harry schlief. Jeder der jungen Teilnehmer/innen war sich in diesem Fall in seiner Empörung einig.
Schwierig war es, bei den vielen Delikten, die im Auerhaus begangen wurden, die Schwere der Vergehen und die Grenze zwischen Lausbubenstreich und Verbrechen festzustellen. Wobei stets klar war, dass das Handeln im Auerhaus Konsequenzen nach sich zog. Eine Erfahrung, die logischerweise jeder der verurteilten Jugendlichen selbst bereits gemacht hatte. 
Überrascht waren wir vom hohen Leseniveau der Gruppe. Da gab es den Teilnehmer der hervorragend vorlesen konnte und stolz erzählte, dass er als Schüler Vorlesewettbewerbe gewonnen hatte. Es gab den Teilnehmer, der begeistert die Texte interpretierte und von sich erzählte, dass er am liebsten Camus und Sartre liest. Und alle gemeinsam brachten sich in interessante Diskussionen ein. 
Nach drei Wochen Lesezeit blieben 4 Teilnehmer übrig, die nachweisen konnten, das Buch komplett gelesen zu haben. Einer der Teilnehmer wird das Versäumte in einem Aufsatz nachholen. Ein einziger war aus dem Auerhaus getürmt. Er tauchte nach dem ersten Treffen nicht mehr auf. Vermutlich zieht er, ähnlich wie es Frau von Rönne prophezeit hat, Jugendarrest dem Lesen eines Buches vor. 
Die anderen gaben am Ende der Leseweisung an, dass sie eine durchaus positive Erfahrung mit dem Lesen des Buches gemacht hätten. Nur eines hat den einen und anderen bei der Lektüre völlig aus der Bahn geworfen: Achtung, Spoileralarm! 
Dass Frieder nach zweihundert Seiten toller Zeit im Auerhaus trotzdem seinen Suizidversuch zu Ende bringt, war für die Lesenden ein Schockerlebnis. Sie waren sich zwar im Klaren, dass es ein realistisches Ende war. Trotzdem hatten sie sich gewünscht, dass zumindest Frieder am Leben bleibt, wenn es schon für die meisten Bewohner des Auerhauses kein Happy End gab. 
Ob es für die Jugendlichen selbst ein Happy End gibt, wird sich die kommenden Jahre zeigen....  Wir sind jedenfalls gespannt, ob sie jemals wieder ein Buch zur Hand nehmen.