Sonntag, 30. Juli 2017

Metro, Festung & Co. Wie viel Traunsteiner Szene steckt in den Kleinstadtrebellen?

Was Hausaufgaben.de noch nicht weiß: Die Interpretation

Buch und Papst passt gut zusammen
Die Kleinstadtrebellen sind mehr als ein lustiges Buch über das Erwachsensein, es ist auch eine Hommage an die Traunsteiner Subkultur- und Clubsezene der sogenannten "Nullerjahre".
Nicht erst seit das Buch von der 11. Klasse der Fachschule für Hotel und Tourismus an der Kalscheuerschule gelesen wurde, wollen alle wissen: Wer ist was, was ist echt, was ist erfunden?

Die Retro


...und darum geht's im Schnelldurchlauf
Der Lieblingsclub der Kleinstadtrebellen ist der Club Retro. Dabei handelt es sich - unschwer zu erkennen - um den Club Metropolitain. Die Metro/Retro war wie im Buch damals der angesagteste Club der Stadt und nirgends legten so gute DJs auf. Auch den Brand, der zum großen Finale der Kleinstadtrebellen führt, hat es wirklich gegeben. Und auch damals waren Kleinstadtrebellen unter den Verdächtigen - die tatsächlich ein geniales Alibi hatten: Sie waren zur Brandzeit auf der Polizeiwache wegen eines Kleindeliktes...

Das Rock-Café


Natürlich gibt es auch in Traunstein ein Rock-Café das man idealerweise erst ab zwei Uhr Morgens zu besuchen hatte. Auch hier steht ein freundlicher Grieche an der Tür, der jeden Gast einzeln begrüßt. Insider brauchen hier selbstverständlich keinen Wink mit dem Zaunpfahl um sofort zu erkennen, dass es sich um die legendäre Traunsteiner "Villa" handelt.

Die Riederer Mühle


Das legendäre Bauernhaus wird bald abgerissen
Schwieriger wird es, den Ursprung der Riederer Mühle zu erklären: Natürlich ist die Lokation der Mühle jene, in der sich das Café Festung unterhalb der Stadt befindet. Aber letztendlich ist es nicht die Festung, die Vorbild für das wilde Treiben in der Riederer Mühle wurde: In erster Linie ist es eine Hommage an das sogenannte "Bauernhaus", einer WG direkt neben dem Krankenhaus in der seit Generationen die wundersamsten Konstellationen lebten. Ende der "Nullerjahre" fanden dort legendäre Partys statt, die - auch dies fand den Weg ins Buch - eines Tages von einem Großaufgebot an Polizei aufgelöst wurde. Einige der Ereignisse in der Riederer Mühle - Stichwort "Sack" und "Schlangenparty" sind nicht der Traunsteiner - sondern der Mühlrieder Szene (Mühlried bei Schrobenhausen) zuzuschreiben. Und daher kam auch der Name: Riederer Mühle.

Das KFK


Auch hier hat sich der Autor gar nicht erst die Mühe gemacht, das Original kunstvoll zu verschleiern. Das KFK ist - Sie haben es geahnt - nichts anderes als das Kafka. Kontrovers diskutiert wurde es, welcher der Monta-Music Herren als fieser Veranstalter mit goldenem Herz porträtiert wurde. Ehrlich gesagt: Ich kannte weder den Würz Helmut noch seinen Kollegen als ich das Buch geschrieben habe. Sämtliche Ähnlichkeiten sind in der Tat: Reiner Zufall. Freiberger ist übrigens eine Kneipe in der Unterstadt und ich hab den Freiberger so dargestellt, wie ich mir einen Kneipier in Traunstein halt vorstellte : )

Die Streiche der Kleinstadtrebellen


Rosa steht ihm ganz gut zu Gesicht
So ziemlich alle der in den Kleinstadtrebellen aufgeführten Streiche sind in Traunstein tatsächlich passiert: Die Gorillas auf dem Stadtplatz gab es ebenso wie den Brand in der Metro. Auch die Papstbüste wurde beschmiert. Und zwar nicht nur einmal. Gute zwei Jahre nach Erscheinen der "Kleinstadtrebellen" gab es einen Trittbrettfahrer, der den guten alten Papst Benedikt Ratzinger rosa färbte. Verdächtig waren neben den üblichen Kleinstadtrebellen und Kneipiers auch ein erfolgloser Chiemgau-Autor dem man zutraute, die Buchverkäufe mit der Aktion anzukurbeln.

So, liebe Schüler - noch Fragen zu den Kleinstadtrebellen? Einfach Kommentar oder Mail auf strasserbp@gmail.com


Freitag, 28. Juli 2017

Chiemgauer Kultur - Tage zwischen Genie und Wahnsinn

Ronja von Rönne ganz unmontessorisch, Kegel kennt kein Kulturbudget und Chiemgau - Autoren keine Zeitvorgaben

Hannah Montana vs. Miley Cyrus

Die Chiemgauer Kulturtage 2017 und die beste Veranstaltung stand gar nicht im Programm: In der Theaterstrickerei Grabenstätt spielten Schüler der Montessorischule das Stück "Wie es uns gefällt", geschrieben von Ronja von Rönne und Michael Wolf. Und das Berliner Lit-It-Girl war auch noch persönlich da. Ob freiwillig, oder von ihrer Mama, der Schulleiterin, zwangsverpflichtet, ließ sich nicht eruieren. Jedenfalls las sie aus ihrem Buch "Heute ist leider schlecht" vor und teilte vergnügt gegen die Mama aus: Die hatte den Buchtitel falsch auf das Plakat drucken lassen. Auch die zweite Reihe bekam ihr Fett weg, als sich die Schüler/innen recht laut über über die von Rönne-Texte wegschmissen: "Jetzt aber Ruhe, sonst gibt's eins auf die Fresse...So ganz unmontessorisch", fügte sie grinsend hinzu und die antiautoritär erzogene Theateraudienz tobte. Vor Lachen. 
Sehr ernst ging es in der Theaterstrickerei zu

Nicht weniger wild ging es anschließend im Stück zu. Pippi Langstrumpf bekehrte die böse Hexe, Sherlock Holmes jagte den Räuber Hotzenplotz und zwei schizophrene Hanna Montanas verliebten sich in einen Vampir. Leidenschaftlich gespielt von den Montessorischülern, ein großer Spaß. Auch der Berliner Autor Tilman Rammstedt saß im Publikum, belagert von einem  Autorengroupie und einen Abend lang war Grabenstätt die Kulturhauptstadt des Chiemgau. Doch was für uns Landeier wie Ostern und Weihnachten zugleich vorkam, blieb die Ausnahme der Regel. Über die von Rönne-These, dass in ihrer Heimat kulturell nix geboten sei, wurde tags darauf im Café Festung diskutiert: 

Traunstein vs  Kultur?


Sie schaffen Kultur in der Bierstadt Traunstein
Moderiert von Christian Latzlsperger diskutierten lokale Künstler mit Publikum und Oberbürgermeister - dieses Jahr in den Argumenten angepasster Wirtshausatmosphäre. So berichtete Meike K. Fehrmann von den Aktionen der Chiemgau-Autoren, die so viele waren, dass sie vom Moderator eingebremst werden musste. Judith Bader wollte diskutieren, was Kunst eigentlich ist.  Nur die Teilnehmer hatten keine Lust darauf. Und bis auf die Schlagworte "Form und Inhalt" blieb dieser Punkt offen. Fricko Friese lobte die Kulturschaffenden die mit oder ohne Widerstand ihrer Gemeinde Konzerte veranstalten und Bürgermeister Kegel sinnierte, wie hoch der Kulturetat Traunsteins eigentlich ist. Vierstellig? Oder doch fünfstellig?  War ja egal, denn Kultur sollte in erster Linie ja erstmal ehrenamtlich geschaffen werden, so der Tenor der Politikverantwortlichen.
Einer der Autoren der es zu gut mit dem Publikum meinte
Genau das taten die rührigen Damen und Herren der Chiemgau - Autoren am Donnerstag. Im bis auf den letzten Platz vollbestuhlten Nuts boten sie ein bombastisches Programm: Sechs Autoren lasen Texte vor, die zuvor auf der Rabenmoosalm entstanden waren. Und damit den wenigen Zuhörern zur Belohnung ordentlich was geboten wurde und um all die, die zu Hause geblieben waren zu ärgern, richtig was verpasst zu haben, legte jeder einzelne der Autoren eine gewaltige Schippe auf das ursprünglich geplante Programm obendrauf. Gratis! Nur fünfzehn Minuten lesen? Das schien den Autoren zu wenig und man überbot sich gegenseitig, entweder noch längere Texte vorzutragen, oder noch epischer darüber zu referieren, wie der Text entstanden ist . Denn jeder einzelne Zuhörer sollte bis zum Ende dieses ereignisreichen Abends kapiert haben, "Wie Literatur entsteht"
Diese epische Überwältigungsstrategie ging völlig auf,  Knausgard hätte es nicht besser machen können und selbst Frau Bader hätte nach diesem herausfordernden Abend eingestehen müssen: Ja, das ist große Kunst! Noch spannender aber ist die Frage, was wohl Frau von Rönne zu den ehrenamtlichen Kulturbemühungen ihrer alten Heimat geschrieben hätte, wäre sie dabei gewesen. Leider verließ sie, die Meisterin der ironischen Ironie den Chiemgau bereits Tags zuvor und verabschiedete sich auf instagram standesgemäß mit einem zünftigen "Fuck You Bavaria"


Sonntag, 23. Juli 2017

Mit den Chiemgau Autoren auf der Rabenmoosalm

Die Schreibwerkstatt auf der Alm


Sterne sieht man Nachts in der Stadt kaum mehr.
Außer man ist auf einer Alm!
Auf der Rabenmoosalm mit meinen Autorenkollegen Meike K. Fehrmann, Michael Inneberger, Armena Kühne, Monika Klinkenberg-Weigel und - dieses Jahr neu: Martin Trautwein. Vier Tage Schreibwerkstatt in den Bergen. Vier Tage zwischen Genie und Wahnsinn. Mit anderen Worten: Inspirierend und anregend wie schon im letzten Jahr!
Die Schreibwerkstatt der Chiemgau Autoren auf der Rabenmoosalm war letztes Jahr eine Entdeckung. Vier Tage auf einer Alm, ohne Internet und Handynetz inklusive inspirierende Zeit zum Schreiben und regen Austausch mit anderen Autoren. Die ersten werten Leser werden nun die Stirn runzeln: Eine Gruppe verkopfter Schriftsteller fünf Tage allein auf einer Alm? Wie funktioniert das? Werden die nicht verhungern? Glücklicherweise handelt es sich bei der Schreibalm um keine Hochalm. Es gibt Strom und fließend Wasser und die Autoren sind auch nicht darauf angewiesen, die Almkühe zu melken, um das täglich Überleben zu sichern. So viel Komfort bietet die Rabenmoosalm dann doch. 
Anders als im Artikel suggeriert wirkten diese
wandernden Autoren äußerst zielstrebig
Dennoch gab es auch dieses Jahr so manch Situationen in denen der uneingeweihte Wanderer sich fragte, was denn am Fuße des Zinnkopfs an diesem Wochenende wohl Verrücktes los ist. So wurde ein älterer Herr gesichtet, der durch die Wälder wanderte, nichts bei sich tragend außer einer Aktentasche, einem Regenschirm und einer Packung Windeln. Angesprochen, ob bei dem armen Mann alles in Ordnung sei, hätte dieser nur antworten müssen: "Ich bin einer der Chiemgau-Autoren." Es hätte nur ein erleuchtendes Nicken gegeben: "Ah!" 
Andere Wanderer sichteten eine Familie sich keine zehn Meter parallel des Weges durch das Dickicht des Fichtenwaldes kämpfen. "Wo ist denn der Zinnkopf?", rief der Familienvater verzweifelt. "Der ist ganz woanders. Wer seid ihr denn?" "Wir sind die Chiemgau-Autoren!" 

"Aah", machte der Mann und ließ die seltsame Familie weiter durchs Dickicht irren.
Ein anderer Mountainbiker berichtete, dass er an der Rabenmoosalm ein zweijähriges Kind mutterseelenallein am Lagerfeuer sitzen sah. Neben ihm ein scharfes Messer und eine Bierflasche. Erst wollte er das Jugendamt rufen. Dann sah er, dass dort eine Schreibwerkstatt stattfand. Der Chiemgau-Autoren. "Aaah!", machte er und fuhr weiter.
Auch unten im Tal in Ruhpolding wurde im Edeka erzählt, dass eine Gruppe für die Rabenmoosalm gerade massenweise Gurken, Joghurt und Apfelmus eingekauft hatte und die Küchenrolle an der Kasse liegengelassen hatte. "Was waren denn das für Vögel?" "Das waren die Chiemgau-Autoren." "Aaaah", machte die Kassiererin.
Aber auf der Rabenmoosalm passierte noch viel mehr: Es wurde wieder an Texten gearbeitet - über Intrigen auf einer polnischen Burg im 11. Jahrhundert, die Wahrheit über die Geburt von Christoph Kolumbus oder einen nach ruß riechenden Geist, der wiederum auf einer Schreibwerkstatt in der Toskana erscheint. Es gab Werkstattunterricht zu den Themen "Natur in der Literatur", "Metaphorik und Symbole in Thomas Manns Tod in Venedig" und "Darstellung von Massenszenen in der Literatur". 
Dass Literatur auch entsteht, wenn man Spaß hat, welche Rolle Natur dabei spielt und wie sich Geschichten weiter entwickeln, darüber werden die Autoren am kommenden Donnerstag, den 27. Juli im Nuts in Traunstein berichten. Dort lesen sie ihre Texte vor, an denen sie auf der Rabenmoosalm gearbeitet haben. Und ich bin auch dabei.


Die Rabenmoosalm im Elterntagebuch: Hier klicken


Montag, 3. Juli 2017

Wolfgang Herrndorf, die ZIA und der Bachmannpreis

Die Zentrale Intelligenz Agentur in Klagenfurt

Wolfgang Herrndorf, die ZIA und der Bachmannpreis

Wolfgang Herrndorf, 2013 verstorbener Autor des modernen Literaturklassikers "Tschick", gewann 2004 in Klagenfurt beim Bachmannpreis den Publikumspreis. Aufmerksamen Lesern seines Blogs "Arbeit und Struktur" ist bekannt, dass ihn seine Niederlage - den Hauptpreis gewann Uwe Tellkamp - noch fast zehn Jahre später wurmte. Liest man die Nachberichte zum damaligen Wettkampf durch, stößt man noch auf einige witzige Anekdoten: Unter anderem, dass es sich bei Herrndorfs Auftritt um eine konzertierte Aktion, gar den Versuch einer feindlichen Übernahme des Bachmannpreises durch die "ZIA" handelte. Herrndorf trug nämlich, als er seinen Text "Diesseits des van Allen Gürtels" vortrug, ein T-Shirt auf dem ein Computer mit einer Tastatur und exakt drei Buchstaben abgebildet war: ZIA. Was die ZIA vorhatte und wann es ihr gelang, erfuhr man erst zwei Jahre später.
2004 war Herrndorf ein dem großen Publikum gänzlich unbekannte Autor eines Romans namens "In Plüschgewittern". In Klagenfurt setzte er sich am ersten Tag klar gegen die anderen Schriftsteller durch, unter anderem gegen Juli Zeh, deren Text die Jury spaltete.
Am Tag Zwei kam also Uwe Tellkamp dran: Er las "Der Schlaf der Uhren" aus seinem später berühmten Roman "Der Turm". Die Jury war begeistert. Herrndorf wurde bis zuletzt nicht müde, den Turm literarisch auseinander zu nehmen.
Quelle: http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreisv2/static2.orf.at/
vietnam2/images/site/bachmannpreis/200426/herrndorf_jung.jpg
Die Konkurrenz am letzten Wettbewerbstag hatte es ebenfalls in sich: Arno Geiger, der heute einer der bekanntesten österreichischen Autoren ist. Und der Philosoph Richard David Precht, der heute vor allem für sein Buch "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" bekannt ist.
Den triumphalen Sieg trug bekanntlich Uwe Tellkamp davon. Über den Publikumspreis entschied wiederum keine Jury sondern das Publikum - per Internet. Jetzt muss man wissen, dass Anfang der 2000er Jahre der Bachmannpreis von einer Autorengruppe, die im Internet als "Höfliche Paparazzi" bloggte, intensiv verfolgt und kommentiert wurde. Mit dem Support der geheimnisvollen Hintergrundorganisation "ZIA", zu der einige der Höflichen Paparazzi gehörten, wurde Jahr für Jahr ein Autor mit dem Ziel, den Wettbewerb zu untergraben und letztendlich zu gewinnen, in Klagenfurt eingeschleust.
2004 gelang nur der Publikumspreis - Herrndorf setzte sich logischerweise durch, weil vermutlich halb Berlin sich einloggte, um für ihren Autor abzustimmen.
Im Jahr darauf scheiterte auch Natalie Balkow (immerhin gewann sie den Ernst-Willner-Preis). 
Für den endgültigen Coup sorgte erst Kathrin Passig 2006 mit dem Sieg des Ingeborg-Bachmann-Preises. Passig, die die ZIA 2001 zusammen mit Holm Friebe und anderen gegründet hatte - begeisterte mit dem Text "Sie befinden sich hier" die Jury. Da auch wieder die Höflichen Paparazzi höflich mitvoteten, gewann Passig zusätzlich auch den Publikumspreis. 
Im Jahresrückblick der ZIA kann man in einigen sehr witzigen Videos die Planung des Coups noch einmal nachhören:

Nachdem es gelang, den Wettbewerb zu kapern und somit obsolet zu machen, begann man die folgenden Jahre, den Gewinner gleich anhand eines Computeralgorithmus auszurechnen: Der "Automatische Literaturkritik Preis" ging 2008 beispielsweise an Tilman Ramstedt. Der Computer errechnete den späteren Sieger des Bachmannpreises einige Stunden vor der Jury in Klagenfurt, die etwas länger brauchte. 

Mehr zum Thema:



Sonntag, 25. Juni 2017

Laufen, Lesen, Natur Erleben

Inspiration durch Training von Körper und Geist 


Keine Muße, Bücher zu lesen? Zu wenig Zeit, Sport zu betreiben? Sehnsucht, Schönes zu sehen und sich in der Natur inspirieren zu lassen? Mit einem simplen Trick, lassen sich Körper, Geist und Muße gleichzeitig anregen: 
Über den Fluss in die Wälder: Meine Laufstrecke
Nach der Geburt meines ersten Kindes versank ich im stetigen Dilemma, zu wenig Zeit für all die schönen Nebensächlichkeiten zu haben die mir wichtig waren: Lesen, Sport und Unternehmungen in der Natur. In dieser Zeit kam mir der simple Geistesblitz, dass man dies auf einfachste Weise kombinieren kann: Indem ich beim Laufen Hörbücher höre. 
So ging es mehrmals die Woche raus aus der Stadt: Ich lief - mal mit, mal ohne Kind durch die Auenlandschaften, den Fluss entlang und hatte stets meine Kopfhörer im Ohr. Zuvor hatte ich, wie wohl jeder andere Jogger auch, Musik gehört, deren Beat mich mal schneller, mal langsamer laufen ließen. Auf einmal waren es nicht Coldplay oder Muse die mich auf meiner Laufroute begleiteten, sondern Hans Castorp und Jay Gatsby.
Während all die anderen jungen Eltern erzählten, dass sie nie wieder ein Buch gelesen hatten, seit die Kinder auf der Welt waren, "las" ich den Zauberberg, Kerouacs On the Road, Unterwerfung, Wer die Nachtigall stört, Glavinic' "Das größere Wunder" und noch viele weitere (Hör)Bücher während ich gleichzeitig körperlich fit blieb. 
Diesen Weg ist auch Thomas Bernhard gern gejoggt.
Äh spaziert.
Natürlich sind wir hier im Chiemgau mit traumhaften Landschaften gesegnet, meine Laufwege führen mich stets an der Traun entlang, mal zum Triftweg, mal zum Klobenstein, vorbei an der Augenkapelle. Wege die so inspirierend sind, dass manche Örtlichkeit - ich schrieb damals an "Sterne sieht man nur bei Nacht" - und manches Kapitel dem ich damals lauschte - im Buch landeten. 
Dabei kam es zu seltsamen Begebenheiten wie während eines Laufs an dem ich Thomas Bernhard's "Ein Kind" lauschte: Genau in dem Moment, in dem ich das Traunsteiner Viadukt unterquerte, schwadronierte Thomas Bernhard, man müsse eben dieses in die Luft sprengen. Ebenfalls ein Genuss, gerade über den Kaufland-Parkplatz zu joggen, in die Gesichter der gehetzten Hausfrauen zu blicken und Ronja von Rönnes böse Beschreibung desselben Kauflandes in "Wir kommen" zu lauschen.
Mystischer Kraftort: Der Klobenstein
Nach Dutzenden Hörbüchern die mich durch das Traunsteiner Altwasser begleitet haben (Man denkt automatisch an einen Brudermord), oder tief in die Panzerstraße Richtung Waldfriedhof, wurde auch deutlich, dass die Qualität stark variiert. Unvergleichlich die Hörspielbearbeitung zum "Zauberberg", die in mir die Lust weckte, mich endlich an das Monsterwerk heranzuwagen (natürlich habe ich es bisher nie geschafft). Oder die bewegende Hörbuch-Fassung von Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur". Kongenial gelesen von August Diehl. Der ohnehin bewegende Text gewinnt durch August Diehl eine Tiefe und Traurigkeit, die einem den Atem stocken lässt - nicht nur, wenn man gerade die Stufen zur Wartberghöhe hinauf gelaufen ist. Weniger bewegt haben mich die Hörbuchfassungen von Huckleberry Finn oder Kafkas "Das Schloss". Was mit Sicherheit nicht am Inhalt lag.
Heute ist mein Jüngster schon so groß, dass er neben mir mit dem Rad fährt und ich brauche keine Hörbücher mehr, weil er selbst einem lebendigen Hörbuch gleichkommt. Wann immer es sich ergibt, zieht es mich dennoch raus in die Natur und trainiere Körper und Geist gleichzeitig. Derzeit lese ich beim Joggen übrigens die Buddenbrooks!

Mittwoch, 14. Juni 2017

Der Schriftsteller und der Abgrund

Schreiben am Abgrund


Mancher Künstler schuf seine größten Werke, wenn er an der Klippe eines tiefen Abgrundes stand. Wenn Kleinigkeiten darüber entschieden, ob ein großes Werk geschaffen oder der Künstler vernichtet wird. Vor einem Jahr begann in meinem Leben eine schwer auszuhaltender turbulenter Monat. Es schien als habe die Zeit der Ernte begonnen. Mein großes Buch über das Sterben, an dem ich sechs Jahre gearbeitet hatte, stand kurz vor der Veröffentlichung. Ich war als einer der Kulturschaffende auf eine Podiumsdiskussion mit dem Bürgermeister eingeladen und stand mit Familie von Rönne in Kontakt, um Ronjas erste Lesung zu Hause zu organisieren. Zugleich wurde mein Debütroman gerade als Lektüre in einer Elften Klasse durchgenommen. Meine Laufbahn als Autor hatte eine faszinierende Dynamik angenommen und noch ahnte ich nicht, dass dieser Monat genügend Stoff für weitere schicksalhafte Romane bieten würde. 
Ronja von Rönnes Lesung zu Hause
Am 4. Mai sprach ich vor der Schulklasse der Hotel und Tourismusschule Traunstein und beantwortete alle Fragen zu den "Kleinstadtrebellen" Gegen Ende fragte mich ein Schüler, warum ich immer über den Tod schreibe. Ich war irritiert, weil mein erstes Buch nicht primär vom Tod handelte. Aber der Schüler hatte recht. Auch Peters Liebe zu den Kleinstadtrebellen wurde durch einen Schicksalsschlag ausgelöst. 
Mit der Frage im Kopf, warum ich stets über den Tod schrieb, kehrte ich zurück. Kurz darauf ein Anruf. Meine Schwester. Ihr Mann ist tot. 
Er war unheilbar krank. Dennoch taumelte ich, der ich eine Stunde zuvor noch ein ambitionierter junger Schriftsteller war, verstört und verzweifelt ins Krankenhaus. 
Wenige Tage nach der Beerdigung fuhr ich mit meiner Familie zur lang geplanten Literaturwerkstatt nach Barliano in der Toskana. Die Familie war gezeichnet, mein Schreiben verstummt. Nach einigen Tagen in dieser atemberaubend schönen Landschaft erholten wir uns langsam von den schicksalhaften Tagen und Wochen. Kaum begannen wir wieder zu lachen, der nächste lebensverändernde Anruf: mein kleiner Neffe, auf dessen Geburt wir uns alle freuten, würde tot zur Welt kommen. 
In Barliano kurz vor der nächsten Horrornachricht
Innerhalb weniger Sekunden stürzte das ohnehin fragile Leben erneut in sich zusammen. Mein Buch, Ronjas Lesung, die geplanten Auftritte - alles nichtig. 
Wir befanden uns mitten in einer Gemeinschaft, lebten auf engem Raum mit den anderen Autoren und die nächsten Tage wurden zur extremen Stressituation für die Familie. 
Anstatt zwanglos zu schreiben, kippte der Aufenthalt in Krisenmanagement. Das Unaussprechliche konnte nicht in Worte gefasst werden. Wie hätten die Mitbewohner auch nur im Ansatz verstehen können, was meiner Familie innerhalb von zwei Wochen passiert war?
Erst Monate später begann ich darüber zu schreiben. Und bald schrieb ich über nichts anderes mehr. Jeder einzelne Text beinhaltete entweder Barliano oder ein Glioblastom oder ein totes Kind. Oder alles zusammen. 

"Herr Strasser, warum schreiben sie immer über den Tod?"

"Weil der Tod mein Leben ist."

Samstag, 3. Juni 2017

Was Haruki Murakamis Romane mit Astralreisen gemeinsam haben

Über das Entstehen magischer Literatur

Haruki Murakami und William Buhlman, amerikanischer Autor und Para-Wissenschaftler, haben auf dem ersten Blick rein gar nichts gemeinsam. Der eine schreibt Literatur auf Nobelpreisniveau, der andere ist bekannt für seine Bücher zum esoterischen Thema "Out of Body- Experience (OBE =Astralreisen). 
Dabei handelt es sich um das Verlassen der Seele oder des Bewusstseins des Körpers. Auch bekannt unter den Begriffen Astralreisen oder Schamanische Reise. Buhlman beschreibt in seinen Büchern Techniken, wie dieser - wissenschaftlich umstrittene - Zustand herbeigeführt wird. 
Zudem - und jetzt wird es interessant - schreibt Buhlman über die Erlebnisse, die er in den Zuständen des "den Körper Verlassens" erlebt. Und hier beginnt die Verbindung zu Haruki Murakamis Werk: Laut Buhlman ist die erste Schwelle den Körper zu verlassen, eine starke Schwingung, ein Schwingungszustand, der dazu führen kann, dass sich Körper und Geist voneinander lösen. Buhlman beschreibt, wie er zu Beginn einer Astralreise plötzlich durch das Gemäuer des Schlafzimmers schwebte. Zudem berichtet Buhlman von einem Paralleluniversum das er in seinen "Out of Body"-Erfahrungen erlebt: Dieselben Menschen der Realität - aber auf unbestimmte Art verändert. 
Erinnert man sich an Murakamis Großwerk 1Q84, gibt es zu Beginn eine Schlüsselszene in der Aomame an der Autobahn eine Eisentreppe hinabsteigt - und fortan in einem anderen 1984 landet. Murakami beschreibt ein Donnern, Vibrieren und Wind. Man muss nun wissen, dass man in einigen Meditationen die zu einer Astralreise führen, in Gedanken eine Treppe hinauf oder hinabsteigen muss. Weitere Merkmale einer beginnenden Astralreise sind neben der Schwingung (Vibration) laute Akkustikphänomene (Donnern) und das Empfinden eines Astralwindes. Kennern des Themas scheint es, dass Murakami hier verklausuliert den Beginn einer Astralreise als Erklärung für das Paralleluniversum aus 1Q84 beschreibt. 
Beim ersten Mal lesen hielt ich dies für eine amüsante Spekulation meinerseits und dachte noch, dass mir beim interpretieren die Gäule endgültig durchgegangen seien. 

Eine neue Interpretation für Murakamis Bücher?


Dann aber las ich Murakamis etwas älteres Buch Sputnik Sweetheart aus dem Jahr 1999.
Es befindet sich thematisch in einer Reihe mit 1Q84 und "Sputnik Sweetheart" könnte auch als Vorläuferbuch von 1Q84 bezeichnet werden. Auch darin beschäftigt sich Murakami mit dem Thema zweier paralleler Welten. Vielleicht ein Zufall, aber auch in diesem Roman gibt es Indizien und Parallelen zu den Astralreisen wie sie Buhlman beschrieben hat: Das Erwachen zum Höhepunkt der Nacht gegen vier Uhr ist die ideale Zeit, um eine Out of Body Experience auszulösen. Gefühle wie Körperlosigkeit ergänzen das Bild. Murakami beschreibt seine Figuren zweitweise so körperlos, als befänden sie sich gar nicht mehr bei sich, sondern schwebten auf - eben einer Astralreise.
Auch bei einer Szene aus "Mister Aufziehvogel" ist mir eine frappierende Ähnlichkeit zu Buhlmans Beschreibung des "durch Mauern Schwebens" aufgefallen: In einem Brunnen gefangen, hat der Protagonist während eines meditativ-dahinvegetierenden Zustandes mehrmals das Gefühl, sein Kopf dringe in das Ziegelwerk des Brunnens ein. 
Bestimmt lassen sich noch mehr Beispiele finden. Da das Phänomen des Astralreisens gesellschaftlich (noch) ein Tabuthema ist und niemand offen zugeben würde, wenn er diese Technik beherrscht, ist denkbar, dass Murakami zu den Menschen gehört, die zumindest Erfahrung darin besitzen. Oder er hat seinerseits Buhlman gelesen und sich von den faszinierenden Geschichten der "anderen Welt" inspirieren lassen. 
Wie dem auch sei - sie beweisen einmal mehr, wie facettenreich Murakamis Arbeit ist. Und wer nicht die Zeit hat, sich durch die über tausend Seiten von 1Q84 zu wälzen, dem sei das wesentlich schmalere aber nicht weniger eindrucksvolle "Sputnik Sweetheart" wärmstens empfohlen!