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Freitag, 2. Februar 2018

Drei Wochen mit straffälligen Jugendlichen im Auerhaus

Die Leseweisung Traunstein


Die Auerhaus-Collage mit mir und Meike K. Fehrmann
Leseweisung nennt man es, wenn jugendliche Straftäter dazu verdonnert werden, ein Buch zu lesen statt Sozialstunden zu leisten. "Die werden nie wieder etwas anstellen, wenn sie zur Strafe lesen müssen", kommentierte Ronja von Rönne unser Projekt. Ob sie recht behalten würde? Jedenfalls starteten wir mit sechs Jugendlichen die aufgrund Delikten von Körperverletzung bis hin zu  Drogenkonsum dazu verurteilt wurden, mit uns ein Buch zu lesen. Zusammen mit meiner Autorenkollegin
Meike K. Fehrmann planten wir drei Wochen Lektüre des wunderbaren Romans Auerhaus von Bov Bjerg. Der Berliner Autor bekam übrigens Wind von der Sache und machte seinem Ruf, einer der nettesten Autoren auf dem Erdball zu sein, alle Ehre: Kurzerhand schickte er uns eine Kiste mit Leseexemplaren vom Auerhaus. 
Um das Leseprojekt ein wenig spannender zu gestalten, verteilten wir die Rollen der Auerhaus Helden auf die Teilnehmer: Frieder, Höppner, Vera, Pauline, Harry, Cäcilia - jeder der Jugendlichen übernahm die Patenschaft einer der Romanfiguren und achtete speziell darauf, was sich diese für Konflikte mit dem Gesetz leistete. 
Gemeinsam wurde darüber diskutiert, wie die Handlungen der Auerhaus-Helden bei den Lesenden rüber kamen und welche Konsequenzen daraus entstanden. 
Heiss diskutiert wurde die Silvesterparty auf der Vera, obwohl sie mit Höppner zusammen war, mit dessen Kumpel Harry schlief. Jeder der jungen Teilnehmer/innen war sich in diesem Fall in seiner Empörung einig.
Schwierig war es, bei den vielen Delikten, die im Auerhaus begangen wurden, die Schwere der Vergehen und die Grenze zwischen Lausbubenstreich und Verbrechen festzustellen. Wobei stets klar war, dass das Handeln im Auerhaus Konsequenzen nach sich zog. Eine Erfahrung, die logischerweise jeder der verurteilten Jugendlichen selbst bereits gemacht hatte. 
Überrascht waren wir vom hohen Leseniveau der Gruppe. Da gab es den Teilnehmer der hervorragend vorlesen konnte und stolz erzählte, dass er als Schüler Vorlesewettbewerbe gewonnen hatte. Es gab den Teilnehmer, der begeistert die Texte interpretierte und von sich erzählte, dass er am liebsten Camus und Sartre liest. Und alle gemeinsam brachten sich in interessante Diskussionen ein. 
Nach drei Wochen Lesezeit blieben 4 Teilnehmer übrig, die nachweisen konnten, das Buch komplett gelesen zu haben. Einer der Teilnehmer wird das Versäumte in einem Aufsatz nachholen. Ein einziger war aus dem Auerhaus getürmt. Er tauchte nach dem ersten Treffen nicht mehr auf. Vermutlich zieht er, ähnlich wie es Frau von Rönne prophezeit hat, Jugendarrest dem Lesen eines Buches vor. 
Die anderen gaben am Ende der Leseweisung an, dass sie eine durchaus positive Erfahrung mit dem Lesen des Buches gemacht hätten. Nur eines hat den einen und anderen bei der Lektüre völlig aus der Bahn geworfen: Achtung, Spoileralarm! 
Dass Frieder nach zweihundert Seiten toller Zeit im Auerhaus trotzdem seinen Suizidversuch zu Ende bringt, war für die Lesenden ein Schockerlebnis. Sie waren sich zwar im Klaren, dass es ein realistisches Ende war. Trotzdem hatten sie sich gewünscht, dass zumindest Frieder am Leben bleibt, wenn es schon für die meisten Bewohner des Auerhauses kein Happy End gab. 
Ob es für die Jugendlichen selbst ein Happy End gibt, wird sich die kommenden Jahre zeigen....  Wir sind jedenfalls gespannt, ob sie jemals wieder ein Buch zur Hand nehmen.

Sonntag, 20. März 2016

Impressionen von der Leipziger Buchmesse

Über Ohrfeigen, Lit-It-Girls und Literaturrabauken


Endlich auf der Buchmesse und was bietet Leipzig? Tausende Teenies in Manga- und Superheldenkostümen statt Denis Scheck mit Hornbrille. Aber doch, wir waren richtig. Buchmesse Leipzig ist wortwörtlich eine Mischung aus Comic-Convention und Literaturfest.
Das Landei in Leipzig hat sich letztendlich nach nur zwei Stunden Lärm, riesiger Glaspaläste und Hunderten Avengers, Engel, Jedirittern und Spidermen rasch akklimatisiert und sitzt schließlich vor der 3-Sat Bühne

Im Auerhaus


Bov Bjerg, der netteste aller Bestsellerautoren liest aus dem Auerhaus. Das Buch war die Überraschung dieses Winters und hat bei vielen Lesern die Jugend in den späten Achtzigern noch einmal wach werden lassen. Bov Bjerg plaudert über autobiografische Elemente und dass sich die wohlstandsverwöhnten Kids von heute gar nicht mehr vorstellen können, mit 18 von zu Hause auszuziehen. Viele seiner jugendlichen Leser hielten dies für übertriebene Fiktion. Er plädiert dafür, dass man den Kindern wieder mehr zutrauen solle. 


Abbas Khider verteilt Ohrfeigen


Während wir auf Glavinic warten, liest Abbas Khider aus seiner "Ohrfeige". Obwohl es darum geht, dass eine unserer potentiellen Kolleginnen vom BAMF von einem Flüchtling geknebelt wird, damit der Iraker ihr endlich seine Geschichte erzählen kann, lachen wir herzlich. Etwas Unvorhergesehenes geschieht: Abbas Khider strahlt eine beinahe zu greifende charismatische Aura aus. Er hat die gut 150 Zuhörer sofort fest im Griff. Jede Geste untermauert seine Worte, Worte einer fremden Sprache nach denen er oft ringen muss. Nach dem einen und anderen Seitenhieb auf die Bild-Zeitung, auf das Land Bayern und die dortige Polizei und wieder und wieder gibt es viel Szenenapplaus. Schließlich erzählt er seine Fluchtgeschichte, seine Behördenodyssee und es wird ganz still. Gänsehautstimmung in Sachsen. Wären doch 24 Prozent des Landes dort gewesen und hätten sich seine Geschichte angehört. 

Der Glavinic Komplex


Krasser Gegenschnitt. Österreichs spannendster Schriftsteller Thomas Glavinic betritt die Bühne. Wenn man so ziemlich alles von ihm gelesen hat, weiß man, dass er nett sein kann. Manchmal. Aber auch, dass man es mit einem meinungsstarken Charakterkopf zu tun hat. Warum man ihm den bemitleidenswerten Matthias Wöbking gegenüber gesetzt hat, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Gleich als erstes stellt er die Frage, die Glavinic wohl seit einigen Jahren am meisten langweilt: Wie viel im Jonas Komplex ist autobiografisch. Zum gefühlt achtmillionsten Mal muss er erklären, dass eine Romanfigur, die zufällig Thomas Glavinic heißt, dennoch nicht er ist. Glavinics Laune sinkt und er mutiert mehr und mehr zu jenem Literaturrüpel, den er seit „Das bin ja ich“ mit Genuss kreiert hat. Sein Fragensteller wird kleiner und kleiner und Thomas Glavinic verwandelt sich endgültig in seine Romanfigur, leider nicht den Jonas, inklusive verschnupfter Nase. Fast wäre es unterhaltsam gewesen, täte einem der arme Matthias Wöbking nicht so leid, dem zuletzt sogar die Fragen ausgehen. Noch schnell ein Autogramm vom Großmeister. Er unterschreibt mit „Thomas Glavinic Thomas Glavinic“. Wunderbar, Doppelspiel bis zur Buchsignatur.

Wer hat Angst vorm Glavinic?


Schnell weiter zum Aufbau-Stand. Dort wartet tatsächlich Ronja von Rönne, einer der Stars der diesjährigen Buchmesse, auf ihre Fanboys. Da außer mir gerade keiner da ist, hat sie tatsächlich Zeit für einen Ratsch. Wir erzählen ihr vom Glavinic und sie lacht, dass erst kürzlich ein Foto von ihr mit ihm aufgetaucht sei, dabei habe sie ihn nie getroffen. Sie will unbedingt den Jonas Komplex lesen. „Aber vor ihm hab ich Angst“ sagt sie grinsend. „Zu recht“, wissen wir inzwischen. Übrigens hat ich den Begriff „Lit-Girl“ erfunden. Auch wenn sie „Lit-It-Girl“ lustiger fand…
Ihr Romandebüt „Wir kommen“ wird derzeit ebenso kontrovers diskutiert wie ihre Feuilleton-Artikel. Aber ich bleibe dabei, es ist ein wunderbares Buch. Sie wird später von Tobi Schlegl interviewed und erzählt recht offen vom turbulenten letzten Jahr, von Shitstorms und Morddrohungen. Von Panikattacken, die sie mit in den Roman eingebaut hat. Was sie nicht erzählt, sind die kleinen Anekdoten von ihrem alten Zuhause, vom Chiemgau und vom Traunsteiner Kaufland, die sie zuvor schmunzelnd erzählt hat und die hier nicht ausgebreitet werden. 

Der heimliche Star der Buchmesse: Ronja von Rönnes' Steuerberater


Als Tobi Schlegl das Publikum fragt, wer das Buch denn eigentlich gelesen hat, meldet sich nur ein älterer Herr. Und ich. Tobi Schlegl rennt unverständlicherweise zu dem weißhaarigen Typen und fragt ihn, wie er das Buch gefunden hat. Toll natürlich. Sprachlich wunderbar. Auf einmal fängt die Ronja während der immer toller werdenden Laudatio an zu lachen und sagt: „Das ist mein Steuerberater…!“
Ach ja, einen Buchvertrag hab ich wieder keinen bekommen. Dazu hätte ich mich nach Mitternacht auf den Partys blicken lassen und jede Menge Schnaps trinken müssen. Aber immerhin hab ich die Freundin von der Chefin vom Schöffling Verlag kennengelernt in deren Wohnzimmer „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“ geschrieben wurde. Und den Jürgen Eglseer vom Amrun Verlag. Und ungefähr zehn Black Widow-Scarlett Johannsons…

Freitag, 22. Januar 2016

Die Kleinstadtrebellen im Auerhaus

Warum "Auerhaus" von Bov Bjerg das perfekte Buch für mich ist

Gehört in jedes Buchregal: Auerhaus von Bov Bjerg

Alle lieben das Auerhaus! Nicht nur die Leser, sondern auch Schriftsteller und Kritiker: 
Eine Gruppe Jugendlicher zieht in ein altes Bauernhaus mitten im Dorf. Es gibt Partys, Verknalltsein, kleinere und größere Lausbubenstreiche und jede Menge Blaulicht. Lesern, die mich kennen, sei gleich gesagt, dass ich hier nicht den Inhalt meiner Kleinstadtrebellen wiedergebe. Doch die Gemeinsamkeiten bis dahin sind wirklich verblüffend. Vielleicht sieht so die typische Jugendzeit in Süddeutschland aus. Warum das Auerhaus dennoch einzigartig ist: 
Es beginnt schon bei Bov Bjergs Erzählstimme .Rasch wird klar, warum das Auerhaus in den Feuilletons gefeiert wird und die Kleinstadtrebellen nie aus der Kleinstadt herausgekommen sind:
Wären im Auerhaus auch
gut aufgehoben: Die
Kleinstadtrebellen
Bov Bjerg schreibt knapp, dicht, präzise. Er muss nichts umschreiben, es wird nicht geschwafelt, jeder Satz sitzt. Jedes der teils winzigen Kapitel bietet Stoff, um lange darüber nachzudenken. Beinhaltet Humorvolles, aber auch Schreckliches. Die Konsequenzen der Handlungen der Auerhaus-Kleinstadtrebellen werden nicht nur augenzwinkernd angedeutet. In einem fast grausamen Realismus wird beschrieben, wie die sogenannten Lausbubenstreiche das Leben jedes einzelnen im Auerhaus prägen und erschüttern wird. Denn so schwerelos leicht das Auerhaus geschrieben ist, so humorvoll die Begebenheiten und Charaktere gezeichnet sind, es ist doch eine erschreckende Welt, aus der Höppner Hühnerknecht und seine Freunde ins Auerhaus zu entfliehen versuchen. Drogen, Straßenstrich, Homosexualität, Depression, psychische Erkrankungen - selten hat man so viele ernste Themen so leicht aufbereitet serviert bekommen. 
Das Auerhaus ist eine Utopie, viele hatten in ihrer Jugend ein Auerhaus. Aber die Stärke des Buches ist, dass es das Leben nicht schönzeichnet, oder eben nur ab und an und es sofort wieder korrigiert. 
Man fiebert mit Höppner mit, versucht Frieder zu verstehen, ärgert sich über Vera und Cäcilia, ist entsetzt über Harry und sorgt sich um Pauline. Was will man mehr von einem Buch? Gratulation, Bov Bjerg! Ihm ist gelungen zu erschaffen, was ich mir bei meinen Kleinstadtrebellen vorgenommen hatte: Lockerheit und Tiefe zugleich. Nie den Humor verlieren und konstant dicht erzählen. Absolute Leseempfehlung!

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Samstag, 16. Januar 2016

Erinnerung an das "Auerhaus" unserer Jugend

Wie "Auerhaus", das Buch des Jahres 2015, Erinnerungen an früher weckt


Unser Auerhaus hieß Lacknerhaus. Ein uraltes Bauernhaus neben der Kirche. Die Bewohner waren glücklicherweise nicht suizidgefährdet. Im Gegenteil. Ein regional berühmter Popstar, ein Szene DJ und der lustigste Fußballer des Dorfes. Sie waren alle schon Mitte Zwanzig und veranstalteten Tupperpartys und versuchten sich als Goaßlschnalzer. Und ich? Ich hatte gerade meine Aufforderung zur Musterung bekommen. Seit zehn Jahren hatte ich Angst vorm Bund. Jetzt war es soweit. Ich musste verweigern. Oder ausgemustert werden. Sogar der Popstar, der gleichzeitig noch der beste Fußballer der Region war, war ausgemustert worden. Ich wurde mit "2" beurteilt. Na Klasse. In der Theorieprüfung war ich sogar einer der Besten. Anfängerfehler.
Der DJ vom Lacknerhaus überließ mir sein Verweigerungsschreiben. Das hatte auch beim Bruder vom Fußballer schon geklappt. 
Ich brauchte nicht mal zu lügen. Bis auf das Luftgewehr vom Papa hatte ich nie eine Waffe in der Hand gehabt und auch nicht vor, das jemals zu ändern. 
Unser Auerhaus damals: Die Jugendherberge
Angst hatten wir alle vor der Prüfungskommission, wegen der Sache mit dem nackten Russen und der Panzerfaust, ja von so Szenarien wie im Auerhaus beschrieben, hatten wir auch gehört. Aber noch mehr Angst hatte ich vor dem Bund und der nihilistischen Sauferei. Obwohl ich sehr trinkfest war damals. 
Aber meine Wehrdienstverweigerung wurde bewilligt. Und ich bekam vom DJ seine alte Zivistelle vermittelt: In einer Jugendherberge am Chiemsee. Es gibt weitaus Schlimmeres. 
Mein eigenes Auerhaus: Ein großes auch noch. Ein Jahr in einer Jugendherberge. Woche für Woche die Schulklassen, im Sommer die Rucksacktouristen(innen). Zu sechst wohnten wir dort. Die Herbergseltern waren die Hölle. Am liebsten triezten sie Zivildienstleistende. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft. Jeder hatte seine Geschichte. Der eine brannte mit einer der Besucherinnen durch. Ein anderer wurde ein bekannter Reggaemusiker Alle liebten wir es, dort zu sein. Und waren genau so froh, als es wieder vorbei war.
Jahre später gab es ein Auerhaus Teil 3. Die Generation unserer kleinen Geschwister gründete eine WG in der Nachbarstadt. Sie nannten es schlicht „Bauernhaus“. Es spukte dort und in einem verschlossenen Raum lagen stapelweise Briefe aus der Nazizeit. Es gab Partys im großen Stil, allesamt illegal und zum großen Finale machte die Polizei mit vier Einsatzwagen dem Spuk ein Ende. Keine Ahnung, wie viele Straftatbestände damals festgestellt worden sind. Sicher nicht wenige. Und einige dieser Geschichten wurden schließlich in den „Kleinstadtrebellen“ festgehalten, einem „Auerhaus“ für Anfang Zwanzigjährige.


Kennt Ihr noch mehr Bücher im Geiste vom Auerhaus? Wo war Euer Auerhaus damals?