Donnerstag, 11. August 2016

Die digitale Boheme im Chiemgau

Mein 2007er - Ich

Holm Friebe und Sascha Lobo machten im Jahr 2005 mit ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ die digitale Boheme bekannt. Tenor des Buches war, dass mit den neuen Medien jeder es schaffen kann, auch ohne Festanstellung sich gut zu vernetzen, seine Arbeit bekannt zu machen und damit Geld zu verdienen.
Ich habe das Buch erst jetzt, über zehn Jahre später, in die Finger bekommen. Zehn Jahre, das sind in Sachen Internet ein Jahrhundert. Und auch wenn das Buch noch immer unterhaltsam und inspirierend ist, wirkt es aus einem Grund mehr als verstaubt: Facebook. 2005 war das soziale Netzwerk Nummer Eins noch „Xing“. Heute kaum vorstellbar.
Drehen wir die Zeit zurück und werfen einen Blick auf digitale Boheme in Traunstein. Besser gesagt, einem digitalen Boheme:
Warum gibts die Lokalisten nicht mehr?
Während Passig, Friebe, Lobo & Co. nicht nur gut schreiben, sondern auch programmieren konnten, warf ein Nachwuchsautor in Traunstein nach einigen HTML-Versuchen rasch das Handtuch. Internet, das war nix für ihn. Er stellte einen Text auf „e-stories.de“ und sorgte auf Sagen.at mit seinem Bericht über den Finstermann von Kirchanschöring für eine noch heute herumgeisternde Urban Legend... Das wars. 
Erst, als in kurzer Folge zunächst „studi VZ“, „Lokalisten“ und schließlich „Facebook“ wie aus dem Nichts auftauchten, begann er die Marketingmöglichkeiten des Internets wieder für sich auszunutzen. Mit einem Facebookprofil aus dem Jahr 2006 war er einer der ersten in Deutschland – zumindest im Chiemgau.
Auf myspace stellt er seine Kurzgeschichten, auf den Lokalisten bloggte er – als Fortsetzungsroman die Subkultur-Novelle „Glamorous Indie Rock’n Roll Girl“ und anschließend die ersten Kapitel der Kleinstadtrebellen. Er meldet sich mit einem Account als 21-jährige Ursel Obermaier an (Single) und seine Romanfigur bekommt Dutzende Dating-Anfragen.
Als Digitaler Boheme alles richtig gemacht. Oder?
Während in Berlin die „Zentrale Intelligenz Agentur“ entstand und man auf den Foren der „HöflichenPaparazzi“ seit Jahren gebloggt hatte, wirkten diese hilflosen Vernetzungsversuche sowas von 1999.
Wie die "Kleinstadtrebellen" begannen...
Heute, im Jahr 2016 habe sogar ich eine richtige Homepage, und ein Blog aber irgendwie fehlt das Netzwerk, um sich gegenseitig zu verbinden. Irgendwie gibt es in Traunstein keinen Sascha Lobo, nicht einmal einen Joachim Lottmann der sich mit mir verbinden möchte.

Im keine fünfzehn Kilometer entfernten Grassau ist es einer jungen Frau gelungen, die Sache ein wenig schlauer anzugehen: Ronja von Rönnes Blog „Sudelhelft“ war nicht nur wesentlich besser geschrieben, sie hat auch ziemlich rasch den Chiemgau verlassen, um an die literarisch wichtigen Orte zu gehen: Hildesheim, natürlich Berlin. Und wir, die traurige digitale Boheme Chiemgau, zu der neben mir auch noch der Firnwald und einige der Chiemgau-Autoren gehören, sitzen immer noch seufzend vor unseren Rechnern und fragen uns, wann es auch hier endlich 2005 wird.

Das Wolfgang Herrndorf – Universum

Wolfgang Herrndorfs Werdegang


Keine fünf Jahre hat es gedauert bis „Tschick“, wie von Kathrin Passig in einem Interview mit Wolfgang Herrndorf scherzhaft prophezeite, tatsächlich ein Schullektüren-Klassiker in deutschen Klassenzimmern geworden ist. Wolfgang Herrndorf ist nicht nur durch seinen frühen Tod 2013 zu einer legendären Figur der zeitgenössischen deutschen Literatur geworden.
Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die erste Biografie von Wolfgang Herrndorf erscheinen wird, zu bedeutend ist sein (Nach)Wirken auf die Literaturszene, auf die Zigtausenden Schüler, die seitdem gezwungen werden, sich nicht nur mit Autoren beschäftigen, die „hießen Goethe, Schiller, einer hieß Celan und einer Bachmann“ (Tschick- Outtakes), sondern auch mit einem, mit dem Namen „Herrndorf“
Ganz stimmt es nicht, dass es noch keine Biografie gibt: Herrndorf selbst hat mit seinem bewegenden Blog „Arbeit und Struktur“, das es auch als Buch gibt, dafür gesorgt, dass der Nachwelt jene biografischen Daten die er preisgeben wollte, erhalten geblieben ist. Vieles hat er vernichtet, allen voran seine Gemälde, Comics, Tagebücher, die unvollendeten Texte (auch ein begonnener Science Fiction Roman scheint zerstört worden zu sein). Für die nicht wenigen Literaturenthusiasten und Fans dieses Autors ein schmerzhafter Verlust. Für den Autor, der stets verfügt hat, „keine Germanistenscheiße“ in seine Werke hineininterpretieren zu lassen, nur konsequent.
Um den Autor und seine faszinierende Welt ein wenig besser zu verstehen, hat man immerhin das Internet zur Verfügung: Die wenigen Interviews und Texte seiner Freunde Passig, Holm Friebe, die Einträge in „Arbeit und Struktur“, die Sekundärliteratur befreundeter Autoren aus dem Umfeld der „Zentralen Intelligenz Agentur“ und den „Freundlichen Papparazzo“ helfen dabei, Mosaikstein auf Mosaikstein der Berliner Literaturszene der Nuller und beginnenden Zehnerjahre zusammenzusetzen.
In diesem Blog werde ich die kommende Zeit versuchen, alle Fakten und Fiktionen aus „Arbeit und Struktur“, Herrndorfs Bücher zusammenzutragen. Gerne dürft Ihr mir dabei helfen.
Ich beginne mit der Biografie von Wolfgang Herrndorf in die ich einige bisher wenig bekannte Ereignisse eingefügt habe:

Der Lebenslauf von Wolfgang Herrndorf


Geboren am 12. Juni 1965 in Hamburg

Aufgewachsen in Norderstedt

Besuch des Coppernicus-Gymnasiums

Zivildienst in einer Pfarrei

1986 halbes Jahr Praktikum Druckerei Wulf Offset

Achtziger Jahre: Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Hamburg
Karikaturist für Titanic

1995 lernt er Holm Friebe kennen. Auf einer Party von Holm Friebe schließlich Kathrin Passig mit der einige Zeit zusammen ist. Sie übt einen großen Einfluss auf ihn als Autor aus.

Arbeit bei den „Höflichen Paparazzi“, einem Internetforum

2002 erscheint „In Plüschgewittern“

2004 Publikumspreis beim „Bachmannpreis“ in Klagenfurt

2007 "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" 

2010 Im Februar Diagnose: Glioblastom (Gehirntumor) Beginn am Blog "Arbeit und Struktur"

2010 "Tschick"

2011 "Sand"

2013 26. August. Herrndorf kommt seinem Krebstod zuvor und bleibt „Herr im Haus“. Tod am Hohenzollernkanal.

2013 Post mortem: „Arbeit und Struktur“

2014 Post mortem: „Bilder deiner großen Liebe“ – Im Blog auch als „Isa“ betitelt.


Hier geht es weiter zu

Wolfgang Herrndorfs Netzwerk / Freundeskreis

Die Bücher die Herrndorf in Arbeit und Struktur erwähnt

Vom Maler zum Schriftsteller



PS:
Wer mich unterstützen möchte, darf mir gerne weitere Eckdaten nennen. Danke!

Montag, 8. August 2016

Rihanna in München Tage nach dem Terror

Rihanna hätte in Nizza gespielt. Am Tag nach dem Terroranschlag wurde das Konzert abgesagt. Und glaubt man den Münchner Boulevardmedien hat sie nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum auch ihr Zimmer in München abgesagt. Die Zeiten, in denen man ohne mulmiges Gefühl auf Großveranstaltungen geht sind längst vorbei. Was mir beim Rihanna-Konzert allerdings passiert ist, hat mich selber umgehauen.
Bitte fragt nicht, warum man, wenn man schon der Angst vor dem Terror trotzen will, ausgerechnet auf das Rihanna-Konzert geht, wenn es doch so viele andere gute Musiker auch noch gibt. Aber ich war da.
Es beginnt schon damit, dass die Parkplätze am Olympiapark alle besetzt waren. "Fahren sie zum OEZ, dort ist noch was frei." "OEZ" "Olympia-Einkaufszentrum". Aha, da war doch vor zwei Wochen was. Deshalb gibt's da noch so viele freie Plätze.
Olympiastadion München, eine hunderte Meter lange Schlange vor dem Einlass. Klar, es war angekündigt, dass schärfer kontrolliert wird als gewohnt. Aber stundenlang anstehen? Wir spazieren weiter zum Eingang Nord und seltsamerweise steht dort so gut wie niemand an. Eine Frau diskutiert mit dem Ordner, warum sie ihre Tasche nicht mit hinein nehmen darf. Die Tasche ist klein, aber nicht so klein wie das Quadrat auf das der Ordner zeigt. Auf die Größe kommt es diesmal an. Was die Größenauswahlkriterien waren ist nicht klar: Länge einer Kalaschnikow? Volumen von Sprengstoff, der keinen Schaden anrichtet? Jedenfalls fühlt man sich aufgrund der peniblen Kontrollen sicher. 
Und dann sitzt man im Stadion, schaut sich den Rapper Big Sean an, der Olympiaturm im Abendlicht. Und dahinter ein Flugzeug. Ein verdächtig niedrig über München fliegendes Flugzeug. Und auf einmal, ohne es zu wollen, geht das Kopfkino los: Das Flugzeug fliegt über das Olympiastadion, dreht eine Schleife, geht in den Sinkflug. Zehntausend Menschen schreien auf. Deckung! Wo Deckung suchen? Zwecklos. Das Flugzeug senkt sich in quälender Langsamkeit nach unten, panisch kreischende Menschen drängen sich Richtung Notausgänge. Die Securitys sehen machtlos zu. Ich öffne die Augen. Alles gut. Das Flugzeug ist weiter geflogen. Nichts passiert. Krass, was die Angst inzwischen mit einem machen kann.
Zurück zum Konzert: Rihanna kommt eine geschlagene Stunde zu spät. Starker Auftakt. Während alle auf die Bühne starren, steht sie auf einmal mitten in der Arena, spaziert durch den Mittelgang und beginnt mit starker Stimme und der Ballade "Stay". Danach wird es laut, es wird getanzt, die Bässe wummern und es fällt auf, dass Rihanna keinen Bock hat, ihre alten Songs zu spielen. Die neuen, die sie teilweise selbst geschrieben hat, performt sie hochmotiviert. Ihre alten Hits werden entweder gar nicht gespielt, oder als Medley zusammengemanscht. Als wolle sie ein Statement gegen die Hits ihres Karriereanfangs setzen, verweigert sie teils sogar dem Playback die Lippenbewegung. Ja, einige Songs werden Playback abgespielt. Die stärksten Momente sind deshalb die Balladen, die sie natürlich live singt. Höhepunkt "Diamonds in the sky", einem der wenigen intimen Momente als sie München direkt auf das "McDonalds-shooting" anspricht und die Fans bittet, mit ihren Smartphones Licht zu machen.
Und auf einmal ist die Show vorbei und kein einziger Zuschauer - außer ich, schreit "Zugabe". In Windeseile leert sich das Stadion. Was ist denn da los? Hab ich was verpasst? So schlecht war das Rihanna-Konzert dann auch wieder nicht. 
Aha, aus dem Internet erfährt man schließlich, dass Punkt 11 im Olympiastadion der Strom abgedreht wird. Wusste ich nicht. Rihanna wusste es scheinbar. Schade, hätte dann beim letzten Song vielleicht doch ein bisschen lauter geklatscht.

Freitag, 5. August 2016

Projekt Armut

Dispo, Dispo Partizani

Im zweiten Monat lebe ich nun bereits in absoluter Armut. Nein, Ihr braucht euch keine Sorgen um mich machen. Ich bin nicht in der Gosse gelandet oder so. Aber meine Frau hat mir die EC Karte abgenommen - erzieherische Maßnahme und so - ihr kennt das. Und seitdem ist es mir nicht nur einmal passiert, dass ich in der Stadt stand und nicht einmal genug Geld hatte, meinem enttäuschten Sohn eine Kugel Eis zu kaufen.
Es ist nur ein Experiment, aber eines mit ganz realen Konsequenzen. Beim Aldi muss ich die Preise der Waren wieder im Kopf überschlagen, vor dem Tanken muss der Geldbeutel geprüft werden, ob genug Bargeld da ist und einfach schnell wo Essen gehen ist auch nicht mehr drin. 
Hier liegt nun die Krux des Experimentes: Mir steht nur ein minimales Budget Bargeld zur Verfügung mit dem ich mein "Privatvergnügen", also Bücher, Restaurant, Hagebaumarkt zu finanzieren habe. 
Eine Weile hatte ich dennoch genügend Bargeld in der Tasche, weil ich jede Menge Bücher gegen Bargeld verkaufte... und das Geld sofort verjubelte. (Vielleicht ist dies der Grund, warum ich EC-Karten-Verbot erhalten habe)
Als der Bücherverkauf stagnierte überlegte ich, vorm Kaufland Leute anzuquatschen und sie anzuflehen, mir mein Buch abzukaufen, damit ich genügend Geld hätte, meinen Kindern essen zu kaufen. Armer Poet und so. Ich plante, darüber ein Blog zu schreiben und plötzlich berühmt zu werden, weil alle so viel Mitleid mit dem armen Irren vorm Kaufland haben würden, dass RTL und Fokus über mich berichteten. Aber das war mir dann doch zu doof.
Seitdem horte ich Pfandflaschen. Und wenn ich mir etwas gönnen will, bringe ich den Berg Plastikflaschen zum Aldi. Letztens konnte ich eine Kleinigkeit beim Chinesen damit finanzieren und es hat selten so gut geschmeckt.
Denn dies ist ein Nebeneffekt des Projektes: Geld hat wieder einen Wert bekommen. Wenn man kurz davor ist, in den Stadtbrunnen zu springen und die Münzen heraus zu fischen, um dem Kind ein Eis zu kaufen, weiß man, wie unerreichbar ein Euro sein kann. Natürlich, ich hätte ja Passanten anschnorren können. Aber mal ehrlich: Wer macht denn sowas? Dann schon lieber anflehen, sie sollen mein Buch kaufen.
"Selbstversorgergarten" heute
Schon vor zwei Jahren habe ich mich intensiv mit dem Thema Kapitalismus auseinandergesetzt, Thoreaus Walden gelesen und versucht, mich mit einem Balkongarten als Selbstversorger durchzuschlagen. Heute habe ich einen etwas größeren Garten (vielleicht ist ja dies der Grund, warum ich kein Budget mehr habe?) und bin um die Erfahrung reicher, dass Selbstversorgung utopisch ist, wenn man keine hundert Hektar Land besitzt. Und solange das Päckchen Rucola 99 Cent kostet und die gleiche Menge Rucola zum Einpflanzen beim Gartencenter 3,99 EUR, ahnt man die Milchmädchenrechnung.
Noch ein netter Nebeneffekt des Projekt Armuts: Man wertschätzt die günstigen Unterhaltungsmöglichkeiten: Bergsteigen. Radfahren. Sonnenuntergang am Balkon. Und solange ich mehr gute Bücher im Regal stehen habe als manche Dorfbücherei, kann ich mich an so manchen alten Klassiker erfreuen, der ansonsten ungelesen im Regal verstaubt wäre.

Wer den armen Schriftsteller dennoch unterstützen möchte, kauft unbedingt sein Buch:

Dienstag, 2. August 2016

Arbeit und Struktur 2.0

Bis in die Haarspitzen inspiriert. Lese wieder Arbeit und Struktur. Habe Herrndorfs Blog nicht mehr gelesen seit Daniels Tod. 
Einige der Medikamente, Studien und Therapien kenne ich inzwischen aus den Facebook Posts meiner Schwester in und auswendig. 
Es ist unheimlich, wie nah mein Leben dem von Herrndorf kurzzeitig gekommen ist. So vieles verstehe ich inzwischen, was damals nur unbestimmtes Grauen war. 
N. fragt mich, warum ich so besessen bin von Herrndorfs Welt. Ich frage, besessen im Sinne von 
- meinen zweiten Sohn nach Herrndorfs Freund zu benennen? 
Oder besessen im Sinne von 
- eineinhalb Jahre später Emails an Cornelius Reiber zu schreiben. Bin ich auf dem besten Weg dazu, Herrndorfs Freunde auf die Nerven zu gehen? 
Passig hat mich nie gereizt. Ebenso Sascha Lobo. Aber Cornelius. Und Holm. Wie Nebenakteure in einem Roman die man ebenso mochte wie den Held. 
Die Berlinbeschreibungen. Die Clique. Fußball am Abend. Eine Traumwelt. Immer wieder vergisst man das Glioblastom, vergisst man den Horror, weil das Leben so schön ist. 
Frage mich oft, was Daniel gefühlt hat. Ob er je das Gefühl hatte, die letzten zwei Jahre waren die besten. Daniel wusste nichts von Herrndorf. Er war kein Leser. Und ich bezweifle auch, dass er dieses Buch bemerkt hatte, das ich in seinem Wohnzimmer gelesen habe. Daniel war in jeder Hinsicht der Anti-Herrndorf. Gläubig, Familienvater, Handwerker. Es hat ihn, denke ich, noch heftiger erwischt als Herrndorf: Konnte von Anfang an kaum mehr sehen, bald nicht mehr gehen. Ich frage mich wirklich, ob er als Kranker überhaupt noch Glücksmomente hatte. 
Heute weiß ich, dass ich selber die letzten zwei Jahre emotional abgetötet war. Stumpfsinniges Leben in Angst. Habe das erste Jahr meines Sohnes verpasst, habe den Zauber eines neuen Zuhauses als bedrückend empfunden. Habe fast zwei Jahre nicht mehr lachen können, nicht mehr unbeschwert in der Sonne sitzen können. Ich war nur ein Angehöriger, aber es war die Hölle. Mir tut vieles so leid und es ist schrecklich, diese zwei Jahre verloren haben zu müssen. 
Wie muss es dann Daniel erst gegangen sein. Ich meine, er ist tot. Ich darf wieder lebendig sein. 
Herrndorf fragt sich in Arbeit und Struktur, ob er Todkranke ernst genommen hatte. Hatte er nicht. Und ich fürchte, ich auch nicht. Es muss schrecklich sein, von den anderen nur noch als Gespenst wahrgenommen zu werden. 
Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich Arbeit und Struktur wieder zur Hand nehmen konnte. Jetzt kann ich es nicht mehr aus der Hand legen. So viel Leben steckt dort drin. Ich will auch leben! Solange ich noch kann.

Weitere Texte zu Wolfgang Herrndorf:

Arbeit und Struktur - Wolfgang Herrndorfs Netzwerk




Mittwoch, 27. Juli 2016

Der wichtigste Kulturschaffende der Stadt

"Alois ist erleuchtet" - Teil XXII

Klar, es nervt unbeschreiblich, jedesmal wieder betonen zu müssen, dass ich einer der wichtigsten Kulturschaffenden dieser Kleinstadt bin. Erst neulich musste ich mich wieder dem Haifischbecken der Kulturpolitik unserer Stadtverwaltung stellen. Die besten Köpfe der hiesigen Künstler wurden geladen. Folgerichtig wurden neben mir auch der Landschaftskünstler Helmut Mühlbacher, Andi Auer von International Bohemia und irgendeine superberühmte Harfenistin, deren Namen ich mir nicht merken konnte, eingeladen. Ach ja, der Bürgermeister saß auch mit auf der Bühne. Der hatte aber nicht viel zu sagen, weil sich die Künstler ja erstmal alle sehr intensiv selbstdarstellen mussten. Zunächst jedenfalls. 
Das seltsame an diesem Abend war, dass eigentlich keine normalen Leute im Publikum saßen, sondern halt der Rest der Kulturschaffenden. Die anderen hatten wohl keinen Platz mehr auf der Bühne gehabt. Da waren die Malereiexpertinnen Löffler und Bader, die Betreiber der in shakespearescher Wucht verfeindeten Spielhäuser Fuchs und Enzensberger. Die Vertreter der Jungen Union, die das Ende der Güterhalle besiegelt hatten, der Regisseur Lay, der deshalb dort kein Theater mehr spielen darf und außerdem waren noch die ganzen Kleinstadtflaneure und Szenekenner da. Die waren aber weniger wegen uns Künstlern da, sondern weil sie dem Oberbürgermeister noch einige Fragen stellen wollten. 
Das haben sie kurz vor Veranstaltungsende auch getan und lustigerweise ist der Bürgermeister nach jeder Frage so aufgegangen, dass der Kleinstadt-Boulevardreporter Effner sich innerlich die Hände nur so wundgerieben und wohl sehr bedauert hat, dass es keine Kleinstadt-Version der Bild-Zeitung gibt. Er hätte für mindestens vier Ausgaben tolle, rot unterstrichene Ausrufezeichen-Schlagzeilen formulieren können. Warum sich der Bürgermeister so aufregte? Vielleicht war ihm die Podiumsdiskussion zu wenig kontrovers, jedenfalls ging es auf einmal um Facebook-Einträge, die Lügen verbreiteten und Theaterhäuser die Stimmungen machten und um authentische Bürgermeister die froh waren, keine geborenen Politiker sein zu müssen. Die Künstler auf der Bühne hörten sich die Vorwürfe aller Seiten dankbar an und brauchten sich um Inspiration für die nächsten Werke nicht zu sorgen. Ludwig Thoma hat sich in Traunstein, heißt es, auf ähnliche Weise inspirieren lassen. 
Apropos Inspiration und Kreativität: Die Harfenistin betonte, dass sie selbst keine Kunst erschaffe, sondern nur bereits vorhandene Noten handwerklich reproduziere. Dafür könne sie, anders wie die Hobby-Autoren auf der Bühne, davon leben. 
Ich zuckte mit den Schultern. "Ich stehe ja mehr auf Harfenmusik!", hatte einst Bud Spencer gesagt. Und an diesen Satz musste ich die ganze Zeit denken.  Und daran, ob der Bürgermeister mein satirisches Blog "Alois ist erleuchtet" vielleicht kannte und sich falsch dargestellt fühlte. Vielleicht hatte er aber auch gehört, dass in Büchern wie "Kleinstadtrebellen" oder "Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater" Bürgermeister von Kleinstädten naturgemäß nicht so gut wegkommen. 
Das Kasperltheater war dann nach kurzer Zeit und einigen letzten Staatsmännischen Statements schon wieder vorbei. Die Stimmung eher im Keller, obwohl wir ja unter dem Dach waren. In die Zeitung haben es trotzdem nur die Statements des Bürgermeisters geschafft. Vielleicht hätten wir Künstler doch ein wenig kontroverser diskutieren sollen...


Montag, 18. Juli 2016

Juli Zeh Unterleuten - der Roman des Jahres?

Juli Zeh - Unterleuten

Warum der Roman des Jahres nicht zwangsweise ein geniales Buch sein muss

Juli Zeh in Leipzig
Ja, Juli Zeh ist eine der Autorinnen, die mich stets gereizt haben, aber deren Bücher nach Lesen des Klappentextes stets wieder zurück auf den Bücherstapel gelegt wurden. Bei Unterleuten war das anders: Ein großer Gesellschaftsroman, der gleichzeitig mitten in der Provinz in Brandenburg spielt - interessant!
Ähnliches hatte sich vor einigen Jahren Norbert Niemann mit seinem "Willkommen neue Träume" vorgenommen. Bereits nach zwei, drei Kapiteln wurde spürbar, worin die große Stärke Juli Zehs besteht und woran sie im Vergleich zu anderen Literaten scheitert. 
Ist ihr das große Bild unserer Gesellschaft gelungen? In meinen Augen ja. Sie hat nicht nur die kämpfende, müde, scheiternde Kapitalismusgesellschaft unserer Zeit skizziert, sondern auch in Rückblenden analysiert, wie es trotz DDR und Sozialismus so weit kommen konnte.
Hat sie ein spannendes Buch geschrieben? Oh ja! Juli Zeh ist eine begnadete Plotterin! Das Buch zieht einen tatsächlich in seinen Bann und dieser Sog, den gute Bücher verursachen können, der lässt auch einen Langsamleser wie mich die über 600 Seiten verschlingen. Ein Grund ist neben dem interessanten Gesellschaftsbild die Art und Weise, wie Juli Zeh die Kapitel gegeneinander versetzt hat: Jedes Kapitel ist aus der personalen Sicht des jeweiligen Protagonisten erzählt: Gombrowski, der große Macher des Dorfes kommt ebenso zu Wort wie sein Erzfeind Kron, der überzeugte Kommunist. Man erfährt die Intentionen der aus der Stadt zugezogenen Vogelschützer und IT Spezialisten ebenso wie jene von Arne, dem netten Bürgermeister, der stets auf Ausglich und Kompromisse bedacht ist. Ganz großes Kino ist nun, wie oft man nach dem einen Kapitel und der subjektiven Sicht über die Taten von Person A entsetzt ist und schon im nächsten Kapitel, nachdem Person A seine Sicht der Dinge erläutern konnte, plötzlich Person B als den Übeltäter erkennt. Dies ist Juli Zeh gleich unzählige Male gelungen. Sie erinnert uns daran, wie subjektiv die Welt ist und dass selbst die größten Verbrecher sich ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen wissen. Oder anders gesagt: Unsere moderne Welt ist so kompliziert, dass es kein Schwarz und kein Weiß mehr gibt, sondern nur noch Grauschattierungen.
Eine weitere Stärke war in meinen Augen die wunderschöne Beschreibung der Natur, der Felder und Wälder, der großen Leere Brandenburgs. Man kann schon nachvollziehen, warum so viele Touristen nun in Juli Zehs Wohnort strömen, in der Hoffnung, ein Stück Unterleuten kennenzulernen. 
Warum ich das Buch dennoch für gelungen, aber nicht als literarisch grandios halte? 
Es gibt Bücher, die konsumiert man. Sie bereiten temporäre Kurzweil. Andere Bücher wirken nach, da sie über die Unterhaltung hinaus große Themen beinhalten und einem zum Nachdenken animieren. Zu dieser mittleren Kategorie zähle ich Unterleuten. Zur höchsten Kategorie, zu großer Literatur, hat es nicht gereicht. Unterleuten ist weder sprachlich herausragend – muss es auch nicht. Es ist aber auch kein Buch, das es in einem kribbeln lässt. Nabokov verortet dieses Kribbeln im Rückenmark: Ein Buch, das nicht nur unterhaltsam und schön zu lesen ist, sondern etwas im Unterbewusstsein bewegt. Ich habe vor und nach Unterleuten Bücher von Wolfgang Herrndorf und Thomas Glavinic gelesen und sofort gespürt, dass deren Literatur nachwirken wird. Juli Zeh hat glänzend unterhalten. Das Buch landet im Bücherschrank und wird, anders als die eben genannten Autoren, auch kein zweites Mal hervorgeholt. Womöglich ist Unterleuten schon jetzt das Buch des Jahres. Aber es ist mit Sicherheit nicht das Beste.
Um den guten Gesamteindruck des Buches nicht zu schmälern hier noch ein letzter, fast spoilerfreier Hinweis:
Der Schluss des Buches, an dem die große Hauptfigur Dombrowski maßgeblich beteiligt ist, sollte unter keinen Umständen verpasst werden!

Mehr über den Autor auf www.chiemgauseiten.de