Freitag, 17. November 2017

Da sind sie, die Chiemgau-Blogger

Wo sind die Blogger im Chiemgau???

Immer bei der Arbeit: Die Chiemgauer Blogger/innen
Diese Frage stellte ich vor einer Weile und lange Zeit blieb es still in den Weiten des Internets. Doch inzwischen haben sie sich bemerkbar gemacht: Stefanie Dehler, Bloggerin vom Gipfelglück, hat eine kleine aber feine Runde von Bloggern aus und über den Chiemgau zusammengetrommelt und die ersten Treffen organisiert. Beim letzten war ich dabei und lernte eine völlig neue Welt kennen:
Im Gegensatz zu meinen Chiemgau-Autoren steht bei den "echten" Bloggern nämlich nicht nur das geschriebene Wort im Mittelpunkt, sondern auch das Key-Word, das Foto zum Geschriebenen und natürlich die mediale Vermarktung von Bild und Text. 
Und so dauerte es nicht lange, bis die illustre Runde in der Gaststube des Sailer Keller - nachdem sich jeder vorgestellt hatte - die Smartphones gezückt hatte und munter jeden der anderen auf Facebook, Instagram oder Twitter folgte sowie live vom Treffen bloggte. Der ehemalige Weinblogger trank Bier, die Eltern-Bloggerin musste nach Hause, den Babysitter ablösen, die Strick-Bloggerin begann zu stricken. Es war herrlich und genau so wie man sich ein Bloggertreffen immer vorgestellt hatte.
Schon 1924 trafen sich die Chiemgauer Blogger hier im
Sailer Keller
Und breit aufgestellt sind sie, die Chiemgau-Blogger: Egal ob über Bergsteigen, Kultur, Kinder, Stricken, Literatur, Wandern - da war für jeden etwas dabei. Wer mal reinklicken möchte, wer sich inzwischen in der Chiemgauer Blogger-Szene so tummelt, dem sei diese Auflistung empfohlen!
Völlig neu war mir, wie gut auch die im Chiemgau lebenden Blogger/innen vernetzt sind. Da gibt es Netzwerke wie die "Iron Blogger" oder "Blog and Burger" sowie das Salzburger treffen "Salt and the city". So war es für mich ein Gefühl wie wenn man aus dem tiefsten Nebel des Chiemseeufers Richtung Hochfelln hinaufsteigt und auf einmal eine Ahnung bekommt, was in Sachen Bloggen allgemein und Bloggen im Chiemgau alles möglich ist.
Schön war es auf alle Fälle und ich hoffe auf eine baldige Wiederholung!

Hier noch der Link zu meinem Papablog:
Das Elterntagebuch 

PS: Schönen Gruß an dieser Stelle - falls sie es liest - an einen der besten im Chiemgau entstandenen Blogs, ans Sudelheft : )

Dienstag, 31. Oktober 2017

Unser Buchclub liest: Sven Regener - Wiener Strasse

Unser Buchclub Traunstein hat sich nach einem Jahr Planung  und einem halben Dutzend nie
besprochener Bücher tatsächlich ein erstes Mal getroffen.
Traunstein, das ist literarische Provinz. Während zeitgleich im Studio 16 die Chiemgau-Autoren e.V. gegen dieses Klischee anzustinken versuchten, brannte im Salon in der Steffgenstrasse der Buchclub Traunstein ein Tischfeuerwerk der heiteren Intellektualität ab. Zumindest in der Theorie. Denn einerseits war das Essen sehr gut und andererseits sabotieren zwei Kinder und ein Hund mit Verve die Entwicklung germanistischer Jahresbestleistungen. 
Egal, nach einigen Gläsern Wein traute sich die illlustre Gruppe, eine Runde "Mimikry - Das Spiel des Lesens" zu zelebrieren. Teilnehmer waren die internationale Süsswassermuschel-Koryphäe Dr. Stöckl, ihr Fiancee Karl, bekannt aus Buchbranche und Verlagswesen. Sowie Traunsteins ehemals zweitbester Schriftsteller,  der zusammen mit seiner Gattin Nicole die Gastgeberrolle innehatte.
Man war sich einig, dass das Buch von Beginn an fürchterlich auf die Nerven geht. Dies allerdings
ein Kompliment an den Autor darstellt. Denn das müsse man erst einmal schaffen, die Personenkonstellationen so aufeinanderprallen zu lassen, dass man nach drei Seiten jeden einzelnen für einen kompletten Vollidioten hält. Regener-Experte Karl, der als einziger alle vorherigen vier Bände des Frank-Lehmann Epos gelesen hatte, lobte gar, auch Wiener Strasse sei exakt so wie sich ein Fan dies wünschte.
Da der Rest erst zwischen 5 und 120 Seiten des Buches gelesen, einer gar das Buch beim Friseur vergessen und die anderen Mitglieder des Buchclubs aus terminlichen Verhinderungen rechtzeitig abgesagt hatten, verständigte man sich, nicht ÜBER das Buch zu reden, sondern das Buch zu SEIN.
Denn das ist die Aufgabe im Spiel Mimikry - erfunden im Umfeld von Holm Friebe, Philipp Albers und Wolfgang Herrndorf: Ähnlich wie im Spiel Nobodys Perfect muss jeder Teilnehmer den Anfang eines ausgewählten Romanes erfinden. Gewonnen hat, wer die meisten Mitspieler davon überzeugt, sein Romananfang sei der wahre bzw. wer den richtigen errät.
Vorgegeben ist nur der erste Satz. Im Falle von Wiener Strasse war dies: "Die Tür fiel zu und es war zappenduster."
So und jetzt seid Ihr dran: Welcher Romananfang ist der richtige? Macht mit bei

Mimikry - das Spiel des Lesens

Sven Regener: Wiener Strasse

Dr. Stöckl, Bernhard, Nicole

  1. Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Jemand hatte die gesamte Wohnung schwarz gestrichen. Schwarz. Ein Schwarz das kein Licht reflektierte. Erwin konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Aber er wusste, die Deppen waren alle da: Frank Lehmann, Chrissie seine Nichte und Karl.
  2. Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Frank Lehmann versuchte mit beiden Armen, die Wände abtastend, den Lichtschalter in dem völlig schwarzen Raum zu finden, doch als er ihn nach einer Weile fand passierte - erstmal nichts. "Oh Menno, Erwin, das funktioniert ja mal überhaupt nüschd, wie sollen wir hier irgendwann einziehen?", schimpfte P.Immel aus dem Dunkel. "Halt du hier mal eben gleich den Rand, du hast gar nichts zu melden, du Pfosten!", schallerte es aus dem anderen Ende des Raumes zurück.
  3. Die Tür fiel zu und es war  zappenduster. Erwin stellte den Werkzeugkasten ab, den er für die Pfeifen mitgebracht hatte, denn das waren sie, Pfeifen, wie bin ich hier nur rein geraten, fragte er sich schon den ganzen Tag immer wieder rhetorisch, meist in Gedanken, manchmal auch laut, aber weder Karl Schmidt noch Frank Lehmann, der offensichtlich Karl Schmidts Lieblingskumpel war, noch HR und schon gar nicht Chrissie, seine Beknackte Nichte, hatten sich auch nur angesprochen oder sonstwie kompetent gefühlt, mal irgendwas darauf zu antworten
  4. Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Was für ein Idiot dieser Vormieter doch war, der alle Räume seiner Wohnung schwarz tapeziert hatte. Das würde noch eine Ewigkeit dauern, bis die Wohnung wieder in einem Zustand ist, bei dem man nicht das Gefühl bekommt, in einem Sarg zu leben. Fraglich war, ob diese Idioten, die sonst nichts auf die Reihe brachten, das hinkriegen würden, dachte Erwin. Es würde doch nur wieder an ihm hängen bleiben.
Gewonnen hat übrigens keiner. Obwohl einer beinahe zum Text 2 tendierte, erwiesen sich alle als Wiener Strasse-Experten und errieten den richtigen Anfang.

Auflösung:

1) Bernhard 2) Dr. Stöckl 3) Sven Regener 4) Nicole

Mehr zum Spiel hier: Mimikry - Das Spiel des Lesens


Montag, 9. Oktober 2017

Meine Crew, meine Schreibschule, mein Autorennetzwerk

Die Memoiren von Traunsteins
zweitkleinstem Schriftsteller
Vergesst alles, was ihr jemals über Autoren und das Schreiben gehört habt! Schriftsteller sind keine Genies die den ganzen Tag in der finsteren Stube sitzen und Genialitäten aufs Papier bannen. Literaten brauchen Inspiration, brauchen ihre Gang, sie brauchen ihre Autorenkneipe! Kein namhafter Schriftsteller kam ohne seine Autorenbuddies aus. Ziemlich beste Freunde, manchmal Feinde, sie hassten und sie liebten sich. Sie waren gleichermaßen Konkurrenz und Inspiration. Was sie immer taten: Sie wirkten aufeinander ein, beeinflussten sich, bis das Werk des jeweils anderen neue Horizonte überschritt. Goethe chillte mit Schiller. Thomas Mann battlete sich mit seinem Bruder Heinrich. Hemingway feierte mit Scott F. Fitzgerald und der ganzen Pariser Gang. Es gab eine Weimarer Klassik, Heidelberger Romantik, eine Frankfurter Schule. 
Auch ein kleiner Hobbyautor im Chiemgauer Voralpenland, der für kurze Zeit einmal Traunsteins zweitbester Schriftsteller war, träumte davon, einmal Teil einer Autorenclique zu sein. Wenn er sinnierend über den Stadtplatz flanierte, saß er gedanklich in den Wiener Cafés. Dort trank er Schnäpse mit Kehlmann und Glavinic, lästerte mit Marco Michael Wanda über Stefanie Sargnagel und lugte verstohlen zu Vea Kaiser, unbestritten Österreichs zweitschönster Autorin, hinüber.
Dann las er, mindestens einmal zu oft, Herrndorfs Arbeit und Struktur und saß nächtelang mit Holm, Cornelius und Philipp im Prassnik oder spielte Fußball an der Bergstraße. So träumte der kleine Literat tagaus tagein davon, einmal Teil einer Autorenclique zu sein.
Doch mit der Zeit reichte ihm das Träumen nicht mehr. Er wollte wirklich echte Schriftsteller zum Freund haben. Autoren mit denen man über Schreibblockaden jammern und vom großen Opus Magnum fantasieren konnte. Gleichgesinnte, die die Sorgen des Schreibenden teilten und mit denen er legendäre Lesungen veranstaltete und Veröffentlichungserfolge feierte. 
Monat für Monat semperte er in weinseliger Stimmung beim Stammtisch der Chiemgau-Autoren von diesem großen Traum und fragte Michael Inneberger und Meike K. Fehrmann seufzend, ob sie ähnliche Träume hegten. 
Der kleine Literat suchte auch in Schrobenhausen, München und Barliano. Doch weder der Norbert noch der Arwed konnten ihm weiterhelfen. Und eine Gruppe Wildschweine zuckte grunzend die Schultern.
Es musste doch irgendwo in Bayern eine coole Clique spannender Autoren geben die Bock hatten, Abends gemeinsam Fußball zu spielen und danach ins nächste Wein-Beisl zu gehen und, vielleicht nicht gleich zu koksen, aber zumindest über Proust zu diskutieren. 
Dem kleinen Literat kam die Digitalisierung 4.0 entgegen. Auch wenn sie in seiner Heimatstadt noch um die Digitalisierung 1.8 herumdümpelte. Er nutzte sämtliche Social Media Kanäle und schrieb alle wilden Jungautoren an, die er bisher kennengelernt hatte: Den Fabian aus Würzburg, den Matthias aus München, den Ralf aus Passau. Doch auch sie hatten keine Ahnung, wie man eine coole Autorenclique gründen könne. 
Letztens holte er sich in Berlin Rat bei der Ronja, einem Mädel aus seinem Nachbardorf und bei ihrem Freund Tilman. Auch sie konnten ihm nicht dabei weiterhelfen, endlich in Gesellschaft supercooler Autoren Bier zu trinken und über Literatur zu diskutieren. Sie boten ihm mitleidig an, ihm Cornelius, Holm und Philipp vorzustellen. Aber leider hatten sie weder die Handynummer vom Glavinic, noch die Email von der Vea Kaiser. Deprimiert winkte der kleine Literat ab. 
Er würde weitersuchen! Irgendwo musste doch seine Crew, seine Schreibschule, sein Autorennetzwerk auf ihn warten! Spätestens am Montag beim Stammtisch der Chiemgau-Autoren würde er wieder nachfragen, ob nicht jemand einer passenden Literaten-Gang irgendwo begegnet sei. Er würde nicht aufgeben! Nein, er wird nicht aufgeben!

Sonntag, 8. Oktober 2017

Gibt es ein Arbeit und Struktur - Wiki?

Wolfgang Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur" ist auch in Buchform ein eindrucksvoll zu lesendes literarisches Werk. Der Mehrzahl der Leser, die nicht mit der Berliner Literaturszene vertraut sind, werden die vielen aufgeführten Namen, Örtlichkeiten und Querverweise zunächst wenig sagen. In den Internetsuchmaschinen landem demzufolge die Frage nach einem "Arbeit und Struktur Wiki" oder "Wer ist C?" dementsprechend weit oben.
Es ist zu erwarten, dass es eines Tages ein Arbeit und Struktur - Wiki geben wird. Zu wirkmächtig war die Literatur, die der Berliner Autor Herrndorf hinterlassen hat. Zudem ist Arbeit und Struktur eine einzigartige Mischung aus Autobiographie, Krankheitsbericht, Momentaufnahme der Berliner Literaturszene und vieles mehr.
So sinnvoll für die heutigen und späteren Leser ein Arbeit und Struktur - Wiki wäre, es bleibt ein schmaler Grad: Liest sich das Buch für den gewöhnlichen Leser wie ein letztes Zeitzeugnis eines todkranken Schriftstellers, so ist es für die Beteiligten ein noch nicht lange zurückliegender Live-Bericht eines mehr als drei Jahre währenden Dramas. Eines, das mit dem Tod des Freundes und Kollegen endete.
Da die literarische Bedeutung mit den Jahren voraussichtlich weiter steigen wird, stelle ich hier für interessierte Leser eine Linkliste zu wissenswerten Hintergrundinformationen zusammen die helfen könnten, "Arbeit und Struktur" in verständlicheren Kontext zu setzen:

Linkliste zum Thema Arbeit und Struktur


Der Werdegang von Wolfgang Herrndorf vom Maler zum Schriftsteller: Hier klicken

Eine Auswahl der in Arbeit und Struktur aufgeführten Personen: Hier klicken

Die Bücher: Literatur in Arbeit und Struktur: Hier klicken

Wer ist die ZIA? Die ZIA und der Bachmannpreis: Hier klicken

Eine schöne Stelle: Der Ort an dem Herrndorf starb: Hier klicken

Fotoserie zu den Orten in Arbeit und Struktur: Hier klicken

Holm Friebe über Wolfgang Herrndorf: Hier klicken

Die Zentrale Intelligenz Agentur ZIA 2006/2007:


Mittwoch, 4. Oktober 2017

Bekenntnisse des Hochstaplers Bernhard S

Wie ich beinahe Protagonist meines Lieblingsbuches geworden wäre

In Berlin fällt es leichter, der zweitbeste Schriftsteller aus
Traunstein zu sein
Bekenntnis: Nein, ich bin nicht der zweitbeste Schriftsteller Traunsteins. Auch bin ich nicht der in meinen Blogbeiträgen beschriebene  brillante Jungliterat der die Chiemgauer Kulturszene begeistert. Ich habe meine Leser in jedem einzelnen Post betrogen. In Wirklichkeit bin ich ein Plagiator. Jemand der schreiben will wie Glavinic in den "Glavinic"-Romanen und Lottmann in seinen "Lottmann" Tagebüchern. Einer der dabei die großen Namen der Wiener - und Berliner Szene gegen die der Chiemgauer Kultur er- und nebst seinen setzte.
Als Hochstapler enttarnt wurde ich ausgerechnet von jenen Kreisen denen ich meinte, den falschen Titel "Traunsteins zweitbester Schriftsteller" abspenstig machen zu müssen: Dem Milieu der Chiemgauer Krimi-Autoren. Enttarnt haben sie mich als biederen Beamten des gehobenen Dienstes, einen schreibenden Hochstapler mit mangelnden Grammatik- und Rechtschreibkenntnissen, aber vorzüglichem Ego. 
Geschasst von jenen Kulturkreisen zu denen mir mein früherer Lehrer Niemann riet, gegen sie "anzustinken" - in deren wohlige Wärme es mich in Wahrheit magisch hinzog, flüchtete ich an den einzigen Ort an dem ich noch Traunsteins zweitbesten Schriftsteller spielen durfte: Nach Berlin.
Kastanienbäume, Kastanienallee, Prenzlauer Berg. Eine laue Herbstnacht. Verstohlener Blick durch das Schaufenster eines Buchladens wo ein echter Schriftsteller eine Lesung hält und mehr als zehn  Zuhörer im Publikum sitzen. Berlin. Wehmut.
Weiter in die Szenekneipe. Treffen mit Berlin Mittes zweitbester Feuilletonistin und dem zweitbesten aus Bielefeld stammenden Schriftsteller. Sie wissen noch nicht, dass ich gar nicht Traunsteins zweitbester Schriftsteller bin. Oder sie wissen es längst. Auch sie haben Internet. Sie lassen sich nichts anmerken. Diskussion auf Augenhöhe. Gerührt.
Nach den harten Wochen seit meiner Enttarnung und der gemeinen Mail die ich seitdem bekommen habe, Austausch über Shitstorms. Es war bereits mein zweiter. Schon vor drei Jahren hatte ich einmal eine unschöne Mail bekommen.
Gespräch über Literatur. Natürlich. Lottmann sei in der Stadt und auch sein Freund und Wegbegleiter Holm Friebe kehre regelmäßig in diese Kneipe ein. Ich, der Hochstapler werde hellhörig. Weiß sie, dass ich in Wirklichkeit ein gar nicht so höflicher Paparazzo bin, der durch eine Überdosis des Buches "Arbeit und Struktur" dem Wahn erlag, ein guter Freund von Holm, Cornelius und Joachim zu sein? Ist das Treffen etwa als letzter Coup des zweitbesten Schriftstellers Traunsteins geplant, ehe seine nie vorhandene Autorenkarriere wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt? Geht der Hochstapler so weit, die kostbare Zeit der nettesten Shitstorm-Auslöserin Deutschlands und die ihres Freundes zu missbrauchen, nur um einmal in derselben Kneipe wie seine Idole zu sitzen?
Und um Haaresbreite wäre die Utopie des Hochstaplers aufgegangen: Die Feuilletonistin greift zum Handy und lädt kurzerhand Cornelius runter in die Kneipe ein. "Mit wem bist du da?", antwortet er kurz darauf. Wird Cornelius wirklich kommen und dem Pseudo-Literaten eine letzte große Bühne bereiten? "Mit Bernhard S." tippt die Journalistin in ihr Handy. 
Cut.

Donnerstag, 28. 11.2017 22:59
Im Schwarzsauer mit R. und T. Rauchschwaden. Mein drittes Bier und jede Menge Leitungswasser. R. hat Cornelius eingeladen und er antwortet mit einem Zitat aus meinem Blog. Er kommt nicht, aber er hat mich gelesen. Was viel schlimmer ist. Etwas verrutscht. Ein unwirklicher Abend kippt endgültig ins Surreale. An Nächten wie diesen klafft das Universum auf. Ich eine blasse Figur meines Lieblingsbuches. Hilflos begeistert und peinlich berührt von mir selbst. Derjenige der gerade diese Geschichte verfasst sollte sich mehr Mühe beim Skizzieren seiner Hauptfigur machen. Kill your darlings. Ich muss nach Hause. Kastanienallee, Kastanien. Steige in die falsche U-Bahn ein. Träume die ganze Nacht von Lottmann.

Samstag, 9. September 2017

Thomas-Bernhard-Haus in Traunstein wird abgerissen

Das Thomas-Bernhard-Haus wird abgerissen.

Das Wohnhaus eines der berühmtesten Bürgers der Stadt wird abgerissen. In anderen Städten gäbe es einen Aufschrei, Diskussionen, Bürgerinitiativen. In Traunstein gibt es einen Artikel in der Lokalzeitung in der sich alle auf das schöne neue Haus freuen und die Sache hat sich erledigt. Bei dem berühmten Bürger handelt es sich zwar um einen der einflussreichsten Schriftsteller und Dramatiker des vergangenen Jahrhunderts. Aber dieser Literat hatte es gewagt, nicht nur über Wien, Salzburg sowie ganz Österreich seine literarischen Wutausbrüche auszuschütten, sondern eben auch über Traunstein. Und dies kann literarisch noch so hochwertig sein, hier in Traunstein geht sowas ja gar nicht. Also: Weg mit dem Haus!
Man stelle sich mal die leicht geänderte Überschrift vor: "Papst-Benedikt-Haus wird abgerissen" - man mag sich gar nicht ausmalen, welche Stadtrats-Sondersitzungen und Lichterketten dies ausgelöst hätte. Klar, einen österreichischen Literatur-Papst kann man nicht mit einem wahrhaftigen emeritierten vergleichen. Aber in Sachen Tourismus kann, seitdem die Reisebusse aus Italien weniger werden, sehr wohl die Frage gestellt werden, ob nicht inzwischen mehr Thomas-Bernhard-Jünger in die Stadt kommen, um  auf den Spuren ihres Idols zu wandern. Es mag den Traunsteinern seltsam erscheinen, aber Thomas Bernhard hat bis heute eine leidenschaftliche Fan-Gemeinde. Wer sich dessen überzeugen will, sollte einmal eine von Willi Schwenkmeiers Thomas-Bernhard-Spaziergängen beiwohnen. Er erfährt auf diesen literarischen Stadtführungen auch, dass hinter Thomas Bernhards Traunstein-Beschimpfungen ein bisschen mehr steckt als eine profane Abrechnung mit der Stadt seiner Kindheit. Und auch, dass Bernhard über das kleine Ettendorf ebenso liebevoll geschrieben hat wie er auf Traunstein schimpfte.
Aber mit der literarischen Wirkung von Bernhards "Ein Kind" haben sich weder der der Redakteur des Traunsteiner Tagblatts noch der Besitzer des Thomas-Bernhard-Hauses eingehender auseinandergesetzt. Tenor im Zeitungsartikel: Das Haus ist nicht denkmalgeschützt, also kann man es auch abreißen. Außerdem, so der Besitzer: "Meine Oma hat ihn als Kind erlebt, als ein ziemlich auffälliges und gestörtes Kind, muss ich dazu sagen". 
Ein "Weltliterat"?
Und dieses gestörte Kind hat dann in seinem Buch über seine Kindheit auch noch geschrieben: "Nichts ist ekelerregender als die Kleinstadt, und genau die Sorte wie Traunstein ist die abscheulichste". Vielleicht sollte man nicht unerwähnt lassen, dass Thomas Bernhard während des Dritten Reiches in Traunstein gelebt hat. 
Unfassbar für Traunstein, dass dieses gestörte Kind als "Mann der Weltliteratur" bis heute so eine enorme Wirkung auf Literaten und Leser ausübt. Man fühlt sich sogar genötigt, das Bronzeschild, das auf Thomas Bernhard hinweist, auch am Neubau wieder anzubringen. "Falls die Stadt das wünscht". 

Ob die Stadt das wünscht? Denn darin scheint man sich in Traunstein einig: "Nichts ist ekelerregender als ein Weltliterat, und genau die Sorte wie Thomas Bernhard ist die abscheulichste!"

Hier: Thomas Bernhards Spaziergang durch Traunstein 

Sonntag, 20. August 2017

Traunsteins zweitbester Schriftsteller las im Kleidungsladen

Home is where the Lesung is
Wenn Traunsteins zweitbester Autor zur Lesung lädt, steht das Who is Who der Literaturszene stets Schlange, um Teil des großartigen Events zu sein. Auch diesmal waren die Superstars aus Literatur und Kunst wie Ronja von Rönne und Elena Muti - Muse Thomas Glavinic' zugegen. Allerdings nicht in persona, sondern nur virtuell in Werk und Bild. Auch die dritt- und viertbesten Autoren des Chiemgau konnten nicht, weil sie im Urlaub waren oder aus Neid auf das Talent des zweitbesten Schriftstellers der Stadt dessen Lesungen grundsätzlich boykottieren. Erkannt wurde im Publikum unter anderem ein heimischer Tumblr-Influencer, die literaturinteressierte 4-monatige Nichte des Schriftstellers und eine Handarbeitskünstlerin die kein Yoga betreibt.
Gehasst, verdammt, vergöttert: Der zweitbeste Schriftsteller Traunsteins
Ein milder Sommerabend in Ingemar Maiers Kleidungsladen.de, dem hipsten Laden der Stadt: Draußen wurde in der Abendsonne Pizza vom Cantuccio gegessen, drinnen übertrug Radio Festung live den Sound von DJ Martino di Leo. Und es gab Gesprächsstoff unter den Szenekennern: Wer ist die Schöne, die auf dem Kleidungsladen-Werbebanner groß behauptet "Home is where the lake is"? Handelt es sich etwa um die Künstlerin Elena Muti - bekannt geworden als die Muse von Thomas Glavinic - zweitbester Schriftsteller im deutschsprachigen Raum? Trotz frappierender Ähnlichkeit blieben Restzweifel - warum sollte eine international bekannte Künstlerin Werbung für den Chiemsee machen?
Über ähnliche Fragen handelte schließlich der erste Text, den der Autor dem Publikum vortrug: "Wie ich dem Chiemgau Ronja von Rönne näherbringen wollte und fast wahnsinnig wurde". Denn auch der in Berlin lebenden Feuilleton-Star (dem fälschlicherweise ebenfalls Nähe zu Glavinic kolportiert wurde) gibt sich ab und an Mühe, urbane Kultur in den Chiemgau zu transportieren. Über das Scheitern derartiger Ansinnen handelte dieser erste Text. 
Diese Bücher verschenkt der Vertriebsstratege auch gern, wenn die Leser
mal wieder kein Geld dabei haben
Was der Autor ebenfalls von der zweitbesten Jungautorin Deutschlands abschaute war, Lesungen unterhaltsam zu gestalten. Mit diesem mutigen Schritt bemüht er sich um eine Emanzipation seiner Chiemgauer Autorenkollegen. Also lud er die Jazzband wieder aus, strich den Lyrik-Part und las einfach nur lustige Blog-Artikel vor. Auch der zweistündige Vortrag "Wie Literatur entsteht" landete zerknüllt in der Tonne neben dem Elena-Muti-Banner. 
Gelacht wurde tatsächlich viel im Publikum. Vor allem über das Aussehen des Autors. Der sah sich gezwungen die Anekdote zum besten zu geben, warum der vormittags noch hipsterbärtige Schriftsteller nun mit einem glatten Babypopo im Gesicht auf der Bühne stand: Er hatte versehentlich den Aufsatz des Barttrimmers abgenommen und sich eine Schneise in den danach nicht mehr ganz so imposanten Holzfällerbart geschnitten. Nach Rettungsversuchen seiner Frau sah er kurz darauf aus wie Lemmy, wenig später hatte er einen Provinzpolizist-Schnauzer, wenig später sah er aus wie Charly Chaplin, er entschloss sich aber aus ästhetischen Gründen auch diesen Rest-Bart wegzurasieren und nass rasiert unter die Menschen zu treten.
Statt aus seinen Romanen las er diesmal überwiegend aus seinen Blogs vor: Während die im Publikum sitzenden Eltern von Kleinkindern über die Anekdoten aus dem "Elterntagebuch" herzlich lachten, weil sie die beschriebene Zeit des Zahnens längst hinter sich hatten, runzelten die schwangeren Damen die Stirn ob der Dinge die ihnen noch bevorstehen. Aber der Autor konnte sie auch rasch beruhigen: "Eine Geburt tut gar nicht sooo weh."
Während es im Kleidungsladen recht lustig zuging, reagierte man am anderen Ende der Stadt im Café Festung, wohin die Lesung live übertragen wurde, konsequent: Dort verfolgte man DJ Martiono di Leos Musik mit Genuss, die Lesung wiederum weckte unter den Szenegängern ambivalente Gefühle. Udo Henning später zum Autor, der eine Stunde lang hoffte, durch die live übertragene Lesung nicht länger nur der zweitberühmteste Autor der Stadt zu sein: "Das Gelaber habe ich dann sofort ausgemacht". 
Der Autor nahm es gelassen. Das Vermarktungsgenie verschenkte noch ebenso viele Bücher wie er verkaufte und stieß nach der Lesung erschöpft aber glücklich mit der zweidimensionalen Elena Muti an in der Hoffnung, eines Tages so tolle Lesungen zu machen wie ihr Ex-Freund Thomas Glavinic.