Sonntag, 21. Januar 2018

Wie ich "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara niederrang

Warum sollte man im vollen Wissen, wie kurz das Leben ist und wie grausam das Leben sein kann, einen knapp tausend Seiten starken Wälzer über schier unerträgliche Grausamkeiten lesen? Vor allem, wenn man ein Langsam-Leser ist und ein wenig seines Lebens für dieses Buch herschenken würde?
Eben deshalb. Es war die intensivste Leseerfahrung seit meinen Teenager-Tagen. Ich habe einige Seiten überspringen müssen, weil der Inhalt nicht mehr auszuhalten war, habe das Buch schreiend an die Wand geworfen (natürlich nur gedanklich, denn es ist geliehen) und habe in Judes Elend manch klugen Satz entdeckt, der mir half, meine eigene nie bewältigte Trauer zu reflektieren.
Vor fünf Monaten begann ich das Buch in dem sicheren Glauben, es nie zu Ende lesen zu können. Als Langsamleser habe ich ein Gelübde mit mir selbst geschlossen, nur noch große Literatur zu lesen, die mich fesselt und ins Mark trifft. Meine Frau, die die Buchwahl aufgrund unserer vergangenen Jahre als Wahnsinn empfand, rang mir das Versprechen ab, ihr nichts aus dem Buch zu erzählen. Sie wolle nichts von den Grausamkeiten hören, die Jude im Roman ertragen muss. Eine Rezension im Deutschlandfunk hatte uns beiden genügt, dass wir schworen, das Buch nie, nie, nie auch nur anzulesen. Ich wusste sofort, dass ich den Eid brechen werde. 
Die Lektüre des Buches wurde zu einem Kampf. Nicht nur, weil ich nach drei Monaten nicht mal die Hälfte gelesen hatte. Die teils minutiös beschriebenen Schrecken denen Jude ausgesetzt wurde und die er sich selbst zufügte, sind nur schwer zu ertragen. Warum das Buch dennoch so ein Erfolg ist? Es ist gut nachvollziehbar: Es ist ein Emotions-Porno. Anders ist es nicht zu beschreiben. Eine Achterbahn der Gefühle. Denn so entsetzlich, so unaussprechlich entsetzlich Judes Kindheit gewesen ist, so märchenhaft ist der Erfolg und der Aufstieg der vier Freunde. Als versuchte Hanya Yanagihara die größtmögliche Fallhöhe zu konstruieren, lässt sie alle vier in eine Achterbahn des Lebens steigen die von extremsten sexuellen Missbrauch in der Kindheit bis zu unermesslichen Reichtum und künstlerischen Erfolg die gesamte Palette eines epischen Hollywood-Dramas auffährt. Und immer wenn man denkt: Das ist jetzt das Happy-End, schlägt die nächste Schicksalsbombe ein.
Warum tut sie das? Warum die Extreme? Eine derartige Erzählwucht ist mir noch nicht untergekommen. Aber genau das ist wohl der Zauber des Romanes. 
Einer der Gedanken die mir beim Lesen kamen war, ob Jude nicht einfach ein Planspiel ist, was aus Dolores aus Lolita geworden wäre. Klar, der Vergleich hinkt, aber Judes Odyssee als junger Teenager erinnert zumindest phasenweise an Nabokovs Klassiker. 
Viel wurde darüber diskutiert, ob der Autorin die Zügel durchgegangen seien, warum das Buch keinerlei Bezüge auf Politik oder aktuelle Geschehnisse beinhaltet. Ich gehöre zu der Fraktion, die das Buch genau aufgrund der mangelnden erzählerischen Zensur als groß erachten. Und ich kann völlig nachvollziehen, dass Hanya Yanagihara eine völlig eigene Welt, ein eigenes New York, eine eigene Kulturszene kreiert hat. Es ist sogar ungemein amüsant, sich als Teil in diese fiktive New Yorker Szene zu stürzen. Und ganz ehrlich, wenn man traumatisiert ist wie ein Jude, dann kann einem sogar der 11. September sogar mal wurst sein. Ob es ein Buch über Jude/Willem/JB/Malcolm ist, würde ich allerdings verneinen. Es ist ein Buch über Jude. Es ist das Buch über Jude. Jude Saint Francis - einer der Charaktere der Literaturgeschichte, die mich wohl nicht mehr wieder loslassen werden.
Am Ende war es auch ein persönlicher Kampf zwischen mir und dem Buch. Ich hatte seit "Säulen der Erde" (da war ich 20) keinen solchen Wälzer mehr gelesen und wollte es auch nicht mehr tun. Am Ende musste ich mir ein straffes Programm auferlegen, täglich 25 Seiten zu lesen und das Buch förmlich niederzuringen. 
Es ist tatsächlich ein wenig Leben in dieses Buch investiert worden. Aber es war ein ungemein intensives Stück Leben. 
So, Nina, jetzt kannst Du das Buch wieder zurückhaben : )

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