Donnerstag, 24. Mai 2018

Memento Mori im Alten Südfriedhof München


Einmal im Monat treffe ich mich mit Arbeitskollegen in München, um mich mit ihnen über Schwierigkeiten und Chancen in unserem Arbeitsalltag auszutauschen. Wie kreativ und inspirierend diese Treffen ablaufen können, faszinieren mich jedes Mal aufs Neue. Diesmal hat uns Günter Schwanghart – vielen bekannt als Allgäuer Studienberatungskoryphäe – in den Münchener Südfriedhof geschickt. Und ich glaube, er war selbst am meisten gespannt, was ein Spaziergang durch den Friedhof in uns auslösen würde.
Wer schon einmal im Arbeitsamt in München war der weiß, dass es bis zur Theresienwiese nicht weit ist und der Schlachthof, direkt hinterm Amt gelegen, gerne ein würziges Lüftchen in die Amtsstuben weht. Auch von einem Friedhof in der Nähe hatte ich schon gehört. Aber was ist schon besonders an einem Friedhof?
Die Aufgabe, die uns Günter Schwanghart stellte, lautete: Jeder sollte 20 Minuten durch den Friedhof wandeln und über seine berufliche und persönliche Rolle nachdenken.
Allerdings dachte ich letztendlich mehr über den Friedhof als über meine verschiedenen Rollen nach. Der Alte Südfriedhof ist nämlich nicht nur ein Friedhof, er ist ein stillgelegter Friedhof. Sozusagen ein Friedhofs-Friedhof. Ein Lost Place mitten in der Stadt. Seit 1944 und nach starken Beschädigungen durch die Bombardierungen wurde der Bestattungsbetrieb eingestellt. Auch so ein Gedanke, dass die Toten noch einmal bombardiert worden sind… Seitdem sind die Grabsteine dem Verfall preisgegeben und die Gräser und Pflanzen dürfen frei über das Gelände wuchern.
Ein Ort, der jahrhundertelang an die Sterblichkeit, an Vergänglichkeit gemahnte, nun selbst dem Verfall ausgesetzt. Mit so einer faszinierenden doppelten Symbolik hatte ich nicht gerechnet. Auch über berufliche und persönliche Rollen lud der Friedhof tatsächlich ein, nachzudenken: Wie die Menschen waren auch die meisten der Berufe, die auf verwitterten Lettern in die Grabsteine eingemeißelt waren, verschwunden. Königlich Bayerischer Glasveredelungs – Inspektor. Rittmeister der Schweren Kavallerie. So die Berufe der Männer. Kaum eine der Frauen hatte einen Beruf. Alle Frauen waren stets Infanterieleutnants – Gattin oder Professoren-Gattin. Oder Rentner-Witwe. Zwei Frauen hatten wir entdeckt die selbstbewusst einen eigenen Beruf im Titel führten: Eine Hofschauspielerin. Und eine Schriftstellerin.
Erstaunlich war, dass einige wenige Gräber bis heute gepflegt wurden. Bei den anderen hatten sich die Rosen und Farne in Wildpflanzen verwandelt. Mancher Grabstein hatte sich der Schwerkraft anheim gegeben. Und egal wie mächtig, wie reich oder berühmt all die Männer waren die hier einst mit der Spitze der Münchner Gesellschaft begraben wurden: Fast sind sie heute vergessen, niemand kümmert sich mehr um ihr Grab. Ebenso erstaunlich.
Schriftsteller habe ich gefunden. Aber keine Berufsberater
Nach dem Ausflug ins Reich der Vergänglichkeit bekamen wir noch eine weitere überraschende Erkenntnis mit auf den Weg: Die Frage, wie viel Prozent seiner Lebenszeit der durchschnittliche moderne Mensch in der Arbeit verbringt, beantworteten alle selbstbewusst mit „70 Prozent!“ „40 Prozent!“. Die tatsächliche Zahl relativierte die Bedeutung, die wir unserem Arbeitsalltag beimessen, ein wenig: Gegenüber der Zeiten die man als Kind, Schüler, Rentner, schlafend oder im Urlaub und im Wochenende verbringt, misst sich eine vergleichsweise mickrige Zahl heraus: Es sind nur 7 Prozent. Sicherlich, es sind entscheidende 7 Prozent. Sie sorgen für unseren Lebensunterhalt und unseren gesellschaftlichen und persönlichen Status. Aber dennoch: Nicht einmal jede zehnte Stunde unseres kurzen Lebens sitzen wir in der Arbeit. Fühlt sich natürlich genau umgekehrt an. Naja, dachte ich mir dann. Wenn für die sieben Prozent am Ende so ein fetter Grabstein samt Marmorbüste am Münchner Südfriedhof herausspringt, dann hat sich die sieben Prozent Plackerei zumindest gelohnt!

1 Kommentar:

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