Mittwoch, 3. Oktober 2018

100 Jahre Bücherei Kirchanschöring

Von einem Jungen der in einer Bücherei groß wurde und Schriftsteller werden wollte


Das alte Pfarrgebäude, in dem sich die Bücherei Kirchanschöring die meiste Zeit ihres Bestehens befand, gibt es längst nicht mehr. Ein alter, stets modrig muffelnder Bau, im Keller finster und im ersten Stock wackelte der Boden, wenn man darauf lief. Und es wurde viel gelaufen, denn oben befand sich der Kindergarten. Im Erdgeschoss waren der ausladende Pfarrsaal und einer der magischsten Orte, die sich ein Kind nur wünschen kann: Die Bücherei!
Mitte der Achtziger Jahre wurde dieser Ort zu meinem zweiten Kinderzimmer. Meine Mama bekam das Amt der Büchereileiterin und da sie meistens keine Kinderbetreuerin hatte - das war sie ja selbst - verbrachten wir Kinder jeden Dienstagnachmittag und Sonntagvormittag in der "Katholischen Pfarrbücherei Kirchanschöring", wie sie damals hieß. Telefonnummer 1474. Eine der Zahlen die sich tief eingebrannt haben.
Während meine Mama entweder am Tisch neben dem Eingang zur Ausleihe saß, oder im provisorischen Bücherei-Büro rechts hinten auf ihrer topmodernen elektronischen Schreibmaschine tippte, saß ich im immerselben Sessel und schmökerte.
Vor den Bücherregalen, die die Wände entlang aufgestellt waren, standen zwei Kästen mit Kinderbüchern: Bilderbücher und Comics. Es gab wohl kein einziges Buch aus diesem Bereich, das ich nicht von Anfang bis zum Schluss durchgeblättert hatte. Bald aber gab ich mich mit den Kinderbüchern nicht mehr zufrieden und ich arbeitete das Bücherregal mit den Sachbüchern, das in den Raum hinein ragte. Lieblingsbuch dort: "Harry Valerien - WM Mexico '86"
Auffällig waren in den anderen Bücherregalen eine ellenlange Reihe roter Bücher mit dem Titel "Edgar Wallace". Auch auf der anderen Seite gab es einige Reihen mit identischen Buchrücken: Die Karl May - Bücher mit den Abenteuern von Winnetou und Old Shatterhand. Und die Reihe "Die drei ???", die ich zu verschlingen begann, sobald ich halbwegs sicher lesen konnte.
Doch bis dahin dauerte es noch eine Weile und ich begnügte mich mit den Asterix-Comics, den Was ist Was - Büchern und mit Hörspielcassetten. Die Bücherei verfügte nämlich auch über eine große Wand voller Cassetten. Am aufregendsten darunter waren Hörspiele wie "Die Nibelungen" mit Siegfried dem Drachentöter oder "Die Odyssee", bei der mich aber nur der Kampf mit dem Zyklopen interessierte.
Meine Mama machte sich ihrerseits gleich daran, die Bücherei zu modernisieren: Als erstes führte sie ein, dass man auch Spiele ausleihen konnte. Das war für uns superpraktisch. Wann immer wir ein neues Spiel entdeckten, baten wir unsere Mama, es für die Bücherei zu besorgen. Dann konnten wir es uns dort ausleihen und spielen, wann immer wir wollten.
An einer weitere Innovation war ich nicht ganz unbeteiligt: Mitte der Neunziger konnte ich meine Mama davon überzeugen, dass das Zeitalter der Cassetten sich dem Ende neigte und die Bücherei ab sofort CDs anschaffen müsste. Da meine Mama meinem Musikgeschmack vertraute, war die erste in der Pfarrbücherei auszuleihende CD ein Album von "Clawfinger". Eine Band, dessen Hip-Hop-Crossover-Metalklänge beim Pfarrer mindestens einen Herzkasperl verursacht haben dürften.
Meine Mama nahm mich auch öfter mit, wenn sie nach München zum Sankt-Michaelsbund zum Bücher-Shopping fuhr. Dort beluden wir einen riesigen Einkaufswagen mit sämtlichen Büchern die uns zusagten. Ich will nicht verneinen, dass meine Buch-Sucht damals ein wenig angefacht wurde und ich noch heute von ähnlichen Buchshopping-Exzessen träume.
Die Bücher mussten in mühevoller Kleinarbeit an unzähligen Abenden von den fleißigen Helfern in Folieneinband eingebunden werden. Auch ich half ab und zu mit, war aber schon damals mit zwei linken Händen gesegnet.
Die neuen Bücher wurden einmal im Jahr auf einer großen Buchausstellung präsentiert.
Ein weiteres Highlight im Bücherei-Jahr war für meine Mama der Büchereifasching. Für uns Kinder eher nicht. Meine Mama war nämlich eine überzeugte Pazifistin und fand, dass Pistolen und Gewehre auf einem Kinderfasching nichts zu suchen hatten. So war der Bücherei-Fasching der einzige Fasching weit und breit, auf dem nicht geschossen werden durfte. Die vielen Cowboys und Polizisten sahen, genau wie ich, in die Röhre. Ein wenig schämten wir uns für unsere Mama, dass sie so einen uncoolen Fasching veranstaltete, machten dann aber ihr zuliebe doch mit, wenn der Geierstanger auf seiner Ziach zum Ententanz aufspielte.
Es hatte aber auch Vorteile, das Kind der Büchereileiterin zu sein. So war ich bei der Rückgabe der Bücher eher schludrig und verlor bald den Überblick, wann ich welches Buch hätte zurückgeben sollen. Jedenfalls war meine Karteikarte nach einigen Jahren voll mit überfälligen Bücher und ich hatte ein mächtig schlechtes Gewissen. Wie meine Mama das mit den verschlampten Büchern noch geregelt hat, weiß ich bis heute nicht. Das eine oder andere befindet sich wohl auch nach vier Umzügen noch in meinem Bücherschrank. Lohnt es sich noch, dieses zurückzugeben?
Als Teenager fand ich die Bücherei von Jahr  zu Jahr uncooler und meine Besuche dort nahmen stetig ab. Gleichzeitig wuchs die Liebe zu den Büchern. Doch weil ich inzwischen gelernt hatte, dass ich mit geliehenen Büchern nicht umgehen kann, begann ich, mir die Bücher selbst zu kaufen.
Vielleicht kann man es auch psychologisch erklären, dass ein Junge, der sein halbes Leben zwischen Büchern saß, die ihm nicht gehörten, irgendwann das Bedürfnis entwickelt, eine eigene Bücherei zu besitzen. So sieht man Haus nämlich inzwischen aus. Wenn ich so weiter mache, habe ich bald genau so viele Bücherregale wie die Bücherei Kirchanschöring Anno 84.
100 Jahre Bücherei Kirchanschöring! Ich freue mich sehr, dass auch ich ein Teil der Feierlichkeiten sein darf. Aus dem kleinen Bücherwurm von damals ist ein kleiner Schriftsteller geworden, der zur 100-Jahr-Feier einige Anekdoten aus seinem "Elterntagebuch" vortragen darf.
Würde mich freuen, wenn Ihr am 13. Oktober bei den Feierlichkeiten vorbeischaut!

Mehr über mich: www.chiemgauseiten.de

Samstag, 29. September 2018

Stimmen aus dem Jenseits

Die Neuveröffentlichung von Wolfgang Herrndorf ist überraschend lesenswert

Wolfgang Herrndorfs "Stimmen"
Bald ist es soweit, dass Wolfgang Herrndorf, tragisch verstorben 2013, posthum mehr Bücher veröffentlicht hat, als zu Lebzeiten. Als ich hörte, dass ein neues Buch namens "Stimmen" publiziert werden würde, freute ich mich nur so semi darauf. Hatte Herrndorf selbst nicht alles lesenswerte zerstört oder löschen lassen? Beginnt nun auch bei Wolfgang Herrndorf die posthume Verwurstungs-Maschinerie sämtlicher irgendwo im Netz auffindbaren Textfragmente?
Marcus Gärtner und Cornelius Reiber, die Herausgeber, sind glücklicherweise langjährige Weggefährten Herrndorfs, die den "Tschick"-Autor wie wenige kannten und auch großes Interesse daran haben, dessen Erbe in seinem Sinne zu verwalten. 
Sie haben es geschafft: "Stimmen" ist - ähnlich wie "Bilder deiner großen Liebe" ein bewegendes, dicht geschriebenes Stück Literatur ohne das unsere Bücherschränke ein Stück ärmer wären.
Um was es eigentlich geht? Herrndorf-Kenner wissen, dass er selbst in seinem Blog "Arbeit und Struktur" angedeutet hat, dass er an einem "Stimmen"-Roman gearbeitet hatte. Der Roman ist vermutlich vernichtet. Die "Stimmen"-Texte jedoch nicht. 
Stimmen - so hieß Herrndorf im Internet-Forum der "Höflichen Paparazzi", in dem sich Anfang der 2000er das Who is Who der jungen Literaturszene tummelte. 
Wer nun, wie ich, befürchtete, dass das Buch aus gut geschriebenen, aber heute nicht mehr relevanten Anekdoten von Begegnungen mit Prominenten  bestünde, der wird positiv überrascht: Gärtner und Reiber haben Prosa ausgewählt, im typischen-Herrndorf-Sound erzählt, extrem dicht, immer wieder ergreifend und voller liebenswerten Humor. Erzählungen die sich perfekt in die bereits bekannte Herrndorf-Welt fügen. Texte, die auf der schmalen Linie zwischen Autobiographie und Fiktion tänzeln. 
Da wird das Auto, ein Wartburg, von Joachim Lottmann geklaut oder über die ersten großen Lieben reflektiert. 
Die Herrndorf Kritiker, die sich bis heute wundern, warum "Tschick" so gehyped wurde, dürften spätestens mit dieser Veröffentlichung anerkennen, dass Herrndorf ein Autor war, der - so unterschiedlich seine Bücher auch geschrieben waren - einen einzigartigen, unverkennbaren Ton entwickelt hatte. Viele der Texte sind - vermutlich auch aufgrund ihrer Veröffentlichung im Internet - so dicht geschrieben, dass mit wenigen Sätzen und großen Lücken zwischen den Zeilen - ganze Lebensentwürfe beschrieben werden. Das ist große Kunst. Dass die Texte gleichzeitig berührend und unterhaltsam sind, sowieso.
Am spannendsten dürfte für Fans wie mich allerdings das Nachwort von Cornelius Reiber und Marcus Gärtner sein: Darin gestehen sie ein wenig kleinlaut, dass sie also doch den Rechner Herrndorfs nach Juwelen durchforstet haben. Sie argumentieren, dass Wolfgang Herrndorf klar vorgegeben hätte, welche Texte zu löschen seien. Im Umkehrschluss, so argumentieren sie zu unserer großen Erleichterung, könne man alle Texte veröffentlichen, die er nicht explizit zur Löschung freigegeben hat. Und das ist gut so. 
"Stimmen" ist weder Leichenfledderei noch kommerzielle Ausschlachtung. Es ist ein weiteres fehlendes Puzzlestück im Gesamtwerk von Wolfgang Herrndorf und ich bin sehr dankbar, dass ich auch diesen Herbst noch einmal mit Texten von ihm verbringen darf!

Mehr zu Wolfgang Herrndorf:

Das Wolfgang-Herrndorf-Universum:

Vom Maler zum Schriftsteller:

Montag, 24. September 2018

Auf dem Güßhübel



Hinter Voglaich, am Stausee vorbei den Berg hoch, liegt Güßhübel. Es gibt hunderte Güßhübel im bayerisch-österreichischen Land. Heißt wohl etwas wie "Quelle auf einem Hügel" oder so. 
Mein Papa ist mit uns Kindern den Berg hinauf geradelt, am Schladei und Schmetzei vorbei zum Knaller. Dort wuchsen in der Wiese riesige Parasol-Schwammerl.
Ich selber konnte mich an diese Episode nicht mehr erinnern, aber meine Schwester hat sie an meinem 40. Geburtstag erzählt, als wir in der Scheune vom Knallerhof frühstückten.
Für Güßhübel hatte ich mich dreißig Jahre lang nicht interessiert. Gut, wir waren als Kinder bei der wilden Hilde auf dem Heuboden und eine anarchistische Wanderung bei strömenden Regen mit Martin endete in Güßhübel im Wald, wo wir Brotzeit machten. 
Später, als die Ahnenforschung begann, traf ich auf dem Weg zum Schladerer, wo mein Urgroßvater aufgewachsen war, zwei Amerikaner. Sie berichteten aufgeregt, dass es oben in Güßhübel eine Kapelle gäbe, die ich unbedingt anschauen müsste. 
Tatsächlich, hinter einem Bauernhof stand am höchsten Punkt des Hügels mitten auf dem Feld eine Kapelle. Sie war dem Heiligen Sebastian geweiht und eine Votivtafel erinnerte an eine spektakuläre Pest-Geschichte, als in ganz Watzing nur der Schwab die Pest überlebte und fortan Bauer aller vier Höfe war. Ich schrieb ergriffen einige Zeilen in das Gästebuch und wanderte weiter.
Jahre später stolperte ich im Internet über eine Bücherhütte in Kirchanschöring. Das Ehepaar Aicher, das bereits die Kapelle so liebevoll erbaut hatte, hatte neben der Kapelle eine Hütte voller Bücher eingerichtet. Der Wanderweg zwischen Kirchanschöring und Güßhübel, den die Gemeinde in Erinnerung an die einst in Voglaich lebende Schriftstellerin "Luise Rinser Wanderweg" nannte, führte ebenso an dieser Bücherhütte vorbei.
Jahre später war der Knallerhof ein beliebter Ort für große Festlichkeiten. Auch mein Cousin Hansi feierte dort seinen Geburtstag. 
Es war eine dunkle Zeit. Der Krebs war wieder in meine Familie zurückgekehrt. Diesmal hatte er ein erstes Mal die junge Generation erwischt. Ich erinnere mich, dass ich in düsterer Stimmung anreiste und selbst meine Todesfurcht inmitten dieses magischen Kraftortes gelindert wurde. Wir saßen bei Kerzenlicht unter einem Apfelbaum und aßen zu Abend. Ein kurzer Regen hinderte uns nicht daran, weiter zu speisen. Kurz darauf kehrten die Sterne wieder zurück. In der selben Nacht standen wir in der Sebastians-Kapelle und beteten und hofften. Zwanzig Monate später waren wir auf der Beerdigung, aber das Glas mit unseren
Wünschen steht noch heute in der Kapelle.
Dass ich selbst meinen 40. Geburtstag einst hier feiern würde, war dann doch eine der Überraschungen des Lebens. Erst hatte man mich als Schriftsteller für eine Lesung am Knallerhof gebucht. Und es war rückblickend tatsächlich die entspannteste und schönste Lesung die ich je gegeben habe. Im selben Monat fand also dort meine Geburtstagsfeier statt. Und wenn man an einem schönen Ort feiern darf, reicht es nicht, nur einen Abend dort Gast zu sein.
Es wurde ein Wochenende auf dem Güßhübel: Am Freitag sollte ich mit den Kindern aufbauen. Im Endeffekt lag ich auf der Holzliege neben der Bücherhütte in der Sonne und war seit Monaten nicht mehr so entspannt. Die Kinder plantschten oder verzehrten die saftigen Äpfel die hier überall herumliegen. Zwischendurch wurde mit Franz über Kultur und Schriftstellerei diskutiert und nichts deutete darauf hin, dass ich mich im kalten Traunstein seit Wochen wegen dieser Geburtstagsfeier an den Rand des Wahnsinns gestresst hatte.
Auch die Schönwetter-Garantie, die mir die Aichers gegeben hatten, hielt allen entgegengesetzten Wetterberichten stand: Als meine Feier begann blieb es sonnig und warm und fast dreißig Kinder tobten über das Gelände des Knallerhofes. 
Irgendwann, kurz bevor meine letzte Stunde als End-Dreißiger schlug, spazierte ich im Dunkeln über den Güßhübel und ließ die Stille und die Sterne und den Geruch, der so anders ist, als in der Stadt, auf mich wirken. Wie seltsam, dass man weg von zu Hause gehen muss, um zu begreifen, wo man "dahoam" ist. 
In derselben Nacht wurde ich statt vierzig noch einmal zwanzig. Zusammen mit meinen Studien-Freunden übernachteten wir in Zelten und Wohnmobilen und taten so, als ob wir nach dem Aufwachen keine Rückenschmerzen hatten. 
Am nächsten Morgen konnte man den wolkenverhangenen Bergen dabei zusehen, wie sie nach und nach aufklarten. Die auswärtigen Gäste fotografierten die Szenerie und fragten uns mehrmals ob wir wüssten, wie schön es bei uns ist.
Wissen wir es?
Als wir uns vom Knallerhof verabschiedeten, ratterten auf der Rückfahrt die Ideen, welche Geschichten man auf dem Güßhübel spielen lassen könnte. 
Dies ist die erste. Ich bin gespannt, ob weitere folgen werden...


Sonntag, 9. September 2018

Lesung am Knallerhof in Güßhübel

Meine erste Lesung in Tracht.
Danke an Sonja Rathgeb für das Foto!
Es gibt nichts schöneres, als wenn man vom Büro der Wirtschaftsförderung auf dem Privathandy angerufen und gefragt wird, ob man nicht in Kirchanschöring (seinem Heimatort) in Güßhübel (wo seine Vorfahren herkommen) am Knallerhof (dem magischsten Ort der Gegend) lesen möchte.
Ja! Ja! Ja! Schreit man in den Hörer. Nein! Nein! Nein!, schreit die Frau, an dem Tag sind wir doch auf eine Hochzeit eingeladen. Scheiß egal! Wenn sogar die Wirtschaftsförderung erkannt hat, wer der zweitbeste Schriftsteller Traunsteins ist und mich als Freiberufler fördern will, dann gibt es keine andere Antwort als JA!
Fesch gekämmt, in Tracht und mit einem hölzernen Herzerl am Revers fuhr ich direkt von der Trauung quer durch den gesamten Landkreis nach Güßhübel. Schon ab Voglaich fuhr ich mit meinem schnieken Hybrid-Auto an den bergauf pilgernden Fans vorbei. „Das ist ja der Bernhard!“, jubelten sie. Ich winkte jovial. Ich war spät dran. Hoffentlich wurden die Veranstalter nicht nervös, dass der Künstler noch nicht zugegen war.
„Wieder einmal steigt der talentierte Jungautor voller Hoffnung auf den endgültigen großen Durchbruch, aus seinem Auto und trägt eine Kiste voller Bücher, die er alle zu verkaufen gedenkt, zum Veranstaltungsort“, skizzierte ich, immer bei der Arbeit, gedanklich für meine Autobiographie.
Dann stand ich, mit meinem Bücherkarton unterm Arm, eine Weile verloren auf der Wiese des Knallerhofes herum und schaute zu, wie sich die Guten A-Band auf ihren Auftritt vorbereitete, Yvonne Liebl ihre vorzüglichen Speisen ihrer Esspedition kredenzte und Evi Dettl von Radio Buh mit ihrer Retro Kamera alle interessanten Leute fotografierte.
Als ich in meiner viel zu warmen Trachtenkluft zu Schwitzen begann und mein Magen knurrte, weil ich gerade das feudale Mittagessen auf der Hochzeit verpasste, setzte ich mich irgendwo in den Schatten und wartete auf Hinweise, wo die Lesung des Jahres stattfinden würde.
Inzwischen hatte ich erfahren, dass man eigentlich Franz Xaver Kroetz für den kulturellen Teil der Veranstaltung gebucht hatte, der aber keine Zeit hatte. Jemand in der Wirtschaftsförderung erinnerte sich, dass im selben Gebäude ein schräger Berufsberater arbeitete, der sich selber als Schriftsteller bezeichnete. Den könnte man doch mal fragen.
Als der offizielle Teil schließlich begann, wurde ich auch exakt so vorgestellt: Der Arbeitskollege aus den unteren Stockwerken, der aber nicht für die Wirtschaftsförderung arbeitet, sondern für die Agentur für Arbeit, hat zwei Bücher geschrieben, aus denen er jetzt vorlesen wird.
Der Arbeitskollege stand, immer heftiger schwitzend, daneben und murmelte kleinlaut ins Mikrofon, dass er doch heute ganz etwas anderes vorbereitet hätte. Beinahe hätte ich um Erlaubnis gefragt, ob ich den vorbereiteten Text auch wirklich vorlesen dürfe.
Aber da hatte ich längst das Mikrofon in der Hand und erinnerte mich daran, dass ich nicht nur der zweitbeste stellvertretende Teamleiter der Berufsberatung war, sondern auch Schriftsteller. Also wischte ich Schweiß und Zweifel beiseite und plärrte meinen Text von der Maria Bruckmüller so laut ins Mikrofon, dass ihn ebenjene auch noch zwei Häuser weiter, am Schladerer Hof, wo die 90-jährige Bruckmüller Maria damals lebte, sehr gut gehört hätte.
Hundert Zuhörer, die keine Chance auf Entkommen hatten – so eine große Lesung hatte ich seit Jahren nicht mehr. Genau genommen seit jener Veranstaltung, an der ich das letzte Mal den Text von der Bruckmüller Maria gelesen hatte: Der historische Verein Surberg hatte mich geladen und ich las im brechend vollen Wirtshaus Lauter die tragische Geschichte der Bruckmüller Maria, die das Fährunglück vom Waginger See überlebt hatte, vor. Der Auftritt war ein riesen Erfolg: Hunderte Menschen sahen mich gleichzeitig gerührt und bestürzt an. Blöderweise hatte es sich um eine Faschingsveranstaltung gehandelt und das maskierte Publikum war froh, als nach mir wieder Karl-Valentin Sketche aufgeführt wurden.
Nun las ich also für gut hundert Radlfahrer der Regio-Radltour 2018. Nach der Lesung diskutierte ich mit der stellvertretenden Leiterin des Ressorts Raumordnung, Kreisentwicklung und ÖPNV über die Tenglinger Verbindungen der Maria Bruckmüller. Und mit meiner Verwandtschaft über den Wahrheitsgehalt der Geschichte. Und mit einigen der Zuhörer, zu wem ich denn gehöre, was mein Hausname war und auf welchen Namen meine Eltern getauft waren.
Ich zögerte meine Rückreise zur Hochzeit noch etwas hinaus, weil ich darauf wartete, dass ich vom Regionalfernsehen und Radio Buh interviewed wurde. Irgendwann waren weder der Bernauer Toni , noch die Guten A-Band, noch Radio Buh mehr da und jemand nickte mir mitleidig zu: „Jetzt geh schon auf deine Hochzeit!“ Also nahm ich meinen Karton voller Bücher und trottete zum Auto zurück. „Nächstes Mal!“, sagte ich mir voller Vorfreude. „Nächstes Mal wird mein großes Durchbruch! Dann klappt es ganz bestimmt!“

Mehr zum Knallerhof: https://www.chiemgauseiten.de/chiemgau/buecherhuette-guesshuebel/
Der Text über die Maria Bruckmüller: https://www.chiemgauseiten.de/chiemgau/heimatgeschichte/das-faszinierende-leben-der-maria-bruckm%C3%BCller/

Freitag, 7. September 2018

Life Changing Books: John Irvings "Garp und wie er die Welt sah"


John Irving im Bücherschrank
Meine halbe Kindheit habe ich in einer Bücherei verbracht. Bücher waren immer ein Teil meines Lebens. So viel ich auch gelesen habe, ein "life changing book" war nicht darunter. Das bekam ich erst zu meinem 20. Geburtstag geschenkt. 
Meine Mama hat mir jede Menge Literatur in die Hand gedrückt. Selbst "Die Wand" hatte ich versucht zu lesen. Aber die große Literatur langweilte mich, weder Schiller noch Max Frisch hauten mich vom Hocker. Und für "Die drei ???" war ich zu alt. Damals las ich begeistert Stephen King und Michael Crichton, dachte, dies sei hochwertige Literatur. 
Während meines Auslandjahres in den USA mühte ich mich mit Henry David Thoreau und Arthur Miller ab, ohne aber ein wirkliches Gefühl für sie zu entwickeln. Literatur blieb etwas, das Mühe machte und bei dem man keinen Funken Freude empfinden durfte. 
So blieb ausgerechnet mir, der schon früh den Wunsch aussprach, ein Schriftsteller sein zu wollen, ausgerechnet die Türe Literatur lange verschlossen. 
Bis zu diesem 20. Geburtstag, als mir Uli Fuchs ein Buch von John Irving in die Hand drückte. Ich weiß heute nicht mehr, wie sie auf meine Geburtstagsfeier geraten war, noch was aus ihr wurde. Aber ihr Geschenk hat mein Leben nachhaltig verändert. 
"Garp und wie er die Welt sah", hieß der Roman. Sie sagte, es ginge um einen jungen Mann, der Schriftsteller werden wolle. Und sie hätte an mich gedacht, als sie es gelesen hat. 
Also begann ich es ebenfalls zu lesen. Das Buch war, anders als erwartet, leicht zu lesen. Es war nicht langweilig. Es war sogar spannend und skurril. Und gleichzeitig öffnete es mir eine Welt, die mir gleichzeitig bekannt und unbekannt war. Und sie beantwortete Fragen, die ich mir nie hätte zu stellen wagen. Es ging um Sex, um Liebe, um Leidenschaft. Ein erstes Mal befand ich mich im Leben eines Erwachsenen, das auch mein Leben hätte sein können. Es wurden große Fragen behandelt, die mir allerdings nicht so fremd waren wie die in John Steinbecks Romanen. Ich konnte Garp nachempfinden. Und in seinen Gedanken bereitete er mich auf das vor, was noch kommen würde. Ich war gerade zwanzig geworden, hatte keine Ahnung vom Leben und Angst vor der Zukunft. "Garp und wie er die Welt sah", ließ auch mich die Welt anders sehen. Und sie löste eine Lust auf Literatur in mir aus, wie ich sie nie für möglich gehalten hatte: Man konnte Bücher schreiben, die gleichzeitig literarisch UND unterhaltsam waren!
An diesem einen Buch mussten sich alle Romane die ich fortan las, messen. 
Und, zugegeben, es dauerte wieder viele Jahre, bis ich diese bedingungslose Liebe für ein Buch, für das Werk eines Autors, erneut spürte. Es waren später Wolfgang Herrndorf und Thomas Glavinic, deren Bücher ich begeistert und verwundert las, als hätte ich nie zuvor ein Buch in der Hand gehabt. Später waren es Haruki Murakami und zuletzt John Green, die mich mit jedem ihrer Bücher verzauberten. 
Zwischendurch hatte ich es immer wieder mit Thomas Mann versucht (erst in späteren Jahren erfolgreich) oder mit Hermann Hesse, der großteils ungelesen im Bücherschrank verstaubt. 
Heute weiß ich, dass Literatur anstrengend sein kann. Zu manchen Büchern wird man womöglich nie Zugang finden. Zu anderen in der richtigen Lebensphase.  Die der Deutschen sind von Natur aus eher spröde und schwerfällig geschrieben, während die Amerikaner die Meister der Leichtigkeit und Spannung in ihren Romanen sind. 
Ich habe John Irving Jahre später noch das eine oder andere Mal versucht, anzulesen. Er blieb mein Türöffner, ich blieb ihm nicht treu. Dankbar bin ich dennoch für "Garp" und dafür, wie John Irving die Welt sah. Und ich bin gespannt, wann ich das nächste Mal zufällig über einen Autor stolpert, dem es erneut gelingt, meine Welt so im Mark zu erschüttern, wie es John Irving damals gelungen ist. 

Samstag, 11. August 2018

Auf der Suche nach den Geschichten der Vorfahren

Ahnenforschung 4.0

Das Wappen der Strasser
Auf der Suche nach interessanten Geschichten habe ich vor über 15 Jahren den Onkel Leo gefragt, ob er mir nicht etwas über einen Anschöringer Spukort erzählen könne. 
Der Onkel Leo hat mich ausgelacht und kopfschüttelnd geschimpft, es gäbe so viele mitreißende Geschichten aus unserer Familienvergangenheit und ich wolle etwas über Spukorte wissen... 
Er warf mir an den Kopf, dass mein Opa Hitler töten wollte, dass meine Uroma einen Heiratsantrag vom König-Ludwig-Schlossbauer erhalten hatte und erzählte etwas von einem "Franzosen" unter unseren Ahnen. 
All die Anekdoten waren faszinierend, aber sie gaben für mich Laien keinen richtigen Sinn. 
In den Folgejahren begab ich mich auf die Spurensuche nach den Geschichten die mir der Onkel Leo erzählt hat. Und ohne es zu wollen bin ich tief hineingeschlittert in die Ahnenforschung und Geschichtsschreibung.
Einen kleinen Stammbaum hatte bereits der Onkel Hans zusammengestellt. Er bezog sich auf die engste Familie und beinhaltete kaum die Geschichte hinter den Daten. Als der Onkel Hans und später der Onkel Leo starben, wurde mir bewusst, dass die Geschichten verloren gehen würden, wenn sie nicht jemand einsammelte. 
Ich begann, die "Alten" zu interviewen. Den Mangsbauer, den alten Niedergünzl, der sich mit den Weltkriegsgeschichten auskannte und seine Schwester, die gerne Geschichten erzählte.
Ich tauschte mich mit Heidrun und Karl vom Heimatverein aus und wir begannen, unsere Ergebnisse abzugleichen. Jedes Jahr an Allerheiligen befragte ich die Tante Hedwig, die von allen am meisten wusste und am wenigsten preisgeben wollte. So lange bis mich meine Frau wegzog, weil ich wieder übersehen hatte, wie sehr die alten Geschichten meine Tante noch schmerzen, weil es ihre Geschichten sind, ihr Schicksal.
Ich spazierte hinaus nach Voglaich, nach Güßhübel, nach Watzing, zu den Bauernhöfen aus denen meine Vorfahren stammten. Stieß in einer Sebastians-Kapelle auf eine unglaubliche Pest-Geschichte. Nach und nach fügten sich die Puzzlesteine zu einer Familiengeschichte zusammen.
Es stellte sich heraus, dass die Frau, die den Heiratsantrag des Schlossbauers ablehnte, auch noch das Schiffsunglück am Waginger See überlebte (Siehe: Das faszinierende Leben der Maria Bruckmüller). Ich erfuhr, dass mein Opa nicht erst Weihnachten 1944 zum Widerständler wurde, sondern bereits 1940. Es stellte sich heraus, dass sich sogar die Wege meines Opas mit denen von Luise Rinser kreuzten. Und wieder entstand eine Geschichte: Die Schriftstellerin und der sture Zimmerer
Auf der Suche nach dem "Franzosen" stolperten wir im  Stammbaum über einen Korporal Martin Scheid, dessen uneheliche Tochter nicht nur den Jellenbauernhof, sondern auch den Mangsbauernhof erbte und somit Dynastiegründerin von gleich zwei bedeutenden Anschöringer Familien war. 
Ein k.u.k. Korporal der in den Napoleonischen Kriegen kämpfte - konnte das der Franzose sein?
Ein erstes Mal half  das Internet weiter. Dank der Digitalisierung hatte ich Zugang zu militärischen Listen der k.u.k. Armee. War der Martin Scheid, der in der 11. Infanterie Division - stationiert in Prag - Dienst tat, unser "Franzose"? 
Je weiter wir in der Vergangenheit zurückreisten, desto einfacher wurde es seltsamerweise, von zu Hause aus Daten einzusehen. 
Wie das möglich ist? Die großen Archive wie die des Erzstiftes Salzburg haben ihre Urkunden längst digitalisiert. So kann ein Hobby-Ahnenforscher wie ich von zu Hause aus stundenlang durch die Salzburger Geschichte des 15. Jahrhunderts surfen. 
Man muss es einmal ausprobiert haben und außerdem ein absoluter Nerd sein um nachzuempfinden, dass man sich völlig in diesen digitalen Archiven verlieren kann.
Was wird erst möglich sein, so frage ich mich, wenn erst einmal auch die kleinen Kirchenarchive ihre Schätze digitalisiert haben?
Die Geschichte der Straßer in Anschöring endet 1644. 
Aber nicht ganz. Bereits im Jahr 1533 wird ein Jakob Strasser erwähnt, der ein "Gut in Antschering" gekauft hat. 
Mit Hilfe von www.monasterium.net habe ich in monatelanger Recherchearbeit von zu Hause aus die spannende Familiengeschichte des Salzburger Adelsgeschlechts der Strasser rekonstruiert. 
Leider ist es mir die Königsdisziplin nicht gelungen: Eine Verbindung zwischen dem Salzburger Adel und den Anschöringer Bauern herzustellen.
Eine Weile sah es so aus, dass jenes Baumanngut, das der erste verbürgte Straßer Vorfahre besessen hat, womöglich dem Tittmoninger Stadtrichter Wolfgang Paumann gehört hatte.
Der war 1527 als Wiedertäufer in Salzburg enthauptet worden - was für eine spektakuläre Geschichte! Wer will nicht seinen Stammbaum mit einer derartigen Story aufpeppen?
Wenn nämlich Jakob Strasser damals das Baumann-Gut gekauft hätte - in dem 100 Jahre später sein Namensvetter auftaucht - alle Indizien hätten dafür gesprochen, dass eine Verwandtschaft besteht.
Und alles sah zunächst danach aus: 1533 - also keine fünf Jahre nach Paumanns Tod hatte Jakob Strasser ein Gut von Wilhalm Schoenpucher gekauft.
Einer der Tittmoninger Stadtrichter der Paumann ins Amt folgte, hieß ebenfalls Schoenpucher! Alle Puzzlestücke schienen so gut zusammenzupassen.
Dann stellte sich heraus, dass der Tittmoninger Schoenpucher Sigmund hieß. 
Und Manfred Liebl vom Tittmoninger Archiv, der für mich recherchierte, ob die Paumanns ein Gut in Anschöring besaßen, schickte eine Fehlanzeige.
Auch so kann es Ahnenforscher gehen, dass ein vermeintlicher missing link sich als Sackgasse herausstellt und der schöne erweiterte Stammbaum in sich zusammenkracht.
Also keine adeligen Vorfahren.
Oder doch?
Die Suche geht jedenfalls weiter!

Montag, 6. August 2018

Von Schriftstellern und Yogalehrern

Lesung Ulla Lenze
Sie Yogalehrerin, er Schriftsteller. Wir sind kein Klischee, wir sind einfach nur glücklich, dass wir seit diesem Wochenende uns höchst offiziell so bezeichnen dürfen. Sie, weil sie die Spanda-Yogalehrerausbildung erfolgreich in München abgeschlossen hat. Ich, weil ich parallel in München Arwed Vogel vom FDA, dem Schriftstellerverband, seine Definition, wer sich Schriftsteller schimpfen darf, entlockt habe. 
Aber ganz von vorne: Damit sich meine Frau ungestört auf ihre Yogalehrer-Abschlussprüfung in München konzentrieren konnte, quartierte ich mich mit den Kindern in Schrobenhausen zu einem Kurzurlaub im Spargel-Kulturland ein. 
Wie es der Zufall so will, war Schrobenhausen just in dieser Woche das Mekka der bayerischen Literaturschaffenden: Die jährlich stattfindende literarische Sommerakademie "Lisa" fand ein 10. Mal statt und mehrere Dutzend Schreiber, Literaturaficionados und Großliteraten kamen in der Stadt zusammen. Kennt man Schrobenhausen sowie verschrobene Schriftsteller so gut wie ich, kann man diese auf einen Blick sehr gut im Stadtbild der Spargelstadt identifizieren. 
Höhepunkt der Literaturwoche war die Dozentenlesung, die dieses Jahr standesgemäß im Schrobenhausener Jugendzentrum stattfand. Mit "Jugendzentrum" konnte ich auch meine Gastgeberin erneut in die Falle einer Literaturlesung locken. 
Sie wurde auch diesmal Zeuge einer Sternstunde der Literatur, als Friederike Kretzen ihren intellektuellen Diskurs über Katzendialoge im Iran, ihr Anschlussprojekt zu "Die Schule der Indienfahrer" mit dem denkwürdigen Satz endete: "Katze, wo auch immer Du bist: Der Friede sei mit Dir!" 
Während sich die Lisa-Teilnehmer ergriffen von der Brillanz der Autorin in Ehrfurcht erstarrten, holte sich meine Begleitung überhastet eine zweite Weinschorle. 
Dabei hatte alles so harmonisch begonnen. Arwed Vogel stellte uns als die "Alt-Schrobenhausener" vor und mich als Vertreter des literarischen Chiemgaus und Lisa-Veteran. Norbert Niemann erinnerte sich, dass ich damals bei Ursula Krechel gewesen war. Und auch ich schwelgte in nostalgischen Erinnerungen. Ich schüttelte einer Autorin die Hand, die aussah wie Vea Kaiser, aber Ulla Lenze war. Die Hand werde ich trotzdem nicht mehr waschen. 
Den Lesereigen begann Thomas Kastura mit einem schenkelklopfend witzigen Kurz-Krimi der im - uns Autoren wohlbekannten Milieu schlecht besuchter Kleinstadtlesungen spielte. Ich und meine Begleiterin nickten uns noch zu, dass es dieses Mal doch ganz passabel laufe. 
Nach der Schock-Starre in der wir uns nach den intellektuellen Abgründen der - wie uns ihre Schreibschüler mehrmals versicherten - absolut brillanten Friederike Kretzen versetzte, kam ausgerechnet Norbert Niemann dran. Doch diesmal experimentierte er mit etwas ungewöhnlichem: Mit Humor. Nach den bekannten hochliterarischen Beschreibungen eines Bahnhofs, folgte eine groteske und - man muss sie so nennen - lustige Beschreibung einer Taxifahrt. Das Publikum lachte immer herzlicher und kurz - nur ganz kurz hatte ich das Gefühl, dass in Norbert Niemann etwas aufloderte: Ein noch winzig kleiner Same, ein Gedanke der einst aufkeimen könnte, ob er nicht auch ein großartiger Komödiant, aberwitzig fortgesponnen, sogar ein Stand-Up Comedian, ein Poetry Slammer sein könnte. Norbert Niemann - was auch immer Du vorhast - Der Friede sei mit Dir!
Munter ging es weiter mit Ulla Lenze, die sich in einen Dönerbudenbesitzer in Istanbul verliebt hatte. Besser gesagt, ihre Protagonistin, eine Kunst-Stipendiatin. Urteil der strengen Literaturkritikerin neben mir, die sich seit einer Stunde fragte, ob es ihrer Katze gut ging: "Sehr gut!"
Letztes Highlight waren die Zeichnungen des Graphic-Novel Autoren Vitali Konstantinov. Er sah aufgrund seines Hipster-Vollbartes dem Leiter des Jugendzentrums etwas ähnlich und ich bin nicht sicher, ob ich die dritte Weinschorle nicht etwa bei ihm bestellt habe. Jedenfalls waren seine Bilder und Anekdoten über das Leben in Beirut und im Libanon so herrlich wie erschreckend.
Ich und Grönemeyer in München
Während es mir im Anschluss der Lesung bei noch mehr Weinschorle und Geplauder nicht gelang in den VIP-Bereich zu Ulla Lenze vorzudringen, lernten wir eine andere hoffnungsvolle Autorin kennen: Ines Bayer, die seit fünf Jahren an der Lisa teilnimmt und ihre Kurzgeschichten immer wieder erfolgreich in Wettbewerben platziert. Zu fortgeschrittener Stunde brach der Tross der üblichen Verdächtigen der Lisa in die Lokale der Stadt im Tross Richtung Stadt aufbrach.
Im Cafe Lenbach entspann sich die Diskussion, ab wann man ein Schriftsteller sei. Weder Ines Bayer, noch die restlichen Lisa-Teilnehmer wagten es, sich als "Schriftsteller" zu bezeichnen. Ihrer Definition nach müsse man einen Roman in einem Verlag veröffentlichen. Bis dahin sei man nur "Autor". Meine Gegenfrage, ob man als Autor eines schrecklich geschriebenen Schundromanes, der bei Knaur verlegt wurde, eher ein Schriftsteller sei wie Kafka, der zeitlebens nicht verlegt wurde, entgegnete Norbert Niemann kühl: "Kafka wurde verlegt, als er noch lebte." Verdammt.
Arwed Vogel schlichtete das Streitgespräch schließlich mit seinem Thesenpapier das er für den FDA erarbeitet hatte. Nach vier Weinschorlen kann ich die vielen Punkte, die einen Schriftsteller charakterisieren, nicht mehr wiedergeben, aber ich erinnere mich an mein persönliches Schlussfazit: "Geil, dann bin ich ein Schriftsteller!"
Die frischgebackene Yogalehrerin
Ines Bayer coachte mich noch, wie ich als Ehemann einer baldigen Yogalehrerin gleichzeitig ein erfülltes Eheleben als Schriftsteller führen könne: Yoga und Schreiben ließen sich doch wundervoll verbinden. Erst war ich skeptisch. Doch dann fiel mir ein, dass ich, nachdem ich meine Frau für die Yoga-Theorieprüfung ausgefragt hatte, eine Kurzgeschichte mit dem Thema "Dharma" in dem jede Menge abschauende Hunde vorkamen, geschrieben habe. Ja, es funktioniert!
Als ich nicht mehr wusste, ob ich meine fünfte Weinschorle nun im Ecker - wo meine Begleitung saß - abgestellt hatte, oder im Lenbach - wo die Schriftsteller saßen, schrieb ich in Gedanken einen Yoga-Krimi in dem es um die Katzen eines Dönerbudenbesitzers in Istanbul ging. 
So begann das Wochenende. Mit Schriftstellern. Und sie endete mit erleichtert und ausgelassen feiernden zukünftigen Yogalehrerinnen (und Artur). Ja, meine Frau hatte es auch geschafft. Noch am Abend erarbeiteten wir ein Konzept für die vhs: Yoga für Schriftsteller. Oder Schreiben und Yoga oder so. Katzen kamen keine vor. Schade eigentlich.