Samstag, 26. Januar 2019

Mit Stella und Takis Würger im Club

Es wurde bereits alles über Stella gesagt. Aber noch nicht von allen. Deshalb schließe ich mich Deutschlands beliebtester Literaturkontroverse an  und habe mir etwas Aberwitziges vorgenommen: Das Unkritiserbare zu kritisieren.
Takis Würger's Romandebüt "Der Club" war in Literaturkreisen junger Leser eine kleine Sensation. Der sympathische Spiegel-Redakteur war folglich auch Jo Pendle aufgefallen, der seit jeher bemüht ist, seinen Hanser Verlag jünger und weiblicher zu gestalten. Da Takis Würger auch in der Buchbloggerinnen Szene beliebt ist, erfüllt er irgendwie sogar beide Merkmale. Ach ja, schreiben kann er auch noch verdammt gut. Nun ja, dass Spiegel-Redakteure begnadete Prosa schreiben, hat sich inzwischen rumgesprochen.
Takis Würgers Hanser-Roman "Stella" ist schon kurz nach seinem Erscheinen legendär. Aber anders, als es sich die Beteiligten gewünscht haben. Die Geschichte über die jüdische Greiferin Stella Goldstein hat eine hitzige, aberwitzige und extrem laute Literaturdebatte ausgelöst. Selten ist ein Roman in den gängigen Feuilletons derart verrissen worden wie Stella. Gleichzeitig formiert sich im Internet die Gegenfraktion. Ein Bestseller ist Stella sowieso und rein optisch ist Hanser unbestreitbar ein bemerkenswert schönes Buch gelungen. Aber mich interessiert nur der Inhalt. Was ist schief gelaufen in Stella? Oder reagiert die Kritik hysterisch?
Ich habe Stella mit meiner Schriftstellerbrille gelesen und bin zu folgenden, natürlich rein subjektiven Erkenntnissen gekommen:
Takis Würger ist ein sehr seltenes Kunststück gelungen: Er hat den perfekten Stoff gefunden. Er hat eine unfassbar feinfühlige, knappe Sprache entwickelt. Er hat einen raffinierten Plot und das ideale Setting gefunden. Er hatte Zugang zu den Archiven und hat die Gerichtsakten raffiniert dem Prosatext gegenmontiert. Takis Würger hat viel Zeit in Israel verbracht und offensichtlich viel Hirnschmalz und Herzblut in den Roman investiert. Er hat also alles richtig gemacht. Und trotzdem funktioniert das große Ganze nur bedingt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist, Yann Martel hat ähnliches zu Beginn von "Schiffbruch mit Tiger" beschrieben und ich hielt das damals als grenzdebilden Literaturkniff. Stella zeigt, es ist möglich.
Der Roman beginnt stark. Analog zum "Club" mit einer feinfühligen Kindheitsbeschreibung. Eine Weile hat man sogar das Gefühl, da versucht einer ein Remake seines Erstlings. Alles liest sich gut. Selbst die magischen Elemente. Ein finsterer Mann kommt in das Dorf und verletzt Friedrich so schwer, dass er anschließend farbenblind ist, dafür außergewöhnlich gut riechen kann. Genial, denkt man. Er lässt den Erzähler Schweizer (neutral) und farbenblind (es gibt nur Grauzonen) sein! Chapeau!
Ab der Begegnung mit Tristan kippt der Roman in meinen Augen. Tristan liest sich nun in der Tat wie ein Klischee-SS-Scherge. Schlimmer, die Freundschaft zwischen ihm und Friedrich erscheint mir konstruiert. Ab hier beginnt dieses Gefühl, dass etwas mit der Geschichte nicht mehr passt. Noch schwieriger, ein unbestimmtes Gefühl lässt mich glauben, dass Takis Würger in beide Figuren, in Friedrich und Tristan, Elemente von sich selbst einfließen ließ. Kann man machen, so hat Goethe auch gearbeitet. Aber die Sympathie der beiden zueinander kann ich nicht nachempfinden. Auch, was Stella in Friedrich sieht. Gut, der Erzähler bestätigt diese Frage selbst mehrmals. Und hier stoße ich auf den Punkt, der mir ein schlechtes Gefühl bereitet hat: Ich liebe Takis Würgers verknappenden Schreibstil. Alle, die jubeln, sie hätten das Buch an einem Tag gelesen, können es nicht wirklich gelesen haben. Der Stil fordert ein, wieder und wieder zu lesen, dem Text zwischen den Zeilen nachzusinnen. Doch so gut dies funktioniert, eines funktioniert nicht: An den Schlüsselstellen verzichtet der Erzähler auf das sonst so perfektionierte "Show don't tell". Auf einmal werden Erklärungen abgegeben und Behauptungen aufgestellt, die ich nicht nachvollziehen kann.
Auffällig war auch, dass vieles - wie ironisch schnippische Bemerkungen der Figuren - das beim "Club" im Cambridge-Setting wunderbar funktioniert hat, im Berliner 40er-Jahre Setting befremdlich wirken.
Natürlich frage ich mich als kleiner Autor, ob das Florian Kessler, Isabel Boghdan und all den Literaturvirtuosen, die Takis Würger unterstützen, nicht aufgefallen ist, oder ob ich selbst ein unaufmerksamer Leser war.
Stop, jetzt habe ich mich selbst von den Kritikern hinreißen lassen.
Ob mir Stella gefallen hat? Sicher. Allein, dass durch Stella diese unfassbare Geschichte der Stella Goldstein der jüngeren Generation bekannt gemacht wird, ist ein Verdienst. Die Diskussion, was und wer und wie man über den Holocaust schreiben darf, sowieso.
Stella scheint ein extrem subjektiv empfundenes Lese-vergnügen oder -grauen sein. Deshalb sollte man es durchaus gelesen haben. Vor allem, wenn man die Geschichte der Stella Goldstein noch nicht kannte.


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