Mittwoch, 27. Juli 2016

Der wichtigste Kulturschaffende der Stadt

"Alois ist erleuchtet" - Teil XXII

Klar, es nervt unbeschreiblich, jedesmal wieder betonen zu müssen, dass ich einer der wichtigsten Kulturschaffenden dieser Kleinstadt bin. Erst neulich musste ich mich wieder dem Haifischbecken der Kulturpolitik unserer Stadtverwaltung stellen. Die besten Köpfe der hiesigen Künstler wurden geladen. Folgerichtig wurden neben mir auch der Landschaftskünstler Helmut Mühlbacher, Andi Auer von International Bohemia und irgendeine superberühmte Harfenistin, deren Namen ich mir nicht merken konnte, eingeladen. Ach ja, der Bürgermeister saß auch mit auf der Bühne. Der hatte aber nicht viel zu sagen, weil sich die Künstler ja erstmal alle sehr intensiv selbstdarstellen mussten. Zunächst jedenfalls. 
Das seltsame an diesem Abend war, dass eigentlich keine normalen Leute im Publikum saßen, sondern halt der Rest der Kulturschaffenden. Die anderen hatten wohl keinen Platz mehr auf der Bühne gehabt. Da waren die Malereiexpertinnen Löffler und Bader, die Betreiber der in shakespearescher Wucht verfeindeten Spielhäuser Fuchs und Enzensberger. Die Vertreter der Jungen Union, die das Ende der Güterhalle besiegelt hatten, der Regisseur Lay, der deshalb dort kein Theater mehr spielen darf und außerdem waren noch die ganzen Kleinstadtflaneure und Szenekenner da. Die waren aber weniger wegen uns Künstlern da, sondern weil sie dem Oberbürgermeister noch einige Fragen stellen wollten. 
Das haben sie kurz vor Veranstaltungsende auch getan und lustigerweise ist der Bürgermeister nach jeder Frage so aufgegangen, dass der Kleinstadt-Boulevardreporter Effner sich innerlich die Hände nur so wundgerieben und wohl sehr bedauert hat, dass es keine Kleinstadt-Version der Bild-Zeitung gibt. Er hätte für mindestens vier Ausgaben tolle, rot unterstrichene Ausrufezeichen-Schlagzeilen formulieren können. Warum sich der Bürgermeister so aufregte? Vielleicht war ihm die Podiumsdiskussion zu wenig kontrovers, jedenfalls ging es auf einmal um Facebook-Einträge, die Lügen verbreiteten und Theaterhäuser die Stimmungen machten und um authentische Bürgermeister die froh waren, keine geborenen Politiker sein zu müssen. Die Künstler auf der Bühne hörten sich die Vorwürfe aller Seiten dankbar an und brauchten sich um Inspiration für die nächsten Werke nicht zu sorgen. Ludwig Thoma hat sich in Traunstein, heißt es, auf ähnliche Weise inspirieren lassen. 
Apropos Inspiration und Kreativität: Die Harfenistin betonte, dass sie selbst keine Kunst erschaffe, sondern nur bereits vorhandene Noten handwerklich reproduziere. Dafür könne sie, anders wie die Hobby-Autoren auf der Bühne, davon leben. 
Ich zuckte mit den Schultern. "Ich stehe ja mehr auf Harfenmusik!", hatte einst Bud Spencer gesagt. Und an diesen Satz musste ich die ganze Zeit denken.  Und daran, ob der Bürgermeister mein satirisches Blog "Alois ist erleuchtet" vielleicht kannte und sich falsch dargestellt fühlte. Vielleicht hatte er aber auch gehört, dass in Büchern wie "Kleinstadtrebellen" oder "Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater" Bürgermeister von Kleinstädten naturgemäß nicht so gut wegkommen. 
Das Kasperltheater war dann nach kurzer Zeit und einigen letzten Staatsmännischen Statements schon wieder vorbei. Die Stimmung eher im Keller, obwohl wir ja unter dem Dach waren. In die Zeitung haben es trotzdem nur die Statements des Bürgermeisters geschafft. Vielleicht hätten wir Künstler doch ein wenig kontroverser diskutieren sollen...


Montag, 18. Juli 2016

Juli Zeh Unterleuten - der Roman des Jahres?

Juli Zeh - Unterleuten

Warum der Roman des Jahres nicht zwangsweise ein geniales Buch sein muss

Juli Zeh in Leipzig
Ja, Juli Zeh ist eine der Autorinnen, die mich stets gereizt haben, aber deren Bücher nach Lesen des Klappentextes stets wieder zurück auf den Bücherstapel gelegt wurden. Bei Unterleuten war das anders: Ein großer Gesellschaftsroman, der gleichzeitig mitten in der Provinz in Brandenburg spielt - interessant!
Ähnliches hatte sich vor einigen Jahren Norbert Niemann mit seinem "Willkommen neue Träume" vorgenommen. Bereits nach zwei, drei Kapiteln wurde spürbar, worin die große Stärke Juli Zehs besteht und woran sie im Vergleich zu anderen Literaten scheitert. 
Ist ihr das große Bild unserer Gesellschaft gelungen? In meinen Augen ja. Sie hat nicht nur die kämpfende, müde, scheiternde Kapitalismusgesellschaft unserer Zeit skizziert, sondern auch in Rückblenden analysiert, wie es trotz DDR und Sozialismus so weit kommen konnte.
Hat sie ein spannendes Buch geschrieben? Oh ja! Juli Zeh ist eine begnadete Plotterin! Das Buch zieht einen tatsächlich in seinen Bann und dieser Sog, den gute Bücher verursachen können, der lässt auch einen Langsamleser wie mich die über 600 Seiten verschlingen. Ein Grund ist neben dem interessanten Gesellschaftsbild die Art und Weise, wie Juli Zeh die Kapitel gegeneinander versetzt hat: Jedes Kapitel ist aus der personalen Sicht des jeweiligen Protagonisten erzählt: Gombrowski, der große Macher des Dorfes kommt ebenso zu Wort wie sein Erzfeind Kron, der überzeugte Kommunist. Man erfährt die Intentionen der aus der Stadt zugezogenen Vogelschützer und IT Spezialisten ebenso wie jene von Arne, dem netten Bürgermeister, der stets auf Ausglich und Kompromisse bedacht ist. Ganz großes Kino ist nun, wie oft man nach dem einen Kapitel und der subjektiven Sicht über die Taten von Person A entsetzt ist und schon im nächsten Kapitel, nachdem Person A seine Sicht der Dinge erläutern konnte, plötzlich Person B als den Übeltäter erkennt. Dies ist Juli Zeh gleich unzählige Male gelungen. Sie erinnert uns daran, wie subjektiv die Welt ist und dass selbst die größten Verbrecher sich ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen wissen. Oder anders gesagt: Unsere moderne Welt ist so kompliziert, dass es kein Schwarz und kein Weiß mehr gibt, sondern nur noch Grauschattierungen.
Eine weitere Stärke war in meinen Augen die wunderschöne Beschreibung der Natur, der Felder und Wälder, der großen Leere Brandenburgs. Man kann schon nachvollziehen, warum so viele Touristen nun in Juli Zehs Wohnort strömen, in der Hoffnung, ein Stück Unterleuten kennenzulernen. 
Warum ich das Buch dennoch für gelungen, aber nicht als literarisch grandios halte? 
Es gibt Bücher, die konsumiert man. Sie bereiten temporäre Kurzweil. Andere Bücher wirken nach, da sie über die Unterhaltung hinaus große Themen beinhalten und einem zum Nachdenken animieren. Zu dieser mittleren Kategorie zähle ich Unterleuten. Zur höchsten Kategorie, zu großer Literatur, hat es nicht gereicht. Unterleuten ist weder sprachlich herausragend – muss es auch nicht. Es ist aber auch kein Buch, das es in einem kribbeln lässt. Nabokov verortet dieses Kribbeln im Rückenmark: Ein Buch, das nicht nur unterhaltsam und schön zu lesen ist, sondern etwas im Unterbewusstsein bewegt. Ich habe vor und nach Unterleuten Bücher von Wolfgang Herrndorf und Thomas Glavinic gelesen und sofort gespürt, dass deren Literatur nachwirken wird. Juli Zeh hat glänzend unterhalten. Das Buch landet im Bücherschrank und wird, anders als die eben genannten Autoren, auch kein zweites Mal hervorgeholt. Womöglich ist Unterleuten schon jetzt das Buch des Jahres. Aber es ist mit Sicherheit nicht das Beste.
Um den guten Gesamteindruck des Buches nicht zu schmälern hier noch ein letzter, fast spoilerfreier Hinweis:
Der Schluss des Buches, an dem die große Hauptfigur Dombrowski maßgeblich beteiligt ist, sollte unter keinen Umständen verpasst werden!

Mehr über den Autor auf www.chiemgauseiten.de

Samstag, 11. Juni 2016

Buchvorstellung im LadenBergen

Erste Lesung von "Sterne sieht man nur bei Nacht"

Der LadenBergen ist ja unbestritten der coolste Musik- und Klamottenladen im Chiemgau, deshalb war es auch völlig klar, dass ich dort auch den Book-Release meines zweiten Romans "Sterne sieht man nur bei Nacht" feiern würde. 
Denn der LadenBergen bot die Garantie, dass - sollte sich auch diesmal kein einziger der Chiemgauer Kulturszene blicken lassen - zumindest die nicht weniger interessierten Damen und Herren von Andis Laufkundschaft da sein würden.
Um was geht es eigentlich?
„Sterne sieht man nur bei Nacht“ ist ein "coming of age" Roman und handelt vom 26 jährigen Hans, der sich nach dem Studium gerade endgültig vom Elternhaus abgenabelt hat und ein neues Leben in einer Chiemgauer Kleinstadt beginnt, als er erfährt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt ist. 
Ernstes Thema, aber ganz so unlustig ist das Buch zum Glück nicht.
Um ein Haar wäre es fast tatsächlich so gekommen, dass ich vor leeren Stuhlreihen lesen musste -  es schüttete aus sämtlichen Kübeln und nicht einmal die Bergener Flüchtlinge von gegenüber, bekanntlich haus- und unterkunftslos, machten Anstalten, herüberzukommen. Erst am nächsten Tag war aus der Zeitung zu entnehmen, dass der Herr, der während meiner Lesung wild gestikulierend auf die Männer einredete, der Bürgermeister war, der die Flüchtlings-Rebellen zur Aufgabe ihres Staatswiderstands überredete. 
Doch zurück zur schönsten Nebensache der Welt, der Lesung: Ein erstes Mal vor Publikum gelesen, kristallisierten sich zwei überraschende Erkenntnisse zu meinem Buch heraus:
1. Der Anfang ist - gähn - eher langweilig!
2. Die beiden Festivalkapitel sind derart lustig, dass man kaum glauben kann, dass das Buch über den Tod handelt.
Heißt, es wurde im Publikum richtig viel gelacht, dass es als Vorleser gar nicht so einfach war, nicht lauthals mitzulachen. Womöglich fanden die Zuhörer die Kapitel auch deshalb so lustig, weil einige von ihnen berühmt- berüchtigte Veteranen der Festival-Szene sind, die sowohl das Im Grünen Festival Kirchanschöring als auch das South Side aus dem FF kennen und so manch beschriebene Szene wohl selbst schon erlebt hatten.
Erkenntnis Drei will ich ebenfalls nicht vorenthalten:
3. Wenn auf einer Lesung so viel gelacht wird, darf man diese NICHT mit einem traurigen Teil abschließen, will man nicht ganz bewusst in erschütterte, niedergeschlagene, ergriffene Gesichter blicken. 
Sollte man diesen Fehler dennoch begehen, muss man 
4. als Zugabe unbedingt noch einen lustigen Abschnitt aus dem Blog vorlesen. 
Die fünf Damen vom Elternbeirat des Bergener Kindergartens konnte ich aber auch mit dem Elterntagebuch nicht zum Kauf meines Buches überreden.
Und um noch einmal einen Bezug zu den Bergener Flüchtlingen herzustellen: Auf wessen Seite der Autor der "Kleinstadtrebellen" steht und auf wessen nicht, braucht hier hoffentlich nicht betont zu werden. Dennoch sei nicht unerwähnt, dass das Haus Steffen in Kühnhausen, in das die Flüchtlinge tags darauf umziehen mussten, in der Tat eines der schönsten am Waginger See ist: Es war nämlich das erste Haus, das damals der Zimmerermeister Hans Straßer gebaut hat. Mein Großvater. Aber das ist eine andere Geschichte, die es hoffentlich ebenfalls einmal als Buch gibt!


Bestellen kann man das Buch auf Amazon

Hier noch eine kurze Impression, wie sich das neue Buch so anhört:

Mittwoch, 1. Juni 2016

Wie ich dem Chiemgau Ronja von Rönne näherbringen wollte und halb wahnsinnig wurde

Das muss man sich mal vorstellen: Der Lieblingsstar lädt nicht nur zur Lesung ein, sondern direkt zu sich nach Hause auf eine Grillparty! Ronja von Rönne mal nicht bei Böhmermann oder Bachmannpreis, sondern ein "Meet and greet" privat im Garten der Familie! Nichts geringeres durfte ich den Literaturfreunden im Chiemgau anbieten. 
In Berlin Mitte hätten sich die Feuilletonleser gegenseitig Messer in die Rücken gerammt, um dabei sein zu dürfen. Und auch ich war mir sicher, die Leute werden auf Wochen mein Telefon lahmlegen, um sich einen freien Platz im Garten der von Rönnes zu sichern. 
Doch sind wir nicht in Berlin, sondern im Chiemgau... Vielleicht muss es so sein, dass man in der Heimat des Künstlers auf müdes Schulterzucken stößt und verzweifelt herumtelefonieren muss, um wenigstens zehn nette Menschen zu finden, die freiwillig auf eine Lesung einer Nachwuchsautorin aus dem Nachbardorf gehen. "Ronja von Rönne? Wer ist das?" "Nee, die Ronja kenn ich noch von früher, nicht so mein Fall" (vermutlich vom Kaufland) "Klar komm ich. Ach so am Samstag? Da ist doch Champions League Finale!" 
Sowohl "Wir kommen", als auch Sudelheft, sogar die Feminismus-Debatte hat ein ganzer Landstrich im tiefsten Oberbayern komplett verschlafen.
Nachdem ich ein Foto der Autorin postete, sagten doch noch 15 zu, von denen die Hälfte schließlich tatsächlich kam. Der Rest dachte, die Lesung sei am Sonntag, fuhr nach Traunstein oder fand das Haus der von Rönnes nicht. 

Sie verpassten Ronja von Rönnes schönste Lesung. 

Abendsonne, Vogelzwitschern, ein Pavillon im Grünen und eine gutgelaunte Autorin, die ein erstes Mal nur vor Familie und Freunden las. 
Ich selber verpasste sie allerdings auch. Ich hatte meine zwei aufgeweckten Jungs dabei. Der Kleinere stinkte gleich beim ersten Kapitel von "Wir kommen" die Hose voll und nutzte auch anschließend jede Gelegenheit, um Ronjas Lesung mit seinem neuesten gelernten Wort zu boykottieren: "Ohnein!" 
Ronja las aus dem Sudelheft: "Ohnein!" Ronja las das Kauflandkapitel aus Wir kommen: "Ohnein!" Der Größere hörte eine Weile andächtig, fast verschreckt zu. Als ihm klar wurde, dass Ronja zwar den kleinen Prinz erwähnt, aber keine Anstalten machte, Kindergeschichten vorzulesen, wandte auch er sich dem kindlichen Krawallmachen zu. Während zwei Elternteile verzweifelt versuchten, den Krach der Kinder auf Lesungsniveau zu dämpfen, rief eine Chiemgau Autorin zum vierten Mal an, um mir mitzuteilen, dass es besagte Adresse in Grassau nicht gäbe. Wir mussten wohl alle am falschen Ort sein. 
Nach der Lesung wurde gegrillt und getrunken. Doch bevor ich endlich einmal mit meiner Lieblingsautorin eine Flasche Wein runterkippen konnte, musste der Kleine noch irgendwie in den Schlaf gewagelt werden. Nach einer Stunde gab ich auf. Ich kannte inzwischen den großen Garten auswendig, im Rasen war die Spuren meiner Wagelrunden zu sehen. Aus der Ferne sah ich zu, wie viel Spaß alle an Ronjas Tisch hatten und kurz dachte ich daran, dass es doch am wichtigsten ist, zwei glückliche Kinder zu haben. 
Natürlich war mir klar, dass dieser Satz und diese Situation ebensogut im ironiedurchzogenen "Wir kommen" hätte stehen können. 

Freitag, 13. Mai 2016

Die Kleinstadtrebellen in der Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement Dr. Kalscheuer

Die Elfte  und die Kleinstadtrebellen



Sie wurden gezwungen, das Buch zu lesen: Die 11. der Fachschule
Tourismus Dr. Kalscheuer
Goethe und Schiller waren gerade aus. Deshalb beschloss Veronika Hümmer, Deutschlehrerin der Elften an der HOT, als Schullektüre einen regionalen Autoren zu fördern - MICH!
Vielleicht muss man dazu sagen, dass in den "Kleinstadtrebellen" Papstbüsten beschmiert, stinkende Fleischsäcke abgelegt und schlechte Bars mit Eiern beworfen werden. Zudem werden CSU Bürgermeister und Kleinstadtpolizisten nicht immer zu ihrem Vorteil dargestellt. Also eine denkbar ungeeignete Lektüre, man hätte ebensogut "Die Lümmel von der ersten Bank" oder "Fack Ju Goethe" im Unterricht
zeigen können. 
Um so gespannter war ich, welche Fragen sie mir stellen würden. Und sie machten ihre Sache verdammt gut. Denn gleich als erstes fragten sie: "Was wurde aus Elfriede dem Huhn?" Und trotz festem Vorsatz, auf gar keinen Fall aus dem Nähkästchen zu plaudern, schuf die raffinierte Schulklasse eine so entspannte Atmosphäre, dass ich alles, wirklich ALLES erzählte: Wie Elfriede auf Sankt Pauli den Kopf verlor, wie Gorillas über den Stadtplatz fetzten, die wahre Geschichte des Fleischsackes und verriet sogar, wer die echte Greta war.
Das Beziehungsgeflecht der Kleinstadtrebellen entwirrt
Natürlich tat ich all das nur im Dienste der Literatur um anhand dieser Realbeispiele aufzeigen zu können, dass ein Romanerzähler und Literatur immer fiktiv sind, sein müssen, auch wenn sie manchmal von tatsächlichen Ereignissen inspiriert werden. 
So stimmte ich auch zu, dass ich durchaus Peter sein könnte, bestand aber darauf, dass ich es andererseits in keinster Weise bin.
Zwei Stunden vergingen wie im Flug und erst als ich die Schule wieder verlassen hatte, wurde es mir so richtig bewusst, dass die Kleinstadtrebellen soeben hochoffiziell zur Schullektüre geworden waren. Wer hätte das je gedacht...

Übrigens ist seit gestern auch mein neues Buch erhältlich:

Zu bestellen auf Amazon

Die Stadt, der Frühling, ein Hauch von Liebe und die Diagnose: Hans' Mutter hat Krebs. Statt sich in die schöne Ellis zu verlieben, stürzt er sich ins Chaos des Lebens. Feiern, Reisen, Weglaufen. Wie kann man das Leben ertragen, wenn die Mutter bald sterben könnte? Als er Loni Schneider, die Freundin seines Kumpels kennenlernt, hofft er, sie könnte die Antwort darauf sein. Doch er verliebt sich in sie. Während seine Mutter um ihr Leben kämpft, kämpft Hans mit der Liebe. Bernhard Straßers zweiter Roman über das Leben und das Erwachsensein spielt wieder in einer bayerischen Kleinstadt im Chiemgau. Außerdem entführt er seine Leser diesmal nach Paris und Nürnberg, auf das South-Side und das "Festival-Im Grünen".

Dienstag, 19. April 2016

Alle meine Preisträger

Wie ich durch Zufall einigen ausgezeichneten Schriftstellern über den Weg gestolpert bin



Geht jetzt das gnadenlose Namedropping schon wieder los? Natürlich! Auch in diesem
Damals noch auf myspace!
Artikel werde ich mich wieder aufplustern wie ein Rohrspatz, denn Klöppeln gehört zum Handwerk. Und mit 26 hatte ich davon immer noch keinen blanken Schimmer. Schlimmer: Ich war einer jener bescheidenen Autoren die bemüht waren, tolle Geschichten zu schreiben, auch mutig genug, sie zu veröffentlichen, aber zu scheu, sie anzupreisen, zu unsicher, ob die Schreibe schon was taugt. Nichts wünschte ich mir mehr, als einen „echten“ Schriftsteller kennenzulernen. Einen Mentor, der mich bei der Hand nahm, allen erzählte: Dieser junge Mann ist gut! Fördert ihn! Druckt ihn! Aber nix.
Ursula Krechel in Schrobenhausen
Nichts schien schwerer, als in einen Literaturkreis aufgenommen zu werden. Tatsächlich war ich allerdings blind. Armin Konnert, wir waren immerhin in dieselbe Schule gegangen und hatten gemeinsame Freunde, gewann wie aus dem Nichts den FM4 Wortlaut Wettbewerb. Und statt ihm überschwänglich zu gratulieren und ein Netzwerk aufzubauen, war ich beleidigt, dass mir niemand erzählt hatte, dass er schreibt. Schließlich war doch ich der einzige Schriftsteller weit und breit. Stefan Dettl und Florian Kreier, ebenfalls nie weit weg von mir, hatte ich ebenso wenig als Schreiber bzw. Songwriter auf dem Schirm. Erst Jahre später war es ein Zufall, (Autoren brauchen manchmal Zufälle) der mich in einen Haufen gestandener Schriftsteller stolpern ließ. In Schrobenhausen, wo ich seit Jahren regelmäßig flanierte, wurde eine Literaturwerkstatt angeboten. Ursula Krechel, meine Dozentin, gewann einige Jahre später den Deutschen Buchpreis. Dort lernte ich einen weiteren Autor kennen, der sogar im Nachbardorf am Chiemsee lebte: Norbert Niemann hatte den Ingeborg-Bachmann-Preis und einige andere Auszeichnungen gewonnen und steckte mich mit seiner Leidenschaft für die große Literatur an. Am meisten gefiel mir aber, dass er auch nach einigen Bier noch
Matthias Tonon beim Text & Ton
wundervoll hochtrabend diskutieren konnte und irgendwie seinen inneren Jugendrebell nie verloren hatte. Dann ging alles ganz schnell. In Traunstein trafen sich die Chiemgau-Autoren und ein junger Herr namens Matthias Tonon, der gerade die Puls
-Lesereihe gewonnen hatte, tauchte unverhofft auf. Ein junger talentierter Autor aus Traunstein. Danach hatte ich über zehn gesucht. Erst dieses Jahr war schließlich Matthias‘ Lesereihen Gewinner-Nachfolger, der Regensburger Jung-Autor Fabian Bader (Hier sein Blog) in Traunstein zu Gast. Er spendierte mir einen Schnaps und seine Gin-inspirierte, quasi ginspirierte Popliteratur erinnerte mich daran, was eigentlich ich mit Mitte zwanzig einmal machen wollte. Damals fehlte mir das Netzwerk. Und heute? Heute fehlt mir die Jugend. Oder?

Sonntag, 17. April 2016

Der Thomas Glavinic Komplex

Annäherung an ein gigantisches Projekt

Der Jonas Komplex. Als die ersten Informationen zu Thomas Glavinic' neuen Roman durchsickerten, wuchs das Erstaunen und die Hoffnung, dass der ohnehin nicht als zimperlich geltende österreichische Literat ein an Größenwahn grenzendes, irrsinnig mutiges Großwerk vorlegen würde: Eine konsequente Weiterentwicklung seiner bisherigen literarischen Arbeit. Und, um es auf die Spitze zu treiben, eine Vermengung der Themen aus "Das größere Wunder", "Das bin ja ich" und noch etwas Drittem, Neuem.


Und was soll man sagen, er hat es tatsächlich durchgezogen. Der Jonas Konplex handelt nicht nur vom inzwischen wohlbekannten Jonas, der sich nach drei Jonas-Romanen letztendlich als der stabile Charakter aus dem „Größeren Wunder“ herausgeschält hat. Auch der borderlinende, ungemein unterhaltsame, aber auch ständig vor dem Absturz stehende Wiener Autor Thomas Glavinic ist mit dabei. Neu ist, als dritte Nebenhandlung, ein dreizehnjähriger Schachspieler aus der Steiermark, der mit Pubertät und prekärer Lebenssituation kämpft.

Thomas Glavinic in Leipzig
Natürlich hängt alles zusammen und der echte Autor Glavinic zelebriert die endgültige Vermengung von Literatur und Wirklichkeit.

Dies allein wäre schon ein mutiges Jahrhundertprojekt, berücksichtigt man die schonungslose Wucht, mit der das Buch geschrieben ist.

Glavinic aber geht die Geschichte noch komplexer an: Er inszeniert inzwischen auch auf seinen Lesungen den Thomas Glavinic aus dem Buch - von dem er stets betont, dass er es eben nicht ist: Da wird mit sichtlichem Vergnügen Weißwein gesoffen, ein wenig mit der Nase geschnupft und manche Lesung endet mit dem Hinweis "Ich muss jetzt aufs Klo". Herrlich! Manchmal sitzen sogar die Hells Angels im Publikum und die Provokation der Literaturwelt ist perfekt!
Was will uns Thomas Glavinic sagen, wenn er auch sein Buch mit einem "Thomas Glavinic, Thomas Glavinic" doppelt signiert? Dass es endgültig zwei Figuren gibt? Den echten und den Romanhelden? Es wirkt fast wie die spätere Verwandlung des Hans Hölzl in Falco mit dem Unterschied, dass sich Glavinic erst gar nicht bemüht hat, einen Künstlernamen zu ersinnen.

Könnte auch Homer plavinic, Homer plavinic heißen...
Der Thomas Glavinic, der derzeit seinen Roman präsentiert, ist ein Hemingway, ein Bukowski, ein Schriftsteller-Rockstar wie es derzeit keinen zweiten mehr gibt. Ganze Heerscharen von Kritiker versuchen ihn gerade zu entzaubern. Aber längst wurde etwas entfesselt, eine schwarze Magie, die auch sie nicht mehr stoppen können. Der Jonas Komplex ist nicht so stabil und sauber geschrieben wie die Bücher seines Kumpels Daniel Kehlmann. Aber sie bewegen. Der ganze Körper, das Rückenmark reagiert auf seine Literatur. Und letztendlich ist genau dies die große Kunst.

Mehr über Thomas Glavinic: