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Samstag, 29. September 2018

Stimmen aus dem Jenseits

"Stimmen" von Wolfgang Herrndorf ist überraschend lesenswert

Wolfgang Herrndorfs "Stimmen"
Bald ist es soweit, dass Wolfgang Herrndorf, tragisch verstorben 2013, posthum mehr Bücher veröffentlicht hat, als zu Lebzeiten. Als ich hörte, dass ein neues Buch namens "Stimmen" publiziert werden würde, freute ich mich nur so semi darauf. Hatte Herrndorf selbst nicht alles lesenswerte zerstört oder löschen lassen? Beginnt nun auch bei Wolfgang Herrndorf die posthume Verwurstungs-Maschinerie sämtlicher irgendwo im Netz auffindbaren Textfragmente?
Marcus Gärtner und Cornelius Reiber, die Herausgeber, sind glücklicherweise langjährige Weggefährten Herrndorfs, die den "Tschick"-Autor wie wenige kannten und auch großes Interesse daran haben, dessen Erbe in seinem Sinne zu verwalten. 
Sie haben es geschafft: "Stimmen" ist - ähnlich wie "Bilder deiner großen Liebe" ein bewegendes, dicht geschriebenes Stück Literatur ohne das unsere Bücherschränke ein Stück ärmer wären.
Um was es eigentlich geht? Herrndorf-Kenner wissen, dass er selbst in seinem Blog "Arbeit und Struktur" angedeutet hat, dass er an einem "Stimmen"-Roman gearbeitet hatte. Der Roman ist vermutlich vernichtet. Die "Stimmen"-Texte jedoch nicht. 
Stimmen - so hieß Herrndorf im Internet-Forum der "Höflichen Paparazzi", in dem sich Anfang der 2000er das Who is Who der jungen Literaturszene tummelte. 
Wer nun, wie ich, befürchtete, dass das Buch aus gut geschriebenen, aber heute nicht mehr relevanten Anekdoten von Begegnungen mit Prominenten  bestünde, der wird positiv überrascht: Gärtner und Reiber haben Prosa ausgewählt, im typischen-Herrndorf-Sound erzählt, extrem dicht, immer wieder ergreifend und voller liebenswerten Humor. Erzählungen die sich perfekt in die bereits bekannte Herrndorf-Welt fügen. Texte, die auf der schmalen Linie zwischen Autobiographie und Fiktion tänzeln. 
Da wird das Auto, ein Wartburg, von Joachim Lottmann geklaut oder über die ersten großen Lieben reflektiert. 
Die Herrndorf Kritiker, die sich bis heute wundern, warum "Tschick" so gehyped wurde, dürften spätestens mit dieser Veröffentlichung anerkennen, dass Herrndorf ein Autor war, der - so unterschiedlich seine Bücher auch geschrieben waren - einen einzigartigen, unverkennbaren Ton entwickelt hatte. Viele der Texte sind - vermutlich auch aufgrund ihrer Veröffentlichung im Internet - so dicht geschrieben, dass mit wenigen Sätzen und großen Lücken zwischen den Zeilen - ganze Lebensentwürfe beschrieben werden. Das ist große Kunst. Dass die Texte gleichzeitig berührend und unterhaltsam sind, sowieso.
Am spannendsten dürfte für Fans wie mich allerdings das Nachwort von Cornelius Reiber und Marcus Gärtner sein: Darin gestehen sie ein wenig kleinlaut, dass sie also doch den Rechner Herrndorfs nach Juwelen durchforstet haben. Sie argumentieren, dass Wolfgang Herrndorf klar vorgegeben hätte, welche Texte zu löschen seien. Im Umkehrschluss, so argumentieren sie zu unserer großen Erleichterung, könne man alle Texte veröffentlichen, die er nicht explizit zur Löschung freigegeben hat. Und das ist gut so. 
"Stimmen" ist weder Leichenfledderei noch kommerzielle Ausschlachtung. Es ist ein weiteres fehlendes Puzzlestück im Gesamtwerk von Wolfgang Herrndorf und ich bin sehr dankbar, dass ich auch diesen Herbst noch einmal mit Texten von ihm verbringen darf!

Mehr zu Wolfgang Herrndorf:

Das Wolfgang-Herrndorf-Universum:

Vom Maler zum Schriftsteller:

Samstag, 21. Januar 2017

Joachim Meyerhoff und diese entsetzliche Lücke

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Das beste Buch von Joachim Meyerhoff

Joachim Meyerhoff ist everbodys darling. Aber seien wir uns mal ehrlich: Wer liest freiwillig ein Buch mit so einem sperrigen Titel? Auch noch ein Buch in dem es um Großeltern geht. Ich war nach „Amerika“ ein Fan von Meyerhoff. Allerdings ein strenger. Und mit seinem zweiten Buch (ähnlich sperriger Titel: „Wann wird es wieder so, wie es nie war“) wurde ich (bis jetzt) nicht warm. Was interessierte mich also die „Lücke“, die ja niemand anderes als Meyerhoffs verstorbener Bruder sein konnte, den der Leser bereits im ersten Buch betrauert hatte. Man muss jetzt wissen, dass Meyerhoff autobiographisch schreibt. Wenigstens tut er so, denn ein klein bisschen unzuverlässig ist sein Erzähler schon. Und Meyerhoffs mittlerer Bruder starb, als er noch ein Teenager war. Sollte es also wieder darum gehen? So blieb das Buch lange auf dem Couchtisch liegen und auch die Lachanfälle meiner Frau bewegten mich nicht, es selbst zu lesen. Ich wagte es schließlich doch. Und so routiniert – im Sinne von mich nicht überraschend -  ich seinen Erzählstil zunächst empfand, ist es ihm dennoch gelungen mich in einigen Passagen vom  Hocker zu hauen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Meyerhoff schreibt humorvoll, überaus sensibel wenn es um Tod und Verlust geht und bei aller Leichtigkeit ist es dennoch keine leichte Lektüre. Die Welt die er beschreibt ist fantastisch, da unsereins fremd: Erst das Amerika der späten Achtziger Jahre. Schließlich das Leben in einer Irrenanstalt. Und nun in der „Lücke“ der herrschaftliche Alltag seiner liebenswerten Großeltern in Nymphenburg sowie seine Lehrzeit auf der Otto-Falkenberg-Schauspielschule in München. Die Beschreibungen der Großeltern, die den Tagesablauf durch Alkoholika takten sind verschroben und liebevoll zugleich und man wünscht Meyerhoff, dass er nichts literarisch übertreiben musste und sich alles haargenau so abgespielt hat wie beschrieben. Eine kleine Sternstunde erreicht das Buch, als Meyerhoff seinen ersten Tag an der Schauspielschule beschreibt: Zunächst eine „Vorstellungsrunde“ in der sich die jungen Schauspieler eine Stunde lang anschweigen und nur mit Blicken kommunizieren, bis sich die ersten an die Gurgel gehen wollen. Fantastisch. Und kurz darauf die Beschreibung einer „Maschine“ aus Körpern in der die Schauspieler, eine Geste und einen Ton wiederholend, zu einem sexuell aufgeheizten ekstatischen Gebilde verschmelzen. Unmöglich in Worte zu fassen, man muss diese grandiose Szene gelesen haben und sie zeigt wie virtuos Meyerhoff erzählen kann. Auch spätere Theatermomente wie die Proben zu einer Faust-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen sind so wuchtig beschrieben, dass man bereut, die Aufführung nie gesehen zu haben. Und auf einmal ist man wieder drin im Sog eines Buches. Man lacht und leidet mit dem Helden und offen bleibt nur eine
Ein Buch, das jeder einmal in seinem Leben
geklaut haben sollte!
Frage: Warum in aller Welt will dieser junge Meyerhoff des Buches eigentlich Schauspieler werden? Im nie enden wollenden Understatement beschreibt er sich als miesen Schauspielschüler der einen Misserfolg nach dem anderen erträgt und alles andere fühlt als Leidenschaft für seinen Beruf. Man sieht schon den Band vor sich, in dem er von seinen – im Buch natürlich völlig missglückten – Anfängen als Schriftsteller berichtet. Die Lücke erklärt sich schließlich doch noch. Es ist nicht der Bruder. Es ist ein Zitat aus dem Werther und schon ist man mit dem Buch wieder versöhnt. Und herrlich sind auch die Beschreibungen der Werther-Inszenierungen: Ich spoilere hoffentlich nichts, wenn ich anführe, dass Meyerhoff sich darauf beschränkt, den Moment des Schusses der Werthers Leben beendet zu beschreiben. Hunderte Werther-Aufführungen werden reduziert auf den Schuss. Schuss vor Schulklassen. Schuss vor schluchzenden Rentnern. Schuss vor einem begeisterten Leser. 
In der vielleicht bekanntesten Szene des Buches – er hat sie beim Bachmannpreis vorgelesen - klaut Meyerhoff übrigens ein Buch aus dem Hugendubel am Marienplatz. Fotografien einer verletzten Hyäne die sich selbst auffrisst, bewegt ihn so sehr, dass er das Buch unbedingt haben muss und es in einer spektakulären Verfolgungsjagd stiehlt. Ich habe das Buch gegoogelt, es war der Band „Life – die ersten zwei Jahrhunderte“. Da man es nirgends mehr klauen konnte, habe ich es auf Ebay gekauft. Und musste – wie wahrscheinlich zahllose Meyerhoff-Fans außer mir – feststellen: Alle beschriebenen Fotografien sind im Bildband. Bis auf das der Hyäne… Scheiß unzuverlässiger Erzähler!

Montag, 18. Juli 2016

Juli Zeh Unterleuten - der Roman des Jahres?

Juli Zeh - Unterleuten

Warum der Roman des Jahres nicht zwangsweise ein geniales Buch sein muss

Juli Zeh in Leipzig
Ja, Juli Zeh ist eine der Autorinnen, die mich stets gereizt haben, aber deren Bücher nach Lesen des Klappentextes stets wieder zurück auf den Bücherstapel gelegt wurden. Bei Unterleuten war das anders: Ein großer Gesellschaftsroman, der gleichzeitig mitten in der Provinz in Brandenburg spielt - interessant!
Ähnliches hatte sich vor einigen Jahren Norbert Niemann mit seinem "Willkommen neue Träume" vorgenommen. Bereits nach zwei, drei Kapiteln wurde spürbar, worin die große Stärke Juli Zehs besteht und woran sie im Vergleich zu anderen Literaten scheitert. 
Ist ihr das große Bild unserer Gesellschaft gelungen? In meinen Augen ja. Sie hat nicht nur die kämpfende, müde, scheiternde Kapitalismusgesellschaft unserer Zeit skizziert, sondern auch in Rückblenden analysiert, wie es trotz DDR und Sozialismus so weit kommen konnte.
Hat sie ein spannendes Buch geschrieben? Oh ja! Juli Zeh ist eine begnadete Plotterin! Das Buch zieht einen tatsächlich in seinen Bann und dieser Sog, den gute Bücher verursachen können, der lässt auch einen Langsamleser wie mich die über 600 Seiten verschlingen. Ein Grund ist neben dem interessanten Gesellschaftsbild die Art und Weise, wie Juli Zeh die Kapitel gegeneinander versetzt hat: Jedes Kapitel ist aus der personalen Sicht des jeweiligen Protagonisten erzählt: Gombrowski, der große Macher des Dorfes kommt ebenso zu Wort wie sein Erzfeind Kron, der überzeugte Kommunist. Man erfährt die Intentionen der aus der Stadt zugezogenen Vogelschützer und IT Spezialisten ebenso wie jene von Arne, dem netten Bürgermeister, der stets auf Ausglich und Kompromisse bedacht ist. Ganz großes Kino ist nun, wie oft man nach dem einen Kapitel und der subjektiven Sicht über die Taten von Person A entsetzt ist und schon im nächsten Kapitel, nachdem Person A seine Sicht der Dinge erläutern konnte, plötzlich Person B als den Übeltäter erkennt. Dies ist Juli Zeh gleich unzählige Male gelungen. Sie erinnert uns daran, wie subjektiv die Welt ist und dass selbst die größten Verbrecher sich ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen wissen. Oder anders gesagt: Unsere moderne Welt ist so kompliziert, dass es kein Schwarz und kein Weiß mehr gibt, sondern nur noch Grauschattierungen.
Eine weitere Stärke war in meinen Augen die wunderschöne Beschreibung der Natur, der Felder und Wälder, der großen Leere Brandenburgs. Man kann schon nachvollziehen, warum so viele Touristen nun in Juli Zehs Wohnort strömen, in der Hoffnung, ein Stück Unterleuten kennenzulernen. 
Warum ich das Buch dennoch für gelungen, aber nicht als literarisch grandios halte? 
Es gibt Bücher, die konsumiert man. Sie bereiten temporäre Kurzweil. Andere Bücher wirken nach, da sie über die Unterhaltung hinaus große Themen beinhalten und einem zum Nachdenken animieren. Zu dieser mittleren Kategorie zähle ich Unterleuten. Zur höchsten Kategorie, zu großer Literatur, hat es nicht gereicht. Unterleuten ist weder sprachlich herausragend – muss es auch nicht. Es ist aber auch kein Buch, das es in einem kribbeln lässt. Nabokov verortet dieses Kribbeln im Rückenmark: Ein Buch, das nicht nur unterhaltsam und schön zu lesen ist, sondern etwas im Unterbewusstsein bewegt. Ich habe vor und nach Unterleuten Bücher von Wolfgang Herrndorf und Thomas Glavinic gelesen und sofort gespürt, dass deren Literatur nachwirken wird. Juli Zeh hat glänzend unterhalten. Das Buch landet im Bücherschrank und wird, anders als die eben genannten Autoren, auch kein zweites Mal hervorgeholt. Womöglich ist Unterleuten schon jetzt das Buch des Jahres. Aber es ist mit Sicherheit nicht das Beste.
Um den guten Gesamteindruck des Buches nicht zu schmälern hier noch ein letzter, fast spoilerfreier Hinweis:
Der Schluss des Buches, an dem die große Hauptfigur Dombrowski maßgeblich beteiligt ist, sollte unter keinen Umständen verpasst werden!

Mehr über den Autor auf www.chiemgauseiten.de

Freitag, 13. Mai 2016

Die Kleinstadtrebellen in der Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement Dr. Kalscheuer

Die Elfte  und die Kleinstadtrebellen



Sie wurden gezwungen, das Buch zu lesen: Die 11. der Fachschule
Tourismus Dr. Kalscheuer
Goethe und Schiller waren gerade aus. Deshalb beschloss Veronika Hümmer, Deutschlehrerin der Elften an der HOT, als Schullektüre einen regionalen Autoren zu fördern - MICH!
Vielleicht muss man dazu sagen, dass in den "Kleinstadtrebellen" Papstbüsten beschmiert, stinkende Fleischsäcke abgelegt und schlechte Bars mit Eiern beworfen werden. Zudem werden CSU Bürgermeister und Kleinstadtpolizisten nicht immer zu ihrem Vorteil dargestellt. Also eine denkbar ungeeignete Lektüre, man hätte ebensogut "Die Lümmel von der ersten Bank" oder "Fack Ju Goethe" im Unterricht
zeigen können. 
Um so gespannter war ich, welche Fragen sie mir stellen würden. Und sie machten ihre Sache verdammt gut. Denn gleich als erstes fragten sie: "Was wurde aus Elfriede dem Huhn?" Und trotz festem Vorsatz, auf gar keinen Fall aus dem Nähkästchen zu plaudern, schuf die raffinierte Schulklasse eine so entspannte Atmosphäre, dass ich alles, wirklich ALLES erzählte: Wie Elfriede auf Sankt Pauli den Kopf verlor, wie Gorillas über den Stadtplatz fetzten, die wahre Geschichte des Fleischsackes und verriet sogar, wer die echte Greta war.
Das Beziehungsgeflecht der Kleinstadtrebellen entwirrt
Natürlich tat ich all das nur im Dienste der Literatur um anhand dieser Realbeispiele aufzeigen zu können, dass ein Romanerzähler und Literatur immer fiktiv sind, sein müssen, auch wenn sie manchmal von tatsächlichen Ereignissen inspiriert werden. 
So stimmte ich auch zu, dass ich durchaus Peter sein könnte, bestand aber darauf, dass ich es andererseits in keinster Weise bin.
Zwei Stunden vergingen wie im Flug und erst als ich die Schule wieder verlassen hatte, wurde es mir so richtig bewusst, dass die Kleinstadtrebellen soeben hochoffiziell zur Schullektüre geworden waren. Wer hätte das je gedacht...

Übrigens ist seit gestern auch mein neues Buch erhältlich:

Zu bestellen auf Amazon

Die Stadt, der Frühling, ein Hauch von Liebe und die Diagnose: Hans' Mutter hat Krebs. Statt sich in die schöne Ellis zu verlieben, stürzt er sich ins Chaos des Lebens. Feiern, Reisen, Weglaufen. Wie kann man das Leben ertragen, wenn die Mutter bald sterben könnte? Als er Loni Schneider, die Freundin seines Kumpels kennenlernt, hofft er, sie könnte die Antwort darauf sein. Doch er verliebt sich in sie. Während seine Mutter um ihr Leben kämpft, kämpft Hans mit der Liebe. Bernhard Straßers zweiter Roman über das Leben und das Erwachsensein spielt wieder in einer bayerischen Kleinstadt im Chiemgau. Außerdem entführt er seine Leser diesmal nach Paris und Nürnberg, auf das South-Side und das "Festival-Im Grünen".

Donnerstag, 10. März 2016

"Wir kommen" - Der Roman von Ronja von Rönne

"Wir kommen" heißt das Romandebüt von Ronja von Rönne. Es hätte auch "Vier kommen"
heißen können. Viererkonstellationen stehen im Mittelpunkt, ebenso das Nicht-kommen, das nicht Ankommen, das Suchen einer jungen Generation die alles hat, aber nichts, das bleibt. 
Karl Ove Knausgard hat einmal gesagt, dass Literatur Ausschau halten muss, Ausschau nach etwas anderem. Dies sei ihre einzige Aufgabe. 
Ronja von Rönne hält Ausschau. Die Gedanken ihrer Ich-Erzählerin, oft ironisch, der Nihilismus der beschriebenen Welt sind nicht neu, aber sie hebt etwas, das vielleicht mit Christian Krachts Faserland begonnen hat, in eine neue Dimension, in die nächste Generation. Ist das die Generation Y oder schon wieder etwas ganz Neues?
Doch Stop, nochmal alles auf Anfang. 
Worum geht es eigentlich?
Da ihr Therapeut in Urlaub geht, soll die junge Erzählerin ihre Gedanken in ein blau-gelbes Notizbuch, auf dem ein Streichholz abgebildet ist, aufschreiben. Zu notieren gibt es genug: Maja, die Jugendfreundin ist tot. Zumindest wird dies auf der Einladung zur Beerdigung behauptet. Und auch die Viererbeziehung mit ihrem Freund Jonas, ihrem Ex-Freund Karl und dessen Neuer Leonie ist weniger erotische Utopie denn zermürbende Realität. Denn selbst wenn es zu viert perfekt sei, wie die Erzählerin behauptet, wird die Konstellation durch Leonies stille Tochter Emma-Louise, also der Nummer  Fünf, gesprengt. Da jeder der Fünf seine eigenen unausgesprochenen Sprengsätze in sich trägt, beschließen sie, eine Weile in einem Ferienhaus am Meer zu leben, bis sich die Probleme von alleine lösen. Bis alles wieder gut ist. Bis Maja doch nicht tot ist. Bis aus aus Vierer- wieder Zweierbeziehungen werden. Bis klar ist, wer der Vater von Leonies Tochter ist. Und bis diese ganze erdrückende Welt eine andere ist.

Hat das alles was mit dem Chiemgau zu tun?


Kleinstadt Tristesse Kaufland
Ronja von Rönne lebt laut Klappentext in Berlin und Grassau. Sie nennt ihre Hauptfigur Nora und legt somit vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst eine Fährte, dass es Ähnlichkeiten zwischen Ronja und Nora geben könnte. Es bleibt jedoch nur bei der Fährte, wobei das Spiel mit dem Ich und den daraus entstehenden Möglichkeiten gerade Thomas Glavinic im „Jonas Komplex“ mit Lust zelebriert. 
Fakt ist aber, dass in Noras Rückblenden an ihre Kindheit in einem konservativen Dorf Grassau und der Chiemgau Pate gestanden haben. "Sterben gehört  bei uns nämlich genau so zum Miteinander wie akkurat gestutzte Rasen..." Das klingt schon sehr nach Oberbayern. 
Ebenso wenn Nora in ihren Rückblicken vom Kaufland erzählt, von den Punks, die dort herumlungern und von den Hausfrauen, deren Wochenhöhepunkt der Einkauf und die Einkehr im Kaufland-Restaurant ist, sieht man sofort Traunstein vor sich. 
Es ist allerdings ein düsteres Bild, das sie von der scheinbaren Idylle auf dem Dorf zeichnet: Missbrauch, Alkoholismus, zerrüttete Familien. Nur ein Auerhaus fehlt. Es bleibt den Jugendlichen nur die Flucht nach Berlin.
In den Traunsteiner Buchhandlungen hat man übrigens beim Namen "von Rönne" mit den Schultern gezuckt. Zwar hatte zumindest die Buchhandlung Stifel einen ganzen Stapel angeschafft, aber von der Autorin hatte man noch nie etwas gehört. Das dürfte sich ändern...

Ist das jetzt gut oder was?


Der literarische Platzhirsch am Chiemsee ist bisher Norbert Niemann, weshalb sich ein Vergleich anböte. Er ist allerdings so ziemlich das Gegenteil einer Ronja von Rönne. Männlich, doppelt so alt, den Bachmannpreis hat er damals gewonnen. Stellt man „Wir kommen“ neben Niemanns „Willkommen neue Träume“, in dem ebenfalls eine Prise Chiemgau herauszulesen ist, wird der krasse Generationenwechsel deutlich. Denn, bei allem Respekt zum literarischen Schwergewicht von der anderen Chiemseeseite, schreiben kann sie. Die Sprache ist dicht, der Plot flott. Die Welt die sie beschreibt, eine neue, andere, nicht weniger traurige. Das Buch tut weh und alle paar Seiten sind wunderschöne Sätze zu entdecken, die man sich sofort auf T-Shirts drucken oder im Internet posten möchte. "Schau, das ist die Welt. Schau, das ist die Nacht. Schau, das ist das Warten. Schau, das ist die Leere. Schau, das ist..." möchte sie einem gelockten Zukunftsforscher sagen. Eine der Stellen im Buch, die auf unaufgeregte Weise berühren. 
Kurz erinnert das Buch an das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun aus den Zwanziger Jahren, das heute als wichtiges feministisches Buch gilt. Aber Feminismus und Ronja von Rönne - da war doch mal was...
Eine Leseempfehlung wird natürlich mit euphorischem Feuerwerk gegeben. Gespannt abzuwarten ist allerdings, welche Langzeitwirkung das Buch entfalten wird. Ob es, wie einst Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, mit jedem Jahr wundervoller wird, oder ob es das Schicksal der legendären Popliteratur ereilt, die mit den Jahren eine goldene Patina anzunehmen begann.


Schreiben Sie weiter, Fräulein von Rönne. Und gibt’s mal eine Lesung in der Bücherei Grassau, werden wir kommen!

Freitag, 22. Januar 2016

Die Kleinstadtrebellen im Auerhaus

Warum "Auerhaus" von Bov Bjerg das perfekte Buch für mich ist

Gehört in jedes Buchregal: Auerhaus von Bov Bjerg

Alle lieben das Auerhaus! Nicht nur die Leser, sondern auch Schriftsteller und Kritiker: 
Eine Gruppe Jugendlicher zieht in ein altes Bauernhaus mitten im Dorf. Es gibt Partys, Verknalltsein, kleinere und größere Lausbubenstreiche und jede Menge Blaulicht. Lesern, die mich kennen, sei gleich gesagt, dass ich hier nicht den Inhalt meiner Kleinstadtrebellen wiedergebe. Doch die Gemeinsamkeiten bis dahin sind wirklich verblüffend. Vielleicht sieht so die typische Jugendzeit in Süddeutschland aus. Warum das Auerhaus dennoch einzigartig ist: 
Es beginnt schon bei Bov Bjergs Erzählstimme .Rasch wird klar, warum das Auerhaus in den Feuilletons gefeiert wird und die Kleinstadtrebellen nie aus der Kleinstadt herausgekommen sind:
Wären im Auerhaus auch
gut aufgehoben: Die
Kleinstadtrebellen
Bov Bjerg schreibt knapp, dicht, präzise. Er muss nichts umschreiben, es wird nicht geschwafelt, jeder Satz sitzt. Jedes der teils winzigen Kapitel bietet Stoff, um lange darüber nachzudenken. Beinhaltet Humorvolles, aber auch Schreckliches. Die Konsequenzen der Handlungen der Auerhaus-Kleinstadtrebellen werden nicht nur augenzwinkernd angedeutet. In einem fast grausamen Realismus wird beschrieben, wie die sogenannten Lausbubenstreiche das Leben jedes einzelnen im Auerhaus prägen und erschüttern wird. Denn so schwerelos leicht das Auerhaus geschrieben ist, so humorvoll die Begebenheiten und Charaktere gezeichnet sind, es ist doch eine erschreckende Welt, aus der Höppner Hühnerknecht und seine Freunde ins Auerhaus zu entfliehen versuchen. Drogen, Straßenstrich, Homosexualität, Depression, psychische Erkrankungen - selten hat man so viele ernste Themen so leicht aufbereitet serviert bekommen. 
Das Auerhaus ist eine Utopie, viele hatten in ihrer Jugend ein Auerhaus. Aber die Stärke des Buches ist, dass es das Leben nicht schönzeichnet, oder eben nur ab und an und es sofort wieder korrigiert. 
Man fiebert mit Höppner mit, versucht Frieder zu verstehen, ärgert sich über Vera und Cäcilia, ist entsetzt über Harry und sorgt sich um Pauline. Was will man mehr von einem Buch? Gratulation, Bov Bjerg! Ihm ist gelungen zu erschaffen, was ich mir bei meinen Kleinstadtrebellen vorgenommen hatte: Lockerheit und Tiefe zugleich. Nie den Humor verlieren und konstant dicht erzählen. Absolute Leseempfehlung!

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