Sonntag, 26. März 2017

Auf der Leipziger Buchmesse 2017

Die Leipziger Buchmesse 2017 - Martin Suter und die schreienden Kinder

Die Leipziger Buchmesse 2017 stand dieses Jahr unter dem Dilemma: Zu Hause bleiben – oder die Kinder mit auf die Messe nehmen. Wie es ausging? Meine Kinder hatten einen großartigen Tag auf der Buchmesse! Aber? Der Papa nicht... ganz.
Aber von vorne: Zwei Pflichtveranstaltungen hatte ich mir markiert: Martin Suters Lesung seines „Elefant“ und am Spätnachmittag Takis Würgers Lesung von „Der Club“. Dazwischen wollte ich mein Glück versuchen, ob sich irgendwo Mara Giese am Blauen Sofa erspähen ließ, oder Sophie Weigands roten Rucksack aus den Menschenmassen hervorlugte. Aber wie immer, findet man nie die, die man sucht, dafür jemand anderen… Doch zunächst zu Martin Suter: Großer Andrang fand vor der ARD Bühne statt und wer sich wirklich Illusionen macht, dass zwei 2 bzw. 4-jährige Jungs sich für Schweizer Literatur interessieren, lebt in einer totalen Traumwelt. Der Kleinere zelebrierte mit Verve neue Höhepunkte seiner Trotzphase und der Größere wollte lieber zum Stand vom „Kleinen Maulwurf“ auf der einen, oder zum „Luther-Bus“ auf der anderen Seite der Halle. Zwar bekam ich nur Bruchstücke der Lesung zu hören, aber die anderen Zuhörer bestätigten mir, dass der Schweizer Suter nicht gerade der temperamentvollste Vorleser sei.
...die Kinder hatten definitiv Spaß!
Die Buchmesse Leipzig ist mit Kindern wirklich wunderbar – solange man selbst keine Ansprüche stellt. Die Kinder liebten es, Spiderman beim Cosplay zuzuschauen, bewunderten jedes einzelne Polizeiauto und jeden Rettungswagen und in der Halle mit den Kinderbuchverlagen waren sie sowieso im Paradies. Als der Papa allerdings zwischen Aufbau, Fischer und Hanser hin und her pendeln wollte, um den einen oder anderen Autor, Lektor, Verleger kennenzulernen, streikten die Kinder (folgerichtig). Der eine lief nach Osten, der zweite nach Westen und verschwunden waren sie in der Menschenmenge. Glücklicherweise haben beide laute Organe und waren durch Schallortung leicht wiederzufinden.
Kurz vor dem Nervenzusammenbruch landete ich beim Stand der Schweizer Buchhändler und Verleger. Dort saß ein Typ der aussah wie Takis Würger und wir starrten uns verdutzt an, als kannten wir uns irgendwoher. Irritiert lief ich weiter und googelte erstmal, ob Takis Würger wirklich so aussieht, wie der Typ am Stand. Als ich mir zu 85% sicher war und der Mann mehrere Exemplare von „Der Club“ signiert hatte, schien es recht
Ich will auch einmal so ein großer
Schriftsteller werden! 
wahrscheinlich, dass es vielleicht echt Takis Würger war. Ich fragte ihn, ob bei seiner Lesung Kinder zuhören dürften und er nickte bejahend. Als ich hinzufügte, dass diese Kinder auf Lesungen gerne laut herumschrieen, grinste er: „Normalerweise hätte ich Nein gesagt. Aber hier ist es eh schon so laut. Also kein Problem!“ Na gut, da ich unbedingt auch ein Autogramm wollte, kaufte ich rasch sein Buch und lies es mit meinem Arbeitsamts-Kuli signieren. Und spätestens da war ich ein Fan, Takis Würger grinste und fragte, ob er den Stift nicht ausborgen dürfe – ein Arbeitsamts-Kugelschreiber sei der perfekte Signier-Stift. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Den Stift meine ich.
Takis Würger las übrigens wundervoll melodisch mit sanfter, leiser Stimme. Das Buch war ebenfalls wesentlich poetischer als ich erwartet hatte und begeisterte mich sofort.
Und nach der Lesung, als zwei gestresste Elternteile die Messe von ihren wilden Kindern erlösen wollten, stand auf einmal Constanze von der LISA Schrobenhausen vor mir. Ganz beiläufig erwähnte sie, dass auch Arwed Vogel, mein literarischer Lehrmeister hier sei. „Wo denn?“ „Da!“ Arwed Vogel war nicht nur als Autor, sondern in erster Linie in seiner Funktion als Vorsitzender der FDA Bayern, der Autorengewerkschaft von ver.di auf der Messe. Und da Arwed meine Familie bereits seit vielen Jahren kennt, wurde mir erst bewusst, was der Schriftsteller-Papa seinen Kindern so zumutet: Schreibwerkstatt Barliano, Rabenmoos-Alm, Lesungen im von Rönne'schen Garten und jetzt auch noch die Buchmesse. Da war ich schon wieder dankbar, dass ich überhaupt in Leipzig war und immerhin eineinhalb tollen Lesungen beiwohnen durfte! Auch wenn ich nicht einmal die Traunsteiner Messe-Veteranen Nora Berger und Jürgen Eglseer gefunden hatte...
Für nächstes Jahr habe ich mir deshalb vorgenommen, besser organisiert zu sein.

Folgende Tipps für die Buchmesse Leipzig kann ich Euch noch mitgeben:

Das Belmondo ist ein tolles Hotel - liegt allerdings näher an
Halle denn Leipzig...
  • -        Bereitet euch im Vorfeld akribisch vor!
  • - Welche Lesungen wollt ihr hören?
  • - Zeitplan erstellen!
  • - Wo finden die Lesungen statt?
  • - Wann und wo sind befreundete Blogger, Autoren anzutreffen?
  • - Welche Messestände will man unbedingt besuchen?
  • - Wo sind die spannenden Abendveranstaltungen wie die Litpop?
  • - Nicht vergessen, rechtzeitig ein Hotel zu buchen. 25 km Entfernung sind nicht mehr Innenstadt…
  • - Kinder können im Messe-Kindergarten abgegeben werden.
  • - Ein Tag Buchmesse ist definitiv zu wenig

Letztes Jahr war ich in Leipzig übrigens erfolgreicher: Über Ohrfeigen, Lit-It-Girls und Literatur-Rabauken


Montag, 20. März 2017

Ulrike Anna Bleier - Schwimmerbecken

Schwarze Geheimnisse

Auf der Suche nach bayerischer Literatur, verankert in der Provinz, dennoch modern geschrieben, habe ich eine Weile den Lichtung Verlag beobachtet. In Ulrike Anna Bleiers Roman „Schwimmerbecken“ hoffte ich, fündig geworden zu sein. Positive Rezensionen in der Süddeutschen und von Sophie Weigand reizten mich, mir meinen eigenen Leseeindruck zu machen. Ich habe es nicht bereut. Die Lektüre war ein Erlebnis. Ich war begeistert, erschüttert, auch mal genervt, oft gerührt. Und lange hat mich kein Buch mehr begleitet, das gleichzeitig so leicht und so schwer zu lesen war. 
Aber von vorne: Luise stammt aus der bayerischen Provinz, aus einem Dorf namens Kollbach. Viel aufregendes gibt es nicht, außer wenn sich im Nachbardorf zwei Teenager umbringen. Es gibt einen Wirt, eine Pension, mehrere Bauernhöfe und das nahegelegene Regensburg als Hoffnung auf ein besseres Leben. Was einerseits eine Idylle sein könnte, beschreibt Ulrike Anna Bleier als kafkaeske Hölle. Ludwig, Luises Zwillingsbruder den sie stets „Bruderherz“ nennt, ritzt sich – ohne einen Tropfen Blut zu verlieren. Etwas dunkles, unaussprechliches, umgibt ihren Bruder, der plötzlich jahrelang verschwindet und nach seiner Heimkehr eine fremde Sprache – vielleicht indonesisch -spricht. Luise versucht, dem unaussprechlichen auf die Spur zu kommen. Und da der Wahnsinn der bayerischen Provinz von Kapitel zu Kapitel buchstäblicher wird und Luise selbst aus den Grundfesten der Zeit katapultiert wird, sind die 58 Kapitel in „Schwimmerbecken“ wahllos aneinander gereiht. Vermutlich ist es egal, in welcher Reihenfolge man die kurzen Episoden liest. Beinahe jede enthält eine neue schreckliche Erkenntnis über die düsteren Geheimnisse in Luises Umfeld. Manche so zart, dass sie in ihrer stillen Traurigkeit ungemein berührten. Andere wieder krachend und so unfassbar, dass man sich einen Moment fragt, ob die Autorin einem nun nicht doch zu viel zumutet. Virtuos erzählt ist allerdings das „Nicht – erzählen“. Luise, ihr Zwillingsbruder und ihre Eltern – sie kommunizieren, aber sie sagen sich nichts. Das Unausgesprochene dominiert das gesamte Buch und lässt es in einer bedrückenden Düsternis versinken. 
Und das wirklich erschreckendste an dem Buch ist, dass es recht nah an der Realität geschrieben ist. Jeder der Schicksalsschläge, die Bleier in den Roman einflechtet, ist realistisch beschrieben. Die deprimierende Dorfatmosphäre zwischen Wirt und Tratsch im Kramerladen ist jedem bekannt, der in einem Dorf in Bayern aufgewachsen ist. Die blutende Resl von Konnersreut ist nur dem fanatisch Glaubenden ein Trost, jedem halbwegs sensiblen Kind jagen die Geschichten Angst ein. Es verbrennen Tierquäler, es sterben Katzen, aber die bedrückendsten Szenen des Buches sind jene, die vom Versagen der Familie, miteinander zu sprechen, erzählen. Selten habe ich über das stille Scheitern einst glücklicher Menschen so bedrückend geschrieben gelesen. 
Keine leichte Lektüre. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die gut 150 Seiten gelesen habe, da die Sätze zwar wundervoll leicht geschrieben sind, das Gewicht ihres Inhaltes aber in seiner Schwere niederschmetternd sein konnte. Dies zu erreichen ist große Kunst. Kompliment deshalb an den Lichtung Verlag: Da habt ihr euch eine tolle Autorin geangelt! 

Mehr zu Lesen gibt es auf www.bernhardstrasser.de

Sonntag, 12. März 2017

Die Bücher, die mich am meisten geprägt haben

Eine Liste der Bücher die mich am meisten beeindruckt haben


Jeder hat eine Erinnerung an Bücher, die einen seit frühester Kindheit, im Teenageralter, in schweren Lebensphasen beeinflusst haben. Manche waren schlicht die ersten Leseerfahrung. Andere der erste Kontakt mit großer Literatur. Wieder andere waren einfach ein großes Vergnügen zu lesen und man erinnert sich gern an die Sommermonate auf einer Bank in der Sonne, als man sich durch den Schmöker gewälzt hat. Wieder andere Bücher habe ich nie ganz gelesen, aber alleine ihre Existenz und die Legenden die sich um das Buch ranken, inspirierten mich, wann immer ich einen Blick auf den Buchrücken im Bücherregal warf. Hier meine ganz persönliche Auswahl dieser Bücher:


  • Ottfried Preussler – Die kleine Hexe
  • Hergé – Tim in Tibet
  • Die drei ??? – Die gefährliche Erbschaft
  • Ottfried Preussler - Krabat
  • Michael Crichton – Jurassic Park
  • Stephen King – Es
  • Hans Bemman – Stein und Flöte
  • Ken Follet – Die Säulen der Erde
  • John Irving – Garp und wie er die Welt sah
  • Goethe – Die Leiden des jungen Werther
  • JD Salinger – Der Fänger im Roggen
  • Jack Kerouac – Unterwegs
  • Friedrich Schiller – Die Räuber
  • Josef von Eichendorff – Aus dem Tagebuch eines Taugenichts
  • Benjamin von Stuckrad-Barre – Soloalbum
  • Uschi Obermaier – Das wilde Leben
  • Christian Kracht – Faserland
  • Ernest Hemingway – 50 Stories
  • Jeffrey Eugenides - Middlesex
  • Thomas Mann – Der Zauberberg
  • Scott F. Fitzgerrald – The great Gatsby
  • Joachim Meyerhoff - Amerika
  • Thomas Glavinic – Das größere Wunder
  • Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur
Hier noch eine weitere Bücherliste: Hier klicken

Was waren denn Eure Bücher, die Euer Leben geprägt haben?

Freitag, 10. März 2017

Martin Suter fabuliert von rosa Elefanten

Elefant - Roman

Martin Suter gehört zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Auch seine Neuerscheinung "Elefant" landete sofort auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Ist der Hype um Martin Suter gerechtfertigt? 
Zunächst ein Lob an den Schweizer Autor: Seit Jahren habe ich kein Buch mehr so schnell ausgelesen wie seinen "Elefant". Der Wermutstropfen: Ich habe mich auch seit Jahren mit keinem so trivial schön geschriebenen, anderes gesagt, einfach geschriebenen, Buch beschäftigt. Unterhalten hat es mich trotzdem.
Aber von Anfang an: Martin Suter führt den Leser nach Zürich, ans Ufer des Flusses der Limmat und ins Obdachlosenmilieu. Schoch, ein seit Jahren obdachloser ehemaliger Investmentbanker, findet in seine Schlaf-Höhle einen handtaschengroßen, rosa leuchtenden Elefanten vor. Natürlich hält er dieses Fabelwesen zunächst für das Produkt seines Rausches, aber der Elefant ist real. Und Suter führt den Leser nach und nach in die Geschichte von Sabu, dem leuchtenden Mini-Elefanten ein. Der ist nämlich das sensationelle Ergebnis einer Gen-Manipulation. Mit einer gezielten Dosierung Fachinformationen füttert Suter den Leser mit exakt genau so vielen Informationen über die modernen Möglichkeiten der Gen-Technik, dass man geneigt ist, die Romanhandlung weniger als Science-Fiction denn als gut recherchierten Gegenwartsroman abzutun. Denn wer möchte ausschließen, dass in China nicht zur Stunde ähnliche Experimente durchgeführt werden? Sabu ist nämlich das Produkt der Genmanipulation des zwielichtigen Forschers Roux, der der Welt eigentlich einen ausgewachsenen - aber pink leuchtenden - Elefanten präsentieren wollte, um Ruhm, Ehre und den Nobelpreis einzuheimsen. Er lässt sich von Harris, einem Tierarzt der zu Beginn von "Elefant" seinen Auftritt hat und auf einmal auf Nimmerwiedersehen aus dem Roman verschwindet, eine Elefanteneizelle in die Schweiz liefern. In einem heruntergewirtschafteten Zirkus soll die manipulierte Eizelle ausgetragen werden. Doch der Elefantenpfleger Kaung, der den pinken Elefant mit Zwergwuchs für ein göttliches Wunder hält, vertuscht die Geburt und bringt das kleine Tier vor Roux und dem chinesischen Gen-Konzern in Sicherheit. Natürlich wird aus der Gen-kritischen stark moralisierten Geschichte anschließend ein Krimi und später, so viel sei ebenfalls verraten, auch noch eine kleine Liebesgeschichte. Es werden also sämtliche Bedürfnisse des nicht allzu anspruchsvollen Lesers erfüllt.
Das Problem des Romans: Er ist allzu glatt. Die Bösen Schergen der Gen-Konzerne sind alle super-böse, haben ganz, ganz fiese Charaktere und sehen auch noch gemein aus. Die Guten, zu ihnen gehören der brave Elefantenpfleger und die Tierärzte, sind so lieb, dass die Empörung steigt, als einer der Guten sogar sterben muss. Der Obdachlose Schoch ist natürlich aus widrigen Umständen und aus eigenem Entschluss obdachlos geworden und zuvor war er ein supertoller Mensch. Und letztendlich der mega-niedliche kleine rosa Elefant. Immer wieder versucht Suter passagenweise den Elefant als Wesen aus Fleisch und Blut zu beschreiben, als richtigen Elefant - wenn auch im Westentaschenformat. Das Problem ist zwar: Suter behauptet dies immer wieder und sagt, Sabu sei ein Elefant, der sich auch wie ein großer Elefant fühle. Aber es kommt nicht wirklich rüber. Im Kopf bleibt ein Mini-Spielzeug zurück, das sich bewegen kann und ab und an kleine braune Kügelchen produziert. Also genau das stereotype Wesen, das der böse Gen-Konzern produzieren wollte.
Martin Suter hat mit "Elefant" ein klares Statement gegen die Gen-Technik abgegeben. Allerdings hätte es dem Roman gut getan, wenn auch die Grauzonen der technischen Entwicklungen besser ausgeleuchtet worden wären. So blieben für mich die interessantesten Passagen die Beschreibungen des Zürcher Obdachlosenmilieus. Wobei ich bezweifle, dass er typische Obdachlose einst ein superreicher Banker war, der wegen Liebeskummers in der Gosse gelandet ist... 
Unterhalten hat mich das Buch dennoch. Wenn auch nicht literarisch überzeugt. Wer kennt denn die "guten" Suter-Bücher? Würde mich über Eure Empfehlungen freuen!

Mehr Bücher:
Joachim Meyerhoff: Diese entsetzliche Lücke Hier klicken
Die Bücher in Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur Hier klicken

Montag, 6. März 2017

Die Bücher in Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur

Buchtipps von Wolfgang Herrndorf

Die Bücher in "Arbeit und Struktur"


Bücher, die nicht in der Liste auftauchen - Die hat
er nämlich selbst geschrieben...
Wolfgang Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur", das nach seinem Tod auch als Buch erschienen ist, gehört zu einem der vielschichtigsten, ergreifendsten aber auch informativsten Büchern der jüngeren Literaturgeschichte. 
Auch wenn Wolfgang Herrndorf vermutlich kein Freund von Kanonisierung gewesen ist, gibt sein Blog interessante Hinweise, welche Bücher Herrndorf selbst inspirierten, welche Autoren er bewunderte. In seinem Blog nennt er zahllose dieser Bücher, da er seine letzten Jahre noch einmal nutzte, um viele der Romane, die ihm zeit seines Lebens etwas bedeuteten, noch einmal zu lesen. 
Zudem erwähnt er in Arbeit und Struktur, dass er keine Zeit mehr habe, etwas zu lesen, das ihm vermutlich interessieren könnte. 
Diese - unvollständige - Liste ist eine Übersicht der Bücher, Romane und Werke, die Wolfgang Herrndorf in Arbeit und  Struktur erwähnt. Natürlich kein Kanon, aber sie könnten für literaturinteressierte Menschen ein Einstieg in die Literatur sein - Herrndorf selbst schreibt, dass er aus einer Familie kam, in der kaum gelesen wurde. Auf gute Literatur stieß er stets zufällig. Die Bücherliste kann aber auch ein kleiner Einblick sein in die Welt Wolfgang Herrndorfs aus der letztendlich unvergessliche Romane wie "Tschick" und "Sand", letztendlich auch "Arbeit und Struktur" entstanden sind:

Fjodor Dostojewski - Der Spieler
Thomas Mann - Buddenbrooks
Thomas Mann - Der Zauberberg
JD Salinger - Nine Stories
Friedrich Wilhelm Wackenroder - Phantasien über die Kunst
Felix Graf von Luckner - Der Seeteufel
Theodor Storm - Aquis submersus
Charlotte Bronte - Jane Eyre
Edgar Allen Poe - Arthur Gordon Pym
Magdalene Pauli - Sommer in Lesmona
Marcel Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte
Knut Hamsun - Hunger
Fjodor Dostojewski - Schuld und Sühne
Truman Capote - In Cold Blood
Karen Duve - Dies ist kein Liebeslied
Johann Wolfgang von Goethe - Kommentierter Briefwechsel
Mark Twain - Huckleberry Finn
Hermann Hesse - Unterm Rad
Don DeLillo - Libra
Franz Werner Schmidt - Pik reist nach Amerika
William Golding - Herr der Fliegen
JD Salinger - Der Fänger im Roggen
Vladimir Nabokov - Lolita
Gustave Flaubert - Madame Bovary
Erich Kästner - Das fliegende Klassenzimmer
Stendhal - Rot und Schwarz
Rainald Goetz - Abfall für alle
Vladimir Nabokov - Verzweiflung
Johann Wolfgang von Goethe - Die Italienische Reise
Vladimir Nabokov - Lushins Verteidigung
Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt
Don DeLillo - Weißes Rauschen
Rainald Goetz - Klage
Jeffrey Eugenides - Middlesex
Rainald Goetz - Johann Holtrop
Jack Kerouac - Unterwegs
Christian Kracht - Faserland
Anne Frank - Das Tagebuch der Anne Frank
Elke Naters - Königinnen
Johann Wolfgang von Goethe - Die Leiden des jungen Werther
Agota Kristof - Das große Heft / Der Beweis / Die dritte Lüge
André Breton - Nadja


Mehr über Wolfgang Herrndorf:


Sonntag, 19. Februar 2017

Falco – Wie der Wiener Superstar bis heute inspiriert

Die Kunst Falcos wirkt bis heute nach


Im Februar '98 beim Müller gekauft
Hans Hölzl, besser bekannt unter seinem Künstlernahmen Falco, wäre heute sechzig Jahre alt geworden. Beinahe zwanzig Jahre ist sein Tod her und es ist kaum zu fassen, wie sehr die Kunst dieses großen Musikers bis heute nachwirkt. Selbst für die Generation, die den Höhepunkt Falcos Karriere nur als Kindergartenkind erlebt hat. 
Falco, das war der Typ im Mozart-Kostüm, der im ORF Kinderwurlitzer rauf und runter gespielt wurde. „Rock me Amadeus“ konnte buchstäblich jedes Kind mitsingen. Und den Kommissar sowieso auch. Doch als die Kinder von damals größer wurden und sich für Musik zu interessieren begannen, war Falco nichts weiter als ein Relikt der Achtziger, dessen Songs auf der Fetenhits – NDW zu finden waren. Und es sollte noch schlimmer kommen: Auf dem Höhepunkt der Techno- und Eurodance – Welle hatte dieser Falco auch noch einen kleinen Hit in dem unfassbar schlechten Techno-Kracher „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“. Falco wäre vermutlich für meine Generation ein Phantom geblieben, ein abgestürzter Popstar der zwei Kinderfaschings-Hits gesungen hatte, wenn es nicht diesen tragischen Unfall in der Dominikanischen Republik gegeben hätte. Es gab weniger eine Massentrauer wie 2009 nach dem Tod von Michael Jackson, dafür war es schon zu lange still um Falco gewesen – es war eher eine Art Neugierde, die auch mich in den Plattenladen laufen ließ, um Falcos „Greatest Hits“ zu kaufen. Und so cruiste im Frühling 1998  ein Auto voller Teenager durch die Lande und lautstark wurde „Vienna Calling“ und „Coming Home“ gegrölt. Aber auf der CD war auch ein eher untypisches Falco-Lied, das mich mehr als all die Gassenhauer berührte: „Junge Römer“. Was war das denn? Singt der Latein? Dennoch blieb es „Jeanny“, das ich wochenlang anhörte. Und erstes Mal war Falco eine konkrete Inspiration. Ich schrieb kurze Texte im Stil von „Jeanny“. 
Schließlich wurde, nur drei Wochen nach seinem Tod, „Out oft he Dark“ veröffentlicht. Und es ist wohl nicht untertrieben zu behaupten, dass der Song einschlug wie eine Bombe. Es hatte weniger mit Falcos Tod zu tun, sondern damit, dass es ein wirklich starkes Stück Musik war. Und erst jetzt setzte sich eine feine Trauer fest: Was wäre das für ein Comeback gewesen. 
Aber Falco war tot und er verschwand auch aus meinem Leben wieder. Bis ich zum ersten Mal die Filmographie „Verdammt, wir leben noch“ sah. Es gibt wenige Filme deren Magie einen ganzen Lebensabschnitt prägt. Dieser hier war so einer. Ein erstes Mal lernte ich Hans Hölzl als Mensch und den ewig suchenden, ewig zweifelnden exaltierten Falco als Popstar kennen. Jahrelang ließ mich der Film nicht mehr los. Einen Fasching lang verwandelte ich mich zum Leidwesen meiner Frau sogar in Falco und nahm seine exaltierte Sprache an. In einigen Kurzgeschichten die ich schrieb, tauchte ein Hans auf, der sich wie ein Falco benahm. Bis in die Fingerspitzen inspiriert und begeistert von diesem Künstler, dessen Kunst ich erst jetzt begriff, ließ ich seine Musik auf mich wirken. Der Kinderfaschings-Sänger verwandelte sich in einen ekstatischen Musiker, der in Wiener Avantgarde-Bands gespielt hatte, dessen großes Vorbild David Bowie war und wenig mit dem Retorten-Popstar gemeinsam hatte, für den ich immer hielt. Natürlich zeigte auch der Film deutlich, dass Falco in den Achtziger Jahren in Flammen stand, viel zu schnell verglühte und als Künstler grandios gescheitert war. Aber diese Jahre, seine ersten drei Alben, waren noch größere Meisterwerke als ich es mir je erträumt hätte. Vor allem das „Junge Römer“ - Album haute mich regelrecht um. Beginnend mit dem Videoclip zu „Junge Römer“, der mich mehr berührt hat als alles was ich jemals zuvor auf MTV gesehen hatte. Das ganze Album ein noch heute modern wirkendes funk-lastiges Meisterwerk. Zum Lied für die Ewigkeit entwickelte sich der Titelsong. Noch heute, Jahre später, beginnt es in mir zu kribbeln, sobald es heißt „Der Lorbeerkranz, ein neuer Tanz schwingt Rhythmus in die Hüften der Stadt…“ Unzählige Texte habe ich in diesem Geist verfasst und keine Schreibblockade kommt an gegen dieses Lied, das ich zum inspirierendsten meines Lebens küren möchte.

Und natürlich noch Falcos Debüt, „Einzelhaft“. Fast jeder Titel hätte eine Singleauskopplung werden können. Lieblingssong darauf inzwischen „Zuviel Hitze“. Falcos Kokettieren mit Kokain. Und auf einmal macht selbst „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ wieder Sinn.
Sechzig Jahre wäre er heute alt geworden. Und längst betrauere ich seinen Tod. Anders als bei Michael Jackson, David Bowie und all den Stars die die letzten Jahre verstorben sind, ist in Falcos Fall zu vermuten, dass da noch ein großes Spätwerk gekommen wäre. So ganz überraschend – out of the dark.

Von Falcos Lyrics inspirierte Kurzgeschichten:



Die Kurzgeschichte "Junge Römer": Hier klicken

Montag, 13. Februar 2017

Erinnerung an Sebastian Straßer, meinem Papa

Ich und mein Papa als er etwa so alt war
wie ich heute
In Erinnerung an den 13.2.2012:

Sebastian Straßer kam 1943, inmitten des Weltkrieges, als drittes von vier Kindern der Eheleute Hans und Rosina Straßer zur Welt. Seine Kindheit war geprägt vom frühen Tod des Vaters, der während einer Haft wegen Aussagen gegen das Hitler – Regime an Tuberkulose erkrankte und an den Folgen verstarb. 
Die Familie verbrachte, auch weil der Vater lange Zeit nicht als Kriegsopfer anerkannt wurde, die Nachkriegsjahre in großer Armut. Trotz dieser Zeit der Entbehrungen, hatten sich diese Kindheitstage auch als Zeit von großem Glück in seine Erinnerung geprägt und Bescheidenheit, Dankbarkeit für das Vorhandene und die Liebe zur Natur wurden zu seinen typischen Wesenszügen.
Später kam die Begeisterung für den Sport hinzu: Für den Fußball, für die Leichtathletik, letztendlich natürlich für das Radlfahren, das er bis zuletzt betrieben hat.
Ihm war ein besonderes Talent zu Eigen, sich das Leben, auch in widrigen Umständen, lebenswert zu gestalten. Zwei Jahre Wehrpflicht nutzte er, um sich als Mulitreiber täglich an der Natur und der Freiheit der Berge zu erfreuen.
Mit seinem Sold ersparte er sich diszipliniert ein Haus, das er an seinen geliebten Bach, der Götzinger Ache, erbaute. Nach seiner Heirat mit Lilli Peschl wurde er Vater von drei Kindern, die er als liebevoller Vater in diesem Haus am Bach großzog.
In seinem ersten Beruf als Schlosser erkannte er rasch, dass er nicht seine Erfüllung war und er begann eine Beamtenlaufbahn bei der Grenzpolizei Laufen, wo er bald als gut gelaunter Grenzer bekannt wurde. Eine Hüfterkrankung machte ihn im Alter von nicht mal 55 Jahren zum Frühpensionär und schenkte ihm viel Zeit für seine Familie und die Radlausflüge in die Natur. 
Das einschneidendste Ereignis, nachdem seine Kinder erwachsen und von zu Hause ausgezogen waren, war allerdings der Tod seiner Frau Lilli, die er in ihrer Krankheit bis zum Ende in Liebe begleitet hatte.
In seinen eigenen letzten Jahren als Witwer schien es, als kehrte er in seiner Lebensweise zurück in seine Kindheit, seine Jugend. Ganz so wie in einem seiner Leitsprüche: „Ihr sollt werden wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich“. 
Er lebte alleine in seinem Haus, ganz einfach und bescheiden. Das was er hatte, verschenkte er, wie selbstverständlich, an Familie und Freunde. 
Er widmete sich leidenschaftlich seinem neuen Hobby, dem Binden von Naturkränzen und nutzte seine ausgedehnten Radtouren zum Sammeln von Materialien. Seine kunstvollen Kreationen spendete er für gute Zwecke oder verschenkte die Kränze an alle, die er mochte und die es ihm zu danken wussten. 
Der Wasti wurde nun zu dem Freigeist, der er immer war, den er aber lange unter den Konventionen der Gemeinschaft unterdrückt hatte. Er lebte so, wie es ihn glücklich machte. 
Er fuhr sonntags mit dem Rad nach Salzburg, lauschte der Musik während der Messe im Dom und stibitzte nachmittags im Schlosspark Klessheim einige Zweige für seine Kränze.
Er liebte die Salzburger Großstadtatmosphäre und war zuletzt Stammkunde in der Bibliothek Salzburg. Nachmittags saß er dann auf einem selbst konstruierten Floß auf der Ache, im Schatten der Bahnunterführung vor Anker liegend und las Fachbücher über Psychologie oder Bibliographien der Persönlichkeiten seiner Jugend.
Der Wasti nannte sich selbst gesellschaftsscheu, mochte keine großen Feiern und dennoch liebte er die Menschen, jeden einzeln für sich und pflegte intensive Freundschaften zu den Menschen, die ihn faszinierten, oder von denen er sich verstanden fühlte.
Natürlich hatte er noch Pläne. Er wollte seine Insel, auf die er so stolz war, zum schönsten Kleinod weit und breit ausbauen, er wollte noch einmal auf Reisen gehen und die kommenden Enkelkinder stundenlang spazieren fahren.
Natürlich ist sein plötzlicher Tod ein großer Verlust und ein Schock für alle, die ihn in seiner exzentrischen Art liebgewonnen hatten.
Aber, wenn wir in unsere Herzen horchen, dann wissen wir, dass der Wasti sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes erfüllt hat: Er hat erfüllend gelebt. Er hat die Aufgaben, die ihm Gott stellte, erfüllt.
Er war sich in seinen letzten Momenten bewusst, dass er sich in einer Situation befand, in der es um Leben und Tod ging. Er hinterließ auch beim Krankenhauspersonal einen tiefen Eindruck, als er sich mit seinem letzten Satz bei ihnen bedankte: „Danke für die liebevolle Pflege“, sagte er. Er war ganz ruhig und ohne Angst, als er für eine Notoperation in München vorbereitet wurde. 
Auf dem Weg zum Hubschrauber hörte sein Herz auf zu schlagen. Fast konnte man meinen, es sei sein Wille gewesen, friedlich einzuschlafen. 
Er starb an einem Riss im Herzen. 
So erfüllt sein Leben bis zuletzt war und so schmerzhaft und überraschend uns der Verlust erscheint: Letztendlich hat er sich nun wohl seinen größten Wunsch erfüllt: das Wiedersehen mit seiner geliebten Frau Lilli.

Und hier noch ein Text den ich damals geschrieben habe: http://schreibboheme.blogspot.de/2016/12/die-toten-auf-dem-rucksitz-1-pfeil-und.html