Samstag, 21. Januar 2017

Joachim Meyerhoff und diese entsetzliche Lücke

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff ist everbodys darling. Aber seien wir uns mal ehrlich: Wer liest freiwillig ein Buch mit so einem sperrigen Titel? Auch noch ein Buch in dem es um Großeltern geht. Ich war nach „Amerika“ ein Fan von Meyerhoff. Allerdings ein strenger. Und mit seinem zweiten Buch (ähnlich sperriger Titel: „Wann wird es wieder so, wie es nie war“) wurde ich (bis jetzt) nicht warm. Was interessierte mich also die „Lücke“, die ja niemand anderes als Meyerhoffs verstorbener Bruder sein konnte, den der Leser bereits im ersten Buch betrauert hatte. Man muss jetzt wissen, dass Meyerhoff autobiographisch schreibt. Wenigstens tut er so, denn ein klein bisschen unzuverlässig ist sein Erzähler schon. Und Meyerhoffs mittlerer Bruder starb, als er noch ein Teenager war. Sollte es also wieder darum gehen? So blieb das Buch lange auf dem Couchtisch liegen und auch die Lachanfälle meiner Frau bewegten mich nicht, es selbst zu lesen. Ich wagte es schließlich doch. Und so routiniert – im Sinne von mich nicht überraschend -  ich seinen Erzählstil zunächst empfand, ist es ihm dennoch gelungen mich in einigen Passagen vom  Hocker zu hauen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Meyerhoff schreibt humorvoll, überaus sensibel wenn es um Tod und Verlust geht und bei aller Leichtigkeit ist es dennoch keine leichte Lektüre. Die Welt die er beschreibt ist fantastisch, da unsereins fremd: Erst das Amerika der späten Achtziger Jahre. Schließlich das Leben in einer Irrenanstalt. Und nun in der „Lücke“ der herrschaftliche Alltag seiner liebenswerten Großeltern in Nymphenburg sowie seine Lehrzeit auf der Otto-Falkenberg-Schauspielschule in München. Die Beschreibungen der Großeltern, die den Tagesablauf durch Alkoholika takten sind verschroben und liebevoll zugleich und man wünscht Meyerhoff, dass er nichts literarisch übertreiben musste und sich alles haargenau so abgespielt hat wie beschrieben. Eine kleine Sternstunde erreicht das Buch, als Meyerhoff seinen ersten Tag an der Schauspielschule beschreibt: Zunächst eine „Vorstellungsrunde“ in der sich die jungen Schauspieler eine Stunde lang anschweigen und nur mit Blicken kommunizieren, bis sich die ersten an die Gurgel gehen wollen. Fantastisch. Und kurz darauf die Beschreibung einer „Maschine“ aus Körpern in der die Schauspieler, eine Geste und einen Ton wiederholend, zu einem sexuell aufgeheizten ekstatischen Gebilde verschmelzen. Unmöglich in Worte zu fassen, man muss diese grandiose Szene gelesen haben und sie zeigt wie virtuos Meyerhoff erzählen kann. Auch spätere Theatermomente wie die Proben zu einer Faust-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen sind so wuchtig beschrieben, dass man bereut, die Aufführung nie gesehen zu haben. Und auf einmal ist man wieder drin im Sog eines Buches. Man lacht und leidet mit dem Helden und offen bleibt nur eine
Ein Buch, das jeder einmal in seinem Leben
geklaut haben sollte!
Frage: Warum in aller Welt will dieser junge Meyerhoff des Buches eigentlich Schauspieler werden? Im nie enden wollenden Understatement beschreibt er sich als miesen Schauspielschüler der einen Misserfolg nach dem anderen erträgt und alles andere fühlt als Leidenschaft für seinen Beruf. Man sieht schon den Band vor sich, in dem er von seinen – im Buch natürlich völlig missglückten – Anfängen als Schriftsteller berichtet. Die Lücke erklärt sich schließlich doch noch. Es ist nicht der Bruder. Es ist ein Zitat aus dem Werther und schon ist man mit dem Buch wieder versöhnt. Und herrlich sind auch die Beschreibungen der Werther-Inszenierungen: Ich spoilere hoffentlich nichts, wenn ich anführe, dass Meyerhoff sich darauf beschränkt, den Moment des Schusses der Werthers Leben beendet zu beschreiben. Hunderte Werther-Aufführungen werden reduziert auf den Schuss. Schuss vor Schulklassen. Schuss vor schluchzenden Rentnern. Schuss vor einem begeisterten Leser. 
In der vielleicht bekanntesten Szene des Buches – er hat sie beim Bachmannpreis vorgelesen - klaut Meyerhoff übrigens ein Buch aus dem Hugendubel am Marienplatz. Fotografien einer verletzten Hyäne die sich selbst auffrisst, bewegt ihn so sehr, dass er das Buch unbedingt haben muss und es in einer spektakulären Verfolgungsjagd stiehlt. Ich habe das Buch gegoogelt, es war der Band „Life – die ersten zwei Jahrhunderte“. Da man es nirgends mehr klauen konnte, habe ich es auf Ebay gekauft. Und musste – wie wahrscheinlich zahllose Meyerhoff-Fans außer mir – feststellen: Alle beschriebenen Fotografien sind im Bildband. Bis auf das der Hyäne… Scheiß unzuverlässiger Erzähler!

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