Freitag, 27. Juni 2014

Die Wildschweine von Barliano

Es wird Nacht. Alle Dorfbewohner von Barliano schlafen ein. Bis auf eine Gruppe Schriftsteller samt Familienanhang, die sich selbst Wildschweine nennen und bis spät in die Nacht weintrinkend diskutieren, Glühwürmchen jagen, oder in den Pool springen. 
„Io vivo in Toscana“ steht auf den T-Shirts, die diese Wildschweine tragen und in der Toskana, an der Grenze zu Umbrien und den Marken, liegt, kaum zu finden, die winzige Ortschaft Barliano. 
Seit zwanzig Jahren trifft sich hier jährlich, in wechselnder Besetzung, eine kleine Gruppe und lebt ein bis zwei Wochen eine Utopie fernab des heimischen Konsumsystems aus. 
Es gibt kein Internet, die Handyverbindung ist schlecht, man ist mitten in der Natur. Beste Voraussetzungen zum Schreiben und Nachdenken. Vormittags gibt es Literaturtheorie und es wird geschrieben. Wer Körper und Geist schärfen will, macht zuvor Morgensport. Am Nachmittag werden kulturelle Ausflüge in das Umland angeboten, meist wird eine Kirche angeschaut, in der aber der essentielle Piero della Francesca mit Sicherheit irgendetwas gemalt hat.  
Ein Fest für das Leben: Abendessen in Barliano
Anghiari, Arezzo, Perugia, Florenz. Es gibt kaum einen Ort im Umkreis von zwei Fahrstunden, den die Wildschweine noch nicht kulturell durchpflügt haben und dennoch wird. Jahr für Jahr mit Begeisterung Neues entdeckt. Dieses Jahr waren es Parkanlagen. 
Am Abend warten bereits Gino und Giuliana, das ehrwürdig gealterte Ehepaar von nebenan darauf, die hungrige Meute zu bekochen. Alle Speisen sind per Hand zubereitet, die Zutaten aus eigenem Anbau, der Wein kommt vom eigenen Weinberg und das Wasser aus dem hauseigenen Quellbrunnen. Nachhaltiges, selbstgemachtes Bioessen. Drei Gänge schmausen, dazu Vino, Grappa und Espresso solange Platz in den Wildschweinbäuchen ist. 
Mit dem Weingenuss entfalten sich Diskussionen darüber, wie der einzelne die Welt verbessern kann, Traumspinnereien über bessere Systeme, Fachdiskussionen über Etrusker und Maneurismus und immer wieder Literatur. 
Am Samstag Textgespräche. Souverän vorgetragene Textauszüge, die in ihrer Leichtigkeit die Schwere der Arbeit ahnen lassen. Dann wieder mutige Literatur, ausführlich diskutiert, Mängel erörtert, Glanzlichter gelobt. Konstruktiv, keine Bloßstellung schwacher Ausführungen, keine Speichelleckereien gegenüber den etablierten Autoren. Die Wildschweine lauern auf Fehler und preisen das Können, ohne Werk mit Person zu vertauschen. Nein, brav durchgewinkt wird keiner der Texte, auch nicht die guten. Dazu ist man nicht nach Barliano gekommen. 
Nach Stunden des Zuhörens und Meinungbildens springen sie in den Pool, die ausgelassenen Wildschweine. Ekstatisch grunzend frönen sie dem guten, wilden Leben, toben im Wasser wie Teenager und freuen sich über jeden der stolzen Autoren, der es ihnen gleichtut. 
Literatur, Dolce Vita, Kultur und nachhaltiges leben und leben lassen, so könnte man Barliano beschreiben. Aber wozu beschreiben, was man kaum beschreiben kann? Dabei sein muss man, um diesen Geist von Barliano zu erfahren. 
Ob jemals einer dort einen Roman fertiggestellt hat, werden die Wildschweine gefragt. Wozu denn? Der Weg ist  das Ziel. Warum sollte man beenden wollen, was im Entstehen kaum schöner sein könnte?
Aber doch, versichern sie schließlich. Es gibt sie, die Barlianobücher. Ein Lord sei dort ermordet worden. 
Aber was hat man von diesem aufgeklärten Mord, wenn es doch Jahr für Jahr so schön ist, zusammen mit Kommissar Buonanotte und Maxi zu ermitteln, Geschichten aus Oberdill zu hören und dabei zu sein, wenn vielversprechende Romanprojekte in den Köpfen der Barlianos entstehen und sich fortentwickeln.
Wer wissen will, wie es weitergeht, wird im nächsten Jahr wiederkommen müssen. Nach Barliano, in die Toskana. Wo es Nacht wird. Wo man erwacht. Und auf einmal auch ein Wildschwein sein möchte.

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