Montag, 8. August 2016

Rihanna in München Tage nach dem Terror

Rihanna hätte in Nizza gespielt. Am Tag nach dem Terroranschlag wurde das Konzert abgesagt. Und glaubt man den Münchner Boulevardmedien hat sie nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum auch ihr Zimmer in München abgesagt. Die Zeiten, in denen man ohne mulmiges Gefühl auf Großveranstaltungen geht sind längst vorbei. Was mir beim Rihanna-Konzert allerdings passiert ist, hat mich selber umgehauen.
Bitte fragt nicht, warum man, wenn man schon der Angst vor dem Terror trotzen will, ausgerechnet auf das Rihanna-Konzert geht, wenn es doch so viele andere gute Musiker auch noch gibt. Aber ich war da.
Es beginnt schon damit, dass die Parkplätze am Olympiapark alle besetzt waren. "Fahren sie zum OEZ, dort ist noch was frei." "OEZ" "Olympia-Einkaufszentrum". Aha, da war doch vor zwei Wochen was. Deshalb gibt's da noch so viele freie Plätze.
Olympiastadion München, eine hunderte Meter lange Schlange vor dem Einlass. Klar, es war angekündigt, dass schärfer kontrolliert wird als gewohnt. Aber stundenlang anstehen? Wir spazieren weiter zum Eingang Nord und seltsamerweise steht dort so gut wie niemand an. Eine Frau diskutiert mit dem Ordner, warum sie ihre Tasche nicht mit hinein nehmen darf. Die Tasche ist klein, aber nicht so klein wie das Quadrat auf das der Ordner zeigt. Auf die Größe kommt es diesmal an. Was die Größenauswahlkriterien waren ist nicht klar: Länge einer Kalaschnikow? Volumen von Sprengstoff, der keinen Schaden anrichtet? Jedenfalls fühlt man sich aufgrund der peniblen Kontrollen sicher. 
Und dann sitzt man im Stadion, schaut sich den Rapper Big Sean an, der Olympiaturm im Abendlicht. Und dahinter ein Flugzeug. Ein verdächtig niedrig über München fliegendes Flugzeug. Und auf einmal, ohne es zu wollen, geht das Kopfkino los: Das Flugzeug fliegt über das Olympiastadion, dreht eine Schleife, geht in den Sinkflug. Zehntausend Menschen schreien auf. Deckung! Wo Deckung suchen? Zwecklos. Das Flugzeug senkt sich in quälender Langsamkeit nach unten, panisch kreischende Menschen drängen sich Richtung Notausgänge. Die Securitys sehen machtlos zu. Ich öffne die Augen. Alles gut. Das Flugzeug ist weiter geflogen. Nichts passiert. Krass, was die Angst inzwischen mit einem machen kann.
Zurück zum Konzert: Rihanna kommt eine geschlagene Stunde zu spät. Starker Auftakt. Während alle auf die Bühne starren, steht sie auf einmal mitten in der Arena, spaziert durch den Mittelgang und beginnt mit starker Stimme und der Ballade "Stay". Danach wird es laut, es wird getanzt, die Bässe wummern und es fällt auf, dass Rihanna keinen Bock hat, ihre alten Songs zu spielen. Die neuen, die sie teilweise selbst geschrieben hat, performt sie hochmotiviert. Ihre alten Hits werden entweder gar nicht gespielt, oder als Medley zusammengemanscht. Als wolle sie ein Statement gegen die Hits ihres Karriereanfangs setzen, verweigert sie teils sogar dem Playback die Lippenbewegung. Ja, einige Songs werden Playback abgespielt. Die stärksten Momente sind deshalb die Balladen, die sie natürlich live singt. Höhepunkt "Diamonds in the sky", einem der wenigen intimen Momente als sie München direkt auf das "McDonalds-shooting" anspricht und die Fans bittet, mit ihren Smartphones Licht zu machen.
Und auf einmal ist die Show vorbei und kein einziger Zuschauer - außer ich, schreit "Zugabe". In Windeseile leert sich das Stadion. Was ist denn da los? Hab ich was verpasst? So schlecht war das Rihanna-Konzert dann auch wieder nicht. 
Aha, aus dem Internet erfährt man schließlich, dass Punkt 11 im Olympiastadion der Strom abgedreht wird. Wusste ich nicht. Rihanna wusste es scheinbar. Schade, hätte dann beim letzten Song vielleicht doch ein bisschen lauter geklatscht.

Freitag, 5. August 2016

Projekt Armut

Dispo, Dispo Partizani

Im zweiten Monat lebe ich nun bereits in absoluter Armut. Nein, Ihr braucht euch keine Sorgen um mich machen. Ich bin nicht in der Gosse gelandet oder so. Aber meine Frau hat mir die EC Karte abgenommen - erzieherische Maßnahme und so - ihr kennt das. Und seitdem ist es mir nicht nur einmal passiert, dass ich in der Stadt stand und nicht einmal genug Geld hatte, meinem enttäuschten Sohn eine Kugel Eis zu kaufen.
Es ist nur ein Experiment, aber eines mit ganz realen Konsequenzen. Beim Aldi muss ich die Preise der Waren wieder im Kopf überschlagen, vor dem Tanken muss der Geldbeutel geprüft werden, ob genug Bargeld da ist und einfach schnell wo Essen gehen ist auch nicht mehr drin. 
Hier liegt nun die Krux des Experimentes: Mir steht nur ein minimales Budget Bargeld zur Verfügung mit dem ich mein "Privatvergnügen", also Bücher, Restaurant, Hagebaumarkt zu finanzieren habe. 
Eine Weile hatte ich dennoch genügend Bargeld in der Tasche, weil ich jede Menge Bücher gegen Bargeld verkaufte... und das Geld sofort verjubelte. (Vielleicht ist dies der Grund, warum ich EC-Karten-Verbot erhalten habe)
Als der Bücherverkauf stagnierte überlegte ich, vorm Kaufland Leute anzuquatschen und sie anzuflehen, mir mein Buch abzukaufen, damit ich genügend Geld hätte, meinen Kindern essen zu kaufen. Armer Poet und so. Ich plante, darüber ein Blog zu schreiben und plötzlich berühmt zu werden, weil alle so viel Mitleid mit dem armen Irren vorm Kaufland haben würden, dass RTL und Fokus über mich berichteten. Aber das war mir dann doch zu doof.
Seitdem horte ich Pfandflaschen. Und wenn ich mir etwas gönnen will, bringe ich den Berg Plastikflaschen zum Aldi. Letztens konnte ich eine Kleinigkeit beim Chinesen damit finanzieren und es hat selten so gut geschmeckt.
Denn dies ist ein Nebeneffekt des Projektes: Geld hat wieder einen Wert bekommen. Wenn man kurz davor ist, in den Stadtbrunnen zu springen und die Münzen heraus zu fischen, um dem Kind ein Eis zu kaufen, weiß man, wie unerreichbar ein Euro sein kann. Natürlich, ich hätte ja Passanten anschnorren können. Aber mal ehrlich: Wer macht denn sowas? Dann schon lieber anflehen, sie sollen mein Buch kaufen.
"Selbstversorgergarten" heute
Schon vor zwei Jahren habe ich mich intensiv mit dem Thema Kapitalismus auseinandergesetzt, Thoreaus Walden gelesen und versucht, mich mit einem Balkongarten als Selbstversorger durchzuschlagen. Heute habe ich einen etwas größeren Garten (vielleicht ist ja dies der Grund, warum ich kein Budget mehr habe?) und bin um die Erfahrung reicher, dass Selbstversorgung utopisch ist, wenn man keine hundert Hektar Land besitzt. Und solange das Päckchen Rucola 99 Cent kostet und die gleiche Menge Rucola zum Einpflanzen beim Gartencenter 3,99 EUR, ahnt man die Milchmädchenrechnung.
Noch ein netter Nebeneffekt des Projekt Armuts: Man wertschätzt die günstigen Unterhaltungsmöglichkeiten: Bergsteigen. Radfahren. Sonnenuntergang am Balkon. Und solange ich mehr gute Bücher im Regal stehen habe als manche Dorfbücherei, kann ich mich an so manchen alten Klassiker erfreuen, der ansonsten ungelesen im Regal verstaubt wäre.

Wer den armen Schriftsteller dennoch unterstützen möchte, kauft unbedingt sein Buch:

Dienstag, 2. August 2016

Arbeit und Struktur 2.0

Bis in die Haarspitzen inspiriert. Lese wieder Arbeit und Struktur. Habe Herrndorfs Blog nicht mehr gelesen seit Daniels Tod. 
Einige der Medikamente, Studien und Therapien kenne ich inzwischen aus den Facebook Posts meiner Schwester in und auswendig. 
Es ist unheimlich, wie nah mein Leben dem von Herrndorf kurzzeitig gekommen ist. So vieles verstehe ich inzwischen, was damals nur unbestimmtes Grauen war. 
N. fragt mich, warum ich so besessen bin von Herrndorfs Welt. Ich frage, besessen im Sinne von 
- meinen zweiten Sohn nach Herrndorfs Freund zu benennen? 
Oder besessen im Sinne von 
- eineinhalb Jahre später Emails an Cornelius Reiber zu schreiben. Bin ich auf dem besten Weg dazu, Herrndorfs Freunde auf die Nerven zu gehen? 
Passig hat mich nie gereizt. Ebenso Sascha Lobo. Aber Cornelius. Und Holm. Wie Nebenakteure in einem Roman die man ebenso mochte wie den Held. 
Die Berlinbeschreibungen. Die Clique. Fußball am Abend. Eine Traumwelt. Immer wieder vergisst man das Glioblastom, vergisst man den Horror, weil das Leben so schön ist. 
Frage mich oft, was Daniel gefühlt hat. Ob er je das Gefühl hatte, die letzten zwei Jahre waren die besten. Daniel wusste nichts von Herrndorf. Er war kein Leser. Und ich bezweifle auch, dass er dieses Buch bemerkt hatte, das ich in seinem Wohnzimmer gelesen habe. Daniel war in jeder Hinsicht der Anti-Herrndorf. Gläubig, Familienvater, Handwerker. Es hat ihn, denke ich, noch heftiger erwischt als Herrndorf: Konnte von Anfang an kaum mehr sehen, bald nicht mehr gehen. Ich frage mich wirklich, ob er als Kranker überhaupt noch Glücksmomente hatte. 
Heute weiß ich, dass ich selber die letzten zwei Jahre emotional abgetötet war. Stumpfsinniges Leben in Angst. Habe das erste Jahr meines Sohnes verpasst, habe den Zauber eines neuen Zuhauses als bedrückend empfunden. Habe fast zwei Jahre nicht mehr lachen können, nicht mehr unbeschwert in der Sonne sitzen können. Ich war nur ein Angehöriger, aber es war die Hölle. Mir tut vieles so leid und es ist schrecklich, diese zwei Jahre verloren haben zu müssen. 
Wie muss es dann Daniel erst gegangen sein. Ich meine, er ist tot. Ich darf wieder lebendig sein. 
Herrndorf fragt sich in Arbeit und Struktur, ob er Todkranke ernst genommen hatte. Hatte er nicht. Und ich fürchte, ich auch nicht. Es muss schrecklich sein, von den anderen nur noch als Gespenst wahrgenommen zu werden. 
Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich Arbeit und Struktur wieder zur Hand nehmen konnte. Jetzt kann ich es nicht mehr aus der Hand legen. So viel Leben steckt dort drin. Ich will auch leben! Solange ich noch kann.

Weitere Texte zu Wolfgang Herrndorf:

Arbeit und Struktur - Wolfgang Herrndorfs Netzwerk




Mittwoch, 27. Juli 2016

Der wichtigste Kulturschaffende der Stadt

"Alois ist erleuchtet" - Teil XXII

Klar, es nervt unbeschreiblich, jedesmal wieder betonen zu müssen, dass ich einer der wichtigsten Kulturschaffenden dieser Kleinstadt bin. Erst neulich musste ich mich wieder dem Haifischbecken der Kulturpolitik unserer Stadtverwaltung stellen. Die besten Köpfe der hiesigen Künstler wurden geladen. Folgerichtig wurden neben mir auch der Landschaftskünstler Helmut Mühlbacher, Andi Auer von International Bohemia und irgendeine superberühmte Harfenistin, deren Namen ich mir nicht merken konnte, eingeladen. Ach ja, der Bürgermeister saß auch mit auf der Bühne. Der hatte aber nicht viel zu sagen, weil sich die Künstler ja erstmal alle sehr intensiv selbstdarstellen mussten. Zunächst jedenfalls. 
Das seltsame an diesem Abend war, dass eigentlich keine normalen Leute im Publikum saßen, sondern halt der Rest der Kulturschaffenden. Die anderen hatten wohl keinen Platz mehr auf der Bühne gehabt. Da waren die Malereiexpertinnen Löffler und Bader, die Betreiber der in shakespearescher Wucht verfeindeten Spielhäuser Fuchs und Enzensberger. Die Vertreter der Jungen Union, die das Ende der Güterhalle besiegelt hatten, der Regisseur Lay, der deshalb dort kein Theater mehr spielen darf und außerdem waren noch die ganzen Kleinstadtflaneure und Szenekenner da. Die waren aber weniger wegen uns Künstlern da, sondern weil sie dem Oberbürgermeister noch einige Fragen stellen wollten. 
Das haben sie kurz vor Veranstaltungsende auch getan und lustigerweise ist der Bürgermeister nach jeder Frage so aufgegangen, dass der Kleinstadt-Boulevardreporter Effner sich innerlich die Hände nur so wundgerieben und wohl sehr bedauert hat, dass es keine Kleinstadt-Version der Bild-Zeitung gibt. Er hätte für mindestens vier Ausgaben tolle, rot unterstrichene Ausrufezeichen-Schlagzeilen formulieren können. Warum sich der Bürgermeister so aufregte? Vielleicht war ihm die Podiumsdiskussion zu wenig kontrovers, jedenfalls ging es auf einmal um Facebook-Einträge, die Lügen verbreiteten und Theaterhäuser die Stimmungen machten und um authentische Bürgermeister die froh waren, keine geborenen Politiker sein zu müssen. Die Künstler auf der Bühne hörten sich die Vorwürfe aller Seiten dankbar an und brauchten sich um Inspiration für die nächsten Werke nicht zu sorgen. Ludwig Thoma hat sich in Traunstein, heißt es, auf ähnliche Weise inspirieren lassen. 
Apropos Inspiration und Kreativität: Die Harfenistin betonte, dass sie selbst keine Kunst erschaffe, sondern nur bereits vorhandene Noten handwerklich reproduziere. Dafür könne sie, anders wie die Hobby-Autoren auf der Bühne, davon leben. 
Ich zuckte mit den Schultern. "Ich stehe ja mehr auf Harfenmusik!", hatte einst Bud Spencer gesagt. Und an diesen Satz musste ich die ganze Zeit denken.  Und daran, ob der Bürgermeister mein satirisches Blog "Alois ist erleuchtet" vielleicht kannte und sich falsch dargestellt fühlte. Vielleicht hatte er aber auch gehört, dass in Büchern wie "Kleinstadtrebellen" oder "Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater" Bürgermeister von Kleinstädten naturgemäß nicht so gut wegkommen. 
Das Kasperltheater war dann nach kurzer Zeit und einigen letzten Staatsmännischen Statements schon wieder vorbei. Die Stimmung eher im Keller, obwohl wir ja unter dem Dach waren. In die Zeitung haben es trotzdem nur die Statements des Bürgermeisters geschafft. Vielleicht hätten wir Künstler doch ein wenig kontroverser diskutieren sollen...


Montag, 18. Juli 2016

Juli Zeh Unterleuten - der Roman des Jahres?

Juli Zeh - Unterleuten

Warum der Roman des Jahres nicht zwangsweise ein geniales Buch sein muss

Juli Zeh in Leipzig
Ja, Juli Zeh ist eine der Autorinnen, die mich stets gereizt haben, aber deren Bücher nach Lesen des Klappentextes stets wieder zurück auf den Bücherstapel gelegt wurden. Bei Unterleuten war das anders: Ein großer Gesellschaftsroman, der gleichzeitig mitten in der Provinz in Brandenburg spielt - interessant!
Ähnliches hatte sich vor einigen Jahren Norbert Niemann mit seinem "Willkommen neue Träume" vorgenommen. Bereits nach zwei, drei Kapiteln wurde spürbar, worin die große Stärke Juli Zehs besteht und woran sie im Vergleich zu anderen Literaten scheitert. 
Ist ihr das große Bild unserer Gesellschaft gelungen? In meinen Augen ja. Sie hat nicht nur die kämpfende, müde, scheiternde Kapitalismusgesellschaft unserer Zeit skizziert, sondern auch in Rückblenden analysiert, wie es trotz DDR und Sozialismus so weit kommen konnte.
Hat sie ein spannendes Buch geschrieben? Oh ja! Juli Zeh ist eine begnadete Plotterin! Das Buch zieht einen tatsächlich in seinen Bann und dieser Sog, den gute Bücher verursachen können, der lässt auch einen Langsamleser wie mich die über 600 Seiten verschlingen. Ein Grund ist neben dem interessanten Gesellschaftsbild die Art und Weise, wie Juli Zeh die Kapitel gegeneinander versetzt hat: Jedes Kapitel ist aus der personalen Sicht des jeweiligen Protagonisten erzählt: Gombrowski, der große Macher des Dorfes kommt ebenso zu Wort wie sein Erzfeind Kron, der überzeugte Kommunist. Man erfährt die Intentionen der aus der Stadt zugezogenen Vogelschützer und IT Spezialisten ebenso wie jene von Arne, dem netten Bürgermeister, der stets auf Ausglich und Kompromisse bedacht ist. Ganz großes Kino ist nun, wie oft man nach dem einen Kapitel und der subjektiven Sicht über die Taten von Person A entsetzt ist und schon im nächsten Kapitel, nachdem Person A seine Sicht der Dinge erläutern konnte, plötzlich Person B als den Übeltäter erkennt. Dies ist Juli Zeh gleich unzählige Male gelungen. Sie erinnert uns daran, wie subjektiv die Welt ist und dass selbst die größten Verbrecher sich ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen wissen. Oder anders gesagt: Unsere moderne Welt ist so kompliziert, dass es kein Schwarz und kein Weiß mehr gibt, sondern nur noch Grauschattierungen.
Eine weitere Stärke war in meinen Augen die wunderschöne Beschreibung der Natur, der Felder und Wälder, der großen Leere Brandenburgs. Man kann schon nachvollziehen, warum so viele Touristen nun in Juli Zehs Wohnort strömen, in der Hoffnung, ein Stück Unterleuten kennenzulernen. 
Warum ich das Buch dennoch für gelungen, aber nicht als literarisch grandios halte? 
Es gibt Bücher, die konsumiert man. Sie bereiten temporäre Kurzweil. Andere Bücher wirken nach, da sie über die Unterhaltung hinaus große Themen beinhalten und einem zum Nachdenken animieren. Zu dieser mittleren Kategorie zähle ich Unterleuten. Zur höchsten Kategorie, zu großer Literatur, hat es nicht gereicht. Unterleuten ist weder sprachlich herausragend – muss es auch nicht. Es ist aber auch kein Buch, das es in einem kribbeln lässt. Nabokov verortet dieses Kribbeln im Rückenmark: Ein Buch, das nicht nur unterhaltsam und schön zu lesen ist, sondern etwas im Unterbewusstsein bewegt. Ich habe vor und nach Unterleuten Bücher von Wolfgang Herrndorf und Thomas Glavinic gelesen und sofort gespürt, dass deren Literatur nachwirken wird. Juli Zeh hat glänzend unterhalten. Das Buch landet im Bücherschrank und wird, anders als die eben genannten Autoren, auch kein zweites Mal hervorgeholt. Womöglich ist Unterleuten schon jetzt das Buch des Jahres. Aber es ist mit Sicherheit nicht das Beste.
Um den guten Gesamteindruck des Buches nicht zu schmälern hier noch ein letzter, fast spoilerfreier Hinweis:
Der Schluss des Buches, an dem die große Hauptfigur Dombrowski maßgeblich beteiligt ist, sollte unter keinen Umständen verpasst werden!

Mehr über den Autor auf www.chiemgauseiten.de

Samstag, 11. Juni 2016

Buchvorstellung im LadenBergen

Erste Lesung von "Sterne sieht man nur bei Nacht"

Der LadenBergen ist ja unbestritten der coolste Musik- und Klamottenladen im Chiemgau, deshalb war es auch völlig klar, dass ich dort auch den Book-Release meines zweiten Romans "Sterne sieht man nur bei Nacht" feiern würde. 
Denn der LadenBergen bot die Garantie, dass - sollte sich auch diesmal kein einziger der Chiemgauer Kulturszene blicken lassen - zumindest die nicht weniger interessierten Damen und Herren von Andis Laufkundschaft da sein würden.
Um was geht es eigentlich?
„Sterne sieht man nur bei Nacht“ ist ein "coming of age" Roman und handelt vom 26 jährigen Hans, der sich nach dem Studium gerade endgültig vom Elternhaus abgenabelt hat und ein neues Leben in einer Chiemgauer Kleinstadt beginnt, als er erfährt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt ist. 
Ernstes Thema, aber ganz so unlustig ist das Buch zum Glück nicht.
Um ein Haar wäre es fast tatsächlich so gekommen, dass ich vor leeren Stuhlreihen lesen musste -  es schüttete aus sämtlichen Kübeln und nicht einmal die Bergener Flüchtlinge von gegenüber, bekanntlich haus- und unterkunftslos, machten Anstalten, herüberzukommen. Erst am nächsten Tag war aus der Zeitung zu entnehmen, dass der Herr, der während meiner Lesung wild gestikulierend auf die Männer einredete, der Bürgermeister war, der die Flüchtlings-Rebellen zur Aufgabe ihres Staatswiderstands überredete. 
Doch zurück zur schönsten Nebensache der Welt, der Lesung: Ein erstes Mal vor Publikum gelesen, kristallisierten sich zwei überraschende Erkenntnisse zu meinem Buch heraus:
1. Der Anfang ist - gähn - eher langweilig!
2. Die beiden Festivalkapitel sind derart lustig, dass man kaum glauben kann, dass das Buch über den Tod handelt.
Heißt, es wurde im Publikum richtig viel gelacht, dass es als Vorleser gar nicht so einfach war, nicht lauthals mitzulachen. Womöglich fanden die Zuhörer die Kapitel auch deshalb so lustig, weil einige von ihnen berühmt- berüchtigte Veteranen der Festival-Szene sind, die sowohl das Im Grünen Festival Kirchanschöring als auch das South Side aus dem FF kennen und so manch beschriebene Szene wohl selbst schon erlebt hatten.
Erkenntnis Drei will ich ebenfalls nicht vorenthalten:
3. Wenn auf einer Lesung so viel gelacht wird, darf man diese NICHT mit einem traurigen Teil abschließen, will man nicht ganz bewusst in erschütterte, niedergeschlagene, ergriffene Gesichter blicken. 
Sollte man diesen Fehler dennoch begehen, muss man 
4. als Zugabe unbedingt noch einen lustigen Abschnitt aus dem Blog vorlesen. 
Die fünf Damen vom Elternbeirat des Bergener Kindergartens konnte ich aber auch mit dem Elterntagebuch nicht zum Kauf meines Buches überreden.
Und um noch einmal einen Bezug zu den Bergener Flüchtlingen herzustellen: Auf wessen Seite der Autor der "Kleinstadtrebellen" steht und auf wessen nicht, braucht hier hoffentlich nicht betont zu werden. Dennoch sei nicht unerwähnt, dass das Haus Steffen in Kühnhausen, in das die Flüchtlinge tags darauf umziehen mussten, in der Tat eines der schönsten am Waginger See ist: Es war nämlich das erste Haus, das damals der Zimmerermeister Hans Straßer gebaut hat. Mein Großvater. Aber das ist eine andere Geschichte, die es hoffentlich ebenfalls einmal als Buch gibt!


Bestellen kann man das Buch auf Amazon

Hier noch eine kurze Impression, wie sich das neue Buch so anhört:

Mittwoch, 1. Juni 2016

Wie ich dem Chiemgau Ronja von Rönne näherbringen wollte und halb wahnsinnig wurde

Das muss man sich mal vorstellen: Der Lieblingsstar lädt nicht nur zur Lesung ein, sondern direkt zu sich nach Hause auf eine Grillparty! Ronja von Rönne mal nicht bei Böhmermann oder Bachmannpreis, sondern ein "Meet and greet" privat im Garten der Familie! Nichts geringeres durfte ich den Literaturfreunden im Chiemgau anbieten. 
In Berlin Mitte hätten sich die Feuilletonleser gegenseitig Messer in die Rücken gerammt, um dabei sein zu dürfen. Und auch ich war mir sicher, die Leute werden auf Wochen mein Telefon lahmlegen, um sich einen freien Platz im Garten der von Rönnes zu sichern. 
Doch sind wir nicht in Berlin, sondern im Chiemgau... Vielleicht muss es so sein, dass man in der Heimat des Künstlers auf müdes Schulterzucken stößt und verzweifelt herumtelefonieren muss, um wenigstens zehn nette Menschen zu finden, die freiwillig auf eine Lesung einer Nachwuchsautorin aus dem Nachbardorf gehen. "Ronja von Rönne? Wer ist das?" "Nee, die Ronja kenn ich noch von früher, nicht so mein Fall" (vermutlich vom Kaufland) "Klar komm ich. Ach so am Samstag? Da ist doch Champions League Finale!" 
Sowohl "Wir kommen", als auch Sudelheft, sogar die Feminismus-Debatte hat ein ganzer Landstrich im tiefsten Oberbayern komplett verschlafen.
Nachdem ich ein Foto der Autorin postete, sagten doch noch 15 zu, von denen die Hälfte schließlich tatsächlich kam. Der Rest dachte, die Lesung sei am Sonntag, fuhr nach Traunstein oder fand das Haus der von Rönnes nicht. 

Sie verpassten Ronja von Rönnes schönste Lesung. 

Abendsonne, Vogelzwitschern, ein Pavillon im Grünen und eine gutgelaunte Autorin, die ein erstes Mal nur vor Familie und Freunden las. 
Ich selber verpasste sie allerdings auch. Ich hatte meine zwei aufgeweckten Jungs dabei. Der Kleinere stinkte gleich beim ersten Kapitel von "Wir kommen" die Hose voll und nutzte auch anschließend jede Gelegenheit, um Ronjas Lesung mit seinem neuesten gelernten Wort zu boykottieren: "Ohnein!" 
Ronja las aus dem Sudelheft: "Ohnein!" Ronja las das Kauflandkapitel aus Wir kommen: "Ohnein!" Der Größere hörte eine Weile andächtig, fast verschreckt zu. Als ihm klar wurde, dass Ronja zwar den kleinen Prinz erwähnt, aber keine Anstalten machte, Kindergeschichten vorzulesen, wandte auch er sich dem kindlichen Krawallmachen zu. Während zwei Elternteile verzweifelt versuchten, den Krach der Kinder auf Lesungsniveau zu dämpfen, rief eine Chiemgau Autorin zum vierten Mal an, um mir mitzuteilen, dass es besagte Adresse in Grassau nicht gäbe. Wir mussten wohl alle am falschen Ort sein. 
Nach der Lesung wurde gegrillt und getrunken. Doch bevor ich endlich einmal mit meiner Lieblingsautorin eine Flasche Wein runterkippen konnte, musste der Kleine noch irgendwie in den Schlaf gewagelt werden. Nach einer Stunde gab ich auf. Ich kannte inzwischen den großen Garten auswendig, im Rasen war die Spuren meiner Wagelrunden zu sehen. Aus der Ferne sah ich zu, wie viel Spaß alle an Ronjas Tisch hatten und kurz dachte ich daran, dass es doch am wichtigsten ist, zwei glückliche Kinder zu haben. 
Natürlich war mir klar, dass dieser Satz und diese Situation ebensogut im ironiedurchzogenen "Wir kommen" hätte stehen können.