Mittwoch, 27. Juli 2016

Der wichtigste Kulturschaffende der Stadt

"Alois ist erleuchtet" - Teil XXII

Klar, es nervt unbeschreiblich, jedesmal wieder betonen zu müssen, dass ich einer der wichtigsten Kulturschaffenden dieser Kleinstadt bin. Erst neulich musste ich mich wieder dem Haifischbecken der Kulturpolitik unserer Stadtverwaltung stellen. Die besten Köpfe der hiesigen Künstler wurden geladen. Folgerichtig wurden neben mir auch der Landschaftskünstler Helmut Mühlbacher, Andi Auer von International Bohemia und irgendeine superberühmte Harfenistin, deren Namen ich mir nicht merken konnte, eingeladen. Ach ja, der Bürgermeister saß auch mit auf der Bühne. Der hatte aber nicht viel zu sagen, weil sich die Künstler ja erstmal alle sehr intensiv selbstdarstellen mussten. Zunächst jedenfalls. 
Das seltsame an diesem Abend war, dass eigentlich keine normalen Leute im Publikum saßen, sondern halt der Rest der Kulturschaffenden. Die anderen hatten wohl keinen Platz mehr auf der Bühne gehabt. Da waren die Malereiexpertinnen Löffler und Bader, die Betreiber der in shakespearescher Wucht verfeindeten Spielhäuser Fuchs und Enzensberger. Die Vertreter der Jungen Union, die das Ende der Güterhalle besiegelt hatten, der Regisseur Lay, der deshalb dort kein Theater mehr spielen darf und außerdem waren noch die ganzen Kleinstadtflaneure und Szenekenner da. Die waren aber weniger wegen uns Künstlern da, sondern weil sie dem Oberbürgermeister noch einige Fragen stellen wollten. 
Das haben sie kurz vor Veranstaltungsende auch getan und lustigerweise ist der Bürgermeister nach jeder Frage so aufgegangen, dass der Kleinstadt-Boulevardreporter Effner sich innerlich die Hände nur so wundgerieben und wohl sehr bedauert hat, dass es keine Kleinstadt-Version der Bild-Zeitung gibt. Er hätte für mindestens vier Ausgaben tolle, rot unterstrichene Ausrufezeichen-Schlagzeilen formulieren können. Warum sich der Bürgermeister so aufregte? Vielleicht war ihm die Podiumsdiskussion zu wenig kontrovers, jedenfalls ging es auf einmal um Facebook-Einträge, die Lügen verbreiteten und Theaterhäuser die Stimmungen machten und um authentische Bürgermeister die froh waren, keine geborenen Politiker sein zu müssen. Die Künstler auf der Bühne hörten sich die Vorwürfe aller Seiten dankbar an und brauchten sich um Inspiration für die nächsten Werke nicht zu sorgen. Ludwig Thoma hat sich in Traunstein, heißt es, auf ähnliche Weise inspirieren lassen. 
Apropos Inspiration und Kreativität: Die Harfenistin betonte, dass sie selbst keine Kunst erschaffe, sondern nur bereits vorhandene Noten handwerklich reproduziere. Dafür könne sie, anders wie die Hobby-Autoren auf der Bühne, davon leben. 
Ich zuckte mit den Schultern. "Ich stehe ja mehr auf Harfenmusik!", hatte einst Bud Spencer gesagt. Und an diesen Satz musste ich die ganze Zeit denken.  Und daran, ob der Bürgermeister mein satirisches Blog "Alois ist erleuchtet" vielleicht kannte und sich falsch dargestellt fühlte. Vielleicht hatte er aber auch gehört, dass in Büchern wie "Kleinstadtrebellen" oder "Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater" Bürgermeister von Kleinstädten naturgemäß nicht so gut wegkommen. 
Das Kasperltheater war dann nach kurzer Zeit und einigen letzten Staatsmännischen Statements schon wieder vorbei. Die Stimmung eher im Keller, obwohl wir ja unter dem Dach waren. In die Zeitung haben es trotzdem nur die Statements des Bürgermeisters geschafft. Vielleicht hätten wir Künstler doch ein wenig kontroverser diskutieren sollen...


Montag, 18. Juli 2016

Juli Zeh Unterleuten - der Roman des Jahres?

Warum der Roman des Jahres nicht zwangsweise ein geniales Buch sein muss

Juli Zeh in Leipzig
Ja, Juli Zeh ist eine der Autorinnen, die mich stets gereizt haben, aber deren Bücher nach Lesen des Klappentextes stets wieder zurück auf den Bücherstapel gelegt wurden. Bei Unterleuten war das anders: Ein großer Gesellschaftsroman, der gleichzeitig mitten in der Provinz in Brandenburg spielt - interessant!
Ähnliches hatte sich vor einigen Jahren Norbert Niemann mit seinem "Willkommen neue Träume" vorgenommen. Bereits nach zwei, drei Kapiteln wurde spürbar, worin die große Stärke Juli Zehs besteht und woran sie im Vergleich zu anderen Literaten scheitert. 
Ist ihr das große Bild unserer Gesellschaft gelungen? In meinen Augen ja. Sie hat nicht nur die kämpfende, müde, scheiternde Kapitalismusgesellschaft unserer Zeit skizziert, sondern auch in Rückblenden analysiert, wie es trotz DDR und Sozialismus so weit kommen konnte.
Hat sie ein spannendes Buch geschrieben? Oh ja! Juli Zeh ist eine begnadete Plotterin! Das Buch zieht einen tatsächlich in seinen Bann und dieser Sog, den gute Bücher verursachen können, der lässt auch einen Langsamleser wie mich die über 600 Seiten verschlingen. Ein Grund ist neben dem interessanten Gesellschaftsbild die Art und Weise, wie Juli Zeh die Kapitel gegeneinander versetzt hat: Jedes Kapitel ist aus der personalen Sicht des jeweiligen Protagonisten erzählt: Gombrowski, der große Macher des Dorfes kommt ebenso zu Wort wie sein Erzfeind Kron, der überzeugte Kommunist. Man erfährt die Intentionen der aus der Stadt zugezogenen Vogelschützer und IT Spezialisten ebenso wie jene von Arne, dem netten Bürgermeister, der stets auf Ausglich und Kompromisse bedacht ist. Ganz großes Kino ist nun, wie oft man nach dem einen Kapitel und der subjektiven Sicht über die Taten von Person A entsetzt ist und schon im nächsten Kapitel, nachdem Person A seine Sicht der Dinge erläutern konnte, plötzlich Person B als den Übeltäter erkennt. Dies ist Juli Zeh gleich unzählige Male gelungen. Sie erinnert uns daran, wie subjektiv die Welt ist und dass selbst die größten Verbrecher sich ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen wissen. Oder anders gesagt: Unsere moderne Welt ist so kompliziert, dass es kein Schwarz und kein Weiß mehr gibt, sondern nur noch Grauschattierungen.
Eine weitere Stärke war in meinen Augen die wunderschöne Beschreibung der Natur, der Felder und Wälder, der großen Leere Brandenburgs. Man kann schon nachvollziehen, warum so viele Touristen nun in Juli Zehs Wohnort strömen, in der Hoffnung, ein Stück Unterleuten kennenzulernen. 
Warum ich das Buch dennoch für gelungen, aber nicht als literarisch grandios halte? 
Es gibt Bücher, die konsumiert man. Sie bereiten temporäre Kurzweil. Andere Bücher wirken nach, da sie über die Unterhaltung hinaus große Themen beinhalten und einem zum Nachdenken animieren. Zu dieser mittleren Kategorie zähle ich Unterleuten. Zur höchsten Kategorie, zu großer Literatur, hat es nicht gereicht. Unterleuten ist weder sprachlich herausragend – muss es auch nicht. Es ist aber auch kein Buch, das es in einem kribbeln lässt. Nabokov verortet dieses Kribbeln im Rückenmark: Ein Buch, das nicht nur unterhaltsam und schön zu lesen ist, sondern etwas im Unterbewusstsein bewegt. Ich habe vor und nach Unterleuten Bücher von Wolfgang Herrndorf und Thomas Glavinic gelesen und sofort gespürt, dass deren Literatur nachwirken wird. Juli Zeh hat glänzend unterhalten. Das Buch landet im Bücherschrank und wird, anders als die eben genannten Autoren, auch kein zweites Mal hervorgeholt. Womöglich ist Unterleuten schon jetzt das Buch des Jahres. Aber es ist mit Sicherheit nicht das Beste.
Um den guten Gesamteindruck des Buches nicht zu schmälern hier noch ein letzter, fast spoilerfreier Hinweis:
Der Schluss des Buches, an dem die große Hauptfigur Dombrowski maßgeblich beteiligt ist, sollte unter keinen Umständen verpasst werden!

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