Sonntag, 15. April 2018

Spurensuche Thomas-Mann-Villa in München

Eine Exkursion zu Thomas Manns Häusern in München

Die Thomas-Mann-Villa an der Poschinger Straße
Der mit Abstand bedeutendste bayerische Schriftsteller ist... Nein, es ist weder Ludwig Thoma noch Oskar Maria Graf. Es ist... Thomas Mann!
Wos??? Der Saupreiss soll a Bayer sein? 
Bis heute tut sich München schwer, das Andenken an seinen berühmtesten literarischen Bürger würdig zu begehen. Auch aus diesem Grund war selbst mir, als literarisch interessierten Bürger und Thomas-Mann-Leser lange Zeit nicht bewusst, dass Thomas Mann nicht nur ein, zwei Jahre eine Zweitwohnung in München hatte, sondern die Hälfte seines Lebens ein echter Münchener war. 
Thomas-Mann-Haus mit Gedenktafel
Natürlich, Thomas Mann verbindet man zunächst mit Lübeck. Thomas Mann hat so rein gar nichts mit bayerischer Volkstümelei, Weißwurst und Oktoberfest am Hut und vom Dialekt brauchen wir gar nicht erst reden. 
Trotzdem hat dieser Preusse fast 40 Jahre seines Lebens in der Landeshauptstadt des Freistaates gelebt. Vermutlich wären es wohl nochmal ein paar Jahrzehnte geworden, wenn ihn nicht der Nationalsozialismus ins Exil getrieben hätte. 
Für einen bayerischen Thomas-Mann-Fan ist der Gedanke zu schön, um wahr zu sein: Möchte man auf den Spuren des Zauberers wandeln, muss man nicht bis nach Pacific Island oder Lübeck fahren, sondern es reicht ein Ausflug nach München. 
Doch wo befinden sich die verschiedenen Häuser in denen Thomas Mann gelebt hat? So prominent beworben wie ein Weimarer Goethe-Haus wird die Thomas-Mann-Villa nicht. Man muss beinahe mit der Lupe suchen, um die Wohnhäuser der Familie Mann zu entdecken. Eine Radltour entlang der Isar bringt Gewissheit:
20 Jahre lang residierte die Familie Mann in exquisiter Lage in der Poschingerstraße. Wer die Serie "Die Manns" gesehen hat weiß, dass von der Original Villa nichts mehr übrig ist. Sie wurde im Krieg zerbombt und verwahrloste in den Nachkriegsjahren. Der spätere Bungalowbau hatte nichts mehr mit der originären Thomas-Mann-Villa gemein. 
Um so überraschter, geradezu begeisterter war ich, als ich auf meiner Radltour nach Bogenhausen in der ehemaligen Poschingerstraße, die heute immerhin "Thomas-Mann-Allee" heißt, eine hochaufragende Villa entdeckte, mit der aus Film und Fotos bekannten Fassade. Tatsächlich, die Thomas-Mann-Villa ist wiederauferstanden! Eine Gedenktafel erklärte, dass der alte Bungalow abgerissen wurde und ab 2005 das alte Thomas-Mann-Haus zumindest in der Fassade nach den Originalplänen wiederaufgebaut wurde. 
Der Neubau lässt erahnen, wie eindrucksvoll die Villa des Literaturgrossmeisters damals auf Passanten gewirkt haben muss. Prominent gelegen direkt am Isarufer. Auch heute beobachtete ich zahllose Jogger und Radfahrer, die sich nach der Villa umdrehen. Vielleicht weil sie wussten, dass die Mann Familie dort residiert hat. Vielleicht weil sie wussten, dass es Münchens teuerstes Wohnhaus ist. 
Denn leider hat nicht die Stadt München das Haus erworben. Bisher wurde es wieder und wieder versäumt, aus diesem historischen Ort eine literarische Gedenk- oder Begegnungsstätte zu machen. Stattdessen hat eine Privatperson die Luxusvilla für 30 Millionen Euro erworben. Das Kuriosum: Sein Name ist Thomas Manns. 
So stand ich lange mit zwiespältigen Gefühlen vor dem Haus. Ich hatte einen hässlichen Bungalow erwartet und war ergriffen davon, dass die bekannte Originalfassade wiederhergestellt wurde. Gleichzeitig bedauerte ich den Gedanken, dass es auf viele Jahrzehnte hin wohl unmöglich bleibt, dieses Grundstück, diese Stätte auch von innen zu besuchen. Der neue Besitzer Thomas Manns wird wohl wenig Interesse haben, dass Literaturfans durch sein Haus latschen und die Pools begutachten. 

Die weiteren Thomas-Mann-Häuser

Thomas-Mann-Haus in der Feilitschstraße 5. Heute Wirtshaus Seerose
Auf der Webseite des Thomas-Mann-Forums enteckte ich die beiden weiteren Wohnhäuser Thomas Manns. Beginnend mit dem Haus in der Feilitzschstraße 5. Heute in einem etwas ruhigeren Fleckerl Schwabings gelegen, befindet sich im Gebäude inzwischen die Wirtschaft "Seerose". Auch hier berichtet eine Gedenktafel, dass hier Thomas Mann einige Jahre gelebt und dort auch den zweiten Teil der "Buddenbrooks" fertiggestellt hat.
Eine Enttäuschung ist allerdings die Weiterfahrt in die Franz-Joseph-Straße 2. Hier hatte Thomas Mann mit seiner Frau Katja Pringsheim eine Familie gegründet und hier waren die ersten vier Kinder zur Welt gekommen. Das Haus wird derzeit renoviert. Die Gedenktafel ist folglich entfernt, wird aber lt. dem Thomas-Mann-Forum München auch nicht wieder dort angebracht.
Eine kleine Entdeckung hatte ich aber doch noch gemacht:
Thomas-Mann-Villa in den Bavaria Filmstudios. Heute der "Fürstenhof"
Es gibt noch ein viertes Thomas-Mann-Haus in München. Und zwar genau dort, wo ich am Nachmittag meine Frau abholen musste: In den Bavaria Filmstudios.
Für die Dreharbeiten zu "Die Manns" wurde dort die Thomas-Mann-Villa beinahe originalgetreu nachgebaut. Lange Zeit musste man also zum Geiselgasteig fahren, um sich einen Eindruck von der Villa zu machen. 
Inzwischen hat sich die Thomas-Mann-Villa allerdings ein wenig verändert. Sie steht am Waldrand und hat - beinahe ähnlich des Original Thomas-Mann-Hauses einen neuen Besitzer: Und dieser hat es umfunktioniert zu einem Hotel. Die Thomas-Mann-Villa heißt inzwischen "Fürstenhof" und ist Kulisse für die Serie "Sturm der Liebe". So hätte man die Serie über die Familie Mann übrigens auch nennen können...
So gelang es mir, wie es der Zufall so wollte, an einem einzigen Tag alle vier Thomas-Mann-Häuser in München zu besuchen.

Donnerstag, 12. April 2018

Dunkelgrün fast schwarz: Aufwühlend und vielschichtig

Passend zum Teppich: Dunkelgrün fast schwarz
Mareike Fallwickl, mehr zufällig war ich vor Jahren über diesen Namen gestolpert und sofort landete sie in jener meiner Schubladen von Schriftstellerinnen aus meiner erweiterten Heimat die in etwa meiner oder wenigstens einer jüngeren Generation angehörten und in die ich, ohne je etwas von ihr gelesen zu haben, gigantische Hoffnungen auf sie projizierte, das nächste große Ding der Literatur entdeckt zu haben. (Siehe Fräulein von Rönne aus Grassau...) 
Frau Fallwickl aus dem Salzburger Umland hatte mit mir nicht nur gemein, dass wir (aus verschiedenen Richtungen) auf dieselben Berge blicken, sondern auch noch, dass sie ihrerseits Mutter zweier Kinder ist. Schnell merkte ich, dass sowohl ihre (wirklich lustige) Twitter Präsenz ebenso wie ihr (wirklich erfolgreicher) Literaturblog "Bücherwurmloch" in einer ganz anderen Liga wie ich selber spielen. Umso überraschter war ich, dass das bis damals einzige Buch das ich von ihr entdeckt hatte, "Auf Touren", vorsichtig ausgedrückt, so ganz anders war als ich mir das junge Literaturtalent vorgestellt hatte. Überspitzt gesagt, meine Frau fragte mich stirnrunzelnd, seit wann ich Frauenpornos lese. Die Hoffnung blieb, dass da doch noch mehr sein müsste bei dieser jungen Frau aus dem Nachbarland.
Der Rest ist schon beinahe Geschichte: Sie hat ihren ersten großen Roman also tatsächlich geschrieben. Er heißt "Dunkelgrün fast schwarz", ist ein aufwühlender, unterhaltsamer und äußerst vielschichtiger Roman. 
Die Geschichte der Sandkastenfreunde Moritz (Motz) und Raffael (Raff) wird auf mehreren Zeitebenen aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Jede davon hat ihren Reiz. Wobei mir die realistischen Schilderungen der Verzweiflung junger Eltern am meisten zugesagt haben, da sie jene schlaflosen Nächte und das phasenweise Gefühl, ein Gefangener seiner Kinder zu sein, aus meiner momentanen Lebenssituation sehr gut nachempfinden kann.
Das Herzstück des Romans ist allerdings jenes dunkle, fast schwarze Etwas das Hauptfigur Raffael, "Raff" umgibt. Während der Erwachsene Raff teilweise zu sehr shades of greyig üerzeichnet ist, fand ich das Portrait eines schlicht bösartigen Kleinkindes und später des Teenagers der Spaß daran hat, Grenzen zu überschreiten und die Mitmenschen zu terrorisieren, sehr gelungen. Aufgeladen von der stets mitschwingenden Erotik tun sich schwarze Abgründe der Seele auf wo auch immer Raf oder sein ihm nicht unähnlicher Vater auftauchen. 
Das Buch ist zeitweise nichts für sensible Gemüter und wirkt auf sehr aufwühlende Weise, wie es gute Literatur an sich immer tun sollte.
Auch sprachlich ist die Geschichte wunderschön erzählt. Wer die Österreichische Sprache liebt, wird in zahllosen Bildern und Ausdrücken ganz auf seine Kosten kommen. 
Am stärksten fand ich das Buch stets wenn es in der Provinz, also Hallein, Dürrnberg und Salzburg spielte. Was vielleicht am Lokalpatriotismus liegt. Die Szenen in Italien und Las Vegas empfand ich als zu gewollt, zu aufgesetzt.
Dennoch empfehle ich dieses Buch vor allem allen Müttern kleiner und größerer Kinder Shades of Grey super fanden und dennoch mal Bock haben, "richtige" Literatur zu lesen. Die werden voll auf ihre Kosten kommen!
Ob sie eines Tages in einer Liga mit meinem österreichischen Lieblingsautor, dem Großmeister Thomas Glavinic spielen wird, wird sich zeigen. Bereits heute ist sie als Buchbloggerin fantastisch vernetzt und hat mit Dunkelgrün fast schwarz bewiesen, dass sie auch literarisch derbe (gut) dreinhauen kann.

Donnerstag, 15. März 2018

Auf den Spuren von Wolfgang Herrndorf in Nürnberg

Seit der Lektüre von Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur" hat auch die Stadt Nürnberg für mich eine neue Bedeutung gewonnen. Als ich das letzte Mal durch die Altstadt flanierte, hatte ich Tschick bereits gelesen. Wolfgang Herrndorf lebte damals noch. Viel wusste ich noch nicht über ihn. Sechs Jahre kenne ich Arbeit und Struktur fast auswendig und ich suche selbst mit der Lupe nach den wenig bekannten Spuren der Biographie von Wolfgang Herrndorf. Das meiste was aus seinem Leben bekannt ist, hat er selbst in seinem Blog "Arbeit und Struktur" preisgegeben.
In Nürnberg hat er sich damals als 18-jähriger zum Studium eingeschrieben. Es heißt, er wählte Nürnberg, weil die Universität als besonders konservativ galt. Herrndorf interessierte sich vor allem für die alten Meister und hoffte, in Nürnberg die uralten Maltechniken zu erlernen. 
Recht viel mehr ist von seiner Zeit in Nürnberg nicht bekannt. Zumindest gibt es in Arbeit und Struktur einen kleinen Hinweis, wo er gewohnt hat: Im Eintrag vom 21. September schreibt er, von seiner Wohnung am Westtor in Nürnberg geträumt zu haben. 
Also ein guter Startpunkt, um eine Wolfgang-Herrndorf Exkursion durch Nürnberg zu starten. 
Blick vom malerische Kettensteg unweit des Westtors in Nürnberg
Das Westtor allerdings ist kein real existierendes Tor, sondern, wie sich herausstellt, eine Straße und wohl das Viertel an dem sich das alte Westtor in der Nürnberger Stadtmauer befunden hat. Eine lärmende Straße die um die mittelalterliche Stadtgrenze entlang führt. Einige unauffällige Altbauwohnungen. Dann eine Wohnungszeile mitten in der historischen Stadtmauer. Ob Herrndorf dort gewohnt hat? Nicht weit vom Westtor jedenfalls befindet sich der Kettensteg und das Henkershaus an der Pegnitz. Einer der malerischten und romantischten Orte von Nürnberg. Ein Ort an dem sich ein Maler und Liebhaber der alten Künste sicherlich wohlgefühlt hat. Wer es vielleicht noch wissen könnte ist Calvin S., Wolfgang Herrndorfs Freund aus der Nürnberger Zeit.
Ob die Nürnberger Buchhandlungen wissen, dass Herrndorf in ihrer Stadt lebte? Die Probe aufs Exempel in der Buchhandlung Jakob verlief ernüchternd. Den Schriftsteller Herrndorf kannte man dort natürlich. Dass Herrndorf nicht weit weg von ihrer Buchhandlung gewohnt hatte, war ihnen gänzlich unbekannt. Auch davon, dass Herrndorf auch Maler war, hatte man hier noch nichts gehört. Nürnberg hat Albrecht Dürer und Hans Sachs. Das genügt wohl. Jedenfalls wird die Nürnberger Zeit des Tschick-Autoren touristisch noch nicht ausgeschlachtet. Und so bin mal wieder ich der einzige, der durch die Gassen rund um das Westtor schlendert, die Rosenbaum Doktrin in der Tasche, und sich fragt, wo Herrndorf hier wohl gelebt hat...


Freitag, 9. März 2018

Der Osterwolf - Tradition und Brauchtum in Traunstein

Jährlich zum Ostermontag findet einer von Bayerns berühmtesten
Osterwolf-Ritten in Ettendorf statt
Der Osterwolf und die jährlichen Feiern zum Osterwolf haben auch im Chiemgau eine jahrhundertealte Tradition. Beim Treffen der Chiemgaublogger wurde an die tiefe Verwurzelung der Traunsteiner Bevölkerung mit der Legende des Osterwolfs erinnert. Referent und Heimatforscher Bernd Götterpflug-Dehler skizzierte humorvoll und informativ die Osterwolf-Traditionen im Chiemgau der letzten beiden Jahrtausende.
Am bekanntesten ist natürlich die Legende, dass im Jahre '39 am Ostersonntag den im Hufschlager Forst spielenden Brüdern Joseph und Georg Ratzinger der Osterwolf erschienen sei. Die beiden Kindern zeigten keinerlei Furcht vor dem Wolf und der Legende nach wertete der ältere der beiden Brüder die Begegnung mit dem Osterwolf als Omen,
Naturschutzbund, Süßwarenindustrie und Tourismusverband
nutzen den Osterwolf-Glauben für ihre Zwecke
dass es seine Bestimmung sei, eines Tages Papst zu sein. Auch die zweite Weissagung, dass er als späterer Papst sein Amt niederlegen würde, an dem Tag an dem er dem Osterwolf ein zweites Mal begegnete, hat sich, wie man heute weiß, bewahrheitet: Kurz vor Zelebrieren seiner letzten Ostermesse begegnete der Papst beim Spaziergang in den vatikanischen Gärten einem Wolf.

Die Osterwolf-Verehrung hat in Traunstein eine jahrhundertelange Tradition. Jährlich zum Ostermontag wird der Osterwolf-Ritt gefeiert bei dem hunderte Reiter zu Ehren des Osterwolfes zum Ettendorfer Kircherl reiten, wo sie den Osterwolf-Segen empfangen. Bereits aus keltischer Zeit konnte dort oben auf dem Ettendorfer Hügel eine kultische Wolfs-Verehrung nachgewiesen werden.

Auch wenn in heutiger Zeit die Osterwolfs-Verehrung den Ruf hat, sie sei eine reine Image-Kampagne der Naturschutz-Lobby, die dem Wolf ein besseres Image verschaffen will, so liegt die Verehrung des Osterwolfs deutlich tiefer im regionalen Volksglauben verankert. Natürlich weiß man heute, dass der Wolf nur ein aus heidnischer Zeit stammendes Symbol für das Osterwunder ist, dennoch ist der Glaube an den Osterwolf ein fester Bestandteil des Chiemgauer Volksglaubens und die Segnung der gebackenen Osterwölfe eine beliebte Tradition.
In seinem Vortrag sparte Bernd Götterpflug-Dehler, der Autor von Sachbüchern wie "Wandern mit Hund auf Chiemgauer Osterwolf-Pfaden"  natürlich auch die Schattenseiten der Osterwolf-Verehrung nicht aus. Heute erinnert nur noch wenig an das historische Symbol des Osterwolfs. Vor allem die Süßwarenindustrie  hat sich die Osterwolf Tradition profan zu eigen gemacht und übertrifft sich Jahr für Jahr mehr in der Kommerzialisierung des Osterwolfes. Da kann sich auch die Stadt Traunstein nicht ausnehmen, die das Osterwolf-Bier und die Osterwolf-Fastenbrezen bereits seit Jahren zu einer erfolgreichen Marke beworben hat. Auch die viermal im Jahr stattfindenden Osterwolf-Spaziergänge nach Ettendorf sind ein fester Bestandteil der Traunsteiner Osterwolf-Vermarktung. Bernd Götterplfug-Dehlers Appell, die Bevölkerung wieder mehr für die wahren Wurzeln der Osterwolf-Tradition zu sensibilisieren, stieß bei den anwesenden Chiemgabloggern deshalb auf fruchtbaren Boden. Man einigte sich, dass man sich möglichst bald die Domain www.osterwolf.de oder zumindest www.osterwolf-shop.de sichern wolle und man dafür sorgen werde, dass der Hashtag #osterwolf auf Twitter und Instagram trenden wird. Notfalls wolle man dazu eine völlig frei erfundene Traunsteiner Osterwolf-Legende im Internet platzieren. Irgendjemand wird den Schmarrn schon glauben.

Sonntag, 4. März 2018

Wolfgang Herrndorf - Vom Maler zum Schriftsteller

Inzwischen bei der Sekundärliteratur zu
Wolfgang Herrndorf angekommen
Wie waren Wolfgang Herrndorfs erste Jahre als Schriftsteller? Warum hat er seine Tätigkeit als Maler aufgegeben und sich dem Schreiben zugewandt? Bei meiner Recherche bin ich auf ein hochinteressantes Buch von Jörn Morisse und Rasmus Engler gestoßen: "Wovon lebst du eigentlich?" Beschäftigt man sich mit Wolfgang Herrndorfs Netzwerk, dann ist Jörn Morisse kein Unbekannter: Er ist Mitbegründer der "Zentralen Intelligenz Agentur", der auch Wolfgang Herrndorf angehörte.
In "Wovon lebst Du eigentlich?" sprechen mehr oder weniger bekannte Künstler aus den verschiedensten Bereichen darüber, wie sie sich über Wasser halten. Darunter Benjamin Quabeck, dessen "Nichts bereuen" einer meiner Lieblingsfilme war. Auch die Musikerin und Schriftstellerin Almut Klotz kommt zu Wort. Sie starb kurz vor Herrndorf. "Almut" war auch das letzte Wort in Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur". 
In einem Interview, das ca. 2007 geführt wurde, berichtet Wolfgang Herrndorf von seinem Leben als Schriftsteller. Der Zeitpunkt ist interessant, da er als Autor von bis dahin zwei Büchern (In Plüschgewittern, Diesseits des Van-Allen-Gürtels) zwar in der Szene einen Namen hatte, er insgesamt aber ein weitgehend unbekannter Schriftsteller war.
Herrndorf berichtet, dass er zuvor als Maler gar nicht so schlecht verdient hätte. Auch wenn er schon damals sehr bescheiden und teils unter dem Existenzminimum lebte. Warum er das Malen dennoch zugunsten der Schriftstellerei aufgegeben hat, wird er gefragt. Herrndorf gibt an, dass er auch ohne Lohn schreiben würde - es hat sich also zu einer Leidenschaft entwickelt. Der spannendere Aspekt - den man als Nicht-Maler nicht unbedingt auf dem Schirm hat, ist allerdings dieser: Das Malen, so Herrndorf, sei körperlich und seelisch ungemein anstrengend. Das Schreiben nur seelisch. Es war also auch die seinem äußerst aufwändigen Malstil geschuldete körperlich schwere Arbeit, die ihn weg von der Malerei hin zum Schreiben geführt hatte. 
Herrndorf selbst beschreibt sein damaliges Leben so, dass er nicht in Urlaub fährt, keine Kleidung kauft. Lange hatte er nicht einmal Dusche, Kühlschrank, Telefon. 
Heute ein moderner Klassiker in den Schul-
bibliotheken: Tschick
Im Interview erwähnt Herrndorf, dass er noch drei Manukripte in der Schublade hätte. Dabei wird "Sand" kurz umschrieben. Das zweite dürfte "Tschick" gewesen sein. Herrndorf-Fans werden nun rätseln: Was zum Teufel war das dritte Manuskript? Herrndorf selbst erwähnt in "Arbeit und Struktur", dass er an einem "Stimmen-Roman" geschrieben hatte. Stimmen - das war sein Online-Name bei den Höflichen Paparazzi. Was aus dem Manuskript wohl geworden ist? In der Badewanne vernichtet? Liegt es längst im Literaturarchiv Marbach? Ob wir es je erfahren werden?
Eine fast prophetische, damals aber noch gänzlich undenkbare Vorschau auf das Kommende wird das Interview, als beide davon schwadronieren, Herrndorf müsste ganz einfach ein Klassiker werden. Herrndorf selbst meint, ein Bestseller würde ihm völlig ausreichen. Er spekulierte noch, dass "Sand" sein großer Durchbruch werden müsste. Natürlich ironisch-augenzwinkernd. Gleichzeitig gewinnt das Interview eine traurige Note in dem Wissen, dass Tschick nicht nur ein Bestseller wurde, sondern heute als moderner Klassiker gilt und in Schulen landauf landab gelesen wird. Für Heerrndorf selbst geriet der überraschende Erfolg zur Nebensache, da er bei der Veröffentlichung von Tschick bereits am Gehirntumor erkrankt war.
Zuletzt wird Herrndorf gefragt, ob er sich (außer einer Frau - die er ja dann auch gefunden hat) noch etwas wünscht. Seine Antwort: Eine Wohnung mit Aussicht. Zumindest dieser Wunsch ist am Ende also dann noch in Erfüllung gegangen. 

Sonntag, 25. Februar 2018

Rückkehr nach Mannheim

Mannheim im Winter: Wasserturm ohne Wasser.
Mannheim. Zum ersten Mal beschäftigte ich mich mit der Stadt Mannheim, als mir vor über fünfzehn Jahren ein Studienplatz ebendort angeboten wurde. "In Mannheim? Eigentlich habe ich keinen Bock auf das Ruhrgebiet." Ich nahm trotzdem an.
Wenige Tage später saß ich im ICE und traf mich in Mannheim, das mir als die hässlichste Stadt Deutschlands angepriesen wurde, mit einem Herrn Hermann. In Mannheim heißt man Hermann, klar. Herr Hermann bot mir seine Wohnung in Mannheim zur Miete an. Die Wohnung, 25 qm Altbau, möbliert, war gelinde gesagt Scheiße. Aber sie war meine erste eigene Wohnung und außerdem lag sie fast direkt am Wasserturm. Also wurde sie für die kommenden drei Jahre zum absoluten Lieblingsort auf Erden. Herr Hermann stutzte zwar kurz, als der Bub vom Land ihn fragte, wo der Rhein sei. Die Frage rührte ihn so sehr, dass er mich sogar hin fuhr. Einmal Ludwigshafen und zurück. Ich hatte an meinem ersten Tag in Mannheim Wasserturm, Kunsthalle, Schloss, Rhein UND BASF gesehen und fand Mannheim, die beschissene Wohnung und Herrn Hermann super! 
Das zweite Mal in Mannheim war ich am 11. September 2001 - aber das ist eine andere Geschichte.
Die kommende Zeit ging in einem wirren Strudel aus FH, Miljöö, Action, Luisenpark, Lernen und Schwänzen, Genesis, Thanner, Quadrate, Rheinterrassen, Strandbad, Schiller und von Kotzebue unter. In ungefähr dieser Reihenfolge. 
Auf einmal sind fünfzehn Jahre weg wie nichts und ich schlendere durch eine Stadt von der ich erwartete, sie sei mir völlig fremd. Aber bis auf den Primark hinterm Enchiladas ist vieles gleich geblieben. Der alte Schiller steht immer noch verloren im Park hinterm Andechser. Ob Frau Gehrig noch lebt? Ob sie noch immer so böse zu den Gästen ihrer Pension ist? Der Wasserturm turmt träge vor sich her. Aber kein Wasser weit und breit wegen Winter. Nach zwei Stunden ziellosen Herumlaufens die ewige Frage: Wohin nun?
Chillen mit Schiller im Schillerpark
Natürlich zum Rhein. Vorbei am Schloss. Vorbei an Studierenden die geschäftig so tun als hätten sie nichts zu Lernen. Runter über Deutschlands einzigen Hauptverkehrsknoten der mitten auf einen einst malerischen Schlosspark gestellt wurde. Und dann steht er da, der Rhein. Unbeeindruckt von mir zieht er seiner Wege, als sei nichts gewesen. Unfassbar, dass wir da drin schon mal gebadet haben. Oberhalb von BASF, versteht sich. 
Jeder Baum, jeder Stein der Stadt eine Erinnerung. Schrecklich wenn ein tragischer Romantiker, als der ich damals im Wahlpflichtfach "Enneagram" profiled wurde, durch seine alte Heimat flaniert. Wie seltsam, dass man selbst Mannheim wehmütig liebt wie den schönsten Ort der Welt. Noch seltsamer die, die dort waren und es nicht tun. 
Zum Finale Fahrt vom Tattersall Richtung Neuostheim in der Sechser. Vorbei am Haus, in dem ich einst lebte. Vorbei an den Haltestellen an denen die anderen einstiegen, einer nach dem anderen, bis wir komplett waren und uns die Bahn an der Lukas Cranach Straße wieder ausspie. "Ein Hoch auf unseren Straßenbahnfahrer!" haben wir damals gesungen. 
Der Weg zur FH. Das Stelzenhaus hat keine Stelzen mehr. Die Ampel schaltet noch immer sofort auf "grün" um. Man kann die BA-Kollegen noch immer auf fünfzig Meter gegen den Wind identifizieren. Hätte ich auch am Morgen tun sollen, als ich mich zielstrebig neben Heinrich Alt gesetzt hatte. 
Hier wohnte ich also damals.
Ein bisher unbekanntes Schild verkündet, dass die FH nun "HdBA" heißt. Innen drin ist alles beim alten. Nur die Kantine wird umgebaut. Ob das Essen dadurch besser wird - zweifelhaft. Das Aquarium schaut immer noch aus wie ein Aquarium. Und im Audimax sofort der Drang, sich rechts hinten in die letzte Reihe zu setzen. Mist, alles schon voll. Dann halt in die zweite Reihe ganz vorne. Aha, so fühlt sich das also an. Vielleicht besuche ich heute auch noch ein erstes Mal in meinem Leben die Bibliothek, wenn ich schon Streber spiele.
Nach der Abendveranstaltung fährt eine Straßenbahn voller ausgelassener, übermütiger Kollegen zurück in die Stadt. Wohin jetzt? Die Kulisse gibt es nicht mehr, in der Karaokebar wird umgebaut. Miljöö und Action? Einer nach dem anderen verabschiedet sich in seine Hotels. Nun gut. Man ist ja schließlich keine Mitte Zwanzig mehr. Und außerdem muss man morgen ja früh raus. Und wann hat man schon mal die Gelegenheit gehabt, ohne Kinder eine Nacht durchzuschlafen?
Verdammt, ich bin zu alt für Mannheim geworden. Und dann fällt einem dieser völlig bescheuerte Wortwitz ein: "Ich kam als Bursche nach Mannheim. Und kehrte als Mann wieder heim." Schlecht? Ja, sehr schlecht. Gute Nacht!



Samstag, 17. Februar 2018

Die Zweisamkeit der Einzelgänger - Zurück in der Meyerhoff-Welt

Der letzte Teil von "Alle Toten fliegen hoch"

Gutes Buch - allerdings phasenweise ohne
den Zauber der Vorgänger
Joachim Meyerhoff hat sich mit drei unfassbar lustigen gleichwohl rühenden Büchern eine imposante Fangemeinde erschrieben. Die Erwartungshaltung an den Abschluss seiner biographisch angehauchten Reihe "Alle Toten fliegen hoch" war dementsprechend hoch. Obwohl mir die Erwartungshaltung der anderen schnurtzegal ist, blieb auch ich nach Lektüre von "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" ein wenig enttäuscht zurück. Ein schönes, ein gutes Buch. Aber an das durchweg erhebende Leseerlebnis seiner "Lücke" vom letzten Jahr konnte er mit seinem Finale nicht anknüpfen. Um zu verstehen, wie Meyerhoff als Literat (natürlich auch als Schauspieler) arbeitet, muss man das Buch dennoch unbedingt gelesen haben:
Denn: Als völlig naiver Leser wie ich es bin, glaubte ich bei Lektüre des ersten Teils "Amerika",  tatsächlich, es handle sich um die Autobiographie des Schauspielers Joachim Meyerhoff. Vieles von den Beschreibungen hatte ich als Austauschschüler in den USA selbst ebenso erlebt. Meist dachte ich aber schmunzelnd: "Ganz so krass ist es bei mir zum Glück nicht eskaliert." Erst ab Band drei begann der blauäugige Bub vom Land, der ich nun einmal bin, zu begreifen, dass Meyerhoff ein Meister des märchenhaften Flunkerns ist. Und allen, die noch schwerer von Begriff sind als ich, liefert Joachim Meyerhoff in der "Zweisamkeit der Einzelgänger" schließlich die Erklärung gleich mit, wie sein Schreib- und Erinnerungsstil entstanden ist: Nächtelang erzählte er seiner Freundin Hanna seine Lebensgeschichte vor dem Einschlafen. Der waren die Anekdoten zu fad und bat ihn, sie möglichst skurril auszuschmücken. Und so, behauptet Meyerhoff, wusste er nach der Hanna-Zeit selbst nicht mehr, was in seinen Erinnerungen wirklich passiert war und was er sich nur ausgedacht hatte. 
Und überhaupt, Hanna. Sein Kennenlernen Hannas, ihre erste Nacht, ein ausgedehnter Spaziergang von der Bielefelder Innenstadt in den Teutoburger Wald, sind ein magischer Start in das Buch. In gewohnt grandioser Meyerhoff-Manier gelingt es ihm, sogar mir, der nicht an die Existenz Bielefelds glaubt, eine euphorische Liebe für diese Stadt einzuimpfen. Beinahe hätte ich schon ein Hotelzimmer in Bielefeld gebucht. Hanna und die Stadt Bielefeld werden skurril-seltsam beschrieben aber immer so liebevoll, dass man als Leser in den erhofften Sog gezogen wird. 
Aber so gut das Buch beginnt, irgendwann kippt es. Es beginnen Wiederholungen: Eine illegale Aktion in einem Kaufhaus erinnert an den Diebstahl des Life-Bildbandes aus der "Lücke". Gleich zwei Mal werden Theaterinszenierungen fast minutiös beschrieben. Weiterhin schön zu lesen, aber immer wieder kam der Gedanke: "Das hatten wir schon mal." Und schließlich wird aus einer Liebesgeschichte eine Fremdgehgeschichte. Und er jongliert nicht nur mit zwei, sondern gleich mit drei völlig unterschiedlichen Frauen. Und auf einmal passiert etwas, das gute Literatur darf und muss, aber ungewohnt neu im Meyerhoff-Universum ist: Man mag den Ich-Erzähler nicht mehr. Und nicht nur ein bißchen, man findet ihn bald so bescheuert, dass man das Buch kurzzeitig weglegen möchte, um sich wieder Dostojewski zu widmen. Das ist fatal in einer Serie die darauf beruht, ein Leben absolut heiter bis zu Tränen rührend zu erzählen. In dem Moment, in dem man den Ich-Erzähler Meyerhoff nicht mehr ausstehen kann, verliert das Buch tatsächlich an Zauber. So ehrlich und literarisch der Inhalt auch sein mag. Womöglich liegt es auch an der virtuosen Zeichnung Hannas, des stärksten Charakters im Buches. Ein Leser wie ich ist natürlich völlig vernarrt in ein Mädchen das tagaus tagein nichts anderes macht als Lesen, Schreiben und denken, denken, denken. Da verzeiht man es dem Ich-Erzähler nicht, dass er gleichzeitig was mit attraktiven Tänzerinnen und wuchtigen Bäckerinnen anfängt.
Quo Vadis Meyerhoff? Zwei Bücher lang hat er uns versucht zu überzeugen, dass er nicht wirklich ein Schauspieler ist. (Ist er natürlich schon! Und was für einer!) Jetzt hat er die vier Bücher seiner Serie "Alle Toten fliegen hoch" vollendet. Was kommt als nächstes?  Ein Roman a lá Knausgard über seine Zeit, als er ein Schriftsteller wurde? Ein großes belletristisches Werk außerhalb des Meyerhoff-Universums? 
Das Finale lässt jedenfalls noch Spielraum nach oben und die Hoffnung bleibt, dass noch viele weitere Bücher folgen!