Samstag, 11. Juni 2016

Buchvorstellung im LadenBergen

Erste Lesung von "Sterne sieht man nur bei Nacht"

Der LadenBergen ist ja unbestritten der coolste Musik- und Klamottenladen im Chiemgau, deshalb war es auch völlig klar, dass ich dort auch den Book-Release meines zweiten Romans "Sterne sieht man nur bei Nacht" feiern würde. 
Denn der LadenBergen bot die Garantie, dass - sollte sich auch diesmal kein einziger der Chiemgauer Kulturszene blicken lassen - zumindest die nicht weniger interessierten Damen und Herren von Andis Laufkundschaft da sein würden.
Um was geht es eigentlich?
„Sterne sieht man nur bei Nacht“ ist ein "coming of age" Roman und handelt vom 26 jährigen Hans, der sich nach dem Studium gerade endgültig vom Elternhaus abgenabelt hat und ein neues Leben in einer Chiemgauer Kleinstadt beginnt, als er erfährt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt ist. 
Ernstes Thema, aber ganz so unlustig ist das Buch zum Glück nicht.
Um ein Haar wäre es fast tatsächlich so gekommen, dass ich vor leeren Stuhlreihen lesen musste -  es schüttete aus sämtlichen Kübeln und nicht einmal die Bergener Flüchtlinge von gegenüber, bekanntlich haus- und unterkunftslos, machten Anstalten, herüberzukommen. Erst am nächsten Tag war aus der Zeitung zu entnehmen, dass der Herr, der während meiner Lesung wild gestikulierend auf die Männer einredete, der Bürgermeister war, der die Flüchtlings-Rebellen zur Aufgabe ihres Staatswiderstands überredete. 
Doch zurück zur schönsten Nebensache der Welt, der Lesung: Ein erstes Mal vor Publikum gelesen, kristallisierten sich zwei überraschende Erkenntnisse zu meinem Buch heraus:
1. Der Anfang ist - gähn - eher langweilig!
2. Die beiden Festivalkapitel sind derart lustig, dass man kaum glauben kann, dass das Buch über den Tod handelt.
Heißt, es wurde im Publikum richtig viel gelacht, dass es als Vorleser gar nicht so einfach war, nicht lauthals mitzulachen. Womöglich fanden die Zuhörer die Kapitel auch deshalb so lustig, weil einige von ihnen berühmt- berüchtigte Veteranen der Festival-Szene sind, die sowohl das Im Grünen Festival Kirchanschöring als auch das South Side aus dem FF kennen und so manch beschriebene Szene wohl selbst schon erlebt hatten.
Erkenntnis Drei will ich ebenfalls nicht vorenthalten:
3. Wenn auf einer Lesung so viel gelacht wird, darf man diese NICHT mit einem traurigen Teil abschließen, will man nicht ganz bewusst in erschütterte, niedergeschlagene, ergriffene Gesichter blicken. 
Sollte man diesen Fehler dennoch begehen, muss man 
4. als Zugabe unbedingt noch einen lustigen Abschnitt aus dem Blog vorlesen. 
Die fünf Damen vom Elternbeirat des Bergener Kindergartens konnte ich aber auch mit dem Elterntagebuch nicht zum Kauf meines Buches überreden.
Und um noch einmal einen Bezug zu den Bergener Flüchtlingen herzustellen: Auf wessen Seite der Autor der "Kleinstadtrebellen" steht und auf wessen nicht, braucht hier hoffentlich nicht betont zu werden. Dennoch sei nicht unerwähnt, dass das Haus Steffen in Kühnhausen, in das die Flüchtlinge tags darauf umziehen mussten, in der Tat eines der schönsten am Waginger See ist: Es war nämlich das erste Haus, das damals der Zimmerermeister Hans Straßer gebaut hat. Mein Großvater. Aber das ist eine andere Geschichte, die es hoffentlich ebenfalls einmal als Buch gibt!


Bestellen kann man das Buch auf Amazon

Hier noch eine kurze Impression, wie sich das neue Buch so anhört:

Mittwoch, 1. Juni 2016

Wie ich dem Chiemgau Ronja von Rönne näherbringen wollte und halb wahnsinnig wurde

Das muss man sich mal vorstellen: Der Lieblingsstar lädt nicht nur zur Lesung ein, sondern direkt zu sich nach Hause auf eine Grillparty! Ronja von Rönne mal nicht bei Böhmermann oder Bachmannpreis, sondern ein "Meet and greet" privat im Garten der Familie! Nichts geringeres durfte ich den Literaturfreunden im Chiemgau anbieten. 
In Berlin Mitte hätten sich die Feuilletonleser gegenseitig Messer in die Rücken gerammt, um dabei sein zu dürfen. Und auch ich war mir sicher, die Leute werden auf Wochen mein Telefon lahmlegen, um sich einen freien Platz im Garten der von Rönnes zu sichern. 
Doch sind wir nicht in Berlin, sondern im Chiemgau... Vielleicht muss es so sein, dass man in der Heimat des Künstlers auf müdes Schulterzucken stößt und verzweifelt herumtelefonieren muss, um wenigstens zehn nette Menschen zu finden, die freiwillig auf eine Lesung einer Nachwuchsautorin aus dem Nachbardorf gehen. "Ronja von Rönne? Wer ist das?" "Nee, die Ronja kenn ich noch von früher, nicht so mein Fall" (vermutlich vom Kaufland) "Klar komm ich. Ach so am Samstag? Da ist doch Champions League Finale!" 
Sowohl "Wir kommen", als auch Sudelheft, sogar die Feminismus-Debatte hat ein ganzer Landstrich im tiefsten Oberbayern komplett verschlafen.
Nachdem ich ein Foto der Autorin postete, sagten doch noch 15 zu, von denen die Hälfte schließlich tatsächlich kam. Der Rest dachte, die Lesung sei am Sonntag, fuhr nach Traunstein oder fand das Haus der von Rönnes nicht. 

Sie verpassten Ronja von Rönnes schönste Lesung. 

Abendsonne, Vogelzwitschern, ein Pavillon im Grünen und eine gutgelaunte Autorin, die ein erstes Mal nur vor Familie und Freunden las. 
Ich selber verpasste sie allerdings auch. Ich hatte meine zwei aufgeweckten Jungs dabei. Der Kleinere stinkte gleich beim ersten Kapitel von "Wir kommen" die Hose voll und nutzte auch anschließend jede Gelegenheit, um Ronjas Lesung mit seinem neuesten gelernten Wort zu boykottieren: "Ohnein!" 
Ronja las aus dem Sudelheft: "Ohnein!" Ronja las das Kauflandkapitel aus Wir kommen: "Ohnein!" Der Größere hörte eine Weile andächtig, fast verschreckt zu. Als ihm klar wurde, dass Ronja zwar den kleinen Prinz erwähnt, aber keine Anstalten machte, Kindergeschichten vorzulesen, wandte auch er sich dem kindlichen Krawallmachen zu. Während zwei Elternteile verzweifelt versuchten, den Krach der Kinder auf Lesungsniveau zu dämpfen, rief eine Chiemgau Autorin zum vierten Mal an, um mir mitzuteilen, dass es besagte Adresse in Grassau nicht gäbe. Wir mussten wohl alle am falschen Ort sein. 
Nach der Lesung wurde gegrillt und getrunken. Doch bevor ich endlich einmal mit meiner Lieblingsautorin eine Flasche Wein runterkippen konnte, musste der Kleine noch irgendwie in den Schlaf gewagelt werden. Nach einer Stunde gab ich auf. Ich kannte inzwischen den großen Garten auswendig, im Rasen war die Spuren meiner Wagelrunden zu sehen. Aus der Ferne sah ich zu, wie viel Spaß alle an Ronjas Tisch hatten und kurz dachte ich daran, dass es doch am wichtigsten ist, zwei glückliche Kinder zu haben. 
Natürlich war mir klar, dass dieser Satz und diese Situation ebensogut im ironiedurchzogenen "Wir kommen" hätte stehen können. 

Freitag, 13. Mai 2016

Die Kleinstadtrebellen in der Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement Dr. Kalscheuer

Die Elfte  und die Kleinstadtrebellen



Sie wurden gezwungen, das Buch zu lesen: Die 11. der Fachschule
Tourismus Dr. Kalscheuer
Goethe und Schiller waren gerade aus. Deshalb beschloss Veronika Hümmer, Deutschlehrerin der Elften an der HOT, als Schullektüre einen regionalen Autoren zu fördern - MICH!
Vielleicht muss man dazu sagen, dass in den "Kleinstadtrebellen" Papstbüsten beschmiert, stinkende Fleischsäcke abgelegt und schlechte Bars mit Eiern beworfen werden. Zudem werden CSU Bürgermeister und Kleinstadtpolizisten nicht immer zu ihrem Vorteil dargestellt. Also eine denkbar ungeeignete Lektüre, man hätte ebensogut "Die Lümmel von der ersten Bank" oder "Fack Ju Goethe" im Unterricht
zeigen können. 
Um so gespannter war ich, welche Fragen sie mir stellen würden. Und sie machten ihre Sache verdammt gut. Denn gleich als erstes fragten sie: "Was wurde aus Elfriede dem Huhn?" Und trotz festem Vorsatz, auf gar keinen Fall aus dem Nähkästchen zu plaudern, schuf die raffinierte Schulklasse eine so entspannte Atmosphäre, dass ich alles, wirklich ALLES erzählte: Wie Elfriede auf Sankt Pauli den Kopf verlor, wie Gorillas über den Stadtplatz fetzten, die wahre Geschichte des Fleischsackes und verriet sogar, wer die echte Greta war.
Das Beziehungsgeflecht der Kleinstadtrebellen entwirrt
Natürlich tat ich all das nur im Dienste der Literatur um anhand dieser Realbeispiele aufzeigen zu können, dass ein Romanerzähler und Literatur immer fiktiv sind, sein müssen, auch wenn sie manchmal von tatsächlichen Ereignissen inspiriert werden. 
So stimmte ich auch zu, dass ich durchaus Peter sein könnte, bestand aber darauf, dass ich es andererseits in keinster Weise bin.
Zwei Stunden vergingen wie im Flug und erst als ich die Schule wieder verlassen hatte, wurde es mir so richtig bewusst, dass die Kleinstadtrebellen soeben hochoffiziell zur Schullektüre geworden waren. Wer hätte das je gedacht...

Übrigens ist seit gestern auch mein neues Buch erhältlich:

Zu bestellen auf Amazon

Die Stadt, der Frühling, ein Hauch von Liebe und die Diagnose: Hans' Mutter hat Krebs. Statt sich in die schöne Ellis zu verlieben, stürzt er sich ins Chaos des Lebens. Feiern, Reisen, Weglaufen. Wie kann man das Leben ertragen, wenn die Mutter bald sterben könnte? Als er Loni Schneider, die Freundin seines Kumpels kennenlernt, hofft er, sie könnte die Antwort darauf sein. Doch er verliebt sich in sie. Während seine Mutter um ihr Leben kämpft, kämpft Hans mit der Liebe. Bernhard Straßers zweiter Roman über das Leben und das Erwachsensein spielt wieder in einer bayerischen Kleinstadt im Chiemgau. Außerdem entführt er seine Leser diesmal nach Paris und Nürnberg, auf das South-Side und das "Festival-Im Grünen".

Dienstag, 19. April 2016

Alle meine Preisträger

Wie ich durch Zufall einigen ausgezeichneten Schriftstellern über den Weg gestolpert bin



Geht jetzt das gnadenlose Namedropping schon wieder los? Natürlich! Auch in diesem
Damals noch auf myspace!
Artikel werde ich mich wieder aufplustern wie ein Rohrspatz, denn Klöppeln gehört zum Handwerk. Und mit 26 hatte ich davon immer noch keinen blanken Schimmer. Schlimmer: Ich war einer jener bescheidenen Autoren die bemüht waren, tolle Geschichten zu schreiben, auch mutig genug, sie zu veröffentlichen, aber zu scheu, sie anzupreisen, zu unsicher, ob die Schreibe schon was taugt. Nichts wünschte ich mir mehr, als einen „echten“ Schriftsteller kennenzulernen. Einen Mentor, der mich bei der Hand nahm, allen erzählte: Dieser junge Mann ist gut! Fördert ihn! Druckt ihn! Aber nix.
Ursula Krechel in Schrobenhausen
Nichts schien schwerer, als in einen Literaturkreis aufgenommen zu werden. Tatsächlich war ich allerdings blind. Armin Konnert, wir waren immerhin in dieselbe Schule gegangen und hatten gemeinsame Freunde, gewann wie aus dem Nichts den FM4 Wortlaut Wettbewerb. Und statt ihm überschwänglich zu gratulieren und ein Netzwerk aufzubauen, war ich beleidigt, dass mir niemand erzählt hatte, dass er schreibt. Schließlich war doch ich der einzige Schriftsteller weit und breit. Stefan Dettl und Florian Kreier, ebenfalls nie weit weg von mir, hatte ich ebenso wenig als Schreiber bzw. Songwriter auf dem Schirm. Erst Jahre später war es ein Zufall, (Autoren brauchen manchmal Zufälle) der mich in einen Haufen gestandener Schriftsteller stolpern ließ. In Schrobenhausen, wo ich seit Jahren regelmäßig flanierte, wurde eine Literaturwerkstatt angeboten. Ursula Krechel, meine Dozentin, gewann einige Jahre später den Deutschen Buchpreis. Dort lernte ich einen weiteren Autor kennen, der sogar im Nachbardorf am Chiemsee lebte: Norbert Niemann hatte den Ingeborg-Bachmann-Preis und einige andere Auszeichnungen gewonnen und steckte mich mit seiner Leidenschaft für die große Literatur an. Am meisten gefiel mir aber, dass er auch nach einigen Bier noch
Matthias Tonon beim Text & Ton
wundervoll hochtrabend diskutieren konnte und irgendwie seinen inneren Jugendrebell nie verloren hatte. Dann ging alles ganz schnell. In Traunstein trafen sich die Chiemgau-Autoren und ein junger Herr namens Matthias Tonon, der gerade die Puls
-Lesereihe gewonnen hatte, tauchte unverhofft auf. Ein junger talentierter Autor aus Traunstein. Danach hatte ich über zehn gesucht. Erst dieses Jahr war schließlich Matthias‘ Lesereihen Gewinner-Nachfolger, der Regensburger Jung-Autor Fabian Bader (Hier sein Blog) in Traunstein zu Gast. Er spendierte mir einen Schnaps und seine Gin-inspirierte, quasi ginspirierte Popliteratur erinnerte mich daran, was eigentlich ich mit Mitte zwanzig einmal machen wollte. Damals fehlte mir das Netzwerk. Und heute? Heute fehlt mir die Jugend. Oder?

Sonntag, 17. April 2016

Der Thomas Glavinic Komplex

Annäherung an ein gigantisches Projekt

Der Jonas Komplex. Als die ersten Informationen zu Thomas Glavinic' neuen Roman durchsickerten, wuchs das Erstaunen und die Hoffnung, dass der ohnehin nicht als zimperlich geltende österreichische Literat ein an Größenwahn grenzendes, irrsinnig mutiges Großwerk vorlegen würde: Eine konsequente Weiterentwicklung seiner bisherigen literarischen Arbeit. Und, um es auf die Spitze zu treiben, eine Vermengung der Themen aus "Das größere Wunder", "Das bin ja ich" und noch etwas Drittem, Neuem.


Und was soll man sagen, er hat es tatsächlich durchgezogen. Der Jonas Konplex handelt nicht nur vom inzwischen wohlbekannten Jonas, der sich nach drei Jonas-Romanen letztendlich als der stabile Charakter aus dem „Größeren Wunder“ herausgeschält hat. Auch der borderlinende, ungemein unterhaltsame, aber auch ständig vor dem Absturz stehende Wiener Autor Thomas Glavinic ist mit dabei. Neu ist, als dritte Nebenhandlung, ein dreizehnjähriger Schachspieler aus der Steiermark, der mit Pubertät und prekärer Lebenssituation kämpft.

Thomas Glavinic in Leipzig
Natürlich hängt alles zusammen und der echte Autor Glavinic zelebriert die endgültige Vermengung von Literatur und Wirklichkeit.

Dies allein wäre schon ein mutiges Jahrhundertprojekt, berücksichtigt man die schonungslose Wucht, mit der das Buch geschrieben ist.

Glavinic aber geht die Geschichte noch komplexer an: Er inszeniert inzwischen auch auf seinen Lesungen den Thomas Glavinic aus dem Buch - von dem er stets betont, dass er es eben nicht ist: Da wird mit sichtlichem Vergnügen Weißwein gesoffen, ein wenig mit der Nase geschnupft und manche Lesung endet mit dem Hinweis "Ich muss jetzt aufs Klo". Herrlich! Manchmal sitzen sogar die Hells Angels im Publikum und die Provokation der Literaturwelt ist perfekt!
Was will uns Thomas Glavinic sagen, wenn er auch sein Buch mit einem "Thomas Glavinic, Thomas Glavinic" doppelt signiert? Dass es endgültig zwei Figuren gibt? Den echten und den Romanhelden? Es wirkt fast wie die spätere Verwandlung des Hans Hölzl in Falco mit dem Unterschied, dass sich Glavinic erst gar nicht bemüht hat, einen Künstlernamen zu ersinnen.

Könnte auch Homer plavinic, Homer plavinic heißen...
Der Thomas Glavinic, der derzeit seinen Roman präsentiert, ist ein Hemingway, ein Bukowski, ein Schriftsteller-Rockstar wie es derzeit keinen zweiten mehr gibt. Ganze Heerscharen von Kritiker versuchen ihn gerade zu entzaubern. Aber längst wurde etwas entfesselt, eine schwarze Magie, die auch sie nicht mehr stoppen können. Der Jonas Komplex ist nicht so stabil und sauber geschrieben wie die Bücher seines Kumpels Daniel Kehlmann. Aber sie bewegen. Der ganze Körper, das Rückenmark reagiert auf seine Literatur. Und letztendlich ist genau dies die große Kunst.

Mehr über Thomas Glavinic:


Dienstag, 12. April 2016

Wie alles begann

Oder: Ab wann ist man ein Schriftsteller?

Ist man Schriftsteller, wenn man auf der Bühne steht...?
Viele Autorenkollegen beginnen ihren Werdegang mit „Schon in der Grundschule schrieb ich meine erste Geschichte...“ Natürlich. Aber kann man den Erlebnisaufsatz aus der dritten Klasse schon als literarisches Werk einstufen?
Ab wann ist man eigentlich ein Schriftsteller? Ab den ersten Schreibversuchen? Dem Abschluss des ersten Buches? Oder erst dann, wenn man verlegt wird? 
Ist man etwa bereits ein Schriftsteller, wenn man es „in sich hat“? Oder Literatur studiert? John Irving hat mit seinem Garp
...oder auf der Titelseite...?
beispielsweise eine Figur ersonnen, die sich früh als Schriftsteller bezeichnete, ohne auch nur eine Zeile geschrieben zu haben
Und mit diesem ersten Roman, der meine gesamte damalige Welt auf den Kopf stellte, nannte ich mich auch Schriftsteller. Da war ich zwanzig. Ist irgendein Text, der damals in meinem Kopf herumspukte heute veröffentlichungswürdig? Um Gottes Willen!
Der junge Mann, den ich heute als Schriftsteller bezeichnen würde, der wurde ich erst zehn Jahre später. Und vielleicht wird mein heutiges Ich erst in zehn Jahren jemand sein, den man mit Fug und Recht als Schriftsteller bezeichnen kann. Oder vielleicht auch nie.
...oder mit coolen Kollegen auf dem
Plakat?
Das Gefühl, Schriftsteller zu sein. Wie Alles begann: 2009 stand ich ein erstes Mal auf einer Bühne. Im Publikum die 150 Autoren und Gäste der Schrobenhausener Literaturwerkstatt. Darunter Norbert Niemann und meine Dozentin Ursula Krechel. Sie hatte aus mir innerhalb weniger Tage die Erzählung "Paartanz" herausgekitzelt, die ich noch heute als einen starken Text gelten lasse. Im illuminierten Park des Schrobenhausener Pflegschlosses las ich in dieser Augustnacht ein erstes Mal öffentlich einen Prosatext. Ich stolperte danach betrunken durch die Stadt, anstatt mit den preisgekrönten Autoren zu fachsimpeln, aber verdammt, es fühlte sich nach Schriftsteller an!
Ein Jahr später stellte ich mich für das alternative Kunstfestival "Jung und Willig" auf die Bühne, diesmal mit Lyrik und in der Festung Traunstein. Ein Experiment. Einige Skinheads skandierten „Aufhören!“ Ich war stolz. Aber wieder weit weg davon, ein Schriftsteller zu sein. 
Eine zweite Teilnahme in Schrobenhausen brachte mich ebenso wenig weiter wie das „Lesen Lassen“ im Literaturhaus Salzburg. Ich wurde Zweiter, aber es fühlt sich nicht nach Schriftsteller an. 
Im Seniorenheim Aschau
Ab Herbst 2011 organisierte Michael Inneberger für die Chiemgau Autoren Lesungen im Seniorenheim Aschau. Etwas begann zu brodeln. Ich war drei Mal dabei, verdiente ein erstes Mal richtig gutes Geld als Autor und das bunte Ambiente war ein idealer Ort, um Erfahrung als Vorleser zu sammeln. Ich probiere alles aus. Die Pfalzreise. Die Kurzgeschichten. Sogar die Kleinstadtrebellen. Es sind Zuhörer unter 90 Jahren dabei. Es gibt Diskussionen und Fragen an den Autor. Es gibt einen Scheck vom Veranstalter. Fühlt es sich so an, Schriftsteller zu sein?
Der erste große Auftritt in Traunstein
Auf einmal ging es ganz schnell: Christa Fuchs lud mich ein, im Studio 16 zu lesen. Im Publikum saß eine Germanistin die mir anbot, die Kleinstadtrebellen zu lektorieren. Innerhalb weniger Monate wurde der Roman druckreif. Im selben Jahr hielt ich mein erstes Buch in der Hand. Es folgten Lesungen quer durch den Landkreis. Der erste Auftritt bei den Kulturtagen. Die Rückkehr nach Schrobenhausen, dorthin wo alles begann.

Diese Woche werden die Kleinstadtrebellen ein erstes Mal von einer Schulklasse gelesen. Die Reise ist noch nicht vorbei. Fühlt es sich nun nach Schriftsteller an? Zugegeben, ein bisschen!

Mehr zu lesen gibt es auf www.bernhardstrasser.de
Noch mehr Fotos hier: Impressionen

Sonntag, 20. März 2016

Impressionen von der Leipziger Buchmesse

Über Ohrfeigen, Lit-It-Girls und Literaturrabauken


Endlich auf der Buchmesse und was bietet Leipzig? Tausende Teenies in Manga- und Superheldenkostümen statt Denis Scheck mit Hornbrille. Aber doch, wir waren richtig. Buchmesse Leipzig ist wortwörtlich eine Mischung aus Comic-Convention und Literaturfest.
Das Landei in Leipzig hat sich letztendlich nach nur zwei Stunden Lärm, riesiger Glaspaläste und Hunderten Avengers, Engel, Jedirittern und Spidermen rasch akklimatisiert und sitzt schließlich vor der 3-Sat Bühne

Im Auerhaus


Bov Bjerg, der netteste aller Bestsellerautoren liest aus dem Auerhaus. Das Buch war die Überraschung dieses Winters und hat bei vielen Lesern die Jugend in den späten Achtzigern noch einmal wach werden lassen. Bov Bjerg plaudert über autobiografische Elemente und dass sich die wohlstandsverwöhnten Kids von heute gar nicht mehr vorstellen können, mit 18 von zu Hause auszuziehen. Viele seiner jugendlichen Leser hielten dies für übertriebene Fiktion. Er plädiert dafür, dass man den Kindern wieder mehr zutrauen solle. 


Abbas Khider verteilt Ohrfeigen


Während wir auf Glavinic warten, liest Abbas Khider aus seiner "Ohrfeige". Obwohl es darum geht, dass eine unserer potentiellen Kolleginnen vom BAMF von einem Flüchtling geknebelt wird, damit der Iraker ihr endlich seine Geschichte erzählen kann, lachen wir herzlich. Etwas Unvorhergesehenes geschieht: Abbas Khider strahlt eine beinahe zu greifende charismatische Aura aus. Er hat die gut 150 Zuhörer sofort fest im Griff. Jede Geste untermauert seine Worte, Worte einer fremden Sprache nach denen er oft ringen muss. Nach dem einen und anderen Seitenhieb auf die Bild-Zeitung, auf das Land Bayern und die dortige Polizei und wieder und wieder gibt es viel Szenenapplaus. Schließlich erzählt er seine Fluchtgeschichte, seine Behördenodyssee und es wird ganz still. Gänsehautstimmung in Sachsen. Wären doch 24 Prozent des Landes dort gewesen und hätten sich seine Geschichte angehört. 

Der Glavinic Komplex


Krasser Gegenschnitt. Österreichs spannendster Schriftsteller Thomas Glavinic betritt die Bühne. Wenn man so ziemlich alles von ihm gelesen hat, weiß man, dass er nett sein kann. Manchmal. Aber auch, dass man es mit einem meinungsstarken Charakterkopf zu tun hat. Warum man ihm den bemitleidenswerten Matthias Wöbking gegenüber gesetzt hat, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Gleich als erstes stellt er die Frage, die Glavinic wohl seit einigen Jahren am meisten langweilt: Wie viel im Jonas Komplex ist autobiografisch. Zum gefühlt achtmillionsten Mal muss er erklären, dass eine Romanfigur, die zufällig Thomas Glavinic heißt, dennoch nicht er ist. Glavinics Laune sinkt und er mutiert mehr und mehr zu jenem Literaturrüpel, den er seit „Das bin ja ich“ mit Genuss kreiert hat. Sein Fragensteller wird kleiner und kleiner und Thomas Glavinic verwandelt sich endgültig in seine Romanfigur, leider nicht den Jonas, inklusive verschnupfter Nase. Fast wäre es unterhaltsam gewesen, täte einem der arme Matthias Wöbking nicht so leid, dem zuletzt sogar die Fragen ausgehen. Noch schnell ein Autogramm vom Großmeister. Er unterschreibt mit „Thomas Glavinic Thomas Glavinic“. Wunderbar, Doppelspiel bis zur Buchsignatur.

Wer hat Angst vorm Glavinic?


Schnell weiter zum Aufbau-Stand. Dort wartet tatsächlich Ronja von Rönne, einer der Stars der diesjährigen Buchmesse, auf ihre Fanboys. Da außer mir gerade keiner da ist, hat sie tatsächlich Zeit für einen Ratsch. Wir erzählen ihr vom Glavinic und sie lacht, dass erst kürzlich ein Foto von ihr mit ihm aufgetaucht sei, dabei habe sie ihn nie getroffen. Sie will unbedingt den Jonas Komplex lesen. „Aber vor ihm hab ich Angst“ sagt sie grinsend. „Zu recht“, wissen wir inzwischen. Übrigens hat ich den Begriff „Lit-Girl“ erfunden. Auch wenn sie „Lit-It-Girl“ lustiger fand…
Ihr Romandebüt „Wir kommen“ wird derzeit ebenso kontrovers diskutiert wie ihre Feuilleton-Artikel. Aber ich bleibe dabei, es ist ein wunderbares Buch. Sie wird später von Tobi Schlegl interviewed und erzählt recht offen vom turbulenten letzten Jahr, von Shitstorms und Morddrohungen. Von Panikattacken, die sie mit in den Roman eingebaut hat. Was sie nicht erzählt, sind die kleinen Anekdoten von ihrem alten Zuhause, vom Chiemgau und vom Traunsteiner Kaufland, die sie zuvor schmunzelnd erzählt hat und die hier nicht ausgebreitet werden. 

Der heimliche Star der Buchmesse: Ronja von Rönnes' Steuerberater


Als Tobi Schlegl das Publikum fragt, wer das Buch denn eigentlich gelesen hat, meldet sich nur ein älterer Herr. Und ich. Tobi Schlegl rennt unverständlicherweise zu dem weißhaarigen Typen und fragt ihn, wie er das Buch gefunden hat. Toll natürlich. Sprachlich wunderbar. Auf einmal fängt die Ronja während der immer toller werdenden Laudatio an zu lachen und sagt: „Das ist mein Steuerberater…!“
Ach ja, einen Buchvertrag hab ich wieder keinen bekommen. Dazu hätte ich mich nach Mitternacht auf den Partys blicken lassen und jede Menge Schnaps trinken müssen. Aber immerhin hab ich die Freundin von der Chefin vom Schöffling Verlag kennengelernt in deren Wohnzimmer „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“ geschrieben wurde. Und den Jürgen Eglseer vom Amrun Verlag. Und ungefähr zehn Black Widow-Scarlett Johannsons…