Dienstag, 19. Juni 2018

Tyll Ulenspegel und die urdeutsche Katastrophe des dreißigjährigen Krieges

Daniel Kehlmanns Tyll ließ mich mal wieder ratlos zurück

Klar ist Tyll ein lesenswertes Buch. Kehlmann kann schreiben, Kehlmann hat Humor. Der Stoff ist klassisch und brandaktuell zugleich. Und trotzdem war ich nach der Lektüre verhalten enttäuscht. Was einzig daran lag, dass ich 150 Seiten lang gedacht habe, Tyll sei eine meisterliche deutsche Mischung aus magischem Realismus und Haruki Murakami.
Sorry, mein Fehler. Sollte wohl künftig doch wieder Klappentexte lesen.
Ich war aus irgendeinem Grund völlig überzeugt, dass Kehlmann Till Eulenspiegel alias Tyll Ulenspegel als dämonische Weltenbrand-Entfacher Figur neu erfindet. Dass Tyll Ulenspegel den dreißigjährigen Krieg mit auslöst und bis  zum Ende auf diabolische Weise zutut, dass Deutschland mehr und mehr ins Chaos gestürzt und der Krieg am Köcheln gehalten wird. Eulenspiegel als moderner Trump-Putin Verschnitt im Narrenkostüm.
Was wäre das für ein großartiges Buch geworden! Und die ersten Kapitel lasen sich in der Tat so. Ulenspegel bringt ein den Krieg fürchtendes Dorf dazu, dass sich die Bewohner bis aufs Blut keilen und zusammenschlagen. Dann Schnitt in Ulenspegels Kindheit. Es geht um dunkle Magie, Glaube an Gott und Hexen. Und immer wieder ist vom kleinen Volk die Rede. 
Ich habe gejubelt! Kehlmann macht einen auf Haruki Murakami! Zwischen den Zeilen schwang etwas bedrohliches mit. In den nächtlichen Wäldern lauert das böse. Und als der kleine Ulenspegel nach einer Nacht, die er alleine im Wald verbringen muss, halb verrückt, mit Mehl bedeckt und einen blutenden, abgeschnittenen Rosskopf auf dem Kopf tragend, erwacht, hielt ich "Tyll" für ein wuchtiges, urmutiges Meisterwerk. 
Doch spätestens als Tyll von zu Hause flieht und die Geschichte aus vielerlei Perspektiven erzählt wird, verschwindet das Magische gänzlich. Auf einmal ist "Tyll" ein klassischer Kehlmann und erinnert eher an die "Vermessung der Welt". Sicher, das ist lustig, das ist voller Insiderwitze. Man lernt Geschichte, man wird verleitet, sich tonnenweise Sekundarliteratur zum dreißigjährigen Krieg zu kaufen, weil man wissen will, was damals wirklich passiert ist. Aber der Zauber des ersten Drittels ist dahin. 
Wer den Simplicissimus gelesen hat, dem erscheint auch die Idee, einen Narren durch die Hölle des dreißigjährigen Krieges zu schicken, nicht mehr ganz so genial und neu. Gibt es schon. Seit fast dreihundert Jahren. 
Und dennoch. Dann schickt uns Kehlmann nach Zusmarshausen zur letzten Schlacht dieses Krieges und vergnügt stellt man fest, dass der Erfolgsautor auch Action kann. 
Tyll Ulenspegel ist, so viel darf ich spoilern, nicht der Dämon den ich nach Lektüre der ersten Seiten erwartet hatte. Er ist ein hochtalentierter junger Mann, der nicht schlechter oder besser ist als seine Mitmenschen und der selbst zur Billiardkugel des Schicksals in einer wüsten, unübersichtlichen Zeit wird. 
Tyll war dennoch ein Leseerlebnis auch wenn man vielleicht noch mehr aus dem Stoff hätte ziehen können. Eine Welt aus den Fugen. Die Herrschaft der Unvernunft. Großmächte die Spannungen eskalieren lassen. Ein sehr aktuelles Thema. 
Wem die "Vermessung der Welt" schon gefallen hat, dem sei dieses Buch natürlich wärmstens empfohlen!

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