Sonntag, 4. März 2018

Wolfgang Herrndorf - Vom Maler zum Schriftsteller

Inzwischen bei der Sekundärliteratur zu
Wolfgang Herrndorf angekommen
Wie waren Wolfgang Herrndorfs erste Jahre als Schriftsteller? Warum hat er seine Tätigkeit als Maler aufgegeben und sich dem Schreiben zugewandt? Bei meiner Recherche bin ich auf ein hochinteressantes Buch von Jörn Morisse und Rasmus Engler gestoßen: "Wovon lebst du eigentlich?" Beschäftigt man sich mit Wolfgang Herrndorfs Netzwerk, dann ist Jörn Morisse kein Unbekannter: Er ist Mitbegründer der "Zentralen Intelligenz Agentur", der auch Wolfgang Herrndorf angehörte.
In "Wovon lebst Du eigentlich?" sprechen mehr oder weniger bekannte Künstler aus den verschiedensten Bereichen darüber, wie sie sich über Wasser halten. Darunter Benjamin Quabeck, dessen "Nichts bereuen" einer meiner Lieblingsfilme war. Auch die Musikerin und Schriftstellerin Almut Klotz kommt zu Wort. Sie starb kurz vor Herrndorf. "Almut" war auch das letzte Wort in Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur". 
In einem Interview, das ca. 2007 geführt wurde, berichtet Wolfgang Herrndorf von seinem Leben als Schriftsteller. Der Zeitpunkt ist interessant, da er als Autor von bis dahin zwei Büchern (In Plüschgewittern, Diesseits des Van-Allen-Gürtels) zwar in der Szene einen Namen hatte, er insgesamt aber ein weitgehend unbekannter Schriftsteller war.
Herrndorf berichtet, dass er zuvor als Maler gar nicht so schlecht verdient hätte. Auch wenn er schon damals sehr bescheiden und teils unter dem Existenzminimum lebte. Warum er das Malen dennoch zugunsten der Schriftstellerei aufgegeben hat, wird er gefragt. Herrndorf gibt an, dass er auch ohne Lohn schreiben würde - es hat sich also zu einer Leidenschaft entwickelt. Der spannendere Aspekt - den man als Nicht-Maler nicht unbedingt auf dem Schirm hat, ist allerdings dieser: Das Malen, so Herrndorf, sei körperlich und seelisch ungemein anstrengend. Das Schreiben nur seelisch. Es war also auch die seinem äußerst aufwändigen Malstil geschuldete körperlich schwere Arbeit, die ihn weg von der Malerei hin zum Schreiben geführt hatte. 
Herrndorf selbst beschreibt sein damaliges Leben so, dass er nicht in Urlaub fährt, keine Kleidung kauft. Lange hatte er nicht einmal Dusche, Kühlschrank, Telefon. 
Heute ein moderner Klassiker in den Schul-
bibliotheken: Tschick
Im Interview erwähnt Herrndorf, dass er noch drei Manukripte in der Schublade hätte. Dabei wird "Sand" kurz umschrieben. Das zweite dürfte "Tschick" gewesen sein. Herrndorf-Fans werden nun rätseln: Was zum Teufel war das dritte Manuskript? Herrndorf selbst erwähnt in "Arbeit und Struktur", dass er an einem "Stimmen-Roman" geschrieben hatte. Stimmen - das war sein Online-Name bei den Höflichen Paparazzi. Was aus dem Manuskript wohl geworden ist? In der Badewanne vernichtet? Liegt es längst im Literaturarchiv Marbach? Ob wir es je erfahren werden?
Eine fast prophetische, damals aber noch gänzlich undenkbare Vorschau auf das Kommende wird das Interview, als beide davon schwadronieren, Herrndorf müsste ganz einfach ein Klassiker werden. Herrndorf selbst meint, ein Bestseller würde ihm völlig ausreichen. Er spekulierte noch, dass "Sand" sein großer Durchbruch werden müsste. Natürlich ironisch-augenzwinkernd. Gleichzeitig gewinnt das Interview eine traurige Note in dem Wissen, dass Tschick nicht nur ein Bestseller wurde, sondern heute als moderner Klassiker gilt und in Schulen landauf landab gelesen wird. Für Heerrndorf selbst geriet der überraschende Erfolg zur Nebensache, da er bei der Veröffentlichung von Tschick bereits am Gehirntumor erkrankt war.
Zuletzt wird Herrndorf gefragt, ob er sich (außer einer Frau - die er ja dann auch gefunden hat) noch etwas wünscht. Seine Antwort: Eine Wohnung mit Aussicht. Zumindest dieser Wunsch ist am Ende also dann noch in Erfüllung gegangen. 

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