Mit Günter Schwanghart am Südfriedhof München
Wer schon einmal im Arbeitsamt in München war der weiß, dass
es bis zur Theresienwiese nicht weit ist und der Schlachthof, direkt hinterm
Amt gelegen, gerne ein würziges Lüftchen in die Amtsstuben weht. Auch von einem
Friedhof in der Nähe hatte ich schon gehört. Aber was ist schon besonders an
einem Friedhof?
Die Aufgabe, die uns Günter Schwanghart stellte, lautete:
Jeder sollte 20 Minuten durch den Friedhof wandeln und über seine berufliche
und persönliche Rolle nachdenken.

Ein Ort, der jahrhundertelang an die Sterblichkeit, an
Vergänglichkeit gemahnte, nun selbst dem Verfall ausgesetzt. Mit so einer
faszinierenden doppelten Symbolik hatte ich nicht gerechnet. Auch über
berufliche und persönliche Rollen lud der Friedhof tatsächlich ein,
nachzudenken: Wie die Menschen waren auch die meisten der Berufe, die auf
verwitterten Lettern in die Grabsteine eingemeißelt waren, verschwunden.
Königlich Bayerischer Glasveredelungs – Inspektor. Rittmeister der Schweren
Kavallerie. So die Berufe der Männer. Kaum eine der Frauen hatte einen Beruf.
Alle Frauen waren stets Infanterieleutnants – Gattin oder Professoren-Gattin. Oder
Rentner-Witwe. Zwei Frauen hatten wir entdeckt die selbstbewusst einen eigenen
Beruf im Titel führten: Eine Hofschauspielerin. Und eine Schriftstellerin.
Erstaunlich war, dass einige wenige Gräber bis heute
gepflegt wurden. Bei den anderen hatten sich die Rosen und Farne in
Wildpflanzen verwandelt. Mancher Grabstein hatte sich der Schwerkraft anheim gegeben.
Und egal wie mächtig, wie reich oder berühmt all die Männer waren die hier
einst mit der Spitze der Münchner Gesellschaft begraben wurden: Fast sind sie
heute vergessen, niemand kümmert sich mehr um ihr Grab. Ebenso erstaunlich.
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Schriftsteller habe ich gefunden. Aber keine Berufsberater |
Nach dem Ausflug ins Reich der Vergänglichkeit bekamen wir
noch eine weitere überraschende Erkenntnis mit auf den Weg: Die Frage, wie viel
Prozent seiner Lebenszeit der durchschnittliche moderne Mensch in der Arbeit
verbringt, beantworteten alle selbstbewusst mit „70 Prozent!“ „40 Prozent!“.
Die tatsächliche Zahl relativierte die Bedeutung, die wir unserem Arbeitsalltag
beimessen, ein wenig: Gegenüber der Zeiten die man als Kind, Schüler, Rentner,
schlafend oder im Urlaub und im Wochenende verbringt, misst sich eine
vergleichsweise mickrige Zahl heraus: Es sind nur 7 Prozent. Sicherlich, es
sind entscheidende 7 Prozent. Sie sorgen für unseren Lebensunterhalt und
unseren gesellschaftlichen und persönlichen Status. Aber dennoch: Nicht einmal
jede zehnte Stunde unseres kurzen Lebens sitzen wir in der Arbeit. Fühlt sich
natürlich genau umgekehrt an. Naja, dachte ich mir dann. Wenn für die sieben
Prozent am Ende so ein fetter Grabstein samt Marmorbüste am Münchner
Südfriedhof herausspringt, dann hat sich die sieben Prozent Plackerei zumindest
gelohnt!